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Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe

Cover Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Grundlagen - Konzepte - Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-031707-9. 30,00 EUR.

Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 28.
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Thema

Fachkräfte der Sozialen Arbeit stellen zwar den höchsten Anteil professionell Tätiger im Feld der Suchthilfe, ihr Beitrag ist durchaus geschätzt, aber bei genauerem Hinsehen, ist häufig nicht wirklich klar, was genau von ihren Tätigkeiten als Soziale Arbeit bezeichnet werden kann und warum. Ein Grund mag auch darin liegen, dass an Hochschulen für Soziale Arbeit das Handlungsfeld Sucht eher selten explizit mit Fokus auf einen Zuständigkeitsbereich Soziale Arbeit von Hochschullehrer*innen mit einem sozialarbeiterischen Hintergrund gelehrt wird.

Daher erscheint es umso erfreulicher, wenn jetzt ein neues Studienbuch vorgelegt wird, das sich explizit dieser Thematik widmet und neben methodischen Aspekten auch den Anspruch erhebt, die durchaus anspruchsvollen Grundlagen explizit aus Sicht Sozialer Arbeit thematisieren und in eine Gesamtsystematik integrieren zu wollen.

Autorin

Prof. Dr. Marion Laging ist Hochschullehrerin an der Hochschule Esslingen für Theorien und Konzepte der Sozialen Arbeit in der Suchtprävention und Suchthilfe. Nach dem Studium der Sozialpädagogik arbeitete sie zunächst als Fachkraft für Suchtprävention und wurde dann an der Universität Freiburg promoviert. Sie ist Autorin zahlreicher Forschungsarbeiten und Veröffentlichungen insbesondere mit dem Fokus der Suchtprävention.

Entstehungshintergrund

Das hier vorliegende Buch ist als Teil der Studienbuchreihe „Soziale Arbeit – Grundwissen“ erschienen und dementsprechend explizit als Lehrbuch konzipiert, um in kompakter Form das unabdingbare Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitzustellen.

Aufbau

Der Inhalt des Buches gliedert sich nach den Vorworten jeweils des Herausgebers der Reihe und der Autorin, in zwölf Kapitel, die die Bandbreite des Themas in der explizierten Weise darstellen, aber dabei nicht nur den jeweiligen Diskurs reflektieren, sondern einen expliziten Bezug zur Praxis Sozialer Arbeit herstellen sollen.

Jedes Kapitel beginnt, dies ist dem Konzept der Buchreihe geschuldet mit einer Lernzielformulierung. Danach erfolgt eine Einleitung, in der das Gesamtkonzept des Kapitels und die dahinterliegende Systematik dargestellt wird. Jedes Kapitel schließt mit dem Hinweis auf weiterführende Literatur.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Vorworte

Das Buch beginnt mit einem Vorwort des Herausgebers der Buchreihe. Dem folgt ein Vorwort der Autorin, in dem sie die Komplexität des Themas umreißt und resümiert, dass es Sozialer Arbeit bis heute nicht ausreichend gelungen sei, ihren Beitrag in den einzelnen Feldern von Suchthilfe deutlich zu machen, „um die Rolle als Kooperationspartnerin auf Augenhöhe mit anderen im Feld vertretenen Professionen“ (S. 8) einnehmen zu können. Dementsprechend versteht sie dieses Buch auch als Beitrag, zu einem transdisziplinären Wissenskorpus Sozialer Arbeit, der diejenigen Wissensbestände zusammenstellt, die „für eine selbstbewusste, wissenschaftsbasierte Praxis der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe hilfreich sein können“ (ebd.). Damit schließt sie an das Professionsverständnis Sozialer Arbeit der Arbeitsgruppe um Sommerfeld an, die einen entsprechenden Beitrag zum Handlungsfeld der klinischen Sozialen Arbeit in der Psychiatrie (Sommerfeld et al. 2016) und der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit in der Suchthilfe, die ein Kompetenzprofil Sozialer Arbeit in der Suchthilfe (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit in der Suchthilfe 2016) vorgelegt haben.

Kapitel 1: Sucht – eine Erkrankung wie jede andere auch?

In diesem Kapitel versucht die Autorin eine „Annäherung an die verschiedenen Sichtweisen von Sucht“ (S. 13) vorzunehmen und auszuloten, ob Sucht als Krankheit bezeichnet werden kann und falls es sein sollte, „welches Modell von Gesundheit oder Krankheit […] sinnvoll angewendet werden kann“ (ebd.). Damit beginnt dieses Buch gleich mit einem der schwierigsten, wenn auch zentralen Aspekte des Gesamtthemas. Der von ihr aufgespannte Rahmen umfasst Explikationen zu den Unterthemen

  • „begriffliche Annäherung“ (Kap. 1.2 S. 14),
  • „substanzgebundene und substanzungebundene Süchte“ (Kap. 1.3, S. 15),
  • „Sucht als ein Phänomen der Moderne“ (Kap. 1.4, S. 16),
  • „Sucht als Krankheit oder Fehlverhalten“ (Kap. 1.5, S. 17),
  • „Sucht, Kontrolle und Verantwortung“ (Kap. 1.6, S. 18),
  • „ein biopsychosoziales Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Sucht“ (Kap. 1.7, S. 19),
  • die „salutogenetische Perspektive“ (Kap. 1.8, S. 20),
  • „das soziale Modell von Behinderung“ (Kap. 1.9, S. 21) und letztendlich
  • „Soziale Arbeit und klinische Sozialarbeit“ (Kap. 1.10, S. 20).

Damit sind wesentliche Aspekte des Diskurses um das Konstrukt umrissen. Gleichzeitig wird allein schon in diesem ersten Kapitel die Komplexität der Gesamtthematik deutlich.

Kapitel 2: Modelle der Entstehung von Sucht

Schon in der Einleitung zu diesem Kapitel weist die Autorin darauf hin, dass es außer den von ihr unter dem Aspekt der in Prävention und Suchthilfe häufig rezipierten Modelle noch eine Vielzahl weiterer Modelle aus verschiedenen Perspektiven existieren, mit deren Hilfe das Konstrukt Sucht erklärt werden soll. Ihre Wahl fällt auf

  • das „Schutz- und Risikofaktorenmodell“ als sog. „multifaktorielles Bedingungsgefüge“ in den Interpretationen von Kielholz und Ladewig sowie Bühler und Bühringer (Kap. 2.2, S. 24 ff.)
  • die „entwicklungspsychologische Perspektive“ in der Interpretation von Pinquart und und Silbereisen, bei der sog. „Entwicklungsaufgaben“ in eine funktionale Verbindung gebracht werden mit Gesundheitsverhalten und Suchtmittelkonsum (Kap.2.3, S. 27 ff.) und
  • „sozialpädagogische Ansätze“ bei der sie sich unter der Überschrift „Lebensweltorientierung“ auf einen Aufsatz von Thiersch zur Funktion des sog. „Drogengebrauchs“ im Alltag bezieht und unter der Überschrift „Lebensbewältigung“ auf das Konstrukt des „Abspaltungsprozesses“ verweist, das Böhnisch im u.a. im Zusammenhang mit Substanzkonsum postuliert hat (Kap. 2.4 S. 31 ff.).

Die sich anschließende „vergleichende Diskussion“ (Kap. 2.5, S. 34 f.) arbeitet als Gemeinsamkeit der gewählten Ansätze, das Moment der „Funktionalität“ des Substanzkonsums sowohl im Alltag als auch bei der Bewältigung von auftretenden Problemen heraus und weist damit insbesondere den „sozialpädagogischen Ansätzen“ eine besondere Erklärungskraft diesbezüglich zu. Damit deutet sich, wird an dieser Stelle aber noch nicht thematisiert, die Rolle Sozialer Arbeit im Zusammenhang mit Suchthilfe an: nämlich die lebensweltlichen und lebensbewältigungsrelevanten oder anders formuliert die sozialen Aspekte des Alltags und der Problembewältigung, im Zusammenhang mit Substanzkonsum zu thematisieren und zu bearbeiten.

Kapitel 3: Psychotrope Substanzen

In diesem Kapitel werden die wichtigsten psychotropen Substanzen vorgestellt, die in Deutschland konsumiert werden können. Das Kapitel folgt einer einheitlichen Systematik: zuerst wird kurz auf die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe des Konsums dieser Substanzform eingegangen, dann erfolgte eine Beschreibung der Substanz und ihrer Konsumform, dann eine Beschreibung der Wirkungsweisen, um schlussendlich Risiken und Folgewirkungen näher in den Blick zu nehmen. In dieses Kapitel haben die Substanzen Cannabis, LSD, Ecstasy, Kokain, Alkohol und Heroin Eingang gefunden. Die zahlreichen Literaturbelege laden zum Vertiefen ein.

Kapitel 4: Verbreitungsformen von Alkohol, Drogen, Glücksspielsucht und Internetabhängigkeit

Standen im vorherigen Kapitel Substanzen im Vordergrund der Beschreibung, geht es in diesem Kapitel um verschiedene Suchtformen, zu denen auch substanzunabhängige Formen gezählt werden. Hier macht die Lesende Bekanntschaft mit den Instrumenten, mit denen in Deutschland und international die Verbreitung von verschiedenen Formen der Sucht gemessen werden und mit welchen Indikatoren dies geschieht. Diese werden anhand von Alkohol, sog. illegalen Drogen, Glücksspiel- und Internetsucht konkretisiert.

Kapitel 5: Soziale Ungleichheit und Sucht

Dieses Kapitel und die beiden darauffolgenden thematisieren die soziale Dimension von Substanzkonsum und Suchtentwicklung. Dieses Kapitel nimmt die vertikale Blickrichtung ein. Die Autorin referiert in den Unterkapiteln, Bildung, Armut und Arbeitslosigkeit anhand empirischer Untersuchungen aktuelle Datenlagen, gleichwohl sie direkt in der Einleitung vorausschickt, dass deutlich sei, dass ein Zusammenhang zwischen Gesundheit / Krankheit und sozioökonomischen Status bestehe, aber ein übergeordnetes Modell, dass beide Perspektiven in ihren gegenseitigen Wechselbeziehung „sinnvoll integriert“ noch fehle (S. 65). In der Zusammenfassung und Schlussfolgerung resümiert sie, dass es von enormer Wichtigkeit sei, zu wissen welche Gruppen von Menschen, welchen Belastungen ausgesetzt seien, um sie gemäß ihren Bedarfen auch tatsächlich erreichen zu können. Darüber hinaus sollten auch lebensweltlichen Aspekte z.B. Freizeit, Arbeitsintegration, bei der Bewältigung von Problemen in den Angeboten insbesondere der Rehabilitation und Nachsorge besser genutzt werden.

Kapitel 6: Geschlecht und Sucht und Kapitel 7: Migration und Sucht

In ähnlicher Weise sind auch die o. g. Kapitel aufgebaut, die das Thema soziale Ungleichheit mit zwei Bereichen aus dem horizontalen Segment aufgreifen. An den Enden der Kapitel stehen der Appell für eine weitere Umsetzung einer „gendersensiblen Suchtprävention und Suchtarbeit“ sowie „Models of good practice“ im Bereich der kultursensiblen Suchtarbeit, sowie Verweise auf weiterführende Literatur.

Der Gewinn dieser drei Kapitel zur sozialen Ungleichheit und ihrem Verhältnis zu Substanzkonsum und Sucht liegt darin, dass die Lesende prägnant und auf der Basis empirischer Daten in dieses für sich schon sehr komplexe Thema eingeführt wird und kundige erste Einblicke darin erhält, wie einerseits Suchthilfe diese Themen aufgreift und andererseits an welchen Stellen noch Entwicklungspotenzial herrscht. Gleichzeitig wird herausgearbeitet, und diese Erkenntnis ist bestimmt ein Gewinn nicht nur für Noviz*innen in diesem Feld, dass Substanzmittelkonsum und daraus erwachsene Probleme, keineswegs individualisiert sondern sowohl im Allgemeinen z.B. bei der Konzeptualisierung von Hilfeangeboten als auch im Einzelfall z.B. im Rahmen von Diagnostik sorgfältig kontextualisiert werden müssen.

Kapitel 8: System der Suchthilfe

Dieses Kapitel eröffnet den Themenzusammenhang von Präventions- und Hilfekonzepten. Es spannt in den jeweiligen Unterkapiteln eine weiten Bogen von geschichtlichen Hintergründen zunächst zu einer Beschreibung des normativen Rahmens, der allerdings nur die inhaltlichen Nomen im Zusammenhang mit dem sog. „Paradigmenwechsel“ zu Teilhabe aufgreift. Eine Darstellung der Finanzierungsgrundlagen verschiedener Angebote von Suchthilfe unterbleibt an der Stelle. Es folgt eine Thematisierung des sog. Abstinenzparadigmas und zieloffener Hilfen, gefolgt von einer Nennung der Adressatinnen und Adressaten von Suchthilfe. Nach einer kursorischen Benennung von Strukturen und Angeboten, folgt eine Thematisierung der Versorgungssituation und Umsetzungsprobleme.

Auch diese hier angerissenen Punkte mit diesem weiten Rahmen machen ein weiteres Mal deutlich, dass das Thema Suchthilfe ein äußerst vielschichtiges ist, auch und ganz besonders im Hinblick auf die Organisation von Hilfe in diesem Bereich.

Kapitel 9: Prävention von Suchterkrankungen

In diesem Kapitel expliziert die Autorin detailreich zunächst die Geschichte und damit verbundenen verschiedenen Ansätze suchtpräventiver Konzepte und ihrer empirisch gezeigten Wirksamkeit /bzw. Nichtwirksamkeit. Danach werden fachliche Anforderungen im Allgemeinen, Akteure und Strukturen von Suchtprävention in Deutschland beschrieben, gefolgt von Handlungsfeldern und einer Kurzdarstellung exemplarischer Projekte zur Suchtprävention. Das Unterkapitel „suchtpräventive Praxis“ benennt fachliche Verfahren, wie sie im Alltag von Fachkräften vorkommen, im Einzelnen, wie z.B. Projektplanung, Öffentlichkeitsarbeit, Vernetzung, etc., sowie Anforderungen an Fachkräfte für Suchtprävention.

Das letzte Unterkapitel ist der Kritik an Prävention und ihren Perspektiven gewidmet. Hier kommen kritische Stimmen zu Wort, die Prävention als „vorbeugendes Eingreifen“ (S. 137) bezeichnen und damit die Gefahr einer „Überfürsorglichkeit“ im Sinne des Versuchs der Steuerung individuellen Verhaltens von staatlich organisierter Stellen anmahnen, der den Ansatz der „Gestaltung positiver und förderlicher Verhältnisse“ in den Hintergrund drängen könnte. Hier jedoch sieht die Autorin mit Blick auf „Perspektiven“ die Möglichkeit eines fruchtbaren „Schulterschlusses“ durch Bündelung und gegenseitige Stärkung von Kräften.

Kapitel 10: Angehörige von suchtkranken Menschen

Angehörige als besondere Zielgruppe von Suchthilfe sind das Thema dieses Kapitels. Hier werden wieder auf empirischer Basis, Belastungen Angehöriger von substanzkonsumierenden Menschen benannt. Darüber hinaus setzt die Autorin sich mit dem Konstrukt der sog. „Co-Abhängigkeit“ auseinander und kommt unter Bezugnahme auf den aktuellen Diskurs, zu dem Schluss, dass die Zuschreibung „Co-Abhängigkeit“ weder ernstgemeinte Versuche von Angehörigen, Betroffene zu unterstützen wertschätzt, noch die vielen erschwerten Lebensbedingungen Berücksichtigung finden, sondern im Gegenteil, Bewältigungsversuche unter Aufbietung vorhandener Ressourcen, normativ pathologisiert (S. 145) werden. Dem ist aus Sicht der Rezensentin nichts hinzuzufügen.

Anschließend wird, das inzwischen relativ weit verbreitete Konzept CRAFT, mit seinen Bausteinen als ein möglicher Ansatz Sozialer Arbeit vorgestellt. Die anschließende Diskussion bewertet das Konzept differenzierend mit Blick auf Interessen von Angehörigen, Berücksichtigung von Kontextfaktoren und politische Dimension.

Kapitel 11: Diagnostik und Diagnosen in der Suchthilfe

Obwohl im Kapitel 1 darauf hingewiesen wurde, dass „Sucht“ keine Krankheit wie jede andere ist, kommt man in einem Hilfesystem, das zum Teil im Gesundheitswesen organisiert ist und von ihm mitgesteuert wird, um Diagnosen und Diagnostik nicht herum. Die Einleitung nimmt Bezug auf die in diesem Diskurs gängigen Pole, einem klassifikatorisch zuschreibenden Ansatz und einem hermeneutisch rekonstruktiven Ansatz. Dementsprechend werden hier gängige Klassifkationssysteme, aber auch integrierende Ansätze im Rahmen einer sozialen und psycho-sozialen Diagnostik vorgestellt, am Ende des Kapitels differenzierend diskutiert und dabei auf die zentrale Bedeutung der Art und Weise der Beziehung im Zusammenhang mit „Diagnostik“ verwiesen.

Kapitel 12: Profil und ausgewählte Arbeitsansätze der Sozialen Arbeit im multidisziplinären Feld der Suchthilfe

Das letzte Kapitel dieses Buches beschreitet mutig und zeitgemäß, den Weg auf der Basis von Explikationen von Fachverbänden, die Idee einer eigenen Zuständigkeit der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe zu unterstützen. Diese Zuständigkeit greift den Paradigmenwechsel in den politischen Normen nach Teilhabe, als Ziel der Hilfe für Menschen mit Substanzkonsum, auf. Es wird dargelegt, dass es nicht an mangelnder Fachlichkeit liege, warum Soziale Arbeit einen geringen Stellenwert im Rahmen der Suchthilfe einnehme, sondern dies mit Verweisen auf den diesbezüglichen Diskurs als ein professionspolitisches Problem konstruiert, bei der Soziale Arbeit sich zwischen Pädagogik, Psychologie und Medizin als Disziplin mit eigenem epistemischen Raum und eben nicht als angewandte Wissenschaft wird behaupten müssen.

Die Antwort der Autorin ist die Explikation einer Zuständigkeit und klaren expliziten fachlichen Positionierungen im Feld, die aber auch noch, so resümiert sie, zu leisten wären. Dieses Kapitel leistet einen Beitrag hierzu, in dem es ausgewählte Arbeitsansätze in der ambulanten Suchthilfe benennt und das Verfahren der Motivierenden Gesprächsführung als dem Anspruch Sozialer Arbeit angemessen, vorstellt.

Diskussion

Das Buch ist ein Parforce-Ritt durch wichtige, die Gesamtthematik berührende, Aspekte. Diese in der vorliegenden Prägnanz darzustellen, ist schon eine Leistung für sich. Ab dem ersten Kapitel zeigt sich die Komplexität, die lehrbuchhaft darzustellen sich dieses Buch verschrieben hat. Die Zusammenstellung und Ausarbeitung der Themen aus dem konsequenten Blick sozialarbeiterischer Diskurse bzw. der Versuch diese Diskurse mit denen aus anderen Disziplinen konstruktiv zusammenzuführen und diese z.T. hochkomplexen Zusammenhänge verständlich darzustellen, kann deshalb nicht hoch genug gewertschätzt werden und verdient Respekt und Anerkennung. Es liegt in der Natur der Sache, dass die geneigte Leser*in nicht umhin kommen wird, den gelegten Spuren in Form von zahlreichen Literaturhinweisen nachzugehen, will sie oder er die Zusammenhänge zwischen den angesprochenen Thematiken noch besser verstehen.

Trotz dieser schon umfangreich erscheinenden Thematisierungen sollen hier nur kurz zwei Dinge benannt werden, die das Gesamtwerk in keiner Weise schmälern, die aber vielleicht dazu beitragen können es im Sinne des Zusammentragens eines konsolidierten Wissenskorpus als Anspruch mit der Idee und Möglichkeit des Weiterdenkens und der Weiterentwicklung, weiter zu schärfen.

Man hätte sich noch wünschen können, dass in Kapitel 1 „Sucht“ – eine Erkrankung wie jede andere auch? auch die Krankenrolle (Parsons 1970) im Zusammenhang mit Sucht diskutiert wird. Die sich daraus ergebenden Implikationen haben großen Einfluss auf die Stellung Betroffener im Suchthilfesystem, die Möglichkeiten an Hilfe, die ihnen angeboten wird und die Rolle Sozialer Arbeit in diesem Zusammenhang, insbesondere auch auf die Entwicklung der im Zusammenhang mit Diagnostik angesprochen Qualität der Beziehung (Hansjürgens 2018).

Auch in Kapitel 8 System der Suchthilfe könnte nach Auffassung der Rezensentin, gerade mit Blick darauf, dass dieses Buch auch für Studierende geschrieben ist, noch Erweiterungsbedarf sein. Dies bezieht sich insbesondere auf das Unterkapitel des normativen Rahmens. Hier wäre eine kurze Darstellung der geltenden Normenbereiche für Suchthilfe entlang ihrer sozialpolitischen und administrativen Zuordnung von denen im Kapitel beschriebenen Hilfearten zusätzlich zu den Änderungen nach einem vermeintlichen Paradigmenwechsel in Richtung „Teilhabe“, erhellend. Denn diese wirken sich auf die faktische (nicht nur inhaltlich mögliche) Zuständigkeit und Performanz von Fachkräften aus.

Dies gilt ebenso für das sog. „Abstinenzparadigma“, die Orientierung hieran stellt nicht nur eine fachliche Entscheidung, sondern auch eine politische Entscheidung auf der Basis der Zuordnung z.B. zum Gesundheitssektor dar. Beides allerdings ist nicht nur ein komplexes, sondern auch ein schwieriges Thema, da im Bereich der Grundlegung der Normen wenig Grundlagenliteratur mit Blick auf Suchthilfe existiert und im Bereich des Abstinenzparadigmas auch professionspolitische Empfindlichkeiten mit berührt sind. Aber die Autorin selbst bezeichnet dieses Buch als einen „ersten Versuch“ der Zusammenstellung und diese Leistung ist, und dabei bleibt es, absolut zu würdigen. In dieser Perspektive leistet dieses Buch einen zentralen Beitrag zur professionspolitischen Positionierung Sozialer Arbeit im Feld der Suchthilfe und als zeitgemäßes Lehrwerk in Studiengängen Sozialer Arbeit.

Das Buch wird ergänzt durch eine umfangreiche Literaturliste, die von der Komplexität und der Vielfalt der verwendeten Quellen zeugt. Sinnvoll für das schnelle Auffinden, gerade wenn man sich in das Thema einarbeitet, ist auch das Stichwortverzeichnis mit dem das Buch schließt.

Fazit

Dieses Buch leistet eine sehr prägnante Einführung in die komplexen Zusammenhänge zum Handlungsfeld Sozialer Arbeit in Suchthilfe auf der Basis empirischer Daten und auf der Höhe des jeweiligen Diskurses, soweit die Rezensentin dies beurteilen kann. Jedes Kapitel steht für sich, kann aber auch durch die Querverweise in Zusammenhängen gelesen werden. Dieses Buch eignet sich für alle, die sich einarbeiten, einen Überblick verschaffen oder sich vergewissern wollen und für die, die auf der Suche nach Forschungsthemen im Zusammenhang mit diesem Feld sind. Es ist zu wünschen, dass es breiten Eingang in die entsprechenden Bibliotheken findet.

Literaturverzeichnis

  • Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit in der Suchthilfe (Hg.) (2016): Kompetenzprofil der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe und Suchtprävention. Münster.
  • Hansjürgens, Rita (2018): „In Kontakt kommen“. Analyse der Entstehung von Arbeitsbeziehungen in Suchtberatungsstellen. Baden-Baden: Tectum-Verl.
  • Parsons, Talcott (1970): Struktur und Funktion der modernen Medizin. Eine soziologische Analyse. In: Rene König, Margret Tönnesmann und René König (Hg.): Probleme der Medizin-Soziologie. 4. Aufl. Köln: Westdt. Verl (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderheft, 3), S. 10–57.
  • Sommerfeld, Peter; Dällenbach, Regula; Rüegger, Cornelia (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis.

Rezensentin
Rita Hansjürgens
M. A., Dipl. Sozialarbeiterin, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Katholische Hochschule NRW, Abt. Paderborn
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Zitiervorschlag
Rita Hansjürgens. Rezension vom 30.08.2018 zu: Marion Laging: Soziale Arbeit in der Suchthilfe. Grundlagen - Konzepte - Methoden. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-031707-9. Reihe: Grundwissen soziale Arbeit - Band 28. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24579.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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