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Joachim Wenzel: Familien im Medienzeitalter

Cover Joachim Wenzel: Familien im Medienzeitalter. Digitalisierung in der Beratungspraxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 85 Seiten. ISBN 978-3-525-45256-1. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten - systemisch beraten.
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Thema

Digitalisierung und Mediennutzung ist in der Beratung von Familien häufig ein intensives Streitthema und auch in vielen Gesellschaftsbereichen inzwischen intensiv diskutiert. Welche Auswirkungen und Chancen systemische (Familien-)beratung in diesem Spannungsfeld hat, wird in diesem Buch beleuchtet.

Autor

Dr. Joachim Wenzel, freiberuflicher Dozent/ Trainer und Berater, spi – systemische Praxis und Institut Mainz, Diplom-Pädagoge, Lehrender für Systemische Beratung/ Therapie, Coaching/ Supervision (DGSF), Organisationsentwickler (DGSF).

Entstehungshintergrund

Das Buch erscheint in der Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten. Systemisch beraten“. Die Reihe thematisiert „anschaulich und kompakt“ (S. 7) die Bewältigung von vielfältigen Herausforderungen menschlicher Existenz, die in der systemischen Beratung relevant sind. Sie richtet sich an Fachkräfte, könnte aber auch für Betroffene hilfreich sein.

Die Themen Digitalisierung und Medienkonsum beschäftigen Wenzel schon seit Jahrzehnten. Der Autor gründete die Fachgruppe „Onlineberatung und Medien“ der DGSF und gehörte als Mitarbeiter der Telefonseelsorge zu den Pionieren der Online- und Chatberatung.

Aufbau

Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt. Die ersten beiden Kapitel beginnen mit Fallbeispielen und differenzieren daraufhin die Inhalte theoretisch aus. Das dritte Kapitel stellt eine Art Nachschlagewerk mit einer Zusammenstellung von weiterführendenden Internetseiten dar.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu 1. Der Kontext

Das Fallbeispiel von Familie Smart zeigt u.a. die Auswirkungen von Gruppendruck und Uneinigkeit der Eltern auf das familiäre Nutzungsverhalten.

Im Abschnitt „Neue Phänomene bei alten Themen“ wird die Intervention „Medienkreise“ vorgestellt. Sie dient der Reflexion der eigenen Medienbiographie der Klienten sowie dem familiären Austausch, jenseits von konfliktaufgeladenen Regelauseinandersetzungen. In diesem Kapitel werden außerdem Chancen und Risiken der neuen Medien beleuchtet und der Rückbezug zu vorher bestehenden Familienherausforderungen gezogen. Es werden die Möglichkeiten der Kommunikation, Informationsgewinnung, Finden von Gleichgesinnten und Selbsthilfe sowie Nutzen von Lernspielen diskutiert, genauso aber auch Schwierigkeiten mit Privatsphäre, Abhängigkeiten, Kontrolle, Reizüberflutung, gewalttätigen und sexualisierten Inhalten besprochen. Der Autor vergleicht die Internetnutzung mit dem Lesen von Märchen, die schon seit Jahrhunderten „vor den Gefahren der Welt jenseits der familiären Geborgenheit“ warnen (S. 26). Somit ginge es auch im Umgang mit den neuen Medien nicht um Abschottung, sondern um gemeinsame Entwicklung von Medienkompetenz, um „die jungen Menschen für die neu entstandenen Risiken zu rüsten“ (S. 26).

Der Abschnitt „Medien als Ausweitung von Körper und Lebenswelt“ definiert verschiedene Medientypen und stellt die mediengeschichtliche Entwicklung vor. Der Autor setzt beim eigenen Körper als Medium an und beschreibt die Medienentwicklung als Fortführung des Körpers zum erweiterten Trägersystem zur Informationsvermittlung. Es werden neue Möglichkeiten der Kommunikation beschrieben (z.B. Abwesenheit & Distanz), die durch die „Synchronisation unterschiedlicher Systeme über Systemgrenzen und Systemtypen hinweg “ (S. 42) möglich werden. Durch die Beschreibung einiger Studien zur Mediennutzung wird deutlich, dass neue Medien die Kommunikationsmöglichkeiten erweitern, anstatt alte Medienformen zu verdrängen.

Zu 2. Die systemische Beratung

Das zweite Fallbeispiel erzählt von Familie Medienstreit, die aufgrund von Streitigkeiten über Smartphonenutzung eine Beratungsstelle aufsucht. Der beschriebene Beratungsprozess zeigt die dahinter liegenden familiendynamischen Themen und schildert eine exemplarische Bearbeitung dieser, auch durch den bewussten Einsatz von Mediennutzung.

Im Abschnitt „Von der Medienfixierung zur Beziehungsgestaltung“ werden die Prozessphasen des Fallbeispiels und die mögliche Anwendung von Interventionen aus der systemischen Praxis beleuchtet. Es geht um den Nutzen der Smartphone- & Internetnutzung und die Auswirkungen auf die Familiendynamik, die Eröffnung eines Beziehungsraumes zum Austausch über Bedürfnisse und Erfahrungen sowie die eigene Berater-Haltung gegenüber Medien und das Herausarbeiten von den Themen hinter dem Thema Medien. Auch wird der gezielte Einsatz von Medien zur Erhöhung der Niedrigschwelligkeit (z.B. Anonyme Onlineberatung) und als Teil der Problemlösung (z.B. digitales Familienforum) erörtert.

Das dritte Fallbeispiel beschreibt die Beratung eines getrennt lebenden Paares zum Medienumgang der gemeinsamen Kinder. Es wird deutlich inwieweit sich eine verletzende Paardynamik den Streit über Medienkonsum als Ausdrucksform suchen kann und wie groß das Bedürfnis nach einer klaren, externen Ansage zum Thema Medienzeit ist. Eindrücklich wird geschildert, dass es sinnvoll ist, eine „mediale Fachberatung nicht mit der systemischen Prozessberatung zu vermischen“ (S. 62) und kleinschrittig und beharrlich zum Austausch über Lösungen anzuregen, die alle Bedürfnisse und Perspektiven mit berücksichtigen.

Der Abschnitt „Digitalisierung als übergreifende Herausforderung“ gibt einen Ausblick über die Einbettung der familienrelevanten Herausforderungen in den politischen und gesellschaftlichen Kontext. Außerdem wird die „Entwicklung medienbasierter Beratungsfachlichkeit“ (S. 68) besprochen, die den Nutzen von neuen Medien und Digitalisierung für die Beratungsarbeit als Überwindung von Distanz, vielfältigeren Zugangsformen und als bewussten Interventionsansatz als Zusatz zur Face-to-Face-Beratung thematisiert unter der Voraussetzung einer angemessenen Medienkompetenz auf Seiten der Berater.

Zu 3. Am Ende

Dieses Kapitel umfasst mehrere Übersichten über Internetseiten zu weiterführenden Informationen. Sie sind unterteilt in Links für Kinder, Jugendliche, Eltern und Fachkräfte und beinhalten Internetseiten für Onlineberatungsangebote, Medienkompetenzförderung und Medienerziehung, Datenschutz und -sicherheit sowie Studien und Publikationen zur Mediennutzung. Zuletzt schildert der Autor seine eigene Medienbiographie.

Diskussion

Insgesamt stellt dieses Buch für mich eine stimmige Mischung aus medialem Entwicklungshintergrund, aktueller Situationsbeschreibung und Interventionsideen sowie vielseitigen weiterführenden Informationen dar. Die Fallbeispiele machen Situationen greifbar und knüpfen direkt an meine Erlebnisse in der Erziehungsberatung an.

Die Interventionsideen sind detailliert erklärt und gut nachvollziehbar. Die Übung „Medienkreise“ ermöglicht die Reflexion und den wertschätzenden Austausch über vielfältige innerfamiliäre Medienerfahrungen und lässt sich gut umsetzen. Auch die Idee des Familienforums als Begleitintervention zur Face-to-Face-Beratung wirkt vielversprechend.

Für die Arbeit in der Erziehungsberatung beinhaltet das Buch einige Ansatzpunkte: Machtkämpfe um Medien als Aspekte familiärer Gesamtdynamik betrachten und Zugänge zu Beziehungsinhalten hinterm Thema ermöglichen – da waren die Beispiele und Erklärungsmuster für mich sehr anschaulich. Auch die Definition von Medien als Erweiterung des Körpers als Trägersystem zur Informationsvermittlung, die asynchrone und distanzierte Kommunikation ermöglicht – hilft den Nutzen von Medien zu vermitteln.

Besonders hervorzuheben ist die ausführliche Link-Liste am Ende des Buches, in der wichtige Internetseiten für Kinder, Jugendliche und Eltern in der Beratung einfach und schnell gefunden werden.

Fazit

Das Buch „Familien im Medienzeitalter“ gibt einen knackigen und pointierten Überblick über Medienentwicklung und -definition, über Zusammenhänge von Medienstreit und dahinter liegenden familiendynamischen Herausforderungen sowie systemischer Beratungsarbeit zu diesen Themen. Die Fallbeispiele holen mich ab, das zusammengestellte Nachschlagewerk an zielgruppengeordneten Links ist im Arbeitsalltag hilfreich. Insgesamt eine inspirierende Lektüre, die an einem „langen Abend oder kurzen Wochenende“ (S. 8) zu lesen ist, zu einem Wissenszuwachs über Medien und deren Nutzung führt und zur Erweiterung des beraterischen Interventionsrepertoires inspiriert.


Rezensentin
Leoni Saechtling
Psychologin (M.Sc.) & Systemische Familientherapeutin
Homepage www.saechtling.de
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Zitiervorschlag
Leoni Saechtling. Rezension vom 11.09.2018 zu: Joachim Wenzel: Familien im Medienzeitalter. Digitalisierung in der Beratungspraxis. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45256-1. Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten - systemisch beraten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24587.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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