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Bettina Jansen-Schulz, Conni Kastel: [...] Computerkompetenzen von Jungen und Mädchen

Cover Bettina Jansen-Schulz, Conni Kastel: "Jungen arbeiten am Computer, Mädchen können Seil springen ...". Computerkompetenzen von Jungen und Mädchen. Forschung, Praxis und Perspektiven für die Grundschule. kopaed verlagsgmbh (München) 2004. 157 Seiten. ISBN 978-3-938028-02-5. 14,80 EUR.
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Thema und Anlage der Untersuchung

Untersuchungen zum Thema "Neue Medien in der Schule" hatten bisher zumeist weiterführende Schulen im Fokus. Vor allem geschlechtsspezifische Aspekte des Einsatzes Neuer Medien in der Schule wurden im deutschsprachigen Raum vornehmlich an den Sekundarbereichen des Gymnasiums erforscht. Bettina Jansen-Schulz hat nun im Rahmen des Hamburger BLK-Versuchs "Schwimmen lernen im Netz", ausgehend von einem konstruktivistischen Genderansatz, vier Fragestellungen für Mädchen und Jungen differenziert evaluiert, um diese Forschungslücke zu schließen:

  1. Technikverständnis und Computerverständnis
  2. Computerzugang und Computernutzung
  3. Soziale Kontexte am Computer
  4. Kompetenzen zur Nutzung der Neuen Medien

Anhand von genderorientierten Befragungen, von Beobachtungserhebungen per Video und Tonband sowie teilnehmenden genderorientierten Beobachtungen wurden Kenntnisstand und Zugangsweisen von Mädchen und Jungen bezüglich des Computers sowie die Wirkung von vier eigens konzipierten Unterrichtsmodulen auf die Geschlechterdynamik im Unterricht untersucht. Die Untersuchungsergebnisse von Bettina Jansen-Schulz werden im Buch durch einen Bericht aus der Grundschulpraxis von Conni Kastel komplettiert. Sie war als Modellversuchslehrkraft in zwei der beobachteten und befragten Klassen tätig. Dahinter steht die Absicht einer sich ergänzenden Theorie-Praxis-Reflexion.

Entstehungshintergrund

Die empirischen Untersuchungen von Bettina Jansen-Schulz wurden im Rahmen des Hamburger BLK-Versuchs "Schwimmen lernen im Netz" (www.schwimmenlernenimnetz.de) in den Jahren 2000 bis 2003 durchgeführt. Der Hamburger Modellversuch war Teil des bundesweiten BLK-Programms "Kulturelle Bildung im Medienzeitalter" (www.kubim.de), das 23 Modellversuche in 13 Bundesländern umfasste. Im Hamburger BLK-Versuch "Schwimmen lernen im Netz" wurden Untersuchungen an drei Modellversuchsschulen im Grundschulbereich sowie einer Förderschule und einer Schule für Geistigbehinderte durchgeführt und ausgewertet. Dieser Versuch widmete sich zum einen der Frage, wie die hohe Motivation und Kompetenz, die Kinder im Umgang mit Neuen Medien mitbringen, für ihre Teilnahme am Schulunterricht genutzt werden kann. Zum anderen wurden geschlechtsspezifische Besonderheiten von Mädchen und Jungen im Umgang mit den Neuen Medien in den Blick genommen. Bettina Jansen-Schulz legt in den von ihr durchgeführten Evaluationen den Schwerpunkt auf die Genderperspektive.

Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile, den theoretisch-empirischen Teil von Bettina Jansen-Schulz, der drei Viertel der Publikation umfasst sowie den Praxisbericht von Conni Kastel.

Teil I "Gender und Computerkompetenz in der Grundschule"

  • In Kapitel I.1. (Alte und neue Fragen zu Neuen Medien in der Schule) werden zunächst die Leitfragen der Untersuchung aufgeworfen. Danach wird der Modellversuch "Schwimmen lernen im Netz" vorgestellt und es wird seine Evaluation beschrieben.
  • Kapitel I.2 (Zum Stand der Forschung) liefert einen umfangreichen Überblick zum Stand von feministischer Schulforschung und Genderforschung. Aufgeführt werden auch die gängigsten Stereotype über Geschlechterunterschiede und Computer bei Kindern. Weitere Forschungsergebnisse werden zum Feld Geschlecht und Computer im Sekundarbereich dargestellt.
  • In Kapitel I.3. (Forschungsergebnisse der Eingangsbefragung) werden zunächst Sample und Befragungsmethode vorgestellt. Danach werden die Befragungsergebnisse zu den Komplexen "Technikverständnis", "Technik- und Computerkompetenz - Selbsteinschätzung der Kinder", "Erste Computererfahrungen", "Ort der Computernutzung", "Computerzugang und Computerbesitz", "Computernutzung und soziale Kontakte", "Inhaltliche Computernutzung" sowie "Internet Kenntnisse" dargestellt. Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung werden am Ende des Kapitels zusammengefasst.
  • In Kapitel I.4. (Computerkompetenzen) werden nach einer weiteren theoretischen sowie einer umfangreichen methodischen Einführung die zentralen Ergebnisse der Unterrichtsbeobachtungen dargestellt. Hier liegt der Schwerpunkt darauf, wie hoch die Übereinstimmungen zwischen Mädchen und Jungen in den unterschiedlichen Items (z.B. Produktinteresse, Zielorientierung, Hilfe annehmen u.a.) sind. Die Beobachtungsergebnisse bei der Erprobung des Adventure-Games "Torin«s Passage" werden gesondert behandelt.
  • Kapitel I.5. (Diskussion der Gesamtergebnisse) schließt den ersten Teil der Publikation ab. Noch einmal werden die Gemeinsamkeiten und Differenzen von Mädchen und Jungen bezüglich ihrer Computerkompetenzen dargestellt. Danach werden die zentralen Ergebnisse der Unterrichtsbeobachtungen zusammengefasst und interpretiert. In einem Fazit zum Modellversuch werden "15 Prinzipien geschlechterbewussten Unterrichts mit Neuen Medien" formuliert.

Teil II "Schulprofil: Gender und Computer"

Dieser Teil ergänzt Teil I durch einen Blick in die Grundschulpraxis:

  • In Kapitel II.1. (Standortbeschreibung Schule Rellinger Straße) werden eine der untersuchten Schulen, das Kollegium sowie Prinzipien des Unterrichts, speziell der Medienerziehung und einer geschlechtergerechten Erziehung an dieser Schule beschrieben. Besonders hervorgehoben wird das Konzept der "Cheffinnen und Chefs", das an der Modellschule praktiziert wird.
  • Im letzten Kapitel II.2. (Technische Entwicklungen) wird die Computernutzung an der beschriebenen Schule allgemein sowie an Hand ausgewählter Praxisbeispiele gezeigt. Die Arbeit von Mädchen und Jungen am Computer wird unter dem Fokus "Identität stärken" betrachtet. Abgerundet wird dieser Teil durch Abschnitte zur Internetnutzung in der Schule, zum CheffInnensystem bei der Computernutzung im Klassenzimmer und zum Zusammenhang Medien und Unterrichtsformen.

Zielgruppen

Die Hauptzielgruppe dieses Buches sind Lehrerinnen und Lehrer, die die nach innovativen Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung mit Neuen Medien suchen und die Mädchen und Jungen im Umgang mit diesen Medien individuell fördern wollen. Darüber hinaus sollen interessierte Eltern angesprochen werden.

Kommentar

Der Hauptverdienst des Buches besteht darin, zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum grundlegende Forschungsergebnisse zum Computereinsatz und zu Computerkompetenzen in der Grundschule unter Genderperspektive zu präsentieren.

Es leistet darüber hinaus einen umfassenden Überblick über den Forschungsstand zum Thema Computer und Geschlecht in der Schule. Die durchgeführten Evaluationen liefern interessante Ergebnisse für Wissenschaft und Praxis. Vor allem die Verquickung von Theorie und Praxis macht das Buch ansprechend. Der Methodenteil in Kapitel I.4. ist m.E. jedoch für die Zielgruppen zu ausführlich und fachwissenschaftlich geraten; dieses Kapitel hätte durch eine ausführlichere Darstellung der Untersuchungsergebnisse gewonnen.

Fazit

Nachdem man das Buch von Bettina Jansen-Schulz und Conni Kastel gelesen hat, stellt man sich die Frage, warum eigentlich immer noch häufig davon ausgegangen wird, dass Mädchen weniger Erfahrungen am Computer haben und sich in diesem Technikfeld auch weniger zutrauen als Jungen. Dem Buch gelingt es also, vorhandenen Geschlechtsrollenstereotypen gegenüber eine kritische Aufmerksamkeit zu wecken. Und es zeigt mit seinen aktuellen Forschungsergebnissen, dass heute zumindest im Grundschulbereich Mädchen ebenso wie Jungen technische und Computerkompetenzen besitzen, die durch kreative Computernutzung in offenen Unterrichtsformen für beide Geschlechter weiter gefördert werden können.


Rezensentin
Diplomsoziologin Monika Stürzer
Dozentin an der Fachakademie für Sozialpädagogik München, davor als wissenschaftliche Mitarbeiterin in diversen Projekten des Deutschen Jugendinstituts München
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Zitiervorschlag
Monika Stürzer. Rezension vom 21.02.2006 zu: Bettina Jansen-Schulz, Conni Kastel: "Jungen arbeiten am Computer, Mädchen können Seil springen ...". Computerkompetenzen von Jungen und Mädchen. Forschung, Praxis und Perspektiven für die Grundschule. kopaed verlagsgmbh (München) 2004. ISBN 978-3-938028-02-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2457.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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