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Diana Franke-Meyer, Carola Kuhlmann (Hrsg.): Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit

Cover Diana Franke-Meyer, Carola Kuhlmann (Hrsg.): Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit. Von der Kindergartenbewegung zur Homosexuellenbewegung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 293 Seiten. ISBN 978-3-658-18590-9. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 36,00 sFr.
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Herausgeberinnen

Prof. Dr. Diana Franke-Meyer ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Elementarpädagogik. Sie lehrt an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum und forscht historisch im Bereich der öffentlichen Kleinkindererziehung.

Prof. Dr. Carola Kuhlmann ist Professorin für Geschichte-, Theorie- und Professionsgeschichte Sozialer Arbeit an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Sie forscht seit langem sozialhistorisch.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband „Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit. Von der Kindergartenbewegung zur Homosexuellenbewegung“ stellt Beiträge vor, die im Oktober 2016 auf der Tagung der Arbeitsgemeinschaft „Historische Sozialpädagogik/Soziale Arbeit“ diskutiert wurden.

Thema

Das vorliegende Buch greift ein zentrales Thema auf und fragt, ob soziale Bewegungen ausschließlich als Reform- und Emanzipationsbewegungen definiert werden können oder ob sie auch als Entwicklungsmotor für die Professionalisierung Sozialer Arbeit gelten. Der Einfluss der Arbeiter-, Frauen- und Jugendbewegung sei bisher in Bezug auf die Professionalisierung Sozialer Arbeit erforscht worden. Heute werden soziale Bewegungen, wie beispielsweise die Tafeln oder die Beratungsstellen für Homosexuelle und Trans*Menschen in ihrer Funktion einer Dienstleistung wahrgenommen, weniger darin, dass sie auch gesellschaftskritisches Potenzial haben.

Zielsetzung

Die Herausgeberinnen nennen die Zielsetzung des Buches: „In den hier versammelten Beiträgen sollten Entstehungsbedingungen, Diskurslinien, Identitätskonstruktionen oder Prozesse der Institutionalisierung anhand von einzelnen sozialen Bewegungen oder Arbeitsfeldern nachgezeichnet werden […]“ (S. 3). Daneben werden auch Verbindungen zwischen den Bewegungen sichtbar.
Die Autorinnen und Autoren des Sammelbandes sind Professoren und Professorinnen, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Praktiker und Praktikerinnen in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit. Zu Beginn des Buches werden ihre beruflichen Hintergründe ausgewiesen.

Aufbau

Das Buch ist zeithistorisch gegliedert. Jedem Aufsatz ist eine Zusammenfassung vorangestellt und es werden Schlüsselbegriffe benannt. Das hilft der Leserschaft, die Ausführungen einzuordnen.

Dem Abschnitt I – Reformatorische Bewegung in der frühen Neuzeit – ist der Beitrag von Peter Szynka zugeordnet: „Luther und die Bettler“. Er begreift die Reformation nicht nur als „Mutter“ aller sozialen Bewegungen, sondern auch als Bewegung, die ein neues Verständnis von Armenhilfe ermöglichte (vgl. S. 14).

Dem Abschnitt II – Soziale Bewegungen vom Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts – folgen drei weitere Beiträge.

  • Alexandra Schotte beschäftigt sich mit den „Anfängen der Rettungshausbewegung“,
  • Carola Kuhlmann ordnet die „Bewegung zur Rettung sittlich verwahrloster Kinder als soziale Bewegung männlicher Bürger im 19. Jahrhundert“ ein.
  • Diana Franke-Meyer setzt sich in „…mir graut vor philosophischen Weibern…“ mit der frühen Kindergartenbewegung als Teil der bürgerlichen Frauenbewegung auseinander.

Daran anschließend folgt Abschnitt III – Reformbewegungen um die Jahrhundertwende (Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert). Hierzu folgen acht Beiträge.

  • Nina Balcar schreibt über: „Sorge um die Kinderseele. Zum Zusammenhang von sozialen Bewegungen, sozialer Arbeit und Kinderforschung im Wilhelminischen Kaiserreich“.
  • Alexander Maier greift das Thema „Abstinenz als ‚soziale Arbeit‘. Katholische Selbstbildung und gesellschaftlicher Fortschritt im Qickborn 1909-1919“, auf.
  • Christian Niemeyer thematisiert den Umgang mit Sexualität im Beitrag: „Und was ist mit Syphilis?“.
  • Rita Braches-Chyrek gibt einen Überblick über die „‚Neucodierung von Sexualität und Ehe‘. Parallelen und Schnittstellen der Frauen- und Sexualreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“
  • Klemens Ketelhut legt Überlegungen zur „Sozialreform und Selbstreform als pädagogische Programme sozialer Bewegungen Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts“ vor.
  • Dayana Lau schreibt über die „Pädagogisierung sozialreformerischer Ansätze in der Chicagoer Settlement House Movement Bewegung“.
  • Sabine Hering erweitert den Blick auf „Die Frauenbewegung, der soziale Frauenberuf und die langen Schatten der Armenpflege“.
  • Birgit Bender-Junker beendet diesen Abschnitt mit: „Diskursive Vermessung des Sozialen zwischen romantischer Expressivität und gesellschaftlicher Realität. Die religiös-sozialistischen Bewegungen im protestantischen Milieu der Weimarer Republik“.

Abschnitt IV – Keine soziale Bewegung: Widerstand im Nationalsozialismus – blickt kritisch auf die Profession.

  • Ralph-Christian Amthor stellt das Erinnerungsprojekt vor: „‚Soziale Arbeit im Widerstand?‘ Sozialgeschichtliche Befunde zum Widerstehen gegen den nationalsozialistischen Terror“.

Abschnitt V – Protestbewegungen in den 1960er/1970er Jahren – basiert auf vier Beiträgen.

  • Gisela Hauss und Markus Bossart diskutieren „Konflikte in Zeiten der Veränderung. Die fachlichen Diskurse um Heimerziehung zwischen sozialen Bewegungen, Recht und Öffentlichkeit“.
  • Sabine Stange thematisiert unter „Fürsorgeerziehung auf dem Prüfstand. Geschlecht in den Argumentationen der Heimkritik Ende der 1960er Jahre“, wie die Genderperspektive als ordnungspolitische Zuschreibung zur Einweisung ins Heim und zur Stigmatisierung von Mädchen im Heim führte.
  • Eva Breitenbach sieht in der Gewalt gegen Frauen die Basis für die Frauenhäuser. „Von Frauen für Frauen. Frauenhausbewegung und Frauenhausarbeit.“
  • Karin Bock, Nina Göddertz, Miriam Mauritz und Franziska Schäfer setzen sich mit der Kinderladenbewegung auseinander: „Die Kinderladenbewegung. Ein ‚gesellschaftliches Erziehungsexperiment‘ mit biographischen Auswirkungen als ‚Neue soziale Bewegung‘?“.

Der vorletzte Abschnitt VI ist den Sozialen Bewegungen ab den 1980er Jahren bis heute gewidmet.

  • Markus Chielorz zeigt die Bedeutung der Beratung auf: „Zwischen Betroffenheit und Professionalität. Entwicklungslinien psychosozialer Beratung im Kontext der Emanzipationsbewegung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Trans*Menschen.“
  • Benjamin Benz gibt den Impuls, die Tafeln und das Kirchenasyl als kritischen Protest wahrzunehmen. „Von ‚Sozialhilfefrauen‘, ‚Kirchenasylen‘ und ‚Tafelkunden‘. Hilfe unter Protest in den Niederlanden (1987-2014), Österreich (1997-) und Deutschland (2005-)“.
  • Benjamin Bunk bringt durch eine brasilianische Bewegung, die Selbsthilfe ins Gespräch: „Zur Differenz von Sozialer Arbeit und sozialer Bewegung“.

Abschnitt VII – Nachüberlegungen: Geschichtsschreibung in der Sozialen Arbeit – beendet diesen Sammelband mit einem Beitrag von Stefan Schäfer. Sein Text basiert auf einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Metapher des Perlentauchens. „Das Perlentauchen. Methodologische und methodische Überlegungen zur Geschichtsschreibung in der Sozialen Arbeit“.

Die Herausgeberinnen erwähnen, dass die Beiträge in Bezug auf die geschlechtergerechte Sprache und das Verständnis von sozialer Bewegung uneinheitlich verfasst seien (vgl. S. 7). Die einen begreifen Letztere ausschließlich als Netzwerk, das sozialen Wandel ermöglicht, andere betonen ihre Funktion als kritische „Gegenöffentlichkeit“ und Ermöglichung alternativer Lebensentwürfe (vgl. S. 8).

Zu I Reformatorische Bewegung in der Frühen Neuzeit

Peter Szynka begreift die Reformation als Gesellschaftsreform. Luther habe Menschen inspiriert, ihre Verhältnisse zu verändern. In Bezug auf die Armenhilfe erfand er in Wittenberg einen Kasten, in den Einkünfte aus kirchlichem und kommunalen Besitz hineinkamen, die Armen zu gute kommen sollten. Der Kasten konnte nur mit drei Schlüsseln geöffnet werden (vgl. S. 19). Mithilfe des Kastens zeigte Luther auch, dass eine kommunale Daseinsvorsorge, Kontrolle und eine Kooperation der Akteure notwendig sei (vgl. S. 22).

Zu II Soziale Bewegungen vom Beginn bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts

Alexandra Schotte sieht im Einfluss der Weimarer „Gesellschaft der Freunde in der Not“, die von Johannes Daniel Falk (1768-1826) gegründet wurde, den Beginn der Rettungshausbewegung. Die von Falk geforderte Fürsorge basierte auf dem christlichen Glauben an gute Werke. So wohnten die Waisenkinder in Handwerkerfamilien, die halfen, dass die Kinder die Arbeit kennenlernten. Darüber hinaus wurden sie in der Sonntagsschule religiös unterwiesen und sittlich gebildet. Zu dieser Zeit galt das sozialpädagogische Handeln als ein „erzieherisches Gegenwirken“. Wichern (1808-1881) konzeptualisierte den Rettungshausgedanken als Idee, Kindern eine familienähnliche Unterkunft zu bieten, sie handwerklich zu befähigen und christlich zu unterweisen (vgl. S. 27-38).

Carola Kuhlmann betrachtet die Rettungshausbewegung als gemeinwohlorientierte Bewegung, die auf einen real existierenden Notstand reagierte. Sie schildert den sozialgeschichtlichen Hintergrund. Sie nennt verschiedene Vereine, die für die Rettung von Kindern gegründet wurden und ordnet das praktische Handeln der Erwachsenen als diakonische und caritative Hilfe ein. Auch wenn wir heute wissen, dass die Helfer mit den Problemen der Kinder überfordert waren, boten die Rettungshäuser nach Kuhlmann eine graduelle Verbesserung der Lage an (vgl. S. 39-50).

Diana Franke-Meyer sieht in der Kindergartenbewegung, die nach Fröbels Tod einsetzte und durch die 1848er Revolution mitbedingt war, eine soziale Bewegung. Die von Fröbel ausgebildeten Kindergärtnerinnen engagierten sich in der frühen Frauenbewegung. Durch das von Preußen verhängte Kindergartenverbot (1851-1860) wurde der Bildungsgedanke besonders attraktiv. Mithilfe von Bildung sollten bereits Kinder befähigt werden Entscheidungen zu treffen (Demokratiegedanke) und für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen. Der Kindergarten(ausbau), so Franke-Meyer im Anschluss an Jürgen Reyer, ermöglicht Frauen bis heute, die biologische und familiale Einschließung zu öffnen (vgl. S. 51-62).

Zu III Reformbewegungen um die Jahrhundertwende (Ende 19./Anfang 20. Jahrhundert)

Nina Balcar richtet die Aufmerksamkeit auf die Impulse der nordamerikanischen Child-Study-Bewegung, die auch in Deutschland bedeutsam wurde. Ein schulpädagogischer Diskurs über das „gefährdete“ Kind veranlasste Johannes Trüpper (1855-1920), eine heilpädagogische Erziehungsanstalt auf der Sophienhöhe bei Jena zu gründen. Die dort stattfindende Kinderforschung stärkte das Narrativ der großstädtischen Gefährdung und in Folge dessen reformpädagogische Einrichtungen. Diese wurden durch die Lebensreformbewegung und Landerziehungsheime auch als soziale Bewegung sichtbar (vgl. S. 65-75).

Alexander Maier sieht in der konfessionell-jugendbewegten Gruppierung, dem sogenannten Quickborn, einen Ort, der den Mitgliedern Halt bot. Neben dem Singen und Wandern ging es hier auch um die Abstinenz und Kritik an ungezügeltem Alkoholkonsum. Aufgrund religiöser Idealisierungen und einer Stilisierung des Selbstbildungsgedankens entwickelte sich, so der Autor, der Quickborn als Ort der sozialen Bewusstseinsbildung (vgl. S. 77-90).

Christian Niemeyer thematisiert die Gefahren einer Tabuisierung von Sexualität. In den 1920er- und 1930er- Jahren galt die Syphilis als Schreckensgespenst und die Angst, sie zu bekommen, beeinträchtigte das Geschlechterverhältnis (vgl. S. 92). So hatte nach Auffassung des Autors nicht nur das Krankheitsbild, sondern auch die Tabuisierung des Themas Wirkungen. Niemeyer begreift die Sexualität nicht nur medizinisch-biologisch, sondern fragt als Sozialpädagoge nach dem Umgang mit ihr. Das Problem sei dann die Ausgrenzung, Diffamierung und Diskriminierung, die Menschen erfahren, wenn sie davon betroffen sind, wie etwa Nietzsche es erlebte (vgl. S. 91-102).

Rita Braches-Chyrek sieht in der Frauen- und Geschlechterbewegung eine heterogene Gruppierung, die sowohl in Bezug auf ihre Ziele, Strategien und Wirksamkeit aber auch in Bezug auf den Werte- und Lebenswandel reflektiert werden sollte. Feministische Diskurse haben z.B. dazu beigetragen, Ehe- und sexualmoralische Vorstellungen zu verändern. Als Bewegung haben, so die Autorin, Protagonistinnen erreicht, dass ungewollte Schwangerschaften, illegale Abtreibungen und Armutsprostitution verhindert werden und die wirtschaftliche-, rechtliche und soziale Gleichberechtigung von Frauen und Männern auch im öffentlichen und wissenschaftliche Bereich Aufmerksamkeit erfährt (vgl. S. 103-114).

Klemens Ketelhut sieht im „Lebensbewältigungsmotiv“ das zentrale Merkmal sozialer Bewegungen und die Verbindung zur Sozialen Arbeit. Darüber hinaus evozierten, so der Autor, die Selbstveränderungsprozesse, die häufig mit einer kulturpessimistischen Haltung verbunden seien, Transformationen (vgl. S. 116). Am Beispiel der Lebensreformbewegung zeigt der Autor, dass der Wunsch nach Natürlichkeit aufgrund der Erfahrungen der Industrialisierung neue Dynamiken entwickelte (vgl. S. 118). Walter Fränzel (1889-1968) propagierte z.B. im Lichtschulheim (Lüneburger Land) eine reformpädagogische Praxis der körperlichen Selbsterziehung, die denen der Landerziehungsheime ähnelte. Nacktheit galt hier als eine ästhetisierte Haltung. Adolf Koch (1897-1970) initiierte Körperkultschulen, die einen neuen Menschen hervorbringen sollten (vgl. S. 115-127).

Dayana Lau zeigt mit Hilfe der Chicagoer Settlement Bewegung, wie diese neue Formen der Hilfe generierte. Jane Addams stärkte z.B. mit dem Chicagoer Hull House den Ansatz der Gemeinwesenorientierung. Betroffene sollte sich aktiv an der Lösung von Problemen im sozialen Nahraum beteiligen. Bekannt war zu der Zeit Hilfe im Sinne der amerikanischen Charity Organisation, die als individualisierende Einzelfallunterstützung organisiert wurde (vgl. S. 129-140).

Sabine Hering blickt auf den Frauen-Beruf mit dessen Hilfe die Armenfürsorge des ausgehenden 19. Jahrhunderts modernisiert werden sollte. Bis 1918 sei Soziale Arbeit vor allem christlich und zivilgesellschaftlich motiviert gewesen. Dann, so die Autorin, hätten Pflegerinnen und ausgebildete Kindergärtnerinnen Zugang zur Sozialen Arbeit gefunden. Auch Bemühungen von Alice Salomon, weibliche Hilfskräfte aus dem Bereich des „Besitzbürgertums“ zu generieren, fruchteten (S. 144). Die Diskussion kreiste einerseits um die Frage, ob Frauen die besseren Armenpflegerinnen seien, als Männer. Zur Verberuflichung habe letztlich die Personalnot beigetragen. Männer seien innerhalb der kommunalen Verwaltung tätig gewesen, was sich erst durch die Trennung von Innen- und Außendienst in den 1970er Jahren änderte. Andererseits wurde die „weibliche Eigenart“ als „geistige Mutterschaft“ argumentiert, während Frauen ansonsten rationale Entscheidungsunfähigkeit bescheinigt wurde. Diese Narrative erzeugten, so Hering, neue Ressourcen. Gesellschaftlich waren Frauen gezwungen sich zu solidarisieren, Netzwerke zu bilden und ihre Identität weiterzuentwickeln (vgl. S. 141-154).

Birgit Bender-Junker reflektiert die sozialpolitischen Ideen Eduard Heimanns, die sozialpädagogischen Überlegungen Carl Mennickes und die Arbeit von Emil Blum in der Heimvolkshochschule Habertshof als Ergebnis der Bewegung der religiösen Sozialisten (vgl. S. 155-165).

Zu IV Keine soziale Bewegung: Wiederstand im Nationalsozialismus

Ralph-Christian Amthor berichtet vom wissenschaftlichen Erinnerungsprojekt (2012-2016), das den Widerstand gegen die NS-Diktatur untersuchte. Diese historiographische Rekonstruktion bestätigte den Verdacht, dass Widerstand innerhalb Sozialer Arbeit nur in wenigen Fällen nachweisbar ist. Die meisten Angehörigen des Berufsstandes wurden „zu stillen Beobachtern, Mitläufern und Zeugen, vielfach zu Unterstützern, Kollaborateuren oder aktiven Tätern“ (S. 174). Angesichts der massiven Verfolgung, der Berufsverbote oder Schließungen sozialer Einrichtungen gingen einige auch ins Exil. So war es aufwendig, nach denen zu suchen, die sich in Deutschland Widerstandsgruppen anschlossen und offenen Protest ausübten. Einige 100 Personen konnten jedoch identifiziert werden (vgl. S. 169-179).

Zu V Protestbewegungen in den 1960er/1970er Jahren.

Gisela Hauss und Markus Bossert stellen die Entwicklung der Heimerziehung in der Schweiz vor. Im heilpädagogischen Heim oder Heim für Schwererziehbare sollten Kinder und Jugendliche zur Verhaltensbeobachtung, zur Nach-Erziehung, zur Therapie und zur Behandlung betreut werden. In vielen Heimen der 1950er- bis 1960er- Jahre erlebten die Kinder Züchtigungen, Bestrafungen, wie Essensentzug, Dunkel- und Einzelarrest. Das Personal war häufig weder pädagogisch, noch therapeutisch ausgebildet und die Personalnot ließ an Qualifizierung gar nicht denken. Durch die 1968er-Bewegung wurde in den 1970er-Jahren Kritik an den infrastrukturellen-, hygienischen- und baulichen Mängeln der Heime geübt und die pädagogischen Umgangsweisen wurde in Frage gestellt. In Deutschland sei die „Aktion Heimkampagne“ ebenfalls auf diese Defizite gestoßen. Aufgrund des Schweizer Föderalismus entwickelten sich daraufhin regional und lokal neue Initiativen (vgl. S. 183-195).

Sabine Stange blickt aus der Perspektive der Geschlechterforschung auf die Heimerziehung. In den Fürsorgeerziehungsheimen der 1960er- Jahre seien Jungen, häufig aufgrund geschlechtsbezogener Kriterien eingewiesen wurden. Sie galten dann als sittlich gefährdet oder sexuell verwahrlost. In Bezug auf die Mädchen wurde der Partnerwechsel als Problem definiert. Ihnen wurde darüber hinaus eine kognitive Einschränkung unterstellt, die zu diesem triebhaften Verhalten geführt haben sollte. Sexuelle Bedürfnisse wurden als Problem wahrgenommen und nicht als Bedürfnis betrachtet. Derartige geschlechterbezogene Vorannahmen wurden von den Fachkräften nicht hinterfragt (vgl. S. 197-209).

Eva Breitenbach recherchiert die Entstehung der Frauenhausbewegung in Deutschland, die eng mit der Analyse der Gewalterfahrung gegen Frauen verbunden sei, so die Autorin. Heute seien die Häuser weniger Ausdruck von Selbsthilfe als Teil sozialer Dienstleistungen. Frauen erhielten sozialtherapeutische Hilfe, doch ihre Selbsthilfekräfte und das gesellschaftskritische Potenzial eines Frauenhauses werden dadurch verdeckt (vgl. S. 211-223).

Karin Bock und andere thematisieren die Kinderladenbewegung als soziale Bewegung, die eng mit der Studentenbewegung verknüpft sei. Die Kinderläden sollten die Emanzipation der Frau und die Demokratisierung der Gesellschaft stärken. Obwohl kein empirisch umsetzbares und theoretisch praktikables Erziehungsprogramm präsentiert wurde, regten die Kinderläden erziehungswissenschaftliche Professoren an, sich damit kritisch auseinanderzusetzen. Klaus Mollenhauer, Herwig Blankertz und Wolfgang Klafki bemühten sich, Erziehung und Bildung als Möglichkeit zu begreifen, Mündigkeit und Emanzipation hervorzubringen (vgl. S. 232). Die Kinder, die im Kinderladen betreut wurden, erlebten die Jahre im Sinne eines neuen Erlebnisraums. Abhängig von der biografischen Erfahrung ordneten sie die Erinnerung an die Jahre unterschiedlich ein (vgl. S. 225-236).

Zu VI Soziale Bewegungen ab den 1980er Jahren bis heute

Markus Chmielorz stellt die Entwicklung der psychosozialen Beratungspraxis für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*Menschen in NRW vor. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die Emanzipationsbewegung der Homosexuellen und die der Frauen, die sich bereits 1868 in Genf organisierte, nicht verhindern konnte, dass Homosexualität als krankhaft und nicht regelkonform definiert wurde. Homosexuelle kamen ins KZ und die Homosexualität wurde lange Zeit strafrechtlich verfolgt. Das diskriminierte viele Männer und auch Frauen und löste Beratungsbedarf aus. Bis heute erleben Menschen der LSBT* Szene Ausgrenzung und bedürfen des Empowerments, wie es in der Selbsthilfe eingeübt werden kann (vgl. S. 239-250).

Benjamin Benz untersucht die Strategie der Tafel und des Kirchasyls als „Hilfe unter Protest“, die sich nicht innerhalb der professionellen Sozialen Arbeit entwickelte, sondern im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements. „Hilfe unter Protest“ wurde in Österreich durch den Theologen Wieland Frank Mitte in den 1990er- Jahren als Leitbild geprägt. Dieser hatte im Kontext eines biblischen Barmherzigkeits- und Gerechtigkeitsverständnisses, der Theologie der Befreiung und der Rechtfertigungslehre dazu aufgefordert, Hilfe zu leisten, die auch als politischer Widerstand interpretiert werden kann (vgl. S. 251-264).

Benjamin Bunk nähert sich der brasilianischen „Movimento dos Sem Terra“ Bewegung an. Sie fordert dazu auf, sogenanntes unproduktives Land zu besetzen und dieses zu bewirtschaften. Mithilfe der Bewegung werden 2000 Kleinbauern und zwei Millionen Menschen gestärkt und ein eigenes Bildungswesen finanziert (vgl. S. 267). Der Ansatz, das eigene Leben anders zu gestalten und die Erfahrung von Selbstwirksamkeit in einer Gruppe und durch Handeln zu erreichen wird hier durch Antonio Gramsci theoretisch untermauert (vgl. S. 265-280).

Zu VII Nachüberlegungen: Geschichtsschreibung in der Sozialen Arbeit

Stefan Schäfer nimmt die Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Metapher des Perlentauchens zum Anlass, eine kontingenzsensible, fragmentarische und natalitätsorientierte Historiografie zu fordern, die die scheinbar naturgegebene Legitimität des Gegebenen in Fragestellen könne. Arendt zweifelte an der Vorannahme der Historiker, dass es gesetzmäßige und kausale sogenannte historische Notwendigkeiten gäbe. Eine linear verlaufende Entwicklungsgeschichte sei, nach Arendt, ein Konstrukt und müsse hinterfragt werden. Gegebenes stelle nie die einzige Möglichkeit dar. Jederzeit könnten Menschen Einfluss nehmen. Geschichte gibt, so Schäfer, Auskunft darüber, dass es so gewesen sein könnte und eine Vielzahl anderer Anfänge ebenfalls denkbar wären (vgl. S. 286). Damit sei es möglich, im Anschluss an Arendt, Geschichte als Sammlung von Geschichten zu begreifen. Sie geben Aufschluss über bestimmte Fragestellungen. Geschichte könne deshalb nur konstruiert bzw. ko-konstruiert werden. Eine Rekonstruktion der Geschichte sei aus erkenntnistheoretischer Sicht nicht möglich. Deshalb gehe es darum, zu unterscheiden, einzuordnen, zu verstehen und weitersuchen (vgl. S. 283-293).

Diskussion und Fazit

Das Buch stellt eine Sammlung von Diskursen vor. Mit ihren Beiträgen reflektieren die Autoren und Autorinnen die Bedeutung der sozialen Bewegungen für Soziale Arbeit. Das Buch fasst Fachdiskurse zusammen und eröffnet neue Sichtweisen, die bis in die Gegenwart hinein reichen. Eine zusammenfassende und einordnende Diskussion der Buchbeiträge gibt es nicht, denn der Band dokumentiert Tagungsbeiträge. Das Buch regt hoffentlich an, den Einfluss sozialer Bewegungen angemessen wahrzunehmen und das Spannungsverhältnis von Hilfe und Protest, dass der Sozialen Arbeit einst zugeschrieben wurde, erneut wertzuschätzen. Mir hat es gezeigt, dass die historiografische Perspektive nur dann hilfreich ist, wenn sie zu einer differenzierten Beobachtung sozialer Phänomene befähigt.

Die Texte sind stilistisch uneinheitlich, inhaltlich sehr verschieden und wissenschaftlich folgen sie nicht mehr einem Standard, z.B. des Zitierens. Das führt besonders für Studierende dazu, dass ihre Verwirrung steigt und die Lesbarkeit der Texte Mühe macht.

Fazit: Dieses Buch macht einmal mehr sichtbar, wie sehr auch Wissenschaft von einem Paradigmenwechsel grundlegender traditioneller Orientierungen betroffen ist. Ich habe es dennoch mit Gewinn gelesen, weil es das Thema soziale Bewegungen und ihre Bedeutung für Soziale Arbeit reflektiert. Die Leserinnen und Leser erfahren Neues und sie werden hoffentlich angeregt, Soziale Arbeit in ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Verhältnissen besser zu begreifen.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 07.08.2018 zu: Diana Franke-Meyer, Carola Kuhlmann (Hrsg.): Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit. Von der Kindergartenbewegung zur Homosexuellenbewegung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-18590-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24576.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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ISSN 2190-9245

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