socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jakob Müller: Bindung am Lebensende

Cover Jakob Müller: Bindung am Lebensende. Eine Untersuchung zum Bindungserleben von PalliativpatientInnen und HospizbewohnerInnen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. 214 Seiten. ISBN 978-3-8379-2776-4. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die vorliegende Studie analysiert die Situation von Patienten und Patientinnen auf Palliativstationen und in Hospizen auf Basis bindungstheoretischer Überlegungen. Muster frühkindlicher Bindungserfahrungen können in der Sterbesituation erneut wachgerufen werden. In der letzten Lebensphase dürfen daher nicht nur körperliche Belange im Vordergrund stehen, vielmehr muss auch die psychische und die spirituelle Versorgung der Patienten und Patientinnen in den Blick genommen werden.

Autor

Jakob Johann Müller, Dr. rer. biol. hum., Diplom-Psychologe, war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums München/Großhadern.

Entstehungshintergrund

„Bindung am Lebensende“ basiert auf der Dissertation des Autors, erstellt an der Klinik und Poliklinik für Palliativmedizin des Universitätsklinikums München/Großhadern, betreut durch die Professur für Spiritual Care.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis mit einer Einleitung (I.) und fünf Hauptteilen (II.-VI.).

Inhalt

Die bekannten Bindungsforscher Klaus E. Grossmann und Karin Grossmann heben in ihrem Vorwort die Bedeutung der Arbeit von Jakob Müller für das Verständnis der psychischen Belastung Sterbender hervor.

I Einleitung

In einem ersten Überblick wird das Konzept Spiritual Care eingeführt. Die zentrale Ausrichtung der Arbeit, die die inneren Bilder der Patienten/Patientinnen und nicht, wie vielleicht zu vermuten wäre, die realen Beziehungen der Patienten/Patientinnen zu relevanten Personen (Ärzte, Pflegende, Angehörige) zum Gegenstand hat, wird vorgestellt.

II Theoretischer Teil: Bindungstheorie und Lebensende

Hier führt der Autor in die Grundlagen der Bindungstheorie ein und referiert zentrale Begriffe: Bindungsklassifikation, Bindungsverhaltenssystem, Bindungsrepräsentation, innere Arbeitsmodelle. Hilfreich ist, dass die Konzepte Mentalisierung und Selbstrepräsentanz anhand kurzer Fallvignetten veranschaulicht werden.

Der Forschungsstand zum Thema Bindungspsychologie in der stationären Sterbebegleitung wird referiert. Die Entwicklung des Kleinkindes und seiner Bindungsbeziehungen spiegelt sich in den Bindungsbeziehungen von Patienten/Patientinnen in der Sterbephase wider. Entwicklungstheorien der frühen Kindheit sind für die wissenschaftliche Reflexion und Untersuchung der letzten Lebensphase besonders bedeutsam. Viele der Veränderungen in der Beziehung zwischen Patienten/Patientinnen und ihrer Umgebung stehen in Zusammenhang mit der bevorstehenden Trennung des Patienten/der Patientin von seinen/ihren Angehörigen. Personen mit sicherer Bindungsrepräsentation werden (so die Erwartung) den Trennungsschmerz annehmen und bewältigen, Personen mit unsicherer Bindungsrepräsentation werden vermutlich eher distanzierende oder verstrickende Abwehrstrategien nutzen. Insbesondere die palliative Situation bedeutet einen Rückfall hinter die Autonomiegewinne der Kindheit. Der innere Umgang mit diesem Autonomieverlust könnte Zusammenhänge zur Bindungsrepräsentation des Patienten/der Patientin aufweisen. Diese Abhängigkeit von Anderen (Angehörigen und Pflegenden) stellt für Patienten/Patientinnen möglicherweise eines der zentralen bindungsrelevanten Themen in der stationären Versorgung dar – innere wie äußere Konflikte lassen sich darauf zurückführen.

Die sogenannte „Kapitulationserklärung“ (S. 74) der kurativen Medizin, die Patienten/Patientinnen auf Palliativstationen in der Vorgeschichte erlebt haben, korrespondiert ebenfalls mit spezifischen individuellen Bindungserfahrungen. Die Erfahrung der Erfolglosigkeit von Therapieversuchen verbunden mit Enttäuschung, Hilflosigkeit, Ausgeliefertsein und Angst, kann entsprechende Erfahrungen aus der frühen Kindheit reaktivieren. Insbesondere für Patienten/Patientinnen mit unverarbeiteter Bindungsrepräsentation könnte dieser Aspekt in der letzten Lebensphase relevant sein. Entsprechend der Bindungserfahrungen dieser Gruppe, ist eine Überwältigung durch die Erfahrung der eigenen Hilflosigkeit zu erwarten. Der Autor merkt an, Spiritualität könne für insbesondere für diese Gruppe eine Ressource zur Beruhigung und Regulation des Bindungssystems darstellen.

III Empirischer Teil: Studie – Bindungsrepräsentanzen im palliativen Kontext

Interviewt wurden Patienten/innen aus allen stationären Palliativeinrichtungen (4 Palliativstationen und 2 Hospize) in München. 83 Interviews wurden anhand des AAP (Adult Attachment Projective Picture Systems) durchgeführt (2015). In die Datenanalyse gingen zusätzlich 32 weitere Bindungsinterviews ein, die bereits zwischen 2011 und 2014 durchgeführt wurden. Der AAP ermöglicht es Bindungsrepräsentanzen empirisch erfassbar zu machen. Bilder, die den Probanden vorgelegt werden, sollen das Bindungsverhalten schrittweise aktivieren und Bindungsrepräsentationen zum Ausdruck bringen. Die Auswertung der Interviews bezieht sich allein auf die Bildernarrative, biografische Aspekte spielen keine Rolle.

Zur Erfassung der krankheitsbedingten Einschränkungen wurde für jeden Patienten/jede Patientin zusätzlich der Karnofsky-Index, zur Erfassung der aktuellen Symptombelastung das Disstress-Thermometer des National Comprehensive Cancer Network (Mehnert et al.,2006) verwendet. Die Grunderkrankung wurde anhand des Diagnoseklassifikationssystem ICD-10 dokumentiert. Die Datenanalyse erfolgte deskriptiv (Stichprobenbeschreibung, Befunde zur Bindungsdiagnostik). Die Interviews wurden darüber hinaus inhaltsanalytisch ausgewertet.

IV Vergleich, Interpretation und Diskussion der Befunde

Die untersuchte Stichprobe ist durch einen – verglichen mit Referenzstichproben – erhöhten Anteil von Frauen (knapp 70 %) sowie einen eher geringen Anteil permanent bettlägriger/stark beeinträchtigter Patienten (ca. 20 %) gekennzeichnet. Die Bindungsrepräsentationen der untersuchten Palliativpatienten/innen weichen deutlich von den Verteilungsmustern in nicht-klinischen Stichproben ab. Der Anteil sicherer Bindungsrepräsentation war im Vergleich zu klinischen Stichproben mit 11 % sehr gering. Bemerkenswert ist außerdem der mit 38 % vergleichsweise hohe Anteil unverarbeiteter Bindungsrepräsentation. Damit entspricht die Verteilung der Bindungsrepräsentation in der untersuchten Stichprobe der von Patienten/Patientinnen mit posttraumatischen Belastungsstörungen, Suchterkrankungen und anderen psychopathologischen Erkrankungen (zitiert nach Juen, 2013). Der aktuelle Krankheitszustand und die Krankheitsbelastung stehen dagegen in keinem Zusammenhang mit der Verteilung der Bindungsmuster. Prüft man die Verteilung der Bindungsrepräsentationen in der Gruppe der Palliativpatienten/innen entsprechend ihrer 5-Jahres-Überlebensrate, so sieht man, dass Patienten/innen mit niedrigerer Überlebensrate zu einem höheren Anteil unverarbeitet (51 % versus 35 %), aber auch zu einem höheren Anteil sicher gebunden (18 % versus 6 %) waren, als Patienten/Patientinnen mit einer höheren 5-Jahres-Überlebensrate (Seite 143). Hier fehlen leider detaillierte Daten, die die Aussagen zur statistischen Signifikanz nachvollziehbar machen.

Als mögliche Erklärung wird zum einen die Annahme, dass bestimmte Erkrankungstypen häufiger Personen mit bestimmten Bindungsrepräsentationen befallen, herangezogen. Bestimmte Eigenschaften oder Lebensstile (erhöhte psychische Vulnerabilität, geringeres Gesundheitsbewusstsein, erhöhte Stressbelastung etc.) könnten hier eine Rolle spielen. Der Autor gerät allerdings in Schwierigkeiten, wenn er mit diesem Ansatz den höheren Anteil sicherer Bindungen in der Gruppe mit der niedrigeren 5-Jahres Überlebensrate erklären möchte. Dieser Abschnitt fällt auch bemerkenswert kurz aus. Als Ausweg bleibt die Annahme, Personen in der Gruppe mit dem längeren Krankheitsverlauf und sicheren Bindungsrepräsentationen seien möglicherweise in der vorliegenden Stichprobe weniger präsent, da diese häufiger durch Familie, Angehörige und/oder Freunde ambulant gepflegt würden.

Alternativ kann angenommen werden: Die Bindungsrepräsentationen werden durch die Erkrankung dem Erkrankungstyp entsprechend verändert (Seite 145).Hier bezieht sich der Autor auf die Aussagen, die bereits im theoretischen Teil der Arbeit diskutiert wurden. Die Annahme, dass eine schwere Erkrankung die Bindungsrepräsentation verändert und gegebenenfalls in Richtung Bindungsunsicherheit modifiziert, ist plausibel. Möglicherweise wirken Krankheiten, die rapide fortschreiten und innerhalb weniger Monate zum Tod führen, schockartig und können Bindungssicherheit verändern. Der Autor räumt ein, dass in einem Querschnittsdesign keine Aussagen über Kausalitäten getroffen werden können.

V Limitationen

Als einschränkend erweist sich die geringe Stichprobengröße, die außerdem durch einen überproportional hohen Anteil an Frauen sowie Palliativpatienten/innen gekennzeichnet ist. Der – verglichen mit Hospizpatienten/innen – höhere körperliche Funktionsstatus der Palliativpatienten/innen, könnte die Untersuchungsergebnisse beeinflussen. Der Autor schlägt eine Längsschnittstudie zur Klärung offener Fragen vor.

VI Fazit

Als zentrales Ergebnis der Untersuchung wird die (im Vergleich zu nicht-klinischen Stichproben) hohe Anzahl unverarbeiteter Bindungsrepräsentationen bzw. der geringe Anteil sicherer Bindungsrepräsentationen beschrieben. Die Verteilung der Bindungsrepräsentation im palliativen Kontext ähnelt damit klinisch-psychopathologischen Stichproben. Zur Erklärung dieses zentralen Befundes werden zwei Hypothesen herangezogen:
Die Selektionshypothese geht davon aus, dass Personen mit sicheren Bindungen häufiger über stabile Beziehungen verfügen würden und sie daher weniger auf institutionelle Ressourcen zurückgreifen müssten. Die Veränderungshypothese postuliert, dass Bindungsrepräsentationen durch die dramatische Einwirkung einer terminalen schweren Erkrankung verändert werden könnten.

Für die klinische und seelsorgerische Praxis kann abgeleitet werden: bei der stationären Sterbebegleitung genügt es nicht, sich ausschließlich um die Pflege körperlicher Belange zu kümmern; auch eine psychische und spirituelle Versorgung ist erforderlich. Der Autor schlägt vor, insbesondere im Hinblick auf den hohen Anteil unverarbeiteter Bindungsrepräsentationen verlässliche Strukturen und Rituale im pflegerischen Alltag zu gewährleisten. Stabilität soll erlebbar gemacht und das Sicherheitsempfinden erhöht werden.

Diskussion

Das vorliegende Buch fasst bindungstheoretische Grundlagen gut lesbar zusammen. Die Studie ist wohl die einzige oder zumindest eine der wenigen, die sich mit dem Thema Bindungstheorie in der letzten Lebensphase beschäftigt hat, das macht sie besonders interessant. Zielgruppe sind vermutlich in erster Linie entwicklungspsychologisch interessierte Leser/innen. Für die Zielgruppe Pflege/Palliativ Care/Hospizarbeit ist die Arbeit zwar ebenfalls relevant, die Empfehlungen für die praktische Arbeit fallen jedoch knapp und wenig konkret aus. Interessant wäre sicher, die vorliegenden Ergebnisse und Überlegungen zur Verwendung in Praxishandbüchern für Pflegende im Palliativbereich weiterzuentwickeln.

Den Hinweis des Autors, sich zur besseren Lesbarkeit mit der Verwendung generischer Maskulina zu begnügen, bedauere ich. Bei einem Frauenanteil von 70 % in der Untersuchungsstichprobe kann ich das nicht nachvollziehen.

Fazit

Das vorliegende Buch basiert auf einer Dissertation an der Universität München. Mittels einer bindungsdiagnostischen Interviewstudie an 115 Bewohnern und Bewohnerinnen von Hospizen bzw. Patienten und Patientinnen aus Palliativstationen soll ein bindungsorientierter Zugang zum letzten Lebensabschnitt gefunden werden. Zunächst werden bindungstheoretische Grundlagen sowie der Forschungsstand vorgestellt und die Brücke zwischen Bindungstheorie und Palliativ Care hergestellt. Im empirischen Teil werden zur Bestimmung des Bindungstyps das Adult Attachment Projective Picture System (APP) sowie Interviews eingesetzt. Die untersuchten Patienten und Patientinnen weisen einen überraschend hohen Anteil unsicherer und unverarbeiteter Bindungsrepräsentation auf, die der Verteilung in klinisch-psychopathologischen Stichproben entsprechen. Möglicherweise werden Bindungsrepräsentation bzw. Funktionsweise der inneren Arbeitsmodelle durch die terminale Erkrankung verunsichert oder dereguliert oder aber die Stichprobenauswahl (ausschließlich stationär versorgte Patienten und Patientinnen) trägt zu diesem Ergebnis bei. Weitere Überlegungen zur Umsetzung der Ergebnisse und deren Anwendung für die Praxis im Palliativbereich wären wünschenswert.


Rezensentin
Prof. Dr. Klaudia Winkler
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, Fakultät für Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften, Lehrgebiete Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie
E-Mail Mailformular


Alle 18 Rezensionen von Klaudia Winkler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaudia Winkler. Rezension vom 27.08.2018 zu: Jakob Müller: Bindung am Lebensende. Eine Untersuchung zum Bindungserleben von PalliativpatientInnen und HospizbewohnerInnen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2776-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24530.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!