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Rudolf Likar, Günther Bernatzky u.a. (Hrsg.): Lebensqualität im Alter

Cover Rudolf Likar, Günther Bernatzky, Georg Pinter, Wolfgang Pipam, Herbert Janig, Anton Sadjak (Hrsg.): Lebensqualität im Alter. Therapie und Prophylaxe von Altersleiden. Springer (Berlin) 2017. 422 Seiten. ISBN 978-3-662-53100-6. 49,99 EUR.
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Thema

Dieses Buch „für einen beschwerdefreien Lebensabend“ setzt sich in einer erweiterten und aktualisierten Neuauflage mit dem Thema des Älterwerdens und den daraus resultierenden Änderungen der Befindlichkeit auseinander. Nach einleitenden Kapiteln über grundlegende Aspekte der Lebensqualität, des Lebensstils werden veränderte Bedürfnisse thematisiert. Es werden demographische Prognosen entfaltet, biologische Grundlagen des Alterns erläutert und verschiedene im Alter oft auftretende Krankheitssymptome beschrieben. Moderne Therapieformen häufiger Alterskrankheiten werden vorgestellt.

Weitere Kapitel sind der Behandlung der krankheits- und therapiebedingten Beschwerden und den Nebenwirkungen und der Vorbeugung altersbedingter Leiden gewidmet. Ausführlich wird eine umfassende Studie zu Schmerz im Alter dargestellt. Ergänzt wurden in der 2. Auflage Kapitel zur Verhaltenstherapie, Spiritualität, Gedächtnistraining, Harninkontinenz und Chemotherapie im Alter. Das Buch wendet sich an Ärzte, die ältere Menschen behandeln, Pflegekräfte in der Langzeitbetreuung und an Betroffene und Angehörige (angelehnt an: www.springer.com).

Autoren/Herausgeber

Die sechs in Österreich ansässigen Herausgeber widmeten dieses Buch ihren jeweiligen Kindern. Die Herausgeber sind:

  1. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Likar, Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, Landeskrankenhaus Klagenfurt
  2. Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky, Naturwissenschaftliche Fakultät, Universität Salzburg
  3. Prim. Dr. Georg Pinter, Abteilung für Akutgeriatrie, Klinikum Klagenfurt
  4. Dr. Wolfgang Pipam, Landeskrankenhaus Klagenfurt
  5. Dr. Herbert Janig, Gesundheits- und Pflegemanagement, FH Technikum Kärnten
  6. Univ.-Prof. Dr. Anton Sadjak, Institut für Pathophysiologie und Immunologie, Medizinische Universität Graz

42 weitere Beitragsautor*innen wurden beauftragt, Kapitel zur „Lebensqualität im Alter“ zu übernehmen.

Aufbau

Das Buch behandelt geriatrische Themen der Therapie und Prophylaxe von Altersleiden, fokussiert in Bezug auf den Begriff der Lebensqualität.

  • Kapitel I „Allgemeines“
    Hier werden zum einen biologische Grundlagen des Alterns und dessen Relevanz für Lebensqualität beschrieben, zum anderen demographische Prognosen zur voraussichtlichen Altersverteilung in den nächsten Jahren. Mit „Zukunft – Altern(n) – Lebensqualität“ schließt Kapitel I.
  • Kapitel II „Lebensstil und Bedürfnisse im Alter“
    Ernährung, Pharmakotherapie, aktiver Lebensstil, Musik und Gesang im Alter, umweltbedingte Gefährdungen der Lebensqualität, Spiritualität und Religiosität im Alter und des Alters, „Kommunikation im Alter“ und „Alter und Literatur – Leben und Lesen“ werden im Kapitel II beschrieben.
  • Kapitel III „Rechtliches und Ökonomie“
    Die Patientenverfügung und die Sterbehilfe werden unter diesem Gliederungspunkt auf 27 Seiten beschrieben, dann folgt der Themenbereich: Ethik, Sterbehilfe, Grundlagen und Gesetze und mit dem Themenbereich „Gesundheitsökonomie“ wird Kapitel III beendet.
  • Kapitel IV „Alterserscheinungen“
    Dieses Kapitel beschreibt die pathophysiologischen Veränderungen im Alter, die psychiatrischen Erkrankungen im Alter, Alterssyndrome, neurologische Probleme im Alter und das Thema „Geistig fit bis ins hohe Alter“.
  • Kapitel V „Schmerz im Alter“
    Hier werden Schmerzphysiologie und Schmerzepidemiologie thematisiert, Lebensqualität generell beschrieben, Schmerz im Alter, der Stellenwert von invasiven Schmerztherapiemethoden, Kopfschmerz, muskuloskelettaler Schmerz im Alter, Osteoporose und u.a. eine ökonomische Betrachtung von orthopädischen Operationen im Alter.
  • VI „Gynäkologie und Onkologie im Alter“
    Betrachtet werden die Frauenheilkunde in Bezug zur Lebensqualität, die Früherkennung und Vorsorge gynäkologischer Tumore, Harninkontinenz, die Lebensqualität bei betagten krebskranken Menschen und abschließend die Verhaltenstherapie bei onkologischen Patienten.
  • Abschließend Kapitel VII „Pflege und Hilfsmittel im Alter“Eine diplomierte Gesundheits- und Krankenschwester beschreibt hier Lebensqualität im Alter. Heilberufe und Hilfsmittel im Alter folgen und mit der Darstellung: „Elektronische Hilfsmittel für diagnostische Zwecke – aktuelle Ansätze und zukünftige Herausforderungen“ enden die Beiträge.

Jedes Kapitel schließt mit Hinweisen zur Literatur. Abbildungen wie z.B. zur Nährstoffversorgung (S. 42) oder zu „kardiovaskulären Biomarkern“ (S. 165) veranschaulichen die Texte. Infoboxen verdeutlichen Aussagen zum Praxisteil, in Tabellen werden Begriffe, z.B. im Zusammenhang mit der Sterbehilfe, verdeutlicht (S. 141). Der Serviceteil besteht aus einem fünfseitigen Sichtwortverzeichnis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Der alte Mensch in der Gesellschaft
Es wird der Mythos des Generationenkrieges entmachtet, der nach Auffassung von Reinhold Popp in Deutschland und in Österreich nicht stattfinden wird (S. 32). Viel wichtiger scheint lebensbegleitende Bildung (S. 34), insbesondere aber ökonomische, gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen zu gewährleisten, um kreative Zukunftsplanung anstatt Zukunftsangst (S. 35) zu ermöglichen.

Das Alter; die Ressourcen
Kalendarisches Altern, biologisches Altern, biographisches Altern sowie soziale, situative und systemische Aspekte beim Altern werden vorgestellt (S. 216f). Ferner werden Strategien zum „erfolgreichen Altern“ aufgeführt (S. 219). Es wird betont, was die Kommunikation angeht, wie wichtig es für das Pflegepersonal ist, Vertrauensbrücken aufzubauen (S. 382) und den Patienten nicht nur mit Defiziten zu sehen (S. 384). Die Selbstbestimmung des Patienten ist jederzeit zu wahren (S. 384). „In einer Organisation, die Heiterkeit, Inspiration, Respekt und Achtsamkeit vorlebt, wird jeder einzelne Mitarbeiter ernst genommen und braucht keine Gewalt, keine Macht auszuüben“ (S. 385).

Lebensqualität
Biologische Grundlagen des Alterns und dessen Relevanz für die Lebensqualität, demographische Prognosen zur voraussichtlichen Altersverteilung und Lebensqualität werden im ersten Teil, eher allgemeineren Teil dargestellt.
Möglicherweise kann das Auftreten von Alterungserscheinungen aufgrund fortschreitender Forschung vermindert werden (S. 12), um die Lebensqualität im Alter im Sinne eines aktiven Alterns zu ermöglichen. Fest steht: „Qualitätsfaktor Nummer eins ist die Gesundheit“ (S. 29). Sie hängt ab von der „genetischen Veranlagung und der Lebensgeschichte und der Umgebung“ (S. 170). Und: „Jede positive Änderung im Lebensstil ist eine Chance, unser Leben zu verbessern“ (S. 170).
Soziale und geistig-seelische Bedürfnisse des alternden Menschen zu erfüllen, wird durch das Kapitel „Musik und Gesang im Alter“ beschrieben und dabei verdeutlicht, dass sich die Lebensqualität durch Musizieren und Singen heben kann (S. 76). Empirische Befunde, das Instrumentalspiel und die Effekte durch Singen werden vorgestellt. So leistet das Singen „einen großen Beitrag in der Bekämpfung von Komorbidität und Sekundärerkrankungen“ (S. 76). Musik hat emotionalisierenden Einfluss und hilft, die Isolierung von kranken Menschen in höheren Lebensaltern zu überwinden (S. 77).

Kommunikation
Die Kommunikation mit alten oder sehr alten Menschen wird im Beitrag von Marina Kojer ausführlich behandelt. Danach ist Kommunikation eng mit Lebensqualität verknüpft, da der Mensch ein soziales Wesen ist (S. 100). Klare Worte folgen: „Menschen mit fortgeschrittener Demenz brauchen die körperliche Nähe anderer Helfer. Personen, die ihre körperliche Distanziertheit nicht überwinden können, eignen sich nicht für die Betreuung schwer dementer alter Menschen.“ (S. 105).
„Verstehen und verstanden werden“ bildet die Basis guter Lebensqualität und es ist frustrierend, wenn dies unerfüllt bleibt, nicht nur emotional, sondern weil es mit dem Nachlassen der Sinnesorgane einhergeht (S. 100). Ein Partner verstirbt und „Selbstverständlichkeiten und damit die gemeinsame Sprache“ gehen verloren (S. 100). Auch aufgrund der Beschleunigung in allen Lebensbereichen wird bzw. isoliert sich der alte Mensch zunehmend in der Gesellschaft, wird zum „wenig geliebten Fremden“, die Verletzlichkeit nimmt zu, wo doch nach Buber „alles wirkliche Leben Begegnung sei“ (Kojer zitiert Buber 1999, S. 12) (S. 101).
Die Umgebung zeigt womöglich „Mängel in Haltung und Einstellung“, „unpersönliches, rein sachliches Verhalten“, „Kommunikation von oben nach unten“, im eigenen ungeduldigen Tempo und dem fatalen Verzicht auf nonverbale Kommunikation. Dies alles ist nicht förderlich für eine angemessene Begegnung mit Hochbetagten (S. 103).
Kojer zeigt in aller Ausführlichkeit auch noch die Kardinalfehler der Kommunikation mit demenzkranken alten Menschen auf. Dazu gehören „falsche Freundlichkeit“, Besserwisserei, das Gegenüber „wie ein Kind behandeln“, „Abblocken von Gefühlen“ – letztlich um schnell weitermachen zu können. Berührungsängste wie auch das Unterschätzen der demenziell veränderten Personen stellen kommunikative Hemmnisse dar.
Wieder unterstützt den Leser/ die Leserin ein Infokasten, welcher Praxistipps zur Begegnung mit Hochbetagten auflistet. Diese gilt es sich anzueignen, um Kardinalfehler in der Kommunikation mit alten Menschen zu vermeiden (S. 103). Die Beschäftigung mit alten, auch kranken Menschen kann helfen, „unser eigenes Leben besser zu verstehen, es mehr zu achten, es bewusst zu leben“ (S. 121), schreibt Harald Retschitzegger in seinem Beitrag „Alter und Literatur – Leben und Lesen“, denn dies „macht auch etwas mit uns“ (S. 121).

Diskussion

Der Lebensstil und die Bedürfnisse im Alter, inkl. umweltbedingter Gefährdungen der Lebensqualität und auch „Alter und Literatur“ werden auf 86 Seiten entfaltet. Von A wie aktiver Lebensstil, über S wie Sexualität (allein, S. 87 oder gemeinsam S. 81f: „Use it or lose it“, S. 87), bis Z, wie Zeitwohlstand behandelt das Buch alle lebensrelevanten Themen.

Der Beitrag von Gerald Gatterer „Sexualität im Alter“ (Biologie der Sexualität im Alter, psychologische Faktoren, soziale Faktoren, kontextuelle Faktoren und Fazit für die Praxis) ermöglicht dem Leser/der Leserin, sich fachlich fundiert über die Thematik, z.B. bei einer Dienstbesprechung im Pflegeheim, auszutauschen, sofern dies Buch im Dienstzimmer als Gesprächsgrundlage vor Ort ist.

Am Beispiel des Themas Kommunikation mit dem geriatrischen Patienten zeigt sich, wie hilfreich es ist, auf theoretischer Basis die handlungsorientierte Praxis vorgestellt zu bekommen. Die Autorin Marina Kojer verdeutlicht die Besonderheiten in der Kommunikation mit alten oder sehr alten Menschen, welche leider häufig „Mängel in Haltung und Einstellung“ (S. 101) aufweist. Um dies zu vermeiden sind auf das Ausführlichste Beispiele dargestellt. Praxistipps für die Begegnungen mit Hochbetagten (S. 103) und auch mit demenzkranken alten Menschen (S. 104) in einem Infokasten sind hilfreich sowohl für Experten als auch für Laien.

Aus Sicht der Rezensentin ist als positiv hervorzuheben, dass ein Thema wie Lebensqualität fundiert und aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven facettenreich dargestellt ist, wofür den diversen Autoren unterschiedlichster Fachbereiche zu danken ist.

Selbst juristische (Patientenverfügung) und ökonomische Aspekte (am Beispiel der Hüftfraktur, S. 147) kommen nicht zu kurz. Alles Erdenkliche an Themenspektren, was unter den Begriff der Lebensqualität für alte oder sehr alte Menschen subsumiert werden könnte, wird im rezensierten Buch dargestellt, um beim Lesenden eine anregende Reflexion der vielfältigen Themenbereiche zu ermöglichen.

Fazit

Das aktualisierte und neuaufgelegte Buch mit Softcover (aus dem Springer Verlag, „Printed by Printforce, the Netherlands“) ist, abgesehen von dem sich leicht lösenden Buchrücken (lose Seiten, zumindest im ersten Rezensionsexemplar), mit 43 Abbildungen und zahlreichen Tabellen auf über 420 Seiten, inkl. Stichwortverzeichnis empfehlenswert.

Das Buch stellt ein beispiellos umfassendes Nachschlagewerk bezüglich des geriatrischen Patienten, seines Umfeldes, seines Bedarfes z.B. an Heil- und Hilfsmitteln, insbesondere im Hinblick auf das „schillernde Konstrukt“ Lebensqualität (S. 235) dar.

Das gesamte Spektrum an Faktoren und Einflussgrößen der Lebensqualität im Alter in Bezug zu Therapie und Prophylaxen von Altersleiden wird allgemeinverständlich und ausführlich in der 2. Auflage erfasst und beschrieben.

Für interessierte Leser*innen, die auch an österreichischen Perspektiven interessiert sind, kommt das strukturiert und schlüssig aufgebaute Buch einer wahrlich lohnenswerten Fundgrube gleich.


Rezensentin
Dipl.-Sozialwirtin Christina Maiwald
Soziologin M. A., Studienrätin
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Zitiervorschlag
Christina Maiwald. Rezension vom 21.12.2018 zu: Rudolf Likar, Günther Bernatzky, Georg Pinter, Wolfgang Pipam, Herbert Janig, Anton Sadjak (Hrsg.): Lebensqualität im Alter. Therapie und Prophylaxe von Altersleiden. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-53100-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24546.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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