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Manuela Brandstetter: Zum organisations­pädagogischen Gestalten von Jugendarbeit

Cover Manuela Brandstetter: Zum organisationspädagogischen Gestalten von Jugendarbeit. Das Reden über lokaltypische soziale Probleme ländlicher Gemeinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 244 Seiten. ISBN 978-3-7799-3911-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Das Buch basiert auf einer vergleichenden Multiple-Case-Study über sechs ländlich strukturierte Kommunen in Niederösterreich. Gegenstand der Arbeit sind kategorisierende Wahrnehmungsschemata, die sich in spezifischen Redeweisen über Jugendprobleme und -hilfen sowohl bei den Jugendlichen selbst als auch bei kommunalen Schlüsselpersonen vor Ort identifizieren lassen. Darauf aufbauend entwickelt die Autorin Möglichkeiten der sozial- und organisationspädagogischen Einflussnahme und schlägt praxisnahe Gestaltungsmöglichkeiten für die Jugendhilfe und -arbeit in den Gemeinden vor.

Autorin

Privatdozentin FH-Prof. Mag. Dr. Manuela Brandstetter ist Sozialarbeiterin, promovierte Soziologin und hat im Fachbereich Erziehungswissenschaften habilitiert. Sie lehrt an zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen und forschte mehrere Jahre am Arlt Institut. Derzeit bekleidet sie eine Professur an der Fachhochschule Burgenland, Österreich.

Entstehungshintergrund

Grundlage der Veröffentlichung ist die Habilitationsarbeit der Autorin. Diese basiert auf insgesamt 16 Community Studies zur sozialräumlichen Arbeit in ländlichen Regionen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in fünf Hauptkapitel unterteilt, die der theoretischen Grundlegung der Studie, der Darstellung des Forschungsvorhabens und dessen Ergebnisse dienen. Abschließend werden Thesen zur Jugendarbeit und -hilfe entwickelt und weiterführende Überlegungen für die Gestaltung dieser in ländlichen Gemeinden vorgestellt.

Manuela Brandstetter beginnt ihre Ausführungen in der Einleitung mit dem zentralen Satz, „dass die Gestaltung und Organisation von sozialen Unterstützungsprozessen in ländlichen Gemeinden einer Differenzierung entlang von kommunalen bzw. regionalen Parametern bedürfe“ (Brandstetter S. 7). Sie bezieht sich dabei auf Hans Gänglers Monographie „Soziale Arbeit auf dem Lande“ und kennzeichnet damit den zentralen Ansatzpunkt ihrer eigenen Arbeit. Wie Gängler teilt Manuela Brandstetter die Auffassung, dass sozialpädagogische Hilfesettings in ländlichen Räumen stets die besondere Rolle ländlicher Sozialbeziehung zu erfassen und verstehend zu reflektieren haben, um eine bloße Reduktion dieser auf infrastrukturelle Versorgung zu vermeiden. Damit markiert sie nicht nur den Ausgangspunkt, sondern auch den Anspruch ihrer eigenen Arbeit: es geht um nichts Geringeres als die systematische empirische Erforschung des Sozialen in ländlichen Räumen und der organisationspädagogischen Erkundung von Anschlussmöglichkeiten für Hilfehandlungen auf kommunaler Ebene.

Demgemäß bietet das zweite Kapitel eine Einführung in das Feld der Community Studies, wobei bestehende empirische und theoretische Desiderate der Gemeindeforschung im deutschsprachigen Raum markiert und die Bedeutung des Ortes für die gesellschaftliche Praxis wechselseitigen Hilfehandelns hervorgehoben werden. Dabei folgt die Autorin einem Verständnis von Gemeinde als räumliche und sozialkulturelle Herstellungspraxis, in der sich im Lokalen gesamtgesellschaftliche Prozesse widerspiegeln und die durch regional divergierende Normen und Werte bestimmt wird.

Im dritten Kapitel legt die Autorin die heuristischen Grundlagen ihrer Forschungsarbeit und expliziert ihr methodologisches und methodisches Vorgehen. Unter zu Hilfenahme sprachanalytischer Elemente der kulturtheoretischen Überlegungen Clifford Geertz und Bourdieus Konzepten von Habitus, Praxis, Feld und Doxa, wird Hilfe unter den Bedingungen der Dispositionen von Helfenden, ihrer kulturellen Verortung und in ihrer konkreten Herstellungspraxis betrachtet. Neben konversationsanalytisch ausgewerteten Einzel- und Gruppeninterviews wurde ein breitangelegter ethnografischer Zugang zum öffentlichen Sozialleben und den damit verbundenen Diskursen in den jeweiligen Gemeinden gewählt. Das empirische Material wird mittels der „Membership Categorization Analysis“ (Sacks 1992) ausgewertet, die u.a. in der interaktionistisch-ethnomethodologischen Soziologie Anwendung findet. Das Kapitel schließt mit umfassenden Fallrekonstruktionen der einzelnen Untersuchungsgemeinden zum Zeitpunkt der Forschungsanbahnung.

Kapitel vier dient der ausführlichen Darstellung der in den Gemeinden anzutreffenden Problemdiskursen zu Kindern und Jugendlichen bzw. deren Familien sowie den in Sprachbildern dargestellten diesbezüglichen Lösungs- und Hilfeansätzen:

Seitens der befragten Expert*innen und Verantwortungsträger*innen werden die Problemursachen tendenziell einzelnen, durch verschiedenartige Fremdheitskonstruktionen unterschiedenen, Jugendlichen und deren Familien zugeschrieben. Die Konstruktion der Problemträger*innen geht dabei mit Tendenzen zur Typisierung und Kategorisierung einher (4.1); auch in den Sprachbildern von befragten Jugendlichen zeigen sich solche Fremd-Eigen-Konstruktionen, wobei auch hier den Anderen, den Fremden, die Problemverursachung zugeschrieben und ein niedrigerer sozialer Status attestiert wird. Diese gewohnheitsmäßigen, distinktiven Zugehörigkeitskonstruktionen wurzeln in sozial geteilten Denkschemata der Gemeinden bzw. der Region (4.2).

Für die untersuchten gemeindlichen Hilfe-Praxen (4.3) ist ein zeitnahes und unbürokratische Helfen, als ein konkretes Tun, über das wenig Aufhebens gemacht wird, typisch. Dabei geht es weniger um das Helfen an sich, als vielmehr um den sozialen Nutzen, den dieses leistet. Hilfe in gemeindlichen Kontexten vollzieht sich nach den Regeln des sozialen Tausches und setzt Zugehörigkeit voraus. Zu den vorab als nicht-zugehörig klassifizierten Personen muss indes erst ein Zugang herstellt werden. Bereits mit dem auf die „Anderen“ Zugehen sind Aspekte des Helfens an sich verbunden. Ebenso wie die Helfer*innen machen auch die Hilfe-Adressat*innen ihren sozialen Status zum Gegenstand ihrer Narrationen und legitimieren die erhaltene Leistung durch Bedürftigkeitskonstruktionen. Neben „Sozialeingebundenen“ lassen sich Gruppen soziale exkludierter Personen finden. Letztere fühlen sich wenig integriert und berichten von mangelnder sozialer Anerkennung sowie nicht gewährter Leistungen in den jeweiligen Kommunen.

Die als (sozialer) Tausch konzipierte Hilfe (4.4) „muss […] dem Anspruch auf Gegenseitigkeit Rechnung tragen; sie darf nicht nur nützen und genützt werden, sondern wird in der Regel als Investition in eine funktionierende Gemeinde dargestellt“ (Brandstetter S. 161). Hilfe-Handlungen erfolgen im Rahmen informell-formeller sozialer Netzwerke, stellen Gemeinsamkeit her, dürfen auf individueller Ebene nicht eigennützig sein, aber vom Kollektiv strategisch genutzt werden, wenngleich real existierende soziale Ungleichheitsverhältnisse nicht verändert, sondern als bestehende soziale Ordnung reproduziert werden (4.5). Ausführungen darüber, wie aus Betroffenen- und Entscheider*innenperspektive über Hilfe in den Gemeinden gesprochen wird beschließen die differenziert herausgearbeiteten Ergebnisse.

In Kapitel fünf stellt die Autorin die Ergebnisse ihrer Untersuchung nochmal zusammenfassenden dar und bildet darauf aufbauend Thesen zur Jugendhilfe und -arbeit in den untersuchten Gemeinden.

Die Arbeit endet mit einem abschließenden Fazit in Kapitel sechs, in welchem die Ergebnisse zum sozialen, administrativen und soziohistorischen Gefüge der Gemeinden in Bezug gesetzt, organisationspädagogisch gerahmt und reflektiert werden. Unter Zuhilfenahme der eingeführten bourdieuschen Kategorien gelingt es die Gemeinden bzw. Regionen sozial- und erkenntnistheoretisch als soziale Räume empirisch zu erfassen und die handlungsleitenden, gewohnheitsmäßigen Selbstverständlichkeiten, welche das soziale Miteinander und Hilfehandeln präformieren, herauszuarbeiten. So wird sichtbar, „dass Gemeinden weder ausschließlich als politisch-administrative Institutionen, noch als Dienstleistungsorganisationen beschreibbar sind. Vielmehr offenbarten sie sich als historisch gewachsene Prozesse der Gestaltung von bestimmten Abläufen“ (ebd., S. 215).

Diskussion

Manuela Brandstetter hat mit diesem Buch eine äußerst anregende, theoretisch fundierte und empirisch differenzierte Studie zum Hilfehandeln in ländlichen Kommunen vorgelegt. Die Arbeit ist stringent aufgebaut, gut lesbar und gibt wirklichkeitsnahe Einblicke in das soziale Gefüge ländlicher Kommunen. Damit leistet sie nicht nur einen innovativen Beitrag zur vergleichenden Hilfeforschung, sondern auch einen weiteren Baustein zu den raren Erkenntnissen über die soziohistorischen, konjunktiven Erfahrungsräume ländlicher Gemeinden.

Fazit

Die Arbeit liefert empirisch begründete Erkenntnisse über die regionale Artikulation sozialer Probleme und den damit in Beziehung stehenden Hilfepraxen. Mit Hilfe neuerer sozial- und organisationspädagogischer Ansätze gelingt es, die raumbezogenen Wechselwirkungen zwischen lokalen Sinnbildungsprozessen in den soziohistorisch verankerten Sozialgefügen ländlicher Kommunen und die vor Ort sichtbar werdenden Problemkonstruktionen, konkreten Hilfehandlungen und sozialen Gestaltungspraxen rekonstruktiv sichtbar zu machen.


Rezensentin
Prof. Dr. Angela Wernberger
Professur für Soziologie und empirische Sozialforschung an der Kath. Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abt. Münster
Homepage www.katho-nrw.de/muenster/studium-lehre/lehrende/ha ...
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Zitiervorschlag
Angela Wernberger. Rezension vom 23.09.2019 zu: Manuela Brandstetter: Zum organisationspädagogischen Gestalten von Jugendarbeit. Das Reden über lokaltypische soziale Probleme ländlicher Gemeinden. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3911-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24555.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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