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Eckart Altenmüller: Vom Neandertal in die Philharmonie

Cover Eckart Altenmüller: Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Springer (Berlin) 2018. 511 Seiten. ISBN 978-3-8274-1681-0. 24,99 EUR.
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Thema

Der Titel „Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann“ (als Untertitel des Buches) eröffnet eine weit über das Individuum hinausgehende Perspektive auf das vielfältige Themengebiet der Musik.

  • Wie entfaltet Musik ihre Wirkung?
  • Was geht dabei in unserem Gehirn vor?
  • Fördert Musik die Intelligenz?
  • Dient sie dem Gruppenzusammenhalt?
  • Teilt Musik Emotionen mit?

„Dieses Buch erklärt die zahlreichen Wirkungen von Musik auf Fühlen und Denken, auf die Organisation von Gruppen sowie auf unsere körperliche und geistige Gesundheit. Im ersten Teil des Werkes werden die evolutionären Grundlagen der Musikwahrnehmung und des Musizierens dargestellt. Die faszinierenden neuen Erkenntnisse zu den positiven, aber auch den negativen Auswirkungen intensiven Musizierens auf das Nervensystem werden geschildert. Glücklicherweise macht Musik nur selten krank – viel wichtiger sind die bislang noch gar nicht ausgeschöpften heilenden Potenziale und die große Macht der positiven Emotionen, die durch Musik ausgelöst werden. Mit diesen erfreulichen und zukunftsweisenden Aspekten schließt das Buch“, das jede Person ansprechen wird, die Liebe zur Musik empfindet, sei es als Musizierende Person oder als Hörer*in (angelehnt an: www.springer.com/de/book/978382741681, 16.09.2018)

Autor

Eckart Altenmüller ist Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Im Jahr 2013 „ist er mit dem Wissenschaftspreis Niedersachsen als herausragender Wissenschaftler einer Universität ausgezeichnet worden. Nach dem Medizinstudium in Tübingen, Paris und Freiburg/Brsg. und dem zeitgleichen Musikstudium an der Musikhochschule Freiburg (Hauptfach Querflöte, Klasse Nicolèt, später Klasse Bennett) promovierte Altenmüller 1983 über die Gangentwicklung bei Kleinkindern. Während der Assistenzzeit in der Abteilung für klinische Neurophysiologie in Freiburg entstanden die ersten Arbeiten zur Hirnaktivierung beim Musikhören. Von 1985 bis 1994 absolvierte Altenmüller an der Universität Tübingen die Facharztzeit für Neurologie und habilitierte“ „1992 im Fach Neurologie“.

Seit der Berufung nach Hannover 1994 sind zahlreiche Arbeiten zum auditiven und sensomotorischen Lernen, zur Störung der Musikverarbeitung nach Schlaganfällen und zur emotionalen Verarbeitung von Musik entstanden. Seit 2003 sind die neuropsychologischen Grundlagen der Gestaltung des emotionalen Ausdrucks beim Musizieren ein weiteres wichtiges Forschungsthema. Altenmüller hat über 250 Fachpublikationen verfasst und ist Mitglied zahlreicher nationaler und internationaler Gremien. Im Jahr 2005 wurde er zum Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften ernannt. Seit 2015 ist er Vizepräsident der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. (www.springer.com/de/book/9783827416810#aboutAuthors, 16.09.2018).

Aufbau

Der Autor stellt in fünf Kapiteln folgende Bereiche vor:

  1. Das Wesen der Musik,
  2. Musik hören – Musik entsteht im Kopf,
  3. Musik machen,
  4. Musik fühlen und
  5. Mit Musik helfen.

Es finden sich Tonbeispiele zur sinnlichen Erfahrbarmachung, historische Abbildungen, Textboxen („Intermezzo“ für, bei Bedarf, vertiefende Informationen), (physiologische) Schaubilder (Bsp: Aufbau des Ohres, S. 130, Hörfelder des menschlichen Ohres für Sprache und für Musik, S. 96, Ursprung der Musik, S. 462), Notenbeispiele, Hervorhebungen sowie anregende Zitate.

In einer Coda, d.h. musikwissenschaftlich als angehängter, ausklingender Teil einer musikalischen Bedeutungseinheit zu betrachten, fasst Altenmüller wesentliche Aussagen seines fast 500 Seiten umfassenden Werkes zusammen.

In einem Glossar beschreibt der Autor elementare Begriffe; ein Sachverzeichnis listet sowohl Termini als auch Autoren auf.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Hier wird nicht chronologisch (wie im Aufbau beschrieben) vorgegangen, sondern Teilaspekte werden herausgegriffen und gegenübergestellt.

Musik für Alt und Jung

Musik kann zum einen gemeinschaftliche Gefühle ermöglichen (S. 459), zum anderen Einsamkeit vertreiben (S. 459), die Alt und Jung gleichermaßen überkommen kann.

Sowohl selbst musizieren als auch singen wirke selbstbelohnend, was einerseits einen starken emotionalen Reiz verkörpert, denn Glückshormone (Endorphine) werden ausgeschüttet (S. 311). Andererseits bewirkt Musizieren physiologisch bereits nach der ersten Unterrichtsstunde „eine enge Vernetzung zwischen den Bewegungs- und Hörregionen“ (S. 335).

Aber was stellt Musik überhaupt dar? Wie definiert Altenmüller diese? „Musik sind bewusst gestaltete, in der Zeit gegliederte und nichtsprachliche akustische Ereignisse in sozialen Zusammenhängen“ (S. 9). Musik als nichtsprachliche Kommunikation zur Verständigung auf mehreren Ebenen (S. 9) kann „emotionale Räume eröffnen“, die mit Worten nicht beschrieben werden können (S. 459). Musik kann dazu dienen und beitragen, die Welt und das Leben besser zu verstehen und zu ertragen (S. 9.).

Musik begleitet uns von der Wiege bis zur Bahre und ist nach Ferrucio Busoni so zitiert Altenmüller gar „Teil des schwingenden Weltalls“ (S. 83, nach Busoni bezüglich des „Entwurfs einer neuen Ästhetik“, 1974).

Rhytm is it

Am Anfang steht nach Altenmüller die Musik (S. 460). „Musik ist Teil eines uralten emotionalen Kommunikationssystems, das wir in Ansätzen mit vielen Säugetieren teilen“ (S. 460). Altenmüller sieht die historischen Ursprünge der Musik in dem Bedürfnis nach „Trost, Vergessen und bedingungsloser Gemeinschaft“ begründet (S. 461).

Die zeitliche Organisation von Musik dagegen „erfolgt über ihre Zeitstruktur“ (S. 127), was mit Rhythmus und Metren geschieht. Rhythmus wird definiert „durch die zeitlichen Verhältnisse von drei aufeinanderfolgenden Ereignissen“ (S. 127). „Das Metrum ist die einer Gruppe von aufeinanderfolgenden Tönen zugrunde liegende gleichmäßige Pulsation“ (S. 127). Musik entfaltet sich in der Zeit und das Gedächtnis stellt eine „wichtige Voraussetzung“ dar „um Musik wahrzunehmen und zu genießen“ (S. 183).

Musik, insbesondere der Rhythmus entlastet(e) auch durch Tranceerlebnisse von den Bürden der Existenz. Früher waren dies koordinierte Gruppenaktivitäten, (S. 64) - wie rhythmisch basierte, schwere handwerkliche Arbeitsprozesse, wie z.B. „Holzstämme bewegen“ - belegen. Diesbezüglich wird das Beispiel der Besiedelung Australiens genannt (S. 64). „Eine verlässliche Gruppenbindung, ein intensiver Gruppenzusammenhalt (S. 67), welche(r) durch gemeinsame Tänze gefestigt wurde, war wahrscheinlich mindestens so wichtig wie der Werkzeuggebrauch. Aus dieser Sicht hatte Musik somit eine zentrale Bedeutung für das Überleben von Homo sapiens“ (S. 66).

Musik für alte, auch pflegebedürftige Menschen

Musik ist für viele Menschen sehr wichtig (S. 459). Musik kann in schweren Stunden seelischen Trost geben, erquicken und heilen (S. 401 f.).

Für die Pflege von demenziell veränderten Personen in Pflegeheimen oder in der ambulanten Betreuung sei erwähnt, dass Altenmüller darauf hinweist, dass besonders für dieses Klientel Musik eine besondere Bedeutung hat, denn selbst mit „weit fortgeschrittener Alzheimer-Demenz“ erinnern sich die Menschen „häufig noch an Melodien, während andere Gedächtnisinhalte, wie Worte, Namen von Angehörigen oder Alltagsfertigkeiten, schon längst verblasst sind“ (S. 122).

Die Förderung musikalischer Aktivitäten dieser Bevölkerungsgruppe (hoffentlich seitens der Betreuungseinrichtung mit Hörsystem ausgestattet, Anm. der Rezensentin) schildert Altenmüller, indem er diese Art der Aktivierung als hilfreiche „angereicherte Umgebung“ umschreibt (S. 435), welche auch der Prophylaxe dient (S. 450). Diese Umgebung gestattet, sofern professionell umgesetzt (Anm. d. Rezensentin) auch eine „motorische Aktivierung“ (S. 450), welche bezüglich neurologischer Veränderungen prophylaktisch wirken kann.

Musik kann das Leben bereichern. Für ältere Menschen kann sowohl musikalische Bildung als auch das gemeinschaftliche Erleben von Musik im Rahmen der stationären Altenpflege beispielsweise vermittelt durch musikgeragogisch geschulte Fachkräfte, gar zur Steigerung der Lebensqualität führen (S. 484).

Die Fachdisziplin der Musikgeragogik beschäftigt sich mit musikalischer Bildung sowie mit musikbezogenen Vermittlungs- und Aneignungsprozessen im Alter (S. 484). Bezüglich dieser Fachdisziplin erwähnt Altenmüller, dass sich das Fach der Musikgeragogik, „begründet“ von Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel, auf den „inneren Reichtum älterer Menschen“ fokussiert und „aus der Lebenserfahrung“ geschöpfte „Kraftquellen anspricht“ (S. 411).

Musikhören sei ein „aktiver, konstruktiver Prozess, der auf Vorerfahrungen beruht und durch Lernen verändert werden kann. Die am Musikhören beteiligten neuronalen Netzwerke sind dafür individuell verschieden und spiegeln vor allem die persönliche Hörbiographie wider“ (S. 186).

Die feinmotorische Kontrolle der Hände kann sich im Alter verringern, aber die „auf Musik spezialisierten Hirnregionen“ müssen nicht zwangsläufig gelitten haben, sondern es wird – im Gegenteil – durch musikalische Anregung das Gedächtnis trainiert (S. 463).

Musik für junge Menschen, hier: Kinder

Musizierende Kinder demgegenüber lernen schneller die Muttersprache wie auch Fremdsprachen (S. 463). Kinder welche musikalische Anregungen erhalten, selber Musik zu machen „hören die emotionalen Zwischentöne sprachlicher Äußerungen besser heraus“, was die Förderung emotionaler Kompetenz bei Kindern zunehmend unterstützt. Des weiteren führt dies „zu einer raschen Vernetzung der an der Wahrnehmung beteiligten Hirnareale“ (S. 463).

Zudem ermöglichen Elemente wie „Imitation, Zuhören, Abschauen, Vorspielen und Nachspielen“ das Nachahmungslernen. Das „mentale Üben“ (S. 294), basierend auf der physiologischen Grundlage der Aktivitätsmuster von Spiegelneuronen (S. 292 f.), mache das physiologische „Common Coding“ aus, was Folgendes mit sich bringt: „Hören trainiert das Bewegen und Bewegen trainiert das Hören; auf diese Weise verfeinern sich Bewegungsmuster und auditive Wahrnehmung gegenseitig“ (S. 292; 490).

Die Studienergebnisse von Sebastian Kirschner werden vorgestellt, der herausfand, dass sich Kinder die musizierten, kooperativer verhielten als Kinder, die sich anstatt dessen mit gemeinsamen Hüpfspielen beschäftigten (S. 63), was zur Aussage bewegt, dass Musik den Zusammenhalt verstärkt und „ein Gefühl der Einheit“ bewirkt und scheinbar zum „enormen evolutionären Erfolg unserer Spezies“ beiträgt (S. 63).

So haben es musizierende Kinder in einer lauten Umgebung leichter, Sprache zu verstehen (S. 450), was vermutlich nicht nur für die Schulsituation von Bedeutung sein kann, so die Annahme. Gemeinsames Musizieren fördert anscheinend „die emotionale Kompetenz von Kindern“, genauso wie die Tendenz, dass sie „kooperativer und hilfsbereiter“ seien (S. 450).

Altenmüller plädiert auch aufgrund der zunehmenden Digitalisierung dafür, den Kindern Schutzzonen, bzw. Reservate für Emotionen, frei von medialer Überflutung zuzugestehen. Er sieht es als Pflicht von Erziehenden „Kindern die Schlüssel für diese Reservate an die Hand zu geben“ (S. 465).

Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum“ (Altenmüller zitiert Nietzsche, S. 459).

Da Musik in „zahlreichen sozialen Kontexten stattfindet“, erfüllt diese „häufig auch soziale Funktionen“ (S. 73). Von Sprache unterscheidet sie sich nach Altenmüller, da Musik, abgegrenzt von Sprache „keine Dinge der äußeren Welt“ beschreibt (S. 73). Sprachlich ist verständlich was mit der Aussage: „Die Sonne scheint“ gemeint sei, aber nur musikalisch kann „das positive Lebensgefühl an einen warmen, sonnigen Frühlingstag“ vermittelt werden (S. 73). Musiker sprechen somit in Klängen (S. 335). Musik bringt bereits in den ursprünglichen Ansätzen universelle emotionale Kommunikation in sozialen Kontexten mit sich (S. 461 f.).

Gehörbildung: „Die Bildung des Ohres ist wichtiger als die der Hand“ (S. 174)

Altenmüller erstellte ein leicht nachvollziehbares, plausibles Schema, welches visualisiert, dass Musik als Sprachträger „Gedächtnisbildung“ erlaubt (S. 462.). Dafür ist eine „Gehörbildung“ unerlässlich (S. 165ff), welche durch „Anpassung an akustische Bedingungen die auditiven neuronalen Netzwerke“ verändern kann (S. 174), denn „Musik ist ein komplizierter zusammengesetzter Reiz“ (S. 184), der es ermöglichen kann, Schlaganfallpatienten zu helfen und zu therapieren (S. 419).

Musiktherapeutische Maßnahmen und Übungen von Fähigkeiten und Fertigkeiten als Behandlungsmethode ermöglicht durch „Neuroplastizität“ neurologische Veränderungen der Hirnorganisation (S. 464), was therapeutisch neue Perspektiven eröffnet, gar als Heilmittel (S. 66) dienen kann. Eine verbesserte Körperabwehr, Lösung von Ängsten, Linderung von Schmerzen als auch die Stimmungsaufhellung sind möglich (S. 66). Dies ist alles nur, bzw. besser möglich, sofern das Ohr Musik mittels „lebensrettenden Hörens“ (S. 106) als Schall, durch das Medium Luft (S. 83f) hirnphysiologisch im rechten Hirnareal, im „Musikzentrum“, (S. 144) verarbeiten kann, was Altenmüller auf 110 Seiten körperphysiologisch und anhand der Neuroanatomie ausführlich erläutert (S. 83 ff.) Er weist auf das „scharfe Ohr“ am Morgen und das veränderte „müde Ohr“ am Abend bezüglich der Musikwahrnehmung hin (S. 165), und erläutert die Wichtigkeit des Trainings der Gehörbildung durch „Anpassung und Übung“ (S. 166), welches neuronale Netzwerke formt (S. 165).

Der Play-it-again-Sam-Effekt (S. 122)

Auf das „musikalische Langzeitgedächtnis“ mit der „Musikbibliothek im Kopf“ (S. 121) kann dann noch im hohen Alter zugegriffen werden, wenn derartige Musik, oder nur „Klänge eines Motivs“ (S. 121) ertönen. Dies gestattet, sowohl die Erinnerung an frühere Hörsituationen, als auch die dabei empfundenen Emotionen, womöglich gar „das ganze Lebensgefühl einer Lebensepoche“ aus dem Gedächtnis hervorzuholen (S. 122). Im „stabilen“ (S. 184) Langzeitgedächtnis können „starke emotionale Wirkungen von Musik“ ausgelöst werden, denn emotionale Erlebnisse prägen sich „besonders gut im Gedächtnis ein“ (S. 184). Hilfreich dafür ist nicht nur die Gehörbildung, auf die bereits eingegangen wurde, sondern (nicht nur für Berufsmusiker wird hier angenommen) auch rein physiologische Aspekte der Bewegungslehre (Mechanik, Muskeln S. 268) eine wertvolle Hilfe darstellen, die eine Sensibilisierung des physiologisch wahrnehmbaren Körpergefühls vermitteln können (S. 216). Therapeutische Effekte werden erzielt, welche zur „Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung psychischer und körperlicher Gesundheit“ von Bedeutung sind (S. 484).

Musik im Gruppenkontext

Musik unterstützt vom ersten Wiegenlied an soziale Bindungen, sie fördert die Gruppensynchronisierung, z.B. beim Tanz was der Gruppenbindung dienlich ist, wie William McNeill herausgefunden hat. McNeill führte kulturgeschichtliche Untersuchungen über die sozialen und evolutionären Funktionen der Bewegungssynchronisation aus, so Altenmüller (S. 66). „Der vielfältige Gebrauch von Musik in sozialen Zusammenhängen“ spricht für die zentrale Funktion der Musik „bei der Organisation von Gruppen“ (S. 67).

Beim Tanzen wird, zusätzlich zur Freude an der Betätigung, vermehrt das Neurohormon Oxytocin aus der Hirnanhangsdrüse ausgeschüttet, was die Gedächtnisbildung stabilisiert (S. 66).

Musik erhöht das Wohlbefinden und löst Glücksgefühle, z.B. wegen der Gruppenstärkung, aus (S. 9 und 464). Auch aufgrund „rhythmisierter Liedformen“ (S. 64), wie Matrosenlieder, Dreschgesänge, Lieder wenn gesponnen wird, fördern Singen und rhythmisierte Klangerzeugung, rhythmisiertes Atmen; sie kann gar zu einem euphorisierenden Bewusstseinszustand führen (S. 64).

Diskussion

Frühere Hörerfahrungen, sowohl Lieder aus Kindheit und Jugend, als auch z.B. Orientierungen im Straßenverkehr, welcher überlebenswichtige akustische Informationen bieten, ermöglichen – so Altenmüller - „auditive Szenenanalyse“ (S. 107) bis ins hohe Alter – vorausgesetzt, altersbedingte Hörminderungen werden mittels Hörsystem kompensiert, sei hier von der Verfasserin ergänzt. Altenmüller erwähnte nur mit der knappen Aussage: „Musikhören erfordert ein funktionierendes Gehör“ diesen Sachverhalt (S. 184), der vermutlich ausführlicher nicht mehr ins Buch passte. Physiologisch wie auch altersbedingt erfolgte Hörminderungen mit einem Hörsystem zu kompensieren, fokussiert auf den Themenbereich Musik – dazu könnten gern im nächsten Buch von Eckart Altenmüller Ausführungen folgen.

Bereits jetzt, mit steigender Tendenz, leben etwa 5,4 Millionen Menschen mit einer indizierten Schwerhörigkeit in Deutschland [1]. Interessant wäre erörtert zu bekommen, wie sich für diesen Personenkreis Themenfelder wie: Musik hören, Musik machen, Musik fühlen und mit Musik helfen, darstellen.

Altenmüller ist versiert, das Thema Musik von verschiedensten Seiten zu entfalten: historisch, physiologisch, sozialpsychologisch, individualpsychologisch, soziologisch und letztlich gar politisch.

Ein im Buch aufgeführtes Zitat von Einstein aus dem Jahr 1934, der sich kritisch zur Marschmusik äußert, lässt die Verfasserin beklommen, trotzdem begeistert vom Buch zurück. Bei der Erstellung des Buches waren die aktuellsten Ereignisse, konkret das Rechtsextremisten in Deutschland aufmarschieren, auch von Marschgesängen begleitet, noch nicht absehbar. Mit dem folgenden Zitat ist selbst die politische Aktualität des Buches gegeben: „Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde“ (S. 270, Altenmüller zitiert Einstein). Auch an diesem Beispiel zeigt sich der große historische Wissensschatz des Autors, der vielfältigsten Facetten um das Thema Musik beschreibt, rückblickend bis zur Besiedelung Australiens vor 40.000 Jahren (S. 64), was sich dennoch tatsächlich mit aktueller Relevanz zeigt.

Dieses Buch liefert eine komplexe Darstellung der Thematik: „Musik war immer wichtig für das, was uns Menschen ausmacht, nämlich für unsere Fähigkeit, in Gruppen zu agieren und miteinander zu kommunizieren“ (S. 464). Musik kann gestern, heute und in Zukunft das Sozialleben organisieren (S. 9), so ganz aktuell abschließend zu positiven gesellschaftspolitischen Effekten für den deutschsprachigen Raum. Das Werk zeichnet sich durch a) transparent dargestellte, allgemeine wissenschaftliche Erkenntnisse, b) die Beschreibung Alternmüller's entwickelter Theorien und auch c) praxisorientierte Schilderungen aus. Durch vielfältige Aspekte werden dem Lesenden weitere Perspektiven und neue Zusammenhänge dargestellt, mit denen sich Altenmüller klar positioniert, insbesondere bezüglich der heilenden Potenziale durch Musik, die seiner Ansicht nach zukünftig noch intensiver ausgeschöpft werden sollten.

Fazit

Das Buch zeigt sowohl für Musikliebhaber*innen als auch für alle darüber hinaus Interessierte auf und erläutert anschaulich, woher Musik stammt, wie Musik wirkt, warum Musik wirkt und beschreibt grundsätzlich die immense Bedeutung von Musik. Sie ist somit zum einen elementar für das Individuum zum anderen für die Gesellschaft, was Eckhart Altenmüller versteht in benannten Kontexten darzustellen und herauszuarbeiten. Hierbei wesentlich ist das Zur-Verfügung-Stellen von Tonbeispielen, welche über QR-Code abrufbar sind. So werden Aussagen des Buches multimedial sinnlich erfahrbar gemacht.

Da ohne Musik „das Leben ein Irrtum“ sei, (Altenmüller zitiert Nietzsche, S. 459), sollte das Buch als Standard- und Nachschlagewerk Musiktherapeut*innen, Musikpädagog*innen, Musikgeragog*innen, Akustiker*innen, Pädakustiker*innen und Logopäd*innen dienen, so die Auffassung der Rezensentin. Mitarbeiter*innen in Pflegeheimen und Kitas wird der Appell mitgegeben, dass „Musik eine menschliche Notwendigkeit ist und ein Teil unseres Lebens“ sei (S. 464 f.), welche vom Wiegenlied bis zur Bahre für die überwiegende Anzahl von Menschen von elementarer Bedeutung ist.

Das lesens- und hörenswerte Buch (mit stabilem, wohl langlebigem Buchrücken) eignet sich für vorgenannte Berufsgruppen und Institutionen sowie für alle an Musik interessierten Menschen. Das Werk, welches sich lohnt, noch an die nächste Generation weitergegeben zu werden, auch da die Gratwanderung zwischen Faktenwissen und Anwenderwissen ausgewogen ist, stellt sowohl in dem wahrlich bereichernden Umfang als auch in der Inhaltsfülle eine Rarität auf dem Sektor dar.


[1] www.biha.de/media/Presse-Infos/180517_PM_Minist_Prien_unterst_Ausb_im_HW.pdf (16.09.2018)


Rezensentin
Dipl.-Sozialwirtin Christina Maiwald
Soziologin M. A., Studienrätin
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Zitiervorschlag
Christina Maiwald. Rezension vom 19.10.2018 zu: Eckart Altenmüller: Vom Neandertal in die Philharmonie. Warum der Mensch ohne Musik nicht leben kann. Springer (Berlin) 2018. ISBN 978-3-8274-1681-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24544.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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