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Henning Ottmann, Pavo Barisic (Hrsg.): Kosmopolitische Demokratie

Cover Henning Ottmann, Pavo Barisic (Hrsg.): Kosmopolitische Demokratie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 184 Seiten. ISBN 978-3-8487-3302-6. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Reihe: Staatsverständnisse - Band 110.
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Thema

Welthandel, der Klimawandel, die Flüchtlingskrise, Terrorismus oder Sportereignisse wie die Fußballweltmeisterschaft – als dies sind Phänomen, die uns immer wieder versinnbildlichen, dass die Ausbreitung gesellschaftlichen Zusammenhänge jenseits nationalstaatlicher Grenzen nicht nur irreversibel, sondern auch in stetiger Entwicklung befindlich ist.

Implikationen für die Gestaltung eines politischen Gemeinwesens werden hierbei häufig (v.a. durch die Soziologie und Politikwissenschaft) unter dem Begriff des Kosmopolitismus behandelt. Beim Kosmopolitismus handelt es sich einerseits um ein philosophisches Konzept und zweitens um ein historisch bis in die Antike zurückreichendes Phänomen.

Der von Henning Ottmann und Pavo Barisic in der bekannten Reihe ‚Staatsverständnisse‘ im Nomos-Verlag erschienene Band versammelt politikwissenschaftliche und philosophische Beiträge zum Thema ‚Kosmopolitische Demokratie‘. Die vor allem seit den späten 1980er Jahren im Rahmen der Soziologie und Politikwissenschaft geführte Debatte um Möglichkeiten demokratischer Steuerung jenseits des Nationalstaats verfolgen die Beiträge zu ihren geistesgeschichtlichen Wurzeln zurück. Als „Kind der Antike“ (9) bezieht der Kosmopolitismus seine ursprünglichen theoretischen Prämissen jedoch aus den Überlegungen griechischer Philosophen. Vor dem Hintergrund rezenter Entwicklungen kultureller, wirtschaftlicher und nicht zuletzt auch ökologischer Globalisierung operieren Theorien kosmopolitischer Demokratie innerhalb eines Spannungsverhältnisses zwischen der Bearbeitung konkreter Probleme auf der einen, und einem politischen Utopismus auf der anderen Seite.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge zum Band folgen vielfältigen Zugangsweisen. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im ersten Text rekapituliert Pavo Barisic die wichtigsten theoretischen Positionen zur Frage nach der kosmopolitischen Demokratie. Das Grundproblem der Rückbindung von Demokratie an „ein bestimmtes politisches Volk, das sich Gesetze vorschreibt und eigene Angelegenheiten verwaltet“ offenbart sich ihm zu Folge „deutlich in der schwer zu beantwortenden Frage nach der Gründung des globalen Demos“ (17).

Der zweite Artikel von Hans-Otto Mühleisen behandelt kosmopolitische Bezüge in einer im Mai 2015 von Papst Franziskus veröffentlichten Enzyklika ‚Laudato Si‘, welche ihren impliziten Kosmopolitismus „auf der gleichen Gottes-Ebenbildlichkeit aller Menschen“ (41) basiert.

Anschließend an Charles Taylor stellt Hasnije Ilazi im darauffolgenden Text die Frage, wie sich demokratische Prinzipien aus dem nationalen in den kosmopolitischen Rahmen übertragen lassen.

Die Unterscheidung schwacher und starker Mitgliedschaftsregeln dient Karl-Heinz Nusser zu seiner Kritik am moralischen Kosmopolitismus als demokratiepolitisch nur begrenzt tragfähiges Rahmenwerk.

Olga Simova behandelt die genuine Spannung von Konstitutionalismus und Demokratie am Beispiel der Globalisierungstheorie von David Held.

Mit den Weltbürgerkonzeptionen von Otfried Höffe und Immanuel Kant setzt sich Klaus-Gerd Giesen auseinander, der als erster der Autoren einen wesentlicheren Schwerpunkt auf verteilungspolitische Fragen legt, bevor Mislav Kukoc mit seiner systematisch-definitorischen Unterscheidung zwischen Kosmopolitismus, Internationalismus und Globalismus einen Vorschlag zur begrifflichen Differenzierung des Forschungsfeldes erarbeitet.

Eine Kritik der Teleologie im Konzept Zusammenhang von Kapitalismus, Freiheit und Demokratie bei Francis Fukuyama leistet Felicia Engelmann.

Weitere verteilungspolitische Aspekte innerhalb der Weltwirtschaft nimmt Stjepan Radic in seinem Beitrag auf.

Der abschließende Beitrag von Henning Ottmann stellt vier Modelle globaler Ordnung als Grundlage weiterer theoretischer Überlegungen einer politischen Philosophie des Kosmopolitismus vor.

Diskussion

Eine Stärke des Bandes besteht – verglichen mit den soziologisch-politikwissenschaftlichen Arbeiten zum Thema – in der oftmals klaren normativen Positionierung der Beiträge (wie z.B. Nusser in seiner Kritik des normativen Kosmopolitismus). Bemerkenswert erscheint weiterhin, dass die Beiträge (zumindest beispielhaft) vor allem auf Sicherheitspolitik, Ökologie oder migrationsbedingte Kulturkonflikte abheben. Unterbelichtet bleibt hierbei jedoch fast immer der Aspekt globaler Verteilungspolitik – Demokratie wird hier (außer in den an Rawls anschließenden Beiträgen) – als ein liberales Konzept verstanden.

Fazit

Insgesamt bietet der Band einen guten Überblick über die politisch-theoretische Auseinandersetzung mit Globalisierungsphänomenen aus kosmopolitischer Perspektive. Mit Blick auf die Zusammenstellung und Ausrichtung der Beiträge zeigt sich aber gleichzeitig ein zentrales Problem: Die Abwesenheit einer klassen- oder zumindest im weiteren Sinne sozialpolitischen Sichtweise begründet einen blinden Fleck in der kosmopolitischen Perspektive, der so zwar nicht vollständig, aber doch zumindest in weiten Teilen repräsentativ für das gesamte Forschungsfeld erscheint. Dies betrifft nicht nur die Auseinandersetzungen mit den Problemen, die ein sich zunehmend internationalisierender Arbeitsmarkt sowie die Mobilität von Kapital im Standort- und Steuerwettbewerb der Nationalstaaten mit sich bringt. Auch auf der Ebene sozialer Lebenswelten zeigen sich entsprechende Spaltungslinien, die immer stärker konturieren, dass es sich beim Kosmopolitismus in der gesellschaftlichen Praxis in erster Linie um ein Elitenprojekt handelt. Dies stärker zu reflektieren muss die Aufgabe zukünftiger Forschung sein.24590


Rezensent
Dr. Martin Seeliger
Promotion am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
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Zitiervorschlag
Martin Seeliger. Rezension vom 28.07.2018 zu: Henning Ottmann, Pavo Barisic (Hrsg.): Kosmopolitische Demokratie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-3302-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24590.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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