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Kurt Gerwig (Hrsg.): Die Kita der Zukunft

Cover Kurt Gerwig (Hrsg.): Die Kita der Zukunft. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2018.

DVD, 60 Minuten. Pädagogik-Talk 05.


Thema

„Die Kita der Zukunft“ – in diesem Pädagogik-Talk wird ein Blick in das Jahr 2040 gewagt. ExpertInnen aus den Handlungsfeldern der frühkindlichen Pädagogik diskutieren die zukünftige Entwicklung in den Kindertagesstätten. Themen sind u.a.

  • das Fortschreiten der Digitalisierung frühkindlicher Betreuungs- und Bildungsorte sowie mögliche Konsequenzen auf die Lebenswelten der Kinder;
  • die Abbildung gesellschaftlicher Veränderungen in Bildungszielen und Serviceleistungen von Kindertagesstätten;
  • pädagogische Grundkompetenzen auf dem Prüfstand – was braucht eine Kita der Zukunft wirklich – auf was kann verzichtet werden?

Diese und weitere interessante Themen werden unter der Moderation von Kurt Gerwig betrachtet und diskutiert.

Moderator

Kurt Gerwig ist Produzent und Autor von Pädagogikfilmen und Inhaber von AV1. Seit 1986 produziert er Auftragsfilme im Bereich Wirtschaft und Industrie. In Eigenproduktionen realisiert er parallel dazu Filme aus sozialen Bereichen, da er selber als Dipl. Sozialpädagoge über langjährige Praxiserfahrung im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit verfügt.

FachexpertInnen

Als FachexpertInnen nehmen teil:

  • Prof. Dr. Tanja Betz: Leiterin des Arbeitsbereichs Kindheitsforschung und Elementar-/Primarpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt
  • Prof. Dr. Katharina Gerarts: Dipl.- Päd. und Kinderrechtsbeauftragte der Hessischen Landesregierung; lehrt an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt
  • Prof. Dr. Olaf-Axel Burow: lehrte bis 2017 an der Universität Kassel Allgemeine Pädagogik
  • Fleur Lüthje: zuständig für Unternehmensentwicklung bei Impuls Soziales Management in Kassel
  • Lisa Hartwig: Leiterin der Kinderkrippe „Sternchen Kassel“, Träger: Impuls Soziales Management

Aufbau

Der Film ist in 21 Sequenzen (Seq.) unterschiedlicher Länge aufgeteilt. Die Abschnitte spiegeln Hypothesen wider, wie sich „Die Kita der Zukunft“ im Jahr 2040 entwickelt haben wird. Die Gesamtlaufzeit des Filmes beträgt 60 Minuten.

  • Nach einer kurzen Einführung der FachexpertInnen wird zunächst das Thema Digitalisierung und die Rolle der MINT-Themen in vier Sequenzen diskutiert. Im Anschluss folgen die Bereiche Multikulturalität und Diversität in Verknüpfung mit dem nötigen zukünftigen pädagogischen Leitbild (Seq. 5 bis 7).
  • Danach lädt ein Prognosebarometer die Fachexpertinnen dazu ein, ihre Meinung knapp umrissen zu bestimmten Themen zu äußern (Seq. 8).
  • Die Sequenzen 9 bis 11 beschäftigen sich mit den Themen: Die Kita als Serviceangebot, Lebenswelten der Kinder in 2040 und den Reaktionen der Kitas auf diese veränderten Lebenswelten.
  • Daraufhin widmen sich die ExpertInnen der Kinderarmut und der Frage nach neuen oder veränderten Haltungen von pädagogisch Tätigen hinsichtlich Ressourcenorientierung (Seq. 12 und 13).
  • Das Kind heute und 2040 wie auch die Anpassung von Bildungszielen und Grundkompetenzen der frühkindlichen Pädagogik werden in den Sequenzen 14 bis 16 besprochen. Im Anschluss diskutiert die Runde auf welche Bereiche zukünftig verzichtet werden kann (Seq. 17).
  • Daraufhin widmen sich die ExpertInnen in den Seq. 18 bis 20 den Themen Kinderrechte, Problemen unserer Zeit und diskutieren ob Kita- und Schulpersonal eine Gleichstellung in der Ausbildung erfahren sollten.
  • Den Abschluss bildet die Seq. 21 mit dem Thema: Qualitätsmessung der pädagogischen Arbeit.

Inhalt und Diskussion

Digitalisierung in der Kita

Zunächst wird das Für und Wider der Digitalisierung frühkindlicher Bildungs- und Betreuungseinrichtungen diskutiert. Die FachexpertInnen halten grundsätzlich den Einsatz digitaler Medien in Kitas für sinnvoll. Dabei betonen insbesondere Burow und Hartwig, dass der Einsatz digitaler Medien vor dem Hintergrund der Medienkompetenz und neuer Form von Lernerfahrungen zu befürworten ist. Gleichwohl machen sie auch auf die Gefahr des unsachgemäßen Gebrauchs aufmerksam, dem Kitas durch angeleiteten Umgang entgegenwirken können. Burow benutzt dabei den Begriff des „digitalen Schweizer Taschenmessers“ – Kinder erfahren über die Benutzung digitaler Medien die Vielfalt der Möglichkeiten wie Lernen, Kommunizieren, Spielen etc. Beltz und Lüthje heben zudem auf den gesellschaftlichen Einfluss ab, der bei dem Thema Digitalisierung polarisiert. Wichtig ist auch der Aspekt ob Digitalisierung Teilhabe begünstigt oder nicht. Früher Einsatz digitaler Medien, laut Betz, kann soziale Unterschiede minimieren, da von Kindesbeinen an Zugänge zu digitaler Kompetenz ermöglicht werden.

Die Frage nach dem Einsatz von Robotern in Kitas wird als möglicher ergänzender Bereich gesehen, der pädagogischen Fachkräften Freiraum für ihre Kernaufgaben, der Beziehungsarbeit und dem Erfüllen emotionaler Bedürfnissen von Kindern, schaffen soll. Die Bewertung der sogenannten MINT-Themen, wird im Sinne der stetig steigenden Ansprüche unserer „Wissensgesellschaft“ als wichtig erachtet. Sie sollten sich aber gleichwertig neben anderen Bildungsbereichen der frühkindlichen Pädagogik einreihen.

Multikulturalität und Diversität

Der Frage nach dem Umgang mit Multikulturalität und Diversität wird mit Antworten aus unterschiedlichen Perspektiven begegnet. Von Betz wird die Segregation in den Städten benannt, die Diversität verhindert. Dies sollte in der Verortung und Konzeptionierung von Kitas mitbedacht werden. Ebenso betont Gerarts, dass Diversität nicht nur auf kulturelle Vielfalt zu beschränken, sondern als Ausdruck einer allgemeinen Vielfalt (ethnische Herkunft, Inklusion etc.) zu sehen sei, auf die pädagogische Fachkräfte reagieren müssen. Insbesondere der Erziehungspartnerschaft zu den Eltern wird eine hohe Bedeutung beigemessen. Hartwig und Betz geben zu bedenken, dass Fachkräfte schon jetzt und zukünftig noch mehr einem hohen Anspruch gegenüberstehen und entsprechend (weiter) vorbereitet werden sollen.

Im weiteren Verlauf des Pädagogik-Talks wird das Thema fehlender Handlungsmöglichkeiten im Punkt Probleme unserer Zeit im Zusammenhang mit dem Erleben von Rassismus bei Eltern und Kindern benannt. Gerade in diesem Bereich fehlt es häufig an Strategien, um Rassismus einerseits zu begegnen und andererseits Eltern als Erziehungspartner nicht zu verlieren. Ein Appell an Politik und Träger, ihre pädagogischen Fachkräfte gut aus- und fortzubilden, der auch im vorletzten Punkt Gleichstellung des Kita- und Schul-Personals besprochen wird und die Ansiedlung der Fachkräfteausbildung auf mindestens Hochschulniveau empfiehlt.

Leitbild der Kindheitspädagogik

Bezüglich des zukünftigen Leitbildes der Kindheitspädagogik wird die Frage aufgeworfen, ob die derzeitige Optimierung der frühen Kindheit bis in das Jahr 2040 noch aufrechterhalten werden kann oder ob nicht ein gegenläufiger Prozess, wie der einer Entschleunigung, möglicherweise Einzug in ein zukünftiges Leitbild halten wird.

Lebenswelten von Kinder und Antworten der Kitas auf veränderte Lebenswelten

Derzeitige Lebenswelten weisen immer noch Kinderarmut und Gewalt auf. Die ExpertInnenrunde geht davon aus, dass diese Themen auch 2040 noch bestehen werden. In diesem Zusammenhang ist es ist bedeutsam, Kinderrechte zu stärken, was am Ende des Films ausführlicher diskutiert wird. Wichtig erscheint, ein Bewusstsein in der Gesellschaft für die Lebenswelten der Kinder zu schaffen. Betont wird zudem, dass Kinderarmut ein Abbild gesellschaftlicher Armut ist und somit vor allem eine politische Frage. Dieses Thema kann nicht im Rahmen frühkindlicher Bildung und Betreuung gelöst werden, so Betz. Veränderte Lebenswelten von Kindern sind jedoch auch von hohen Betreuungsbedarfen geprägt. Diese könnten sich durchaus als Handlungsbedarf in Kitas niederschlagen, so Hartwig. Sie benennt beispielsweise längere Betreuungszeiten oder auch Übernachtungsmöglichkeiten in der Kita, um Familien zu unterstützen.

Auf Schatzsuche, Kind heute und 2040, Bildungsziele und Grundkompetenzen

Die Diskussionsrunde betont, dass Fachkräfte verstärkt ressourcenorientiert handeln sollten, um die Potenziale beim Kind zu fördern. Das Kind benötigt in seiner Entwicklung eine individuelle Förderung, die genormte Verläufe hinter sich lassen darf. Ebenso wird über die Schwelle der Einschulung diskutiert und hervorgehoben, dass sich der Weg von der Kita zur Schule zukünftig zu einem gleitenden Übergang entwickeln soll. Der Ansatz, das Kind als aktiven Ko-Konstrukteur wahrzunehmen, sollte weiterhin, so Hartwig, in Bildungszielen enthalten und ausgebaut werden. Durch Erfahrungs- und Bildungsräume werden Entwicklungsmöglichkeiten ausgebaut und PädagogInnen können sich mit persönlichen Stärken einbringen. Beziehungsarbeit und Bindungsaufbau werden auch im Jahre 2040 die Grundkompetenzen erzieherischen Handelns ausmachen. Gleichwohl sollten vermehrt Kooperationen mit externen Fachleuten aufgebaut werden, um das Angebotsportfolio zukünftig in Kitas anzureichern.

Auf was kann verzichtet werden?

Bei dieser Frage betont die Runde, dass es zukünftig vielmehr um Umverteilung von Anforderungen geht, in dem unterschiedliche Ressourcen einzusetzen sind, wie z.B. die oben benannten Kooperationen oder Möglichkeiten aus dem Bereich der Digitalisierung für z.B. administrative Bereiche genutzt werden, um pädagogische Fachkräfte zu entlasten.

Qualitätsmessung der pädagogischen Arbeit in 2040

Dieser Punkt wird kontrovers diskutiert. Einerseits, so Lüthje und Betz, sollte zunächst in den Blick genommen werden, was gute Qualität ausmacht und wer nach guter Qualität fragt. Die Expertinnen betonen, dass Qualitätsmessung sich demnach einer multiperspektivischen Sichtweise bedienen muss, da sich Qualität, abhängig von den Einrichtungen und Interessenten, auf unterschiedliche Schwerpunkte beziehen kann. Hartwig gibt zu bedenken, dass sich Qualität in der Art der Erziehungspartnerschaft mit Eltern und in der Beziehungsarbeit zu Kindern zeigt, was schwer messbar, sondern vielmehr erlebbar sei. Ebenso wird von Burow darauf hingewiesen, dass ErzieherInnen sich selbstbewusst zeigen sollten und nicht im bereits bestehenden „evidenzbasierten Messwahn […]“ zu „[…] nachgelagerten Erfüllern fremdbestimmter Qualitätsanforderungen werden“. Gleichwohl betonen er und Lüthje, dass Qualitätsmessungen auch sinnvoll sein können, insbesondere vor dem Hintergrund der durchaus messbaren strukturellen Rahmenbedingungen, wie z.B. der Fachkraft-Kind-Schlüssel.

Fazit

Der Pädagogik-Talk „Die Kita der Zukunft“ von Kurt Gerwig erlaubt den ZuschauerInnen, in mögliche Zukunftsszenarien einzutauchen. Die Runde setzt sich aus unterschiedlichen Bereichen der frühkindlichen Pädagogik zusammen, sodass das Thema „Die Kita der Zukunft“ aus der Praxis, der akademischen Welt und auch aus unternehmerischer Sicht erörtert werden kann. Gemeinsam überprüfen die ExpertInnen Gerwigs Hypothesen aus unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen.

Die einzelnen Sequenzen sind klar voneinander abgegrenzt, in sich strukturiert und sowohl für Fachleute als auch für Eltern gut verständlich und informativ. Gerwig gelingt es in diesem Pädagogik-Talk auch herausfordernde Aspekte, wie z.B. „Roboter in Kitas“ zu benennen und die Zuschauenden durch eine interessante Diskussion zu führen. Das sogenannte Prognosebarometer fordert die ExpertInnen auf, sich kurz und bündig einer speziellen Frage zu widmen und ist stilistisch als kurzer spannender Break gut eingesetzt.

Ein wertvoller Beitrag, der sich durch gelungene Moderation und spannende Aspekte auszeichnet. Er eignet sich gleichermaßen für die Aus- und Fortbildung pädagogischer Fachkräfte, für pädagogisch Interessierte und für Eltern.


Rezensentin
Edith Biedenbach
Sozialpädagogin (B.A.) und Erzieherin
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Zitiervorschlag
Edith Biedenbach. Rezension vom 22.10.2018 zu: Kurt Gerwig (Hrsg.): Die Kita der Zukunft. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2018. DVD, 60 Minuten. Pädagogik-Talk 05. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24542.php, Datum des Zugriffs 15.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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