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Andreas Lange, Herwig Reiter u.a.: Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie

Cover Andreas Lange, Herwig Reiter, Sabina Schutter, Christine Steiner: Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. 784 Seiten. ISBN 978-3-658-04206-6. D: 69,99 EUR, A: 71,95 EUR, CH: 87,50 sFr.
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Herausgeber/-innen und Thema

Das Handbuch wurde von Prof. Dr. Andreas Lange (HS Ravensburg-Weingarten), Dr. Herwig Reiter (DJI), Prof. Dr. Sabina Schutter (TH Rosenheim) und Dr. Christine Steiner (DJI) herausgegeben und beinhaltet theoretische, empirische und handlungsorientierte Beiträge im Feld der Kindheits- und Jugendsoziologie.

Der umfangreiche Band hat das Ziel, die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen, theoretische Diskurse und empirische Befunde zu Kindheit und Jugend abzubilden. Ebenso werden konkrete Forschungsfelder und methodische Herangehensweisen thematisiert. Es geht den Herausgeber/-innen darum, die „oft unverbundenen kindheits- und jugendsoziologischen Arbeiten miteinander ins Gespräch zu bringen“ (S. 5).

Zielgruppe

Das Handbuch wendet sich an Dozierende und Studierende der Soziologie, der Pädagogik sowie der Erziehungs- und Sozialwissenschaften.

Aufbau

Nach einer Einführung der Herausgeber/-innen werden die Beiträge in dem Handbuch entlang wesentlicher gesellschaftlicher Themenbereiche geordnet. Die thematische Gliederung im Überblick:

  1. Einleitung (1 Beitrag)

  2. Gesellschaftliche Bedingungen des Aufwachsens (6 Beiträge)

  3. Bildung (6 Beiträge)

  4. Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit (4 Beiträge)

  5. Marginalisierung und Exklusion (5 Beiträge)

  6. Gender und Sexualität (4 Beiträge)

  7. Migration (3 Beiträge)

  8. Familie und private Lebensverhältnisse (6 Beiträge)

  9. Krankheit und Gesundheit (6 Beiträge)

  10. Kulturen und Alltagspraktiken von Kindern und Jugendlichen (5 Beiträge)

  11. Jugend, Staatsbu?rgerschaft, Engagement und Protest (4 Beiträge)

Insgesamt 69 Autorinnen und Autoren, überwiegend aus Deutschland und darüber hinaus aus Großbritannien, Portugal, Neuseeland, Australien, Norwegen und Österreich, haben zu dem Werk beigetragen.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Aufgrund des umfangreichen Bandes werden hier exemplarisch fünf Beiträge aus verschiedenen thematischen Teilen ausführlicher vorgestellt.

Johanna Wyn weist in ihrem Beitrag „A Critical Perspective on Young People and Belonging“ (Teil II, S. 35-48) darauf hin, dass mit der Perspektive auf Transitionen insbesondere das Bildungssystem mit seinen Praktiken und Diskursen, Übergänge ins Beschäftigungssystem und weitere institutionelle Prozesse im Fokus stehen, die gängige Muster von Transitionen im Jugendalter gestalten. Andere Bereiche wie beispielsweise die Bedeutung von Beziehungen für Entscheidungsprozesse können dadurch verdeckt sein. Beispielsweise, so illustriert Wyn, ist der durch quantitative Studien gestützte Diskurs über eine benachteiligte ländliche Jugend dominant in der australischen Forschungsliteratur, während eine feinkörnigere qualitative Längsschnittstudie von jungen Menschen, die in ländlichen Regionen bleiben oder wieder dorthin zurückkehren, ein anderes Bild zeichnet. Eher als eine Benachteiligung traten hier als Gründe für die Entscheidung für die ländliche Gegend die Bedeutung des Ortes und die Verbindung zur Familie und zur Community hervor. Unter der Perspektive der Zugehörigkeit („belonging“) gelangen andere wesentliche Aspekte in den Blick, die das Verständnis der Erfahrungen und Beweggründe von jungen Menschen erweitern.

Michael Bayer diskutiert unter dem Titel „Bildung, Leistung und Kompetenz“ (Teil III, S. 135-147) die unterschiedlichen Modelle und Verständnisse von Kompetenz und Kompetenzentwicklung. Zentral behandelt er dabei zwei Kompetenzkonzepte: eine kognitive, bereichspezifische Kompetenz, die als subjektive Fähigkeiten und Leistungsdispositionen z.B. in Schulleistungsstudien eine hohe Relevanz besitzen und das Konzept einer allgemeinen Handlungskompetenz im Sinne von Schlüsselkompetenzen, die eine Person ganz allgemein Anforderungen bewältigen lassen und sich in dem Begriff der Mündigkeit als Kombination von Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz wiederfindet. Der Kompetenzbegriff wird in weiteren Bedeutungen (z.B. als Zuständigkeit) sowie in Zusammenhang mit grundlegenden soziologischen Perspektiven (z.B. Ungleichheit, handelnde Akteure) und Theorien (Habitus-Feld-Theorie) diskutiert. Schließlich wird die Definition und Geltung von Kompetenzbegriffen als eigener Untersuchungsgegenstand der Soziologie zu Machtverhältnissen thematisiert.

In seinem Beitrag „Andere Kinder, andere Jugendliche“ (Teil V, S. 295-314) blickt Manfred Liebel aus internationaler Perspektive auf die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen und thematisiert, dass die im westlichen Europa dominierenden Muster von Kindheit und Jugend keinesfalls weltweite Gültigkeit besitzen. Vor dem Hintergrund der fortschreitenden Globalisierungsprozesse und der Verbreitung und Zugänglichkeit elektronischer Medien sind Kinder und Jugendliche zunehmend mit vielfältigen Lebensverhältnissen von Gleichaltrigen aus verschiedenen Teilen der Welt und den damit verbundenen Maßstäben, Bedrohungen und Verheißungen konfrontiert. Im Zuge der Auseinandersetzung mit diesen Einflüssen beschreibt Liebel „Prozesse der Autonomisierung“ bei Kindern und Jugendlichen, die sich zunehmend als Personen „eigenen Rechts“ verstehen, sich zu Wort melden und einfordern, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse respektiert werden. In der Analyse von Begrifflichkeiten zur Beschreibung von anderen Kindern und Jugendlichen (z.B. als abweichend, Kinder im Abseits, children out of place, Jugendbanden, Gangs, Subkulturen) problematisiert er Machtverhältnisse und Zuschreibungsprozesse. Er verweist auf die Begrenztheit des Musters einer Jugendphase als psychosoziales Moratorium, das weder für einen Teil der hier lebenden Jugendlichen, noch in Gesellschaften des Globalen Südens als lebenslaufbestimmendes Muster gültig ist. Für die zukünftige Jugendforschung könnte es gewinnbringend sein, neue Fragen zu stellen und sich mit den Lebensverhältnissen, den Denk- und Wahrnehmungsmustern dieser jungen Menschen zu befassen.

Clare Holdsworth betrachtet in ihrem Artikel „Youth Identities and Family Practices“ (Teil VIII, S. 531-542) Jugend und Familie unter Lebenslaufperspektive. Entgegen einer eher statischen Vorstellung von Familie, von der aus Jugendliche sich wegbewegen, setzt Holdsworth ein dynamisches Bild der Familie. Sie richtet den Blick darauf, wie Familien weiterhin relevant für junge Menschen bleiben und Jugendliche zum Familienleben beitragen. Junge Menschen werden nicht nur als ein Produkt ihrer Familie gesehen, sondern sind aktiv involviert in familiäre Gestaltungsprozesse. Familie ist mehr als ein „point of departure“, und aus einer im Fluss befindlichen Sicht auf Familienleben ergibt sich die Möglichkeit zu erfassen, wie junge Menschen hier aktiv beteiligt sind. Nach der Analyse verschiedener Ansätze der Jugendforschung in Hinblick auf den Familienbezug kommt Holdsworth zu dem Schluss, dass die Familie zwar aktuell etwas mehr Aufmerksamkeit in der Jugendforschung erhalten hat, sie doch weiterhin am Rande bleibt, es sei denn, die Familie weicht von normativen Erwartungen ab.

Ein weiteres wichtiges Thema der Jugendforschung ist die Beziehung zwischen Familie und Identität. In einem Verständnis von Identität als Prozess zwischen Unterscheidung und Konformität, also wie sich junge Menschen in Beziehung zu anderen positionieren, spielt Familie eine bedeutsame Rolle. Holdsworth zieht hier das Habitus-Konzept von Bourdieu heran. Nach Bourdieu ist die Familie sowohl in äußeren als auch in inneren mentalen Strukturen präsent. Habitus ist bei Holdsworth nicht in einem statischen Sinne zu verstehen, sondern als Teil von „ongoing dialogues“, die Individuen mit sich selbst und anderen haben. Reflexivität wird so als Teil des Habitus konzeptualisiert und nicht von ihm getrennt. Auf diese Weise kann untersucht werden, wie junge Menschen mit Bezug zu ihren Familienstrukturen und -praktiken Übergänge verhandeln, wie sie fähig sind, ihre eigenen Identitäten zu entwickeln und zugleich mit aktuellen Bedingungen, wie beispielsweise unsicheren gesellschaftlichen Verhältnissen, umzugehen.

Mit dem Beitrag „Jugendproteste“ (Teil XI, S. 749-760) verfolgen Ferdinand Sutterlüty und Sarah Mühlbacher das Anliegen, spezifische Bedingungen und Motive neuerer politisch motivierter Jugendproteste aufzuzeigen. Exemplarisch werden dazu die Riots in den französischen Banlieus und mehreren englischen Städten in den Jahren 2005 und 2011 sowie die Occupy Wall Street-Initiative 2011 analysiert. Die beiden Ereignisse erscheinen zunächst sehr heterogen. Die Proteste in den französichen Vororten und in den englischen Städten sind unkoordiniert und gewaltförmig und stellen eine Reaktion auf die Erfahrung staatlicher und polizeilicher Willkür dar, die Occupy Wall Street-Initiative hingegen ist eine überwiegend friedliche, gut geplante und koordinierte und intellektuell getragene Aktion gegen Auswüchse des Finanzkapitalismus. Gemeinsam ist beiden Protesten, so Sutterlüty und Mühlbacher, sich für grundlegende demokratische Normen wie Freiheit, Gleichheit und Teilhabe einzusetzen, die in Verfassungen westlicher Demokratien niedergelegt, aber von deren Institutionen aus Sicht der protestierenden jungen Menschen nicht mehr (ausreichend) vertreten werden.

An diese These könnten auch die aktuellen Jugendproteste zur Klimapolitik anschließen.

Diskussion

Die Leserschaft erwartet kein Handbuch in dem Sinne, dass systematisch grundlegende Begriffe geklärt, anschließend Theorien erläutert werden usw.. Der Band folgt vielmehr dem von den Herausgeberinnen und Herausgebern definierten Konzept, zu relevanten gesellschaftlichen Bereichen jeweils verschiedene Perspektiven aus der Kindheits- und Jugendsoziologie zu versammeln, um sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Die vielfältigen Perspektiven beleuchten das jeweilige Themenfeld aus verschiedenen Blickwinkeln und lassen so in inspirierender Weise die Breite des Feldes und der Zugänge deutlich werden. Das Angebot der verschiedenen Perspektiven ist vorhanden, in wieweit das Gespräch zwischen den Perspektiven gelingt, liegt m.E. in den Händen der Leserschaft.

Infolge des schon beschriebenen Umfangs ist die Behandlung einzelner Aspekte hier nur begrenzt möglich, auf drei Themfelder möchte ich im Folgenden noch eingehen.

  • In Teil VI zum Thema Gender und Sexualität behandeln zwei der vier Beiträge das Thema Sexualität in der Kindheit und Jugend, einer befasst sich mit den Lebenssituationen von lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans* Jugendlichen und ein Artikel mit dem Thema Jungen und Männlichkeit. Zu diesen sehr relevanten Perspektiven hätte ergänzend noch unbedingt das Thema Mädchen, Weiblichkeits- und Geschlechterrollenvorstellungen gehört. Dieses Thema ist nach wie vor von hoher individueller und gesellschaftlicher Bedeutung und zentral für Kinder und Jugendliche insbesondere in Hinblick auf die Identitätsentwicklung und das Thema Chancengleichheit. Auch wenn es sich um eine erwartbare Kritik handelt und Vollständigkeit bei einem derartigen umfassenden Vorhaben wie diesem Handbuch nicht zu erreichen ist, muss dieser Punkt aus meiner Sicht trotzdem kritisch hervorgehoben werden.
  • Teil VII zu Migration beinhaltet (nur) drei Artikel, was bei der Aktualität des Themas und der grundsätzlichen Vielschichtigkeit von Migrationserfahrungen und Migrationshintergründen von Kindern und Jugendlichen sehr „knapp bestückt“ ist. Allerdings haben die Herausgeber/-innen hierzu bereits selbst in der Einleitung Stellung genommen (S. 8) und ihr Bedauern darüber ausgedrückt, dass sie keine Beiträge zum Thema Kinder und Jugendliche als Flüchtlinge und Vertriebene gewinnen konnten.
  • Dagegen ist der Teil IX Krankheit und Gesundheit thematisch breit und facettenreich besetzt. Zunächst wird Gesundheit und Krankheit bei Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit gesellschaftlichem Wandel breit behandelt, dann folgen Artikel zu ADHS, zu Gesundheit und Wohlbefinden im Kindes- und Jugendalter, zu Kindheit unter Krankheitsbedingungen, zu Gesundheitsförderung und Health Literacy sowie zu Normierung und Standardisierung des Aufwachsens anhand der ärztlichen U-Untersuchungen, die das Themenfeld sowohl spezifisch als auch in breiter Perspektive ausleuchten.

Insgesamt ist die Vielfalt der Autorinnen und Autoren interessant und ermöglicht vielfältige Ansätze und Blicke auf Kindheits- und Jugendsoziologie. Sie ist ebenfalls mit unterschiedlichen Stilen und Lesbarkeit der einzelnen Beiträge verbunden.

Fazit

Insgesamt gesehen ist die Lektüre diverser in dem Handbuch versammelter Artikel inspirierend. Es ist anregend und mitunter auch verwirrend, in einem Themenfeld einen Artikel zu lesen, der eher Übersichtscharakter hat und als Nächstes einen, der eine ganz spezifische empirische Fragestellung beleuchtet. Dieser Perspektivenwechsel erscheint gelegentlich bruchstückhaft, ist aber auch perspektivenerweiternd.


Rezensentin
Prof. Dr. Simone Pfeffer
Technische Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm Fakultät Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Simone Pfeffer. Rezension vom 13.03.2019 zu: Andreas Lange, Herwig Reiter, Sabina Schutter, Christine Steiner: Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-04206-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24529.php, Datum des Zugriffs 19.06.2019.


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