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Christian Lummer: Teamleitung in der Pflege

Cover Christian Lummer: Teamleitung in der Pflege. "Wir statt ich": Führen Sie mit Vertrauen, Loyalität und Wertschätzung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2018. 165 Seiten. ISBN 978-3-89993-958-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Autor

Dr. Christian Lummer ist Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge. Er arbeitet als Berater und Trainer in Krankenhäusern sowie der Alten- und Behindertenhilfe.

Entstehungshintergrund

Der Autor begründet seinen Ansatz mit dem, vermeintlich, geringen Bindungsgrad deutscher Arbeitnehmer an ihr Unternehmen. Diese Begründung verwundert etwas, da die Pflege zweifelsohne eine besondere Branche ist, die kaum mit der gewerblichen Wirtschaft vergleichbar ist. Zudem handelt es sich beim „Bonding“ und „Retention-Management“ um spezielle HR-Strategien, die sich nach Branchen und sogar einzelnen Unternehmen stark unterscheiden. Richtig ist jedoch, dass gerade Pflegeteams oft heterogen zusammengesetzt sind und es daher Sinn macht, die Führungskräfte auf diese Aufgaben vorzubereiten.

Aufbau

Neben Vor- und Schlusswort finden sich ein umfängliches Literaturverzeichnis sowie ein kurzes Register (Schlagwortverzeichnis). Das Buch hat ein gelungenes Layout mit blau unterlegten Kästen, in denen Beispiele und besonders wichtige Aussagen wiedergegeben sind. Zudem gibt es viele Abbildungen, Tabellen und Checklisten, die entsprechend hervorgehoben sind. Man könnte den Aufbau als deduktiv bezeichnen, das heißt vom Allgemeinen zum Speziellen: Ausgangspunkte, Erwartungen, Leitung und Stellvertretung, Aufgaben und Herausforderungen bis zum „Werkzeugkoffer“. Etwas ungewöhnlich ist die Diktion, da der Autor im Konversationsstil schreibt und den Leser immer wieder anspricht: „Wahrscheinlich haben Sie sich …“. Zudem besteht der größte Teil des Textes aus Aufzählungen und Aneinanderreihungen, wie man sie im Unterricht als Tafelanschrieb findet.

Inhalte

1. Zur Situation: Ausgangspunkte. Gut ist, dass der Autor mit Definitionen beginnt, zum Beispiel Leitung (Management) und Führung (Leadership) beschreibt, leider aber dann doch wieder undifferenziert als „Führen“ bezeichnet. Es folgt die Beschreibung von Teams und einem personalen Systemmodell. Dem folgt ein Rollenmodell für Teamleiter, beispielweise Entscheider, Moderator oder Coach. Den Schluss bildet die Reflexion »Wo stehen Sie – wo steht Ihre Einrichtung?« Es gibt also keine Bezugswissenschaft, sondern aus vielen sozialwissenschaftlichen Feldern wurden Anleihen gemacht. Allerdings begründet der Autor dies nicht, sondern fügt eher willkürlich oder aufgrund seiner Erfahrungen die Themen aneinander.

2. Leitung im »Sandwich« – Erwartungsklärungen aus verschiedenen Perspektiven. Auf gerade einmal drei Seiten werden Erwartungen abgefragt. Die Fragen stammen augenscheinlich aus Stationsleiterkursen.

3. Leitung und Stellvertretung – ein gutes »Gespann«? Auch für dieses Thema benötigt der Autor gerade einmal dreieinhalb Seiten. Es geht nur ganz kurz um Abstimmung und Rollenverteilung, wobei sich der Sinn des Kapitels nicht erschließt.

4. Was Sie als Teamleitung mitbringen sollten. Man würde jetzt Hinweise zu funktionalen und extrafunktionalen Qualifikationen erwarten, tatsächlich aber werden zunächst einmal Führungsstile im Vergleich geschildert. Die Soft Skills kommen dann aber erst in Kapitel 4.3. In Kapitel 4.2 geht es zunächst um die »Gehirngerechte Führung«, wobei ausschließlich Gerald Hüther zitiert wird. Es wird auch nur aus einer Zeitschrift aus dem Jahr 2009 zitiert; heute sind Forschung und Erkenntnisse zum Neuroleadership deutlich differenzierte und viel weiter fortgeschritten. Es ist fraglich, ob man ein derart komplexes Thema überhaupt hier aufgreifen sollte und falls ja, dann sicherlich nicht so, wie der Autor es gemacht hat. Dies gilt auch für die „besonders wichtigen Fähigkeiten“, die so oberflächlich referiert und vom Autor selbst bestimmt werden, dass man auch zu ganz anderen Strukturen kommen könnte. Nachdem Anders Parment im Jahr 2009 sein Buch „Die Generation Y – Mitarbeiter der Zukunft“ herausgegeben hatte, wurde der Markt überschwemmt mit „Generationen“: von den Babyboomern (vor Freigabe der „Pille“) bis zur Generation Z. Sie alle sollen sich durch bestimmte Attitüden differenzieren lassen. So fragwürdig und meistens widerlegt diese Darstellungen sind, der Autor gibt trotzdem Handlungsempfehlungen, wie mit der jeweiligen Generation umzugehen sei. Könnte hier nicht Max Frischs Andorra-Phänomen aufscheinen?

5. Hilfen für die Leitung: Damit das Rollenspiel gelingt. Schon die Überschrift bringt einen ins Grübeln: Ist Führung nur ein Rollenspiel? Zunächst beschäftigt sich der Autor mit dem Zeitbudget für Führung und der Tatsache, dass sich diese Führenden auch beraten lassen sollten. Dann gibt es verschiedene Führungsformen: kollegial, bottom up und letztlich die Systemvisualisierung.

6. Aufgaben der Teamleitung bewältigen – der Werkzeugkoffer. Jetzt sind wir bei den Instrumenten, dem methodischen Rüstzeug angekommen, das die zweite Hälfte des Buchs umfasst. In zwölf Unterkapiteln wird dieses Instrumentarium vorgestellt: (1) Teamleitung als Vorbild, (2) klassisches Modell der Teamphasenentwicklung, (3) aktuelle Teamsituationen diagnostizieren und bearbeiten, (4) tiefergehende Analysen erstellen und neue Ideen finden (inklusive SWOT- oder SPOT-Analyse), (5) Kontrolle von Zielen, (6) Moderieren mit Profil, (7) Teamkultur mit gemeinsamen Visionen, Regeln und Werten, (8) unterschiedliche Altersgruppen im Team, (9) spielerische Elemente in der Teamentwicklung, (10) Hilfe und Beratung von außen, (11) Führen heißt »reden, reden, reden« und manchmal »Klappe halten« sowie (12) Reflexion: Perspektivwechsel. Wohlwollend könnte man dies als einen bunten, vielfältigen Strauß an Instrumenten bezeichnen.

Diskussion

Nachdem man die Plattitüden im Vorwort wie „TEAM-Arbeit“ bedeutet nicht „Toll, Ein Anderer Macht´s“ hinter sich gelassen hat, erweist sich das Buch erfreulicher Weise als ein praktischer Ratgeber. Mehr sollte man aber auch nicht erwarten. Denn vielfach verliert sich der Autor in Allgemeinplätzen wie der „überalternden Gesellschaft“ oder einer „Kultur der Offenheit“. Es ist ein Arbeitsbuch, in dem im umfangreichen Kapitel 6, das die Hälfte des Umfangs ausmacht, ein „Werkzeugkoffer“ vorgestellt wird. Dessen „Bestückung“ hinterlässt aber eine gewisse Ratlosigkeit, wozu er dienen könnte. Ansonsten gibt es kleinere Fehler in der Gliederung. Überhaupt führt die fehlende Bezugswissenschaft dazu, dass der Autor aus seinen Beratungserfahrungen ein Konvolut von Ratschlägen und Hinweisen zusammengestellt hat, dessen Stringenz kaum erkennbar ist. Sowohl die Themenauswahl als auch deren Anordnung und Darstellung erscheinen doch recht willkürlich erfolgt zu sein.

Fazit

Führungskräfte in der Pflege sind nur selten akademisch vorgebildet und auch nicht immer für ihre Führungsaufgaben ausreichend vorgebildet. Gerade weil das Buch so einfach geschrieben ist, auf reflektorischen Tiefgang verzichtet und mit vielen (Flip Chart-) Abbildungen auch visuell ansprechend das Wissen vermittelt, ist es für diese Zielgruppe geeignet. Fraglich ist jedoch, ob mit dem Buch allein das „Führen lernen“ gelingen kann oder ob es nicht mehr Sinn macht, es seminarbegleitend sowie zur Vor- und Nachbereitung zu nutzen. Als Selbstlernbuch ist es didaktisch trotz aller Abbildungen und Beispiele gerade für Führungsneulinge nicht ausreichend aufbereitet.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 25.09.2018 zu: Christian Lummer: Teamleitung in der Pflege. "Wir statt ich": Führen Sie mit Vertrauen, Loyalität und Wertschätzung. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2018. ISBN 978-3-89993-958-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24566.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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