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Bernhard Gißibl, Isabella Löhr (Hrsg.): Bessere Welten. Kosmopolitismus (...)

Cover Bernhard Gißibl, Isabella Löhr (Hrsg.): Bessere Welten. Kosmopolitismus in den Geschichtswissenschaften. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. 405 Seiten. ISBN 978-3-593-50613-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Unter dem Titel ‚Bessere Welten‘ versammelt der Band von Bernhard Gißibl und Isabella Löhr Beiträge mit der Leitfrage „nach dem heuristischen Mehrwert von Kosmopolitismus für die Geschichtswissenschaft“ (7). Ziel der Beiträge ist es hier, Bedeutung und Potenziale einer kosmopolitischen Perspektive komplementär zu den Subdisziplinen der transnationalen Geschichte und der Globalgeschichte herauszuarbeiten.

Aufbau und Inhalte

Der Band ist in vier Abschnitte gegliedert.

  1. Unter dem Titel ‚Kosmopolitismus als Konflikt: Grenzziehung, Inklusion, Exklusion‘ wird der erste Block von Mirjam Thulin eingeleitet, die die „ambivalente Beziehungsgeschichte von Kosmopolitismus und Judentum“ untersucht. Den Die Frage nach der Bedeutung von Staatenlosigkeit für eine kosmopolitische Geschichtsschreibung behandelt anschließen Miriam Rürup. Ein dritter Beitrag von Jürgen Dinkel behandelt die (anfängliche) Herausbildung einer asiatisch-afrikanischen Mobilisierung auf Grundlage gemeinsamer kolonialer Unterdrückungserfahrungen.
  2. Die nächsten Beiträge werden unter dem Titel ‚Der Umgang mit dem Anderen: Kosmopolitismus als Haltung und Kompetenz‘ zusammengefasst. Mit ihrem Fokus auf Geschlechterverhältnisse in der katholischen Missionskongregation behandelt Katharina Stornig ein in der Geschichtswissenschaft ohnehin randständiges Thema in Bezug auf eine kosmopolitische Forschungsperspektive. Auch die Analysen der internationalen Zusammenhänge der Freimaurervereinung (Joachim Berger) sowie des international organisierten Freidenkertums (Daniel Laque) zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiten ähnliche Diskrepanzen zwischenkosmopolitischem Ideal und sozialer Praxis heraus.
  3. Unter dem Obertitel Cosmobilities widmen sich die drei folgenden Beiträge dem Zusammenhang von Mobilität. Andreas Fahrmeier reflektiert in seinem Beitrag die kosmopolitische Dimension von Pässen als Dokumente nationaler Zugehörigkeit. Corinne Pernet und Isabella Löhr analysieren die Arbeiten der chilenischen Autorin Gabriela Mistral mit Blick auf die kosmopolitische Dimension von Migrationsbiografien. Drittens analysiert Stefanie Michels das Selbstverständnis Kameruner Händler im transatlantischen Referenzrahmen.
  4. Der letzte Abschnitt des Buches richtet sich auf das Verständnis von ‚Kosmopolitismus als Governance‘ und wird eingeleitet durch einen Text von Soumen Mukherjee, der das Imamat unter kosmopolitischen Aspekten untersucht. Anhand des osmanischen Reiches arbeitet Nora Lafi im nachfolgenden Text die konzeptionelle Rahmung von Regierungshandeln als ‚kosmopolitischen‘ heraus. Schließlich behandelt Andrea Rehling die kosmopolitische Dimension des UNESCO Kultur- und Naturerbes und dessen Aushandlung Anfang der 1970er Jahre heraus.

Diskussion und Fazit

Die thematische Diversität der Beiträge des Bandes bildet die Vielfalt der kosmopolitischen Bezüge ab, die die Gesellschaft seit vielen Jahrhunderten prägen. Die Darstellung des empirischen Materials ist immer wieder interessant und vermittelt einen fundierten Einstieg ins Themenfeld. Inwiefern der Kosmopolitismus sich als systematische Forschungsperspektive von denen der Globalgeschichte oder der transnationalen Geschichte unterscheidet, wird mir allerdings nicht immer klar (was ich verstehe, ist, dass es hier um die forschungslogische Rahmung jenseits nationaler, aber auch weltsystemischer Bezüge geht). Vielleicht hätte ein Schlusskapitel geholfen, die Implikationen und Befunde nochmal mit dem Ziel einer Schärfung der spezifischen paradigmatischen Herangehensweise zuzuspitzen.

Eine weitere Leerstelle des Bandes öffnet sich an der Stelle einer klassenpolitischen (oder zumindest im weiteren Sinne wirtschaftshistorischen) Perspektive. Zwar beleuchtet der Fokus auf Identitäten und Diversität eine wichtige handlungstheoretische Dimension und eröffnet so auch die Sicht auf Macht und Herrschaft, bzw. Empowerment innerhalb einer identitätspolitischen Dimension. Eventuelle verteilungspolitische oder arbeitsmarktvermittelte Aspekte (Möglichkeit auf internationale Mobilität, Zugang zu kulturellem Kapital wie Sprachkenntnissen, etc.) lassen sich durch eine entsprechend limitierte Sichtweise nur schwer erfassen.


Rezensent
Dr. Martin Seeliger
Promotion am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Martin Seeliger. Rezension vom 06.07.2018 zu: Bernhard Gißibl, Isabella Löhr (Hrsg.): Bessere Welten. Kosmopolitismus in den Geschichtswissenschaften. Campus Verlag (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-593-50613-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24589.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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