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Georg Juckel (Hrsg.): Spiritualität in Psychiatrie & Psychotherapie

Cover Georg Juckel (Hrsg.): Spiritualität in Psychiatrie & Psychotherapie. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2018. 412 Seiten. ISBN 978-3-95853-382-0. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Im Buch wird versucht, den Einfluss von Spiritualität und Religiosität in der psychotherapeutischen und psychiatrischen Praxis zu verdeutlichen. Es wird darauf verwiesen, dass in diesem Kontext nicht nur Kognitionen und somit rationales Denken und ein strikt empirisches Vorgehen eine Rolle spielen, sondern insbesondere bei den mitmenschlichen Kontakten Gefühle, Emotionen und schwer fassbare Momente von Bedeutung sind und zu wichtigen Wirkfaktoren gehören. 

Herausgeber

Prof. Dr. med. Georg Juckel, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Universitätsprofessor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Er ist Ärztlicher Direktor des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität sowie Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin in Bochum.

Dr. Knut Hoffmann, Facharzt für Psychiatrie, Forensische Psychiatrie und Psychotherapie und stellvertretender ärztlicher Direktor des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität sowie Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin in Bochum.

Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach ist klinischer Psychologe und Professor an der Medizinischen Universität Poznan, Polen und Gastprofessor an der Universität Witten Herdecke (Philosophische Grundlagen der Psychologie).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch entstammt einer Veranstaltung an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin des LWL-Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum am 9. Mai 2016 zum Thema „Psychiatrie und Spiritualität“.

Aufbau

Das Buch ist untergliedert in drei Abschnitte, nach Angaben der Herausgeber wurde hierbei ein besonderes Gewicht auf diagnostische und therapeutische Aspekte gelegt. Im ersten Abschnitt werden Religiöse Aspekte von Spiritualität z.B. in der Ostkirche, im Islam oder Judentum beleuchtet. Der zweite Abschnitt befasst sich mit Spiritualität und Religion in der psychotherapeutischen Praxis. Im dritten Abschnitt wird schließlich Spiritualität ohne religiösen Bezug thematisiert.

Inhalt

Joel Whitebook führt in die Thematik mit einem Artikel über „Geistigkeit – A Problematic Concept“ ein. Hierbei versucht er ausgehend von Sigmund Freud eine begriffliche Hinführung in die Thematik vorzunehmen.

Der erste Teil des Buches befasst sich mit Religiösen Aspekten von Spiritualität. Es ist wie folgt untergliedert:

  • Im ersten Kapitel stellt Michael Seidel ausgewählte historische Beispiele des Verhältnisses von Spiritualität zu Psychiatrie und Psychotherapie vor (S. 29–42)
  • Im zweiten Kapitel befasst sich Anna Briskina-Müller mit der Sehnsucht nach einem Vater und geht in diesem Zusammenhang auf die „Psychotherapie“ in der Ostkirche ein (S. 43–62)
  • Im dritten Kapitel wagen Sebastian Schröer und Georg Juckel den Versuch, die Bedeutung Augustinus Suche nach dem Seelenheil zu ergründen, indem sie den Dialog zwischen einem Psychiatrie-Erfahrenen und einen Psychiater führen (S. 63–98)
  • Im vierten Kapitel befasst sich Achmad Bransi mit Muslimen in der Psychotherapie (S. 99–118)
  • Im fünften Kapitel thematisiert Nikolai Stern Spirituelle Aspekte aus dem Judentum in Psychiatrie und Psychotherapie (S. 119–142).
  • Walter Dmoch versucht im sechsten Kapitel einen Bogen von Psychiatrie, Psychotherapie über Taoismus bis hin zu Buddhismus zu schlagen (S. 143–180)

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit Spiritualität und Religion in der klinischen Praxis Hier werden einzelne Beispiele aus der Praxis vorgestellt.

  • Gerald Dittscheidt und Antje Streithoff-Menzler beschreiben anhand einzelner konkreter und anschaulicher Beispiele, wie Krankenhausseelsorge in der Psychiatrie aussehen kann (S. 181–210).
  • Jan Glasenapp versucht im achten Kapitel eine Annäherung an Spiritualität in der Psychotherapie mit Hilfe der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) und Chan (S. 211–236).
  • Claude-Hélène Mayer und Niko Kohls nehmen eine Bestandsaufnahme zum Stand der Forschung zu „außergewöhnlichen Erfahrungen“ und ihren psychologischen Auswirkungen vor (S. 237–250).
  • Im zehnten Kapitel vergleichen Heinz Streib und Constantin Klein die Operationalisierung von Spiritualität von Deutschland und USA und nehmen sprachlichen Differenzierungen vor, hierbei berücksichtigen sie auch kulturelle Unterschiede (S. 251–266).
  • Robert Mestel und Madlen Beier gehen im 11. Kapitel auf Spiritualität, Religiosität und Atheismus in stationärer psychotherapeutischer Behandlung ein und untersuchen den Zusammenhang mit Psychopathologie und Therapieerfolg (S. 267–282).
  • Harald Walach und Liane Hofmann befassen sich im 12. Kapitel mit dem Zusammenhang zwischen Spiritualität und Religiosität in der Psychotherapie (S. 283–306).

Im dritten Teil des Buches wird ein aufgrund der gesellschaftlichen Veränderungen immer wichtiger werdender Aspekt thematisiert: Spiritualität ohne religiösen Bezug.

  • Georg Juckel stellt im dreizehnten Kapitel die Grundzüge einer pragmatischen Psychotherapie in der Psychotherapie (PPP) vor, hierbei geht er insbesondere auf Annehmen, Zuwenden, Verstehen und Hilfreich sein ein (S. 307–332)
  • Im vierzehnten Kapitel wirft Walter Cremer die Frage „Was macht Sinn?“ auf und beschäftigt sich mit Logotherapie und Existenzanalyse als sinngebende Therapieverfahren (S. 333–350).
  • Reinhard Zinke richtet im fünfzehnten Kapitel den Fokus und ein besonderes Augenmerk auf Spiritualität in der Psychotherapie (S. 351–368).
  • Im sechzehnten Kapitel beschäftigt sich Kurt Hoffmann mit einer Spiritualität für Atheisten (S. 369–378).
  • Christian Luckhaus geht im siebzehnten Kapitel der spannenden Frage nach, inwiefern Intuition ihren Raum und ihre Berechtigung im Kontext der (kategorialen) psychiatrischen Diagnostik hat (S. 379–396).
  • Im achtzehnten Kapitel befassen sich Martin Brühne und Wulf Schiefenhövel mit verhaltensbiologisch-anthropologischen Überlegungen zu Spiritualität in der Psychiatrie (S. 397–408).

Diskussion

Das Buch liefert einen äußerst vielfältigen und differenzierten Einblick in vollkommen unterschiedliche Phänomene im Themenbereich Spiritualität, Psychotherapie und Psychiatrie. Es ist sehr wohltuend, dass hierbei gar nicht erst der Versuch gestartet wurde, sich diesem Phänomen systematisch zu nähern bzw. die Artikel auch redaktionell nicht im negativen Sinne geglättet wurden, sondern so eine extreme Heterogenität zu Tage tritt, was den Herausgeberband besonders spannend macht. Man könnte das Ganze auch mit „Der Geist weht wo er will“ umschreiben. Hierbei geht es aber nicht nur um unterschiedliche religiöse Erfahrungen und Erfahrungen im Kontext der Psychiatrie. Sondern es geht auch um Spiritualität ohne religiösen Bezug sowie um Grenzerfahrungen und um Fremdheitserfahrungen, dies insbesondere im dritten Abschnitt des Buches. Letzteres ist in einer immer komplexer werdenden Welt, in der vollkommen unterschiedliche Wahrnehmungen, Vorerfahrungen und Sozialisationen aufeinanderprallen, immer wichtiger. Auch das Aufeinandertreffen vollkommen unterschiedlicher Systeme und Herangehensweisen (klare kategoriale Diagnostik vs. Intuition) wird hierbei nicht ausgespart. So entsteht ein sehr vielfältiges Bild, bei dem es dem Leser überlassen wird, Wertungen und Setzungen vorzunehmen. Hierbei könnte man kritisieren, dass seitens der Herausgeber keine klaren Aussagen getroffen, keine Synopse oder eine wertende Reflexion vorgenommen wird. Man kann das Buch aber auch als wohltuenden Versuch verstehen, phänomenologisch vorzugehen und spannende Entdeckungen aufzuzeigen und nebeneinanderstehen und wirken zu lassen.

Fazit

Der Herausgeberband stellt keine systematische Bearbeitung der Thematik dar, sondern ermöglicht einen sehr spannenden und vielfältigen Einblick in äußerst unterschiedliche Phänomene im Themenbereich Spiritualität, Psychotherapie und Psychiatrie. Es werden einerseits unterschiedliche religiöse Erfahrungen und Erfahrungen in der Psychiatrie beleuchtet, andererseits werden Grenzerfahrungen und spirituelle Erfahrungen jenseits der Religionen beschrieben.

Die hierdurch entstandene Vielfalt ist äußerst lesenswert und gewinnbringend. Dies gilt insbesondere auch deswegen, weil nicht wertend oder hierarchisch vorgegangen wurde, sondern unterschiedliche Phänomene gezeigt und gegenübergestellt wurden.


Rezension von
Prof. Dr. Johannes Bach
Dipl.-Psych. Dipl. Theol.
Professor für Entwicklungspsychologie an der Fakultät Sozialwissenschaften der TH Nürnberg
Homepage www.th-nuernberg.de
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Zitiervorschlag
Johannes Bach. Rezension vom 06.03.2020 zu: Georg Juckel (Hrsg.): Spiritualität in Psychiatrie & Psychotherapie. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2018. ISBN 978-3-95853-382-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24577.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


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