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Pia Lehmkuhl: Die temporäre Experten­organisation

Cover Pia Lehmkuhl: Die temporäre Expertenorganisation. Voraussetzungen, Gelingensbedingungen und Hemmnisfaktoren von Projekten im Bereich Studium und Lehre an deutschen Hochschulen. Logos Verlag (Berlin) 2018. 324 Seiten. ISBN 978-3-8325-4680-9. D: 41,00 EUR, A: 42,10 EUR.
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Thema

Wie kann es gelingen, dass Wissen aus innovativen Projekten des „Qualitätspakts Lehre“ über die Projektzeit hinaus zur Verbesserung der Lehre und zu organisationalem Lernen genutzt wird?

Autorin

Dr. Pia Lehmkuhl ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin sowie Lehrkraft für besondere Aufgaben im Fachgebiet Bildungsmanagement der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg tätig.

Entstehungshintergrund

Im Kontext „Qualitätspakt Lehre“ in Deutschland hat es viele projektförmige Initiativen und Maßnahmen zur Verbesserung der Lehre gegeben. Da der Zeitraum der Förderung zunächst 2020 endet, stellt sich absehbar die Frage der nachhaltigen Wirkung der eingesetzten Mittel. Die Dissertation geht dazu drei Fragestellungen nach (S. 10):

  • „Wie kann es gelingen, die von den eigentlichen Organisationsroutinen abgekoppelten Projekte in langfristige Strukturveränderungen zu überführen?“
  •  „Welche Faktoren begünstigen oder hemmen eine nachhaltige Implementation der gewonnenen Erkenntnisse?“
  • „Welche Rolle spielen das Verhalten der Leitungen und die organisationale Verankerung der Projektinitiativen?“

Empirische Basis sind leitfadengestützte Experteninterviews zu Voraussetzungen, Gelingensbedingungen und Hemmnisfaktoren von Projekten im Bereich Studium und Lehre. Das Sampling besteht aus 14 Personen aus 8 unterschiedlichen Projekten mit unterschiedlichem Fördervolumen (S. 121). Die Projekte gehören sowohl zur ersten als auch zur zweiten Förderphase des Qualitätspaktes.

Aufbau

Das Buch besteht aus zehn Kapiteln. Die Autorin führt die Lesenden zunächst mit einem einleitenden Kapitel durch den Aufbau der Arbeit. Im Kapitel 2 wird das Thema aufgespannt beginnend mit den aktuellen Rahmenbedingungen der Hochschulreform mit Schwerpunkt beim „Qualitätspakt Lehre“. Dieser hat zu einer Fülle projektförmig finanzierter Maßnahmen im Bereich Studium und Lehre geführt.

Im Kapitel 3 werden zunächst konzeptionelle Grundlagen des Projektmanagements dargestellt. Neben der Entwicklung vom Instrumentenkoffer für Projekte zum regelrechten Projektmanagement im Laufe der Zeit (Kapitel 3.1), werden Herausforderungen, Erfolgsfaktoren und Hindernisse für das Gelingen von Projekten dargestellt. Im Kapitel 3.2 bettet Lehmkuhl das Thema Projektmanagement in organisationstheoretische Ansätze ein und geht auf die Bedeutung von Projekten als Innovationsmotoren für Changeprozesse ein. Sie expliziert insbesondere die Theorie der temporären Organisation (3.2.2). Kapitel 4 bezieht das Thema auf Universitäten mit ihrer speziellen Organisationsform der lose gekoppelten Expertenorganisation, die sich vielfältigen Veränderungsansprüchen ausgesetzt sieht. Dabei legt Lehmkuhl den Fokus auf Projekte im Leistungsauftrag Lehre. Kapitel 5 und 6 behandeln die Entwicklung der empirisch zu beantwortenden Fragestellungen und stellen das methodische Vorgehen dar.

Kapitel 7 und 8 gehen auf die Experteninterviews ein, identifizieren „erfolgreiche“ Projekte (Kapitel 7.2) und behandeln die Fragestellung „Was passiert nach den Projekten?“ (Kapitel 7.3).

Im 9 und 10 Kapitel folgen Diskussion und Gestaltungsempfehlungen für neue Organisationsroutinen und -strukturen, die die dauerhafte Implementation von Projektergebnissen fördern könnten.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Universitäten haben Erfahrungen mit projektförmiger Finanzierung von Forschung. Durch den Qualitätspakt Lehre mit seiner projektförmigen Finanzierung entstanden an vielen Hochschulen neue zeitlich begrenzte „temporäre Expertenorganisationen“ mit dem Auftrag, sich um Verbesserung der Lehre zu kümmern. Die Ergebnisse sollten in den Stammorganisationen deren Regelaufgabe unterstützen, die Lehre zu verbessern (S. 99). Lehmkuhl kritisiert, dass zu viele Projekte im Bereich der Studieneingangsphase angesiedelt seien, an vorhandenes Wissen nicht angeschlossen und zu selten thematisiert würde, was in Hochschulen mit den Ergebnissen nach Ablauf der temporären Projekte geschieht.

Die geführten Interviews verweisen auf Probleme, die mit der projektförmigen Bearbeitung von Themen in Organisationen einhergehen, auf strukturelle Probleme der projektförmigen Finanzierung in Hochschulen und auf Themen der individuellen Laufbahngestaltung im Wissenschaftsbereich.

Lehmkuhl geht auf ein, Projekten grundsätzlich anhaftendes, Problem ein. Ihnen wird einerseits zugeschrieben, dass sie Innovationsmotoren sein können. Andererseits könne ein Auslagern von Problemen in Projekte dazu beitragen, dass die Probleme nur scheinbar gelöst werden. Eine nachhaltige Nutzung neu erworbenen Wissens und Transfer zurück in die Stammorganisation stoße oft auf Widerstand oder werde erst dann möglich, wenn die oberste Leitung der Organisation dies explizit fordere. Daran schließe sich die Frage an, welchen Beitrag Projekte leisten können, wenn die Möglichkeiten dieses Top-Down Anstoßens in universitären Hochschulen eher gering ausgeprägt sind.

Die gängigen Finanzierungsbedingungen trügen zu einer eher geringen Nutzung von Ergebnissen bei. In den Anträgen für Projekte müsse der innovative Charakter stark hervorgehoben werden. Auch lasse das deutsche System das Kumulieren von Ressourcen von Bund und Land nicht zu. Ein Anknüpfen an bereits vorhandenes Wissen über gute Lehre werde damit eher verhindert als gefördert.

Ein weiterer Aspekt verweist auf Personalmanagement bzw. -entwicklung. Projektförmigkeit gehe oft mit befristeten Arbeitsverträgen einher. Dies führe dazu, dass Mitarbeitende sich wenig mit der Stammorganisation identifizieren, sich schon vor Ende des Projektes von diesem abwenden, und rechtzeitig neue (Anschluss-)Stellen bzw. ein neues Projekt suchen bzw. suchen müssen. Besonderes Engagement im Leistungsbereich der Lehre zu Lasten der eigenen Forschung wiederum kann sich im Wissenschaftssystem als nachteilig erweisen.

Die Empfehlungen von Lehmkuhl beziehen sich auf unterschiedliche Ebenen: Weiterentwicklungen wie agiles Projektmanagement sollten bei der Konstruktion der Projekte berücksichtigt werden, andere Stellenzuschnitte seien zu entwickeln, eine systematische Mischung von internem, unbefristetem Personal der Stammorganisation und „Gästen“ in Projekten sei anzustreben, so dass Know-how über Personen in die Organisation zurückfließen kann. Auch sei eine bessere strukturelle Anerkennung durch Lehrdeputatsreduktionen wünschenswert, wenn Mitarbeitende sich in der Lehre besonders engagieren.

Diskussion und Fazit

Der Buchtitel gibt Experten und Expertinnen Hinweise auf die interessante Verbindung der Themen „Projektmanagement“ und organisationales Lernen in „Expertenorganisationen“: Er weitet das Thema „Projekte an Hochschulen“ zum Thema der „temporären Organisation“ aus und fokussiert dann auf die organisationale Besonderheit von temporären Projekten in Expertenorganisationen zu denen wiederum die Hochschulen zählen.

Auch im Aufbau der Arbeit vollzieht die Autorin eine öffnende und anschliessend wieder schliessende Bewegung: vom System Hochschulreform und theoretischen Grundlagen des Projektmanagements zu Projekten in Hochschulen und den konkreten wissenschaftlichen Mitarbeitenden aus den temporären Expertenorganisationen, den geförderten Projekten.

Um sich in das Thema „Projektförmigkeit“ an Hochschulen einzuarbeiten, ist der Bogen eher zu weit gespannt. Das Thema Projekte hätte weniger Rahmung durch die Hochschulreform benötigt. Die Einbettung in eben diesen Rahmen gibt der Diskussion allerdings eine interessante Vertiefung zu organisationalem Lernen und verweist auf Handlungsspielräume der Leitungen. Trotz Verortung im deutschen Hochschulwesen sind die Ausführungen auch für andere Länder anregend, sofern es den Rezipienten und Rezipientinnen gelingt, von den konkreten Rahmen- und Finanzierungsbedingungen in Deutschland zu abstrahieren.

Das Buch ist sicher lesenswert für Mitarbeitende, die sich auf die Übernahme einer Leitungsfunktion in einem Projekt an einer Hochschule vorbereiten. Und es ist sicher auch lesenswert für Leitungspersonen, die ein Projekt initiieren möchten und mit strukturellen Massnahmen die Nachhaltigkeit der Nutzung von Ergebnissen befördern wollen. Das Buch hätte allerdings eine sprachliche Überarbeitung verdient, die es dichter und präziser machen könnte.


Rezensentin
M Sc Hanne Bestvater
Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Hochschule für Soziale Arbeit (HSA), Studienorganisatorin für den Bachelor Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Hanne Bestvater. Rezension vom 15.11.2018 zu: Pia Lehmkuhl: Die temporäre Expertenorganisation. Voraussetzungen, Gelingensbedingungen und Hemmnisfaktoren von Projekten im Bereich Studium und Lehre an deutschen Hochschulen. Logos Verlag (Berlin) 2018. ISBN 978-3-8325-4680-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24565.php, Datum des Zugriffs 27.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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