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Nazīr Ḥamād, Thierry Najman (Hrsg.): Das Unbehagen in der Familie

Cover Nazīr Ḥamād, Thierry Najman (Hrsg.): Das Unbehagen in der Familie. Was in einer Kinderanalyse auf dem Spiel steht : Fragen an einen Kinderanalytiker. Turia + Kant (Wien) 2018. 213 Seiten. ISBN 978-3-85132-865-3. D: 24,00 EUR, A: 24,00 EUR.
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Autoren

Dr. phil. Nazīr Ḥamād kommt aus dem Libanon und ist ein in Paris arbeitender klinischer Psychologe und Psychoanalytiker in freier Praxis. Ḥamād leitete eine interdisziplinäre Ambulanz, die in der multiprofessionellen Verzahnung der Wissenschaftsdisziplinen Medizin, Psychologie und Pädagogik tätig war. Forschungsschwerpunkte von Ḥamād sind die Kinderanalyse und die Adoptionsforschung. 2002 erhielt er für sein Buch „L'enfant adoptif et ses familles“ die Auszeichnung des französischen Literaturpreises für libanesische Schriftsteller Prix France-Liban.

Dr. med. Thierry Najman ist Arzt und Psychoanalytiker. Er leitet die psychiatrische Klinik Hôpital Moiselles in Paris. Najman vertritt den Ansatz einer „offenen Psychiatrie“.

Übersetzerin und Autor*innen des Glossars

Dr. phil. Annemarie Ḥamād ist Supervisorin und Psychoanalytikerin für Kinder und Erwachsene in freier Praxis in Paris. Sie leitete u.a. die Maison Verte, eine Empfangsstätte für Kinder und ihre Bezugspersonen in Paris. Zuvor war sie eingebunden in verschiedene Institutionen und leitete eine Ambulanz für Kinder. Fachpublikationen im französisch- und deutschsprachigen Raum zählen zu ihren Forschungsleistungen. Sie ist Mitbegründerin der klinischen Gruppe zur „Praxis der Lacanschen Psychoanalyse in Französisch und Deutsch“.

Dr. med. Peter Müller ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und Psychoanalytiker in freier Praxis in Karlsruhe. Weiterhin war er Vorstandsmitglied sowie Mitbegründer der Assoziation für die freudsche Psychoanalyse (AFP) und hat das Jahrbuch für Klinische Psychoanalyse mit herausgegeben. Peter Müller ist Vorsitzender des Psychoanalytischen Kollegs.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist im französischen Original bereits vor 13 Jahren erschienen und muss daher vor dem Hintergrund der damaligen gesellschaftlichen und politischen Lage, sowie der psychoanalytischen und pädagogischen Diskurse in Frankreich gelesen werden. Anlass für die Publikation ist ein Fachgespräch, dass Nazīr Ḥamād mit seinem Kollegen Thierry Najman führt. Der dialogische Interviewstil des Buches erlaubt einem breiten Leserkreis Einblicke in die Kinderanalyse aus einer Expert*innenperspektive heraus.

Mit der Wahl des Dialogs als Form zur Transmission des psychoanalytischen Wissens steht Ḥamād in der Tradition von Françoise Dolto, die in ihren späteren Publikationen auch mehrfach die Form eines Zwiegesprächs wählte. Ḥamād und Najman geht es nicht um die Vermittlung eines abgeschlossenen Lehrbuchwissens über Kinderanalyse, sie versuchen nicht „absolute Antworten zu geben“ (S. 10). Vielmehr liegen die Gedanken mitunter nicht schon vor dem Sprechen vor, sondern entstehen erst gemeinsam in einem Dialog – eine Vorgehensweise, die an Kleists Auffassung „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ erinnert. Auf diese Weise rücken auch das Subjekt und seine Singularität in den Vordergrund.

Aufbau

Das Buch ist das Ergebnis mehrerer Interviews respektive Gespräche zweier Psychoanalytiker, die Thierry Najman mit Nazīr Ḥamād geführt hat. Die Erstveröffentlichung im Französischen erfolgte 2006 als erste Herausgabe der Reihe „Psychoanalyse et clinique“ unter dem Titel „Malaise dans la famille“ bei der Éditions érès (Toulouse). Die Erstauflage als Taschenbuch erfolgte im Französischen Original ebenfalls bei Éditions érès unter dem Titel „Les enjeux d'une psychoanalyse avec un enfant“ im Jahre 2015. Zwei Jahre später liegt uns die ins Deutsche übertragene Ausgabe im Verlag Turia + Kant vor.

Der Band gliedert sich systematisch in neun inhaltlich voneinander unterschiedene Kapitel und differenziert sich jeweils in zwei bis acht Unterkapitel aus. Dabei gilt der idealtypische Ablauf einer Kinderanalyse als strukturgebend für die neun Kapitel. Der rote Faden des Argumentationswegs geht entlang einer exemplarischen Kinderanalyse. So wird beispielsweise mit der Frage begonnen, ob Psychoanalyse überhaupt eine Psychotherapie ist, und ein Bogen wird gespannt von der Anfrage eines Analysanden bis hin zum Abschluss einer Analyse. Vorangestellt ist den einzelnen Kapiteln eine Textzusammenstellung aus den Vorworten der Erstveröffentlichungen von Thierry Najman.

Die neun Kapitel des Bandes sind:

  1. Psychoanalyse oder Psychotherapie
  2. Die Anfrage
  3. Familiengespräche und Einzelarbeit
  4. Die Frage des Alters
  5. Der Stellenwert der Zeichnung und des Knetens
  6. Der Gegenstand der Kinderanalyse
  7. Das Schweigen des Analytikers
  8. Das Ende der Kur
  9. Zum Schluss

Am Ende des Buches findet sich für Leser*innen, die weniger vertraut sind mit der Psychoanalyse, ein hilfreiches Glossar zur Klärung psychoanalytischer Grundbegriffe von Annemarie Ḥamād und Peter Müller.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird der Zeitbegriff der zweiten Moderne respektive Postmoderne problematisiert und dabei aufgezeigt, dass sich die Zeit des Unbewussten von der Uhrzeit unterscheidet (S. 15-18). Dabei werden psychotherapeutische Dimensionen und Aspekte der Psychoanalyse benannt und kritisch der Frage nachgegangen, ob es sich, oder unter welchen Voraussetzungen es sich bei einer Psychoanalyse wirklich um eine Psychotherapieform handelt (S. 18). Dabei wird auch nach Unterschieden in der psychoanalytischen Behandlung von Kindern und Erwachsenen gefragt (S. 21). Ein Herzstück und roter Faden des Buches ist es, dem Kind sein Subjektsein zu unterstellen respektive das Subjekt bereits beim Kleinkind vorauszusetzen (zum Beispiel S. 26?ff.). Damit ist auch das Anliegen der strukturalen Psychoanalyse, insbesondere ihrer Vertreterin Françoise Doltos gekennzeichnet, in deren Tradition das Buch steht. Ein Anliegen des Autoren Ḥamād ist es, dass Eltern und Expert*innen das das verborgene Kind hinter „dem Kind der Realität“ finden (S. 28?ff.).

Das zweite Kapitel betrachtet die Zeitspanne vor einer Psychoanalyse, in der es zur Anfrage an Psychoanalytiker*innen kommt. Dieses Kapitel beginnt mit der Frage nach dem phantasmatischen Gehalt von Paarbeziehungen (S. 32 ff.). Kritisch thematisiert wird die Notwendigkeit des Expert*innenwissens (S. 36 ff.). Die Funktionen eines den Expert*innen unterstellten Wissens, seitens der Eltern, wird unter der Dichotomie des „Wissens des Fachmanns“ und der „Weisheit der Alten“ diskutiert (ebd.). Dabei spricht Ḥamād eine grundsätzliche Problematik und Herausforderung psychotherapeutischer Elternarbeit an: das Fehlen der Väter in der psychoanalytischen Sprechstunde (S. 40 ff.). Daraus leitet Ḥamād jedoch keine stereotypische Forderung nach einer Anwesenheit der Väter in der Elternsitzung ab, sondern er zeigt auf, wie man damit umgeht, wenn die Väter nicht kommen möchten oder die Mütter lieber alleine kommen. Die gesellschaftskritische Haltung des Autors wird in diesem Kapitel besonders deutlich, wenn er die Schule respektive die Funktionen der Schule für die Gesellschaft als Auslöserin kindlicher Symptomatik kritisiert (42 ff.). Seine Kritik an (Erziehungs-)Ratgebern entfaltet er, indem er die mit vereinfachenden Ratschlägen einhergehende Beziehungsdistanzierung und letztlich Beziehungsstörung der Eltern zum Kind verdeutlicht (S. 46 ff.). Das zweite Kapitel schließt mit einer Analyse, Kritik und Würdigung des Widerstands bei Psychoanalytiker*innen (S. 55-58). Dabei soll einer Kompromisshaltung und Ratschlägen der Psychoanalytiker*innen gegenüber den Eltern vorgebeugt werden.

Das dritte Kapitel wird mit der Frage eingeleitet, ob man Kindern prinzipiell „die Wahrheit“ sagen solle (S. 59). Eine Frage die viele Eltern, Psychoanalytiker*innen und Pädagog*innen wohl zu beschäftigen vermag. Ḥamād stellt heraus, weshalb es für die meisten Eltern eine enorme Herausforderung darstellt, dem Unbewussten – ihrem eigenen Unbewussten und dem des Kindes – zu begegnen (S. 61 ff.). Die im zweiten Kapitel diagnostizierte Problematik des Fehlens der Väter wird im dritten Kapitel nochmals aufgegriffen, insofern Ḥamād die Notwendigkeit der Identifikation des Vaters mit dem Leid der Mutter thematisiert (S. 66 ff.). In Elterngesprächen sei es nicht selten, dass man sich nur mit den Eltern über das Kind oder eventuell nur über Themen der Eltern unterhalte, wodurch das Kind vergessen wird (S. 68 ff.). Aus dieser Feststellung des schnellen Vergessens des Kindes im Elterngespräch leitet Ḥamād die Funktionen und damit die Relevanz von Einzelsitzungen mit den Kindern ab – auch mit sehr jungen Kindern. Seinen Abschluss findet das dritte Kapitel in der Beschreibung der Problematik, dass das Wissen der Eltern und das Wissen der Psychoanalytiker*innen wiederum zum Symptom werden können, was kontinuierlich einer kritischen Reflexion bedarf, um sich davon freizumachen (S. 76 ff.).

Im vierten Kapitel wird die Thematik des Alters behandelt. Damit ist gemeint, dass das Unbewusste kein Alter hat (S. 89 ff.). Die Aufgabe der Psychoanalytiker*innen wird in diesem Kapitel beschrieben als: „den Ort des Anderen wieder einzuführen“ (S. 82). Weiterhin behandelt das vierte Kapitel die Bedeutung und Relevanz eines „weiblichen Ohrs“ für die Kinderanalyse – auch beim männlichen Hörer (S. 93 ff.). Auch wird die Notwendigkeit einer kindgerechten Erklärung der psychoanalytischen Arbeitsweise von Ḥamād angesprochen. Damit ist der große Themenkomplex der Sprache angestoßen. Mit einem „weiblichen Ohr“ ist bezeichnet, dass Psychoanalytiker*innen „dem Präödipalen wie eine Mutter“ zuhören, „die gegenüber einem Säugling eine wissende Position einnimmt“ (S. 94). Das Kind soll wissen oder besser: davon eine Ahnung haben, was es in der Analyse zu arbeiten gibt (S. 97 ff.). Aber wie erklärt man einem Kind die Arbeit, die es in der Psychoanalyse zu leisten gibt? Ḥamād gibt anhand seiner Berufserfahrung ein Beispiel, wie er es handhabt:
„Nun, weißt Du, vertrauen wir mal dem, was wir sagen. Ich persönlich vertraue dem, was Du sagst. Ich glaube dem, was die Kinder mir sagen. Siehst Du, da vor Dir liegen viele Sachen. Da ist Knete, da sind auch Filzstifte, Papierblätter. Du kannst zeichnen und sogar Deine Träume erzählen, wenn Du welche hast“ (S. 98).
Ḥamād benennt die Unterschiede einer Psychoanalyse mit Kindern und Erwachsenen am Beispiel der Technik der freien Assoziation (S. 99 f.) und schlägt dabei – in Anlehnung an Lacan vor, die Anliegen der Kinder, ihre Symptome, als Metaphern zu lesen (S. 103 ff.).

Das fünfte Kapitel wird mit der Feststellung eingeleitet, dass es für die Psychoanalyse kein spezifisches Alter gebe (S. 106 ff.). Dieses Kapitel hebt auch eine unter Eltern und Pädagog*innen weit verbreitete Fehlannahme auf: „Lehrerinnen sind nicht da, um uns lieb zu haben!“ (S. 110). Ebenfalls im fünften Kapitel wird die Methodik der Psychoanalyse reflektiert, allen voran die Technik der freien Assoziation bei Kindern (S. 115 ff.). Vergleichbar mit einem Paradigma der Heil- und Sonderpädagogik besitzt ebenfalls für die Psychoanalyse Geltung, dass man mit jedem Kind die Analyse neu erfinden muss, was nach Ḥamād auch für andere psychotherapeutische Verfahren Geltung besitzt (S. 117 ff.). Eine Psychoanalyse ist damit nicht randomisierbar. Weitere Techniken mit Kindern, die das fünfte Kapitel abschließend behandelt, ist das Zeichnen und Kneten (S. 121 ff.). Kinder kneten oder zeichnen ihr unbewusstes Körperbild.

Das sechste Kapitel behandelt den Gegenstand der Kinderanalyse. Dabei wird mit einem Vorurteil aufgeräumt, dass es in der Psychotherapie zwangsläufig auch um Sinngebung gehen müsse (S. 128). Ḥamād leitet dann Implikationen und Besonderheiten der Psychoanalyse mit Säuglingen ab (S. 131 ff.) und greift den Lacan'schen großen Anderen noch einmal auf, in dem er die Hinwendung des Kindes zum Anderen durch das Sprechen in den Raum beschreibt (S. 134 ff.). Dabei problematisiert er das Verschwinden der Latenzzeit und daraus folgende negative Konsequenzen (S. 137 ff.). Ḥamād spricht davon, „[d]as Risiko seines Begehrens auf sich [zu] nehmen“ (S. 140). An dieser Stelle wird auch die Bedeutung der Analyse für die unterschiedlichen Lebensabschnitte deutlich und es wird auch auf die Psychoanalyse mit Jugendlichen eingegangen. Die Bedeutung der Rebellion für die menschliche Entwicklung wird hierbei aufgezeigt (S. 142 ff.). Ziele und Herausforderungen der Analyse bei Erwachsenen werden ebenfalls dargestellt (S. 145 ff.). Das sechste Kapitel endet, ähnlich dem fünften, im Aufzeigen einer Technik und deren Wirkung: die analytische Deutung (S. 146 ff.).

Im siebten Kapitel wird die Relevanz des Schweigens für die Psychoanalyse hervorgehoben. Das Schweigen wird als Gabe verstanden und dabei wird von Ḥamād und Najman die Indikation und Kontraindikation des Schweigens als Aspekte analytischer Technik verhandelt (S. 150 ff.). Die Thematik des „weiblichen Ohrs“ respektive des femininen Zuhörens wird in diesem Kapitel noch einmal aufgegriffen, „als Möglichkeit, etwas von dem zu übernehmen, was das Kind nicht sagen kann wie auch die mögliche Unterstützung des Subjekts im Kind“ (S. 153). Eine auch für die Erziehungswissenschaften wesentliche Aufgabe ist es, die Angst des Kindes aushalten zu lernen (seitens der Eltern und der Psychoanalytiker*innen) (S. 154 ff.). An einer Fallvignette zur kindlichen Phobie illustriert Ḥamād die Verantwortung und Aufgabe der Eltern, die Angst des Kindes auszuhalten und aufsichzunehmen (S. 157 f.). Das siebte Kapitel endet mit dem Aufzeigen des Ziels des Schweigens der Psychoanalytiker*innen (S. 159 ff.).

Das achte Kapitel leitet bereits das Thema des Endes einer Psychoanalyse ein: „Wenn ein Kind aufblüht und sein Begehren zum Ausdruck kommt, erreicht eine Analyse ihr Ende“ (S. 166). Die Technik der Übertragung wird in diesem Kapitel behandelt, um aufzuzeigen, dass die Förderung der Übertragung der Eltern die Übertragungsfähigkeit des Kindes fördert (S. 169 ff.). Die Äquivalenz von Bedingungen analytischer Praxis mit Kindern und Erwachsenen wird hierbei vertieft erläutert (S. 172 ff.). Zentral wird im achten Kapitel der Wert behandelt, sich von Kindern überraschen zu lassen (S. 177-185). Zentral ist im achten Kapitel die Frage: Wie geschieht Veränderung in einer Familie und bei einem Kind? Diese wesentliche auch pädagogische Frage wird in diesem Kapitel schlicht, ehrlich und ubiquitär beantwortet: Durch gute Begegnungen geschieht Veränderung (S. 188 ff.), denn gute Begegnungen lassen niemanden an seinem Platz.

Im neunten Kapitel, das gleichzeitig den Schluss des Buches darstellt, wird in zwei Unterkapiteln auf acht Seiten eine Abgrenzung zwischen Kinderanalyse und Pädagogik vorgenommen (S. 192 ff.), sowie das wesentliche dessen benannt, was Psychoanalytiker*innen in einer Psychoanalyse anzubieten haben: ihren Mangel (S. 197 ff.). Abschließend entfaltet Ḥamād auch die Notwendigkeit und Funktion einer psychoanalytischen Ethik. Insgesamt wird in der Tradition Jacques Lacans und Françoise Doltos Psychoanalyse als Erfahrung von Sprache verstanden.

Diskussion

Dem Kind sein Subjektsein zu unterstellen kennt auch die Heil- und Sonderpädagogik. Sie schaut auf den Einzelnen und übernimmt eine advokatorische Funktion für das Subjekt. Für Dolto wie auch für Ḥamād ist der Subjektstatus des Kindes das fundamentum inconcussum einer psychoanalytischen Arbeit mit Kindern. Dieser ist keine rein theoretische Position, sondern in gewisser Hinsicht etwas, was z.B. Mütter idealiter je schon tun: Sie gehen „von Anfang davon aus, dass das Kind ein Subjekt ist“ (S. 23). Diese Haltung der Mutter dient Ḥamād als Vorbild für die Psychoanalyse mit Kindern: Psychoanalytiker*innen sollen mit einem sog. weiblichen Ohr „dem Präödipalen wie eine Mutter“ zuhören, „die gegenüber einem Säugling eine wissende Position einnimmt“ (S. 94) und in der Lage sein, „das Begehren ihres Kindes vorauszuahnen.“ (S. 23).

Ḥamād erweitert somit, ganz in der Tradition von Lacan und Dolto stehend, den Geltungsbereich der (Kinder-)Psychoanalyse. Diese beginnt nicht mehr mit dem Ödipuskomplex (S. 92), sondern bezieht auch die früheren infantilen Phasen wie z.B. das Spiegelstadium (Lacan) oder die symboligenen Kastrationen (Dolto)mit ein.

Aus dem zugeschriebenen Subjektstatus des Kindes folgt, das nicht über, sondern mit dem Kind gesprochen wird – auch mit den Allerkleinsten: „Ich wende mich direkt an das Subjekt, das ich vor mir sehe, das im Werden begriffene Subjekt“ (S. 82).

Ḥamād fragt kritisch, „ob ein Kind in diesem frühen Alter ein Ansprechpartner sein kann, da es ja nicht antworten, sich zumindest nicht mit Worten ausdrücken kann“ (S. 83). Jedoch stehen dem werdenden Subjekt viele Kommunikationsmittel zur Verfügung: „Es kann jedoch mit anderen Zeichen antworten, seinem Körper oder seiner Mimik. Wenn man seinen Mund und seine Augen anschaut, sieht man, dass es etwas formuliert, dass es versucht, etwas auszudrücken“ (ebd.). Das Leiden des Kindes, was noch nicht mit Worten sprechen kann, sein Symptom „ist eine Sprache, eine Sprache, derer sich das Kind bedient; die Sprache eines Individuums, das nicht über die biologische Reife verfügt, die ihm erlauben würde, mit Wörtern zu reden“ (S. 51).

Die Sprache des Kindes ist „die Sprache seines Körpers“ (ebd.), eine Sprache ohne Worte, welche in der Kinderanalyse übersetzt wird. „Der Körper des Kindes ist Ausdruck der Lebensgeschichte seiner Eltern“, meinte Dolto in „Alltagsprobleme mit Kindern und Jugendlichen. Die ersten fünf Jahre. Wenn die Kinder älter werden“ (1992, S. 152). Solange ein Kind Symptomträger der Eltern ist, solange ist auch seine Subjektwerdung erschwert. Diese Übersetzungsleistung in der und durch die Kinderanalyse ist umso wichtiger, da manche Eltern für eben diese Sprache der Kinder taub sind (Ḥamād/Najman 2017, S. 51). Nicht nur der Körper als solcher, sondern auch das Kneten und Zeichnen sind weitere Formen der Kommunikation (S. 117) – freilich einer Kommunikation, die sich primär der Grammatik des Unbewussten bedient und in der sich das Unbewusste manifestiert.

In der Entwicklung des Kindes „ist es notwendig, dass ein Kind seinen eigenen Diskurs entwickelt und hörbar macht“ (S. 136) – die Kinderanalyse unterstützt das Kind darin „dass es über sein eigenes Sprechen verfügt“ (ebd.). In der Kinderanalyse redet man nicht, um zu reden, sondern das Reden ist eine Art Gabe, die zum rechten Zeitpunkt kommen sollte (S. 154). Diese Gabe der Rede kann z.B. starke Affekte wie Angst benennen und durch diese Symbolisierung dem Kind einen Weg eröffnen damit umzugehen respektive die Angst aushalten zu lernen (ebd.).

Der Inhalt der Kinderzeichnungen und die Formen der Knetmasse sind jedoch nur sekundär, „was zählt, sind die Worte, mit denen das Kind uns seine Zeichnung [oder seine Knetformen, R.L. & P.-C.L.] kommentiert“ (S. 121). Es sind die Kommentare des Kindes und nicht der Inhalt der Zeichnung oder vermeintlich offensichtliche Formen der Knetmasse, welche entscheidend sind. Ḥamād weist explizit auf die methodischen Schwierigkeiten hin, wenn Psychoanalytiker*innen aus einer (all-)wissenden Position heraus glauben, den Inhalt einer Kinderzeichnung sofort analysieren bzw. umfänglich und wahrheitsgemäß verstehen zu können (S. 122): „Es gibt Analytiker, die behaupten, die Zeichnung eines Kindes, die sie betrachten, a priori entschlüsseln zu können. Wenn man ein Haus oder ein Männchen zeichnet, wenn das Haus dann keinen Kamin hat, wenn dieser nicht raucht, wenn es keine Fenster hat, so bedeute es dies oder jenes. Persönlich habe ich nie in dieser Art und Weise gearbeitet“ (S. 130). Mit seiner Kritik knüpft Ḥamād an Lacan an, der es ebenfalls als einen Kardinalfehler der Psychoanalytiker*innen ansah, dass diese glauben (wahrheitsgemäß) zu verstehen: „Wir verstehen immer zuviel, speziell in der Analyse. Die meiste Zeit täuschen wir uns“ (Lacan Seminar II, S. 135). Nicht „Sinn zu stiften“ (Ḥamād/Najman 2017, S. 131), die Suche nach Bedeutung respektive nach dem Signifikat ist für die Kinderanalyse entscheidend, sondern das Aufnehmen der Signifikanten des Kindes, mit denen es seine Produktionen wie Zeichnungen beschreibt und welche sich allmählich zu einer Signifikantenkette verdichten und uns ermöglicht, das Unbewusste des Kindes Schritt für Schritt – aber nie gänzlich – zu zu erschliessen.

Hinsichtlich des analytischen Settings in der Kinderanalyse vertritt Ḥamād eine klare Position: „Wir müssen mit jedem Kind die Kur neu erfinden“ (S. 117). Bei der psychoanalytischen Arbeit mit Kindern ist es gerade nicht sinnvoll, rigide auf der Standardkur zu beharren und es ist eben nicht das Ziel, „das Kind davor zu bewahren, die analytische Sitzung in unnötiges Spielen und die Handhabung von Objekten zu verzetteln“ (S. 120). Kinder können nämlich noch „nicht wie Erwachsene assoziieren“ (S. 116), weshalb Analytiker*innen den Kindern Materialien und Mittel wie Knete, Schreib- und Malzeug zur Verfügung stellen, um sich mit diesen auszudrücken. Dieses Tun (faire) des Kindes kann an die Stelle eines Wortes, einer verbalen Assoziation treten (S. 117) und durch die/den Analytiker*in aufgenommen und übersetzt werden.

Zu würdigen ist auch Ḥamāds Kritik an sog. Elternratgebern, von denen er sich und seine Ausführungen scharf abzugrenzen vermag. Dabei argumentiert er für die Notwendigkeit von Expert*innenwissen, das aufgrund seiner Komplexität bspw. durch Erziehungsratgeber zu ersetzen und zu versimplifizieren versucht wird. Dabei nimmt Ḥamād eine advokatorische und gesellschaftskritische Position nicht nur für die Kinder in seelischen Nöten ein, sondern auch für deren Familien. Gerade der Kleinfamilie oder alleinerziehenden Eltern fehle häufig dieses Expert*innenwissen, das auch aus den Generationen, z.B. von den Großeltern und aus Erfahrungen familiären Zusammenlebens stammt. Die Verunsicherungen von Eltern führen nicht selten dazu, dass durch das Hören auf Erziehungsratgeber eine Dimension verloren geht, die essentiell für das Wohl und damit für die Entwicklung des Kindes ist: Die Beziehung und Verbindung zu ihm. Ḥamād plädiert hierbei für einen relationalen Ansatz. Das Ziel des Buches ist es, das Kind als Subjekt zu betrachten, ja dem Kind sein Subjektsein zuzutrauen und zu unterstellen. Das Kind ist bereits ein Subjekt, das von sich wenig weiß, aber über sein Begehren eigene Ausdrucksmöglichkeiten besitzt. Eltern sollen sich dabei selbst mehr zutrauen lernen und dadurch ihre Erziehungskompetenz und -verantwortung stärker wahrnehmen. Die negative Folge der Nicht-Übernahme elterlicher Verantwortung ist häufig ein Rollenwechsel von scheinbar erwachsenen Kindern und kindlichen Erwachsenen, wenn bspw. Eltern von ihrem Kind erwarten, dass es ihnen sagen könnte, was es möchte und das Beste für es sei.

Ḥamād gibt Eltern keine Ratschläge, die eben in gewisser symbolischer Hinsicht auch „Schläge“ sind. Er macht, im Gegensatz zu vielen Ratgebern, keine normativen Aussagen, anhand derer die Erziehungsleistung der Eltern beurteilt wird oder die vermeintlich erforderlichen Kompetenzen eines idealtypischen Kindes in den jeweiligen Entwicklungsphasen (empirisch) gemessen werden können. Vielmehr stellt er das Kind als Symptomträger (der Eltern) in den Vordergrund, was impliziert, dass das Symptom etwas Singuläres ist, das sozusagen der Grammatik des Familienromans (S. 155) folgt. Analytiker*innen, die vorschnell auf eine Frage der Eltern antworten, verhindern, dass die Eltern die Antwort selbst entdecken können und bringen diese vorschnell zum Schweigen (S. 47). Die Gefahr besteht darin, dass das Elternteil „umso weniger frei […] mit dem Kind um[gehen]; und umso weniger […] den Platz des Elternteils ein[nehmen]. Er [der Elternteil] wird immer mehr zum Papageien des Fachmanns“ (S. 38). Eltern davor zu bewahren, zu Papageien der Expert*innen zu werden, ist eines der Ziele professioneller psychoanalytischer Beziehungsarbeit.

Fazit

Die fachlichen Gespräche zwischen Ḥamād und Najman sind geprägt von einem gegenseitigen Erkenntnisinteresse auf dem Gebiet der Kinderanalyse. Die Sprache dieses kollegialen Austauschs zweier Psychoanalytiker ist auch für Laien gut zugänglich. Theoretische wie praktische Fragen der Kinderanalyse werden reflektiert und beantwortet und regen Leser*innen zum Weiterdenken und zu einem verstehenden Blick auf die inneren psychischen Notwendigkeiten aller Kinder, auch hoch belasteter, an. Gleichzeitig werden Eltern auch zu einer Selbstreflexion eigener biografischer Gewordenheit motiviert. Der Hinweis auf und der Umgang mit Herausforderungen und Nöte, die Kleinfamilien in der zweiten Moderne zu meistern haben, sind eine der Aufgaben heutiger psychoanalytischer und pädagogischer Wissenschaften. Die beiden Autoren möchten die Kinder und ihre Familien besser verstehen lernen. In der Besonnenheit in der sie dies tun, können sich einerseits ein psychoanalytisches pädagogisches Fachpublikum aber auch Laien oder Eltern selbst angesprochen fühlen. Sicherlich ist die Lektüre des Buches für alle mit Eltern und Kindern tätige Psychotherapeut*innen sämtlicher Fachkunden bereichernd und kann Lust machen, mit psychoanalytischen Verfahren in einen kollegialen Dialog zu treten.

Schließen möchten wir das Fazit gerne, indem wir Nazīr Ḥamād selbst zu Wort kommen lassen. In Anwesenheit der Eltern sagt Nazīr Ḥamād zum Kind: „Siehst Du, ich habe Deinen Eltern zugehört. Sie machen sich Sorgen, sie sind beunruhigt und stellen viele Vermutungen über Dich an. Sie glauben sogar, dass das, was sie sagen, wahr ist. Sie machen den Eindruck, als wüssten sie alles über Dich. In dem, was sie sagen, scheinst Du durchschaubar. Aber nicht das interessiert mich; denn das einzig Sichere ist für mich, dass das, was Deine Eltern über Dich gesagt haben, in Wirklichkeit sie selbst betrifft. Wenn jemand etwas Wahres über Dich weiß, dann Du, und niemand anderes. Ich nehme schon Rücksicht auf das, was Deine Eltern gesagt haben. Sie zeigen, dass sie beunruhigt sind. Wir möchten wissen, warum sie beunruhigt sind, und unterscheiden zwischen dem, was von Dir kommt, und dem, was in ihrer Beunruhigung von ihnen selbst kommt und sie durcheinander bringt. Also, sei unbesorgt. Sie sind nicht unbedingt Deinetwegen so beunruhigt. Irgendwas in ihrer Geschichte macht ihnen zu schaffen, aber wir haben keine Eile. Wir haben Zeit. Du wirst mir helfen, zu verstehen; und vielleicht werden wir ihnen helfen, sich zu beruhigen. Du kannst ihnen auch dabei helfen. Wir werden ihnen helfen, herauszufinden, dass alles, was sie über Dich gesagt haben, ihre Wirklichkeit ist. Auf dieser Basis werden wir zusammen arbeiten“ (S. 97 f.).


Rezensent
Dipl.-Psychol.& Mag. phil. Robert Langnickel
Psychoanalytiker in eigener Praxis Vorstandsmitglied des Lacan Seminar Zürich Lehrbeauftragter an der Bayerischen Julius-Maximilians-Universität Würzburg
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Rezensent
Br. Pierre-Carl Damian Link
Graduate School of the Humanities Klasse „Bildung und Kultur“ Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg Lacan Seminar Zürich
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Zitiervorschlag
Robert Langnickel/Pierre-Carl Damian Link. Rezension vom 18.07.2019 zu: Nazīr Ḥamād, Thierry Najman (Hrsg.): Das Unbehagen in der Familie. Was in einer Kinderanalyse auf dem Spiel steht : Fragen an einen Kinderanalytiker. Turia + Kant (Wien) 2018. ISBN 978-3-85132-865-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24528.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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