socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Fuhr, Katrin Berdelmann: Zeigen

Cover Thomas Fuhr, Katrin Berdelmann: Zeigen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-17-022468-1. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Es gibt Phänomene, die im alltäglichen Leben allgegenwärtig und zugleich von zentraler Bedeutung sind. Sie sind so selbstverständlich, dass sie in der Regel unbeachtet bleiben, erst recht nicht zum Gegenstand von Theorie werden. Dazu gehört das Zeigen, das der Philosoph und Ästhetiker Lambert Wiesing – wie auch die Philosophin Hilge Landweer – im Anschluss an Martin Heidegger als „Sehen lassen“ (2013) definiert und das erst ab 2005 transdisziplinär als wissenschaftliches Thema entdeckt worden ist. Die Sammelbände „Deixis. Vom Denken mit dem Zeigefinger“ (hrsg. v. Heike Gfrereis, Marcel Lepper 2007), „Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens“ (hrsg. v. Gottfried Boehm 2007), „Politik des Zeigens“ (hrsg. v. Karen van den Berg, Hans Ulrich Gumbrecht 2010) und „Zeigen. Dimensionen einer Grundtätigkeit“ (hrsg. v. Robert Schmidt, Wiebke M. Stock, Jörg Volbers 2011) zeugen davon.

Das vorliegende Buch widmet sich dem Zeigen als einem auch pädagogischen Phänomen und schließt damit an erste entsprechende Ansätze (Klaus Giel: „Studie über das Zeigen“, 1969; Alfred K. Treml: „Das Zeigen“, 1996) und vor allem an das Buch „Die Zeigestruktur der Erziehung“ (2015) von Klaus Prange an. Die beiden Autoren wollen „das Zeigen als eine grundlegende pädagogische Praktik, mehr sogar: als die eigentliche pädagogische Kernpraktik in Stellung bringen“ (S. 11).

Autoren

Dr. Kathrin Berdelmann ist seit 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIPF Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (Frankfurt am Main) und seit 2019 kommissarische Leiterin des Forschungsbereichs der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Instituts. Dr. Thomas Fuhr ist seit 2001 Professor an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und derzeit Leiter der Abteilung Erwachsenenbildung/Weiterbildung am Institut für Erziehungswissenschaft der Hochschule. Berdelmann hat 2010 bei Fuhr mit der Dissertation „Operieren mit Zeit. Empirie und Theorie von Zeitstrukturen in Lehr-Lernprozessen“ promoviert, dessen Doktorvater seinerseits 1991 der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange (1939-2029) war.

Beide Autoren gehören zu einer Gruppe von Erziehungswissenschaftlern, die man nach ihrem Gründer Klaus Prange und analog zu anderen Gründern (Herbart, Weniger, Petzelt, Blankertz)Prange-Schule“ nennen kann. Prange stand seinerseits als Schüler von Werner Loch (1928-2010) in der phänomenologischen Tradition dessen Lehrers Otto Friedrich Bollnow (1903-1991). Die Prange-Schule erfüllt die drei maßgeblichen Kriterien, die Peter Kauder in seinem Aufsatz „Wissenschaftliche Schulen in der Erziehungswissenschaft“ (Zeitschrift für Pädagogik 2010) identifiziert hat. Es gibt qua Promotion mehrere „Lehrer-Schüler-Verhältnisse“ (hier in der ersten Generation Thomas Fuhr, Klaudia Schultheis, Gabriele Strobel-Eisele, in der zweiten z.B. Berdelmann), ein „Forschungsprogramm im Sinne einer ausgearbeiteten Theorie“ des Lehrers (Operative Pädagogik) und eine Weiterentwicklung dieses Programms durch den Lehrer und seine Schüler. Der Sammelband „Operative Pädagogik. Grundlegung, Anschlüsse, Diskussion“, den Berdelmann und Fuhr 2009 herausgegeben haben, zeugt genauso von dem dritten Merkmal wie das vorliegende Buch, das im übrigen „in memoriam Klaus Prange“ (S. 9) veröffentlicht worden ist.

Entstehungshintergrund

Neben dem Kontext der Prange-Schule bzw. Operativen Pädagogik hat das Buch noch einen anderen Hintergrund. Es ist die jüngste Publikation in der Reihe „Pädagogische Praktiken“ des Kohlhammer Verlags, die von sechs Erziehungswissenschaftlern der Universitäten Frankfurt (Birte Egloff, Jochen Kade, Frank-Olaf Radtke), Halle-Wittenberg (Werner Helsper), Kassel (Werner Thole) und des Deutschen Jugendinstituts (Christian Lüders) herausgegeben wird und die zentralen pädagogischer Felder abdeckt: die Erwachsenen-, Schul- und Sozialpädagogik.

Bisher erschienen sind in dieser Reihe die Bände „Lehren“ von Andreas Gruschka (2014), „Arrangieren“ von Werner Lindner (2014), „Beraten“ von Cornelia Maier-Gutheil (2016) und „Organisieren“ von Timm C. Feld und Wolfgang Seitter (2017).

Aufbau

Das Buch besteht grob aus drei Teilen. Nach einer Einleitung werden in „Fallbeispiele“ (Kap. 1) drei Formen des Zeigens unterschieden und in „Interdisziplinäre Perspektiven auf das Zeigen“ (Kap. 2) derzeitige Theorien des Zeigens vorgestellt und gewürdigt. Im zweiten und dritten Teil wird das anthropologische Thema auf pädagogische Zusammenhänge enggeführt: erst auf pädagogische Theorieansätze, dann pädagogische Praxisfelder. In „Das Zeigen in der Operativen Pädagogik“ (Kap. 3) wird die zentrale Theorie zum Thema aufgegriffen, in „Zeigen als Praktik“ wird auf eine entsprechende Empirie verwiesen. Die letzten drei Kapitel bzw. der dritte Teil gilt drei weit gefassten Praxisfeldern: das Zeigen hauptsächlich in der Familie (Kap. 4: „Ostensives Zeigen und übendes Lernen“), das „Zeigen in der Schule“ (Kap. 5) und das „Zeigen in der nachschulischen Bildung und Beratung“ (Kap. 5). Das Buch wird mit einem achten Kapitel, „Zusammenfassung und Ausblick“, abgeschlossen.

Inhalt

Kap. 1: Fallbeispiele

Die Autoren unterscheiden drei Formen des Zeigens. Gestisch zeigen wir körperlich (Zeigefinger, Zeigestock, etc.), repräsentativ durch Zeichen (gesprochene und geschriebene Worte, stehende und bewegte Bilder) und indirekt auf etwas jenseits des Zeigegegenstands.

Kap. 2: Interdisziplinäre Perspektiven auf das Zeigen

Perspektiven auf das Zeigen bieten nach Auskunft der beiden Autoren die Philosophie, (genetische) Psychologie und Kulturwissenschaft. Innerhalb der Philosophie stellen sie Überlegungen eines der Phänomenologie (Lambert Wiesing) und eines dem Pragmatismus (Jörg Volbers) verpflichteten Autors vor. Für die Psychologie referieren sie einen phylogenetischen Ansatz (Evolutionspsychologie: Michael Tomasello) und ontogenetische Erkenntnisse (Entwicklungspsychologie). Kulturwissenschaftlich und damit kontextuell verweisen Berdelmann und Fuhr auf einen sozialanthropologischen und einen soziolinguistischen Aufsatz.

Kap. 3: Das Zeigen in der Operativen Pädagogik

Da die beiden Autoren wie gesagt in erster und zweiter Generation Schüler von Klaus Prange sind, gilt seiner Operativen Pädagogik, die die Operation des Zeigens in den Mittelpunkt der Pädagogik stellt, das erste pädagogische und das längste Kapitel des Buches. In dem Aufsatz „Über das Zeigen als operative Basis der pädagogischen Kompetenz“ hatte Prange 1995 das Zeigen erstmals als zentrale „Operation“, wie er selbst sagt, oder als „Kernpraktik“ (S. 11), wie die beiden Autoren schreiben herausgestellt, nachdem es noch im „Bauformen des Unterrichts“ neben dem Lernen im Gespräch nur eine „Figur des Unterrichts“ war. In den Büchern „Die Zeigestruktur der Erziehung. Grundriss der Operativen Pädagogik“ (2005) und – zusammen mit seiner Schülerin Gabriele Strobel-Eisele – „Die Formen des pädagogischen Handelns. Eine Einführung“ (2006) hat er die schon 1995 angelegte Theorie dann ausführlich entfaltet. Zeigen ist für Prange im „Dreieck der Erziehung“ (S. 47) aus erziehender und lernender Person und einem Thema die Grundoperation des Erziehens. Sie gilt dem „vorgegebenen“, „unvertretbaren“ und „unsichtbaren“ Lernen (S. 46) und erfolgt im Unterschied zur Gleichzeitigkeit („Modalzeit“) von (erinnerter) Vergangenheit, (erlebter) Gegenwart und (erwarteter) Zukunft beim Lernen im Nacheinander der Zeiten („Datenzeit“). Der zeitliche Aspekt der Erziehung wird in dem Kapitel noch ausführlich thematisiert, abgeschlossen durch eine kritische Würdigung.

Kap. 4: Zeigen als Praktik

Berdelmann und Fuhr stellen in diesem Kapitel drei empirische und theoretische pädagogische Ansätze vor, die das Zeigen im Anschluss an Prange, aber (auch) vor dem Hintergrund von Praxistheorien deuten, wie sie insbesondere der Soziologe Andreas Reckwitz gebündelt hat. Zeigen ist danach eine „Praktik“ (Praxis), keine „Operation“ (Handlung): zweiseitig, situativ eingelagert und material, durch den menschlichen Körper und entsprechende Dinge, verankert. Die Ansätze sind die qualitativen Zeigeforschungen im Kontext von Unterricht von Kerstin Rabenstein und Sabine Reh auf der einen und Malte Brinkmann auf der anderen Seite und die anerkennungstheoretisch inspirierte Zeigetheorie von Norbert Ricken.

Kap. 5- 7: „Zeigen in verschiedenen Praxisfeldern“ (S. 98)

Nachdem die beiden Autoren zwei pädagogische Theoriestränge zum Zeigen verfolgt haben, die es einmal als Operation, dann als Praktik auffassen, verfolgen sie die Spur des Zeigens in die drei pädagogischen Praxisfelder hinein: die vor- und außerschulische (Kap. 5), die schulische (Kap. 6) und die nachschulische Erziehung und Bildung (Kap. 7). Die drei Felder entsprechen im Anschluss an Prange verschiedenen Kompetenzbereichen (Fertigkeiten, Kenntnisse und Haltungen), Lernformen (Üben, theoretisches und reflexives Lernen) und Zeigeformen (ostensives, repräsentatives und direktives Zeigen) (S. 73). Erwähnt werden sollen hier nur noch Differenzierungen von Zeigeformen anderer Autoren, ergänzend zur eigenen aus Kap. 1. Der Philosoph Lambert Wiesing unterscheidet das „Zeigen durch Konfrontation mit der Sache“ (showing) vom „Zeigen durch Hinweisen auf die Sache“ (pointing) (S. 101), der Psychologe Michael Tomasello das „deiktische Zeigen“ (Vorzeigen) vom „ikonischen Zeigen“ (Vormachen) (S. 101) und der Musikpädagoge Hermann J. Kaiseretwas zeigen“ vom „etwas als etwas zeigen“ (S. 110).

Diskussion

Die Differenzierung der Zeigeformen, die Prange zusammen mit Gabriele Strobel-Eisele in „Die Formen pädagogischen Handelns“ 2006 unternommen hat, werden explizit leider nur ganz kurz erwähnt (S. 73), obwohl sich die „einfachen Formen“ des ostensiven, repräsentativen und direktiven Zeigens auf die drei Praxisfelder beziehen. Erwähnt wird dort explizit nur noch das ostensive Zeigen. Implizit bleibt das repräsentative Zeigen, während das direktive Zeigen auch implizit nur indirekt zum Thema wird.

In Kap. 1 unterscheiden die beiden Autoren drei Zeigeformen, die den drei Formen Pranges nur teilweise entsprechen: das gestische Zeigen als Teil des ostensiven, das repräsentative als eben solches und das indirekte unabhängig von allen drei. Durch den fehlenden Abgleich zwischen den Zeigeformen Pranges und der Autoren und den nur punktuellen Vergleich mit Zeigeformen dritter Autoren kann man schnell den Überblick verlieren. Zugleich scheint das repräsentative Zeigen zu weit gefasst zu sein, wenn es jegliche Form von Sprache und auch Bildlichkeit meint. Dadurch wird auch das Sagen zum Zeigen, obwohl es gerade vom Zeigen abgesetzt werden kann. Vielleicht stimmt sowohl die Identität als auch die Differenz von Zeigen und Sagen, indem man dem Sagen nur in Teilen, dort aber ausdrücklich einen Zeigecharakter zuspricht.

Fazit

Das vorliegende Buch gewährt einen weiten und an einzelnen Stellen vertieften Einblick in die alltägliche und nicht nur pädagogisch relevante Praktik des Zeigens. Das hat es so bisher noch nicht gegeben.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 15.04.2020 zu: Thomas Fuhr, Katrin Berdelmann: Zeigen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-022468-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24572.php, Datum des Zugriffs 12.08.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung