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Martina Klausner, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Psychiatrie im Kiez

Cover Martina Klausner, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Psychiatrie im Kiez. Alltagspraxis in den Institutionen der gemeindepsychiatrischen Versorgung. Panama Verlag (Berlin) 2012. 135 Seiten. ISBN 978-3-938714-22-5. D: 14,90 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 24,90 sFr.

Reihe: Berliner Blätter - Sonderheft 58.
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Thema

Die Forschung im Bereich Gemeindepsychiatrie stellt aufgrund des erschwerten Zugangs eine besondere Herausforderung dar. Zudem ist der Bereich Psychiatrie heute stark von medizinischer Forschung dominiert. Die ethnographische Forschung hat jedoch nicht zuletzt durch die Beiträge von Erving Goffmann (1961) einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Psychiatrie in den letzten Jahrzehnten geleistet. Die von den AutorInnen durchgeführten Forschungen versuchen, sich dem gemeindepsychiatrischen Feld in Berlin ethnographisch zu nähern, so die Alltagspraxen in den Institutionen zu beobachten und Rückschlüsse auf kollektive Wissensbestände zu ermöglichen.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband ist Teil der Reihe und ein Sonderheft der „Berliner Blätter – Ethographische und Ethnologische Beiträge“, herausgegeben von der Gesellschaft für Ethnographie und dem Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität Berlin. Es entstand als Ergebnis mehrerer studentischer Forschungsprojekte.

Aufbau

Der Sammelband enthält sieben Beiträge, davon eine Einführung in die theoretischen Grundlagen und historischen Hintergründe der Gemeindepsychiatrie sowie sechs Forschungsbeiträge mit verschiedenen Schwerpunkten. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Der erste Beitrag der beiden HerausgeberInnen bietet eine Einführung in den historischen Hintergrund der Gemeindepsychiatrie sowie die theoretische Grundlage für die darauffolgenden Forschungsbeiträge. Dabei skizzieren die AutorInnen die Entwicklung der psychiatrischen Versorgung seit der Veröffentlichung des Berichtes der Psychiatrie-Enquête zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1975. Zentral waren die beiden Grundprinzipien „gemeindenah“ und „ambulant vor stationär“. So sollten die PatientInnen der drei psychiatrischen Anstalten in Berlin mit bis zu 1000 Betten schrittweise in eine ambulante Betreuung und Behandlung außerhalb der Kliniken überführt werden. Dadurch sollte der entstandene Hospitalismus gebessert, diesem vorgebeugt und die Betroffenen in ein gemeindenahes Umfeld integriert werden bzw. in diesem verbleiben können.

Diese Veränderungen sollten langfristig zu einer Unabhängigkeit der psychisch Erkrankten von institutionalisierter Hilfe führen. Die AutorInnen merken jedoch an, dass trotz dieser Umstrukturierungen die Integration psychisch Kranker weiterhin problematisch ist und in der Fachwelt diskutiert wird. Die PatientInnen befänden sich in einer Art „geschützten Parallelwelt“ der gemeindepsychiatrischen Institutionen. Die Gemeindepsychiatrie müsse ständig mit dem Spannungsfeld von Fürsorge und Erhalt der Selbstständigkeit umgehen. Weiter führen die AutorInnen aus, wie schwierig eine Trennung zwischen Normalität und Pathologie im Bereich der Diagnostik psychischer Erkrankungen ist und wie Klassifikationen und Klassifizierte interagieren und so pathologische Zuschreibungen in der Praxis reproduzieren. Die folgenden Forschungsberichte verfolgen dabei einen praxeographischen Ansatz. Sie untersuchen, wie sich Phänomene in der Praxis produzieren und stabilisieren. Der Fokus soll auf der Untersuchung der zuvor beschriebenen Ambivalenzen und deren Aushandlungsprozesse in institutionellen Räumen – verstanden als relationelle Akteurs-Netzwerke – liegen.

Die folgenden ethnographischen Forschungsbeiträge möchte ich kurz zusammenfassen:

  • Der Beitrag von Tillie Kluthe beschäftigt sich mit der Beziehungsgestaltung im betreuten Wohnen für junge psychisch Erkrankte. Die Autorin legt dabei den Schwerpunkt auf die Themen Partnerschaft und Sexualität sowie Nähe und Distanz. Deutlich wird insbesondere, in welcher Form diese Themen im Alltag der Institution zwischen KlientInnen und MitarbeiterInnen jeweils untereinander oder miteinander thematisiert und verhandelt werden.
  • Barbara Holli beschreibt in ihrem Beitrag die Strukturen und Routinen in einer Tagesstätte für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Anhand der Beobachtung eines Ausflugs mit KlientInnen erläutert die Autorin, wie Flexibilität zur Routine in der Einrichtung gehört und wie diese vordergründig widersprüchlichen Konzepte vereinbar sind und praktiziert werden.
  • Den Alltag eines Sozialpsychiatrischen Dienstes untersucht Manuela Georgiew, vor allem unter dem Aspekt wie sich ein „Fall“ in diesem Arbeitsfeld konstruiert. Die Autorin zeigt anhand verschiedener Interaktionssequenzen, wie sich das vorhandene Wissen um einen Fall auf die Durchführung unterschiedlicher Hilfemaßnahmen auswirken kann.
  • Simran Sodhi zeigt in einem englischsprachigen Beitrag über die Alltagspraxen in einer psychosozialen Kontaktstelle, wie sich konzeptionelle Haltungen in Routinen und Regeln äußern können. Es wird deutlich, wie Gemeindepsychiatrie unabhängig von krankheitsbezogenen Hilfestellungen gestaltet wird, aber auch welche Grenzen und Regeln auch in solch niedrigschwelligen Institutionen etabliert sind.
  • Wie das Hören von Stimmen in trialogischen Selbsthilfegruppen diskutiert und klassifiziert wird, untersucht Julie Mewes in mehreren Gruppen des Netzwerks Stimmenhören e.V.. Die Autorin gibt außerdem Einblicke in die Bedeutungszusammenhänge zwischen dem Phänomen des Stimmenhörens, den StimmenhörerInnen, dem sozialen Umfeld und den Institutionen des medizinischen Versorgungssystems.
  • Carolin Genz nimmt in ihrer Feldforschung an Aktivitäten eines gemeindepsychiatrisches Tageszentrums teil und untersucht ihre Beobachtungen unter einer räumlichen Perspektive. Der geschützte Raum des Tageszentrums wird zur Routine für die BesucherInnen und bei Ausflügen gewissermaßen in den öffentlichen Raum übertragen. Die Autorin hinterfragt außerdem, inwieweit die erlernten Routinen im Schutzraum Tageszentrum für eine sozial-gesellschaftliche (Re)integration hilfreich oder behindernd sind.

Diskussion

Die ethnographische Erforschung sozialarbeiterischer Handlungsfelder stellt einen vielversprechenden Weg des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns dar und bietet hilfreiche Impulse für die Weiterentwicklung der Praxis. Besonders in einem sensiblen, immer noch hoch stigmatisierten Feld wie der (Gemeinde)psychiatrie erscheint ein solcher Ansatz als besonders erfolgversprechend und erleichtert einen Zugang zu sonst verborgenen Feldern. Aufgrund der vermuteten Kürze der Feldaufenthalte in den studentischen Forschungsprojekten bleiben die Untersuchungen an manchen Stellen oberflächlich, an denen sich eine tiefere Untersuchung sicherlich gelohnt hätte. Trotzdem können LeserInnen, die in diesem Feld arbeiten, viel Bekanntes wiederfinden und werden gleichzeitig zum Reflektieren angeregt.

Fazit

Der Sammelband bietet sowohl einen weitreichenden Überblick über die Praxis verschiedener sozial- und gemeindepsychiatrischer Einrichtung als auch einen tiefen Einblick in die jeweiligen Routinen und Abläufe. Die in der Ethnographie schon methodisch verankerte Entdeckungslogik scheint für die überwiegend fachfremden AutorInnen ein Vorteil zu sein. Die Beiträge schaffen es nicht selten, auf zentrale Handlungselemente der jeweiligen Praxen aufmerksam zu machen, die nach der Lektüre Sozialarbeitende im Feld zum Nachdenken anregen sollten.


Rezensent
Jonas Richter
Sozialarbeiter/Sozialpädagoge (B.A.) Studierender der Sozialen Arbeit (M.A.), Ev. Hochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Jonas Richter. Rezension vom 22.10.2018 zu: Martina Klausner, Jörg Niewöhner (Hrsg.): Psychiatrie im Kiez. Alltagspraxis in den Institutionen der gemeindepsychiatrischen Versorgung. Panama Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-938714-22-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24569.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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