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Martin Eugen Gallmann: Unschärfe in der Erziehungs­wissenschaft

Cover Martin Eugen Gallmann: Unschärfe in der Erziehungswissenschaft. Bilanzierung einer Wissensform. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 206 Seiten. ISBN 978-3-86388-776-6. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.
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Thema

Wissenschaft, damit auch die Erziehungswissenschaft, kann als ein soziales System (Wissenschaft i.e.S.), eine kognitive Praxis (Forschung) in diesem System und/oder ein verbales Resultat (Wissen) dieser Praxis und ein Medium dieses Systems verstanden werden. Im letzten Fall wird Wissenschaftstheorie zur Wissenstheorie. Und innerhalb einer solchen Wissenstheorie sind neben Funktionen und Rezeption, Themen und Sprache und anderen Aspekten des Wissens seine Formen ein zentrales Thema.

Martin Eugen Gallmann greift diesen wissenschaftstheoretischen Aspekt auf und widmet sich in seinem Buch der Form und dem Wert des von ihm sogenannten „unscharfen Wissens“ in der Erziehungswissenschaft. „Die Kernaussage lautet: Unscharfes Wissen ist nicht (nur) ein Problemfall, sondern ein Kapital der Erziehungswissenschaft. In dieser Eigenschaft, ein Kapital der Erziehungswissenschaft zu sein, lässt sich das unscharfe Wissen bilanzieren, in Analogie zu einer betriebswirtschaftlichen Bilanz…“ (S. 11)

Autor

Zum Verfasser ist nur zu erfahren, dass er von der Universität Erlangen-Nünrnberg promoviert worden ist und das vorliegende Buch die Veröffentlichung seiner Dissertation darstellt. Die führt den gleichen Haupttitel, aber den Untertitel „Aussagenlogischer Grundriss einer erziehungswissenschaftlichen Wissenstheorie“.

Aufbau

Das Buch besteht aus vier Teilen, von denen die beiden ersten theoretisch, die beiden letzten empirisch ausgerichtet sind.

  1. Im ersten Kapitel („Grundlegung der Untersuchung“) erfolgt eine Erläuterung der Form des unscharfen Wissens,
  2. die im zweiten Kapitel („Wissen und Unschärfe in der erziehungswissenschaftlichen Theorie“) in eine Differenzierung von Hypothesen zur Unschärfe einmündet.
  3. Das dritte Kapitel („Methode der Untersuchung und Auswertung“) eröffnet den empirischen Teil des Buches.
  4. Resümiert werden die Forschungsergebnisse im letzten Kapitel („Diskussion der Ergebnisse und Grenzen der Untersuchung“).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

In der folgenden Inhaltsangabe konzentriere ich mich entlang der vier Kapitel, hier in drei Abschnitte zusammengefasst, auf die in meinen Augen für eine breitere Leserschaft relevanten Aussagen und vernachlässige Passagen, die mehr dem Kontext einer Qualifikationsarbeit geschuldet sind.

1. Unscharfes Wissen

Gallmann unterscheidet in logischer Hinsicht und ganz ohne Wertung zwei Formen des Wissens, die nicht nur in der Erziehungswissenschaft und nicht nur in der Wissenschaft überhaupt vorzufinden sind: einfaches und unscharfes Wissen. Als sprachliche Alternative bietet er auch „hartes“ versus „weiches Wissen“ an.

Einfaches Wissen, wie er es nach einem Vorschlag von Kersten Reich nennt und das keineswegs immer auch einfach zu erheben ist, kennzeichnet er als absolut und objektiv. Als absolutes Wissen folgt es der zweiwertigen bzw. binären Logik, nach der Einzelaussagen oder Aussagenkomplexe entweder wahr oder falsch sind. „Tertium non datur“ („Ein Drittes gibt es nicht.“). Objektiv ist das einfache Wissen, weil es von unterschiedlichen Subjekten geteilt wird bzw. verschiedene Subjekte zum gleichen Urteil kommen würden. Als Beispiel eines einfachen Wissens führt Gallmann den „positiven Zusammenhang von sozialer Herkunft und dem Leseerfolg von Kindern“ (S. 17) an. Die entsprechende Aussage ist eindeutig und kann von allen Subjekten bestätigt werden.

Unscharfes Wissen – das Adjektiv „unscharf“ scheint der Autor selbst gewählt zu haben, obwohl es an die heisenbergsche Unschärferelation in der Quantenphysik erinnert – ist nach beiden Kriterien, der Absolutheit und der Objektivität, das Gegenteil von einfachem Wissen. Es ist erstens relativ zum jeweiligen Standpunkt der Betrachtung, d.h. mehrdeutig und, wie der Autor schreibt, perspektivenabhängig. Sein Wahrheitswert variiert je nach Perspektive zwischen wahr oder falsch (entweder-oder) oder gemäß einer mehrwertigen Logik nach Wahrheitswerten zwischen wahr und falsch (teils-teils). Indikatoren für die Perspektivität von Wissen sind nach Gallmann die Kollision, die Verschränkung und die Konstruktion von Perspektiven. Zweitens ist unscharfes Wissen in dem Sinne subjektiv, als es mit seinen Worten einen Subjektbezug aufweist. Das Merkmal der Perspektivität erklärt Gallmann zu einer definitorischen Muss-Bedingung, das des Subjektbezugs zu einer Kann-Bedingung.

Der Autor betrachtet Wissen insgesamt und unscharfes Wissen im Besonderen in seinem Buch als Kapital. Unscharfes Wissen könne nur dann als Kapital der Erziehungswissenschaft bilanziert werden, wenn es sowohl werthaltig als auch substanzhaltig ist. Werthaltig sei es, wenn es sich eher als Normalfall denn als Störfall der Wissensproduktion erweise, substanzhaltig, wenn es sich als eher forschungspraktisch denn als ästhetisch relevant darstelle.

2. Unschärfe-Hypothesen

Darüber, wie die Unschärfe von Wissen zu verstehen und zu bewerten ist, gibt es in der Erziehungswissenschaft verschiedene Auffassungen. Gallmann unterscheidet insgesamt 15 Unschärfe-Hypothesen, die er zu fünf Typen bündelt:

  1. Unschärfe als Abweichung von Ordnung (6 Hypothesen)
  2. Unschärfe als Problem von Diagnose und Prognose (2 Hypothesen)
  3. Unschärfe als Defizitproblem (2 Hypothesen)
  4. Unschärfe als Generator des Neuen (2 Hypothesen)
  5. Unschärfe als Strukturproblem (3 Hypothesen)

Zwischen a) und b) verläuft für den Autor die Konfliktlinie zwischen theoretischer und empirischer, zwischen c) und d) die zwischen hinderlicher und förderlicher und zwischen a) und e) die zwischen wissenschaftlich gesetzter und gesellschaftlich gegebener Unschärfe.

3. Untersuchung zum unscharfen Wissen

Im empirischen Teil des Buches werden Verfahren und Ergebnisse eine Diskursanalyse der Jahrgänge 2001 bis 2010 der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“ vorgestellt. Die Wahl fiel auf eine Fachzeitschrift, weil eine solche im Vergleich zu Monographien eine größere thematische Breite und anders als Einführungswerke mehr Aktualität und Detailliertheit aufweist. Die „Zeitschrift für Erziehung“ bot sich an, da sie eine der beiden repräsentativen deutschsprachigen Fachzeitschriften der Erziehungswissenschaft ist, teilweise noch vor der „Zeitschrift für Pädagogik“ gerankt. Der Publikationszeitraum von einem Jahrzehnt ist aussagekräftig genug.

Untersucht wurden, wie gesagt, die Wert- und die Substanzhaltigkeit unscharfen Wissens: die Werthaltigkeit anhand der quantitativen Merkmale der Häufigkeit dieses Wissens (signifikant vs. marginal), seines thematischen Bezugs (Kern- vs. Randthema) und seiner disziplinären Verortung (Erziehungswissenschaft vs. andere wissenschaftliche Disziplin), die Substanzhaltigkeit qualitativ anhand der Inhalte und Argumentationen.

Die Untersuchungsergebnisse im Einzelnen zu referieren, würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen. Ich begnüge mich daher mit dem Resümee des Autors im Sinne des allgemeinen bzw. zentralen Ergebnisses: Unscharfes Wissen „kann als Kapital der Erziehungswissenschaft bilanziert werden, weil es erstens werthaltig und zweitens substanzhaltig ist“ (172). Es ist werthaltig, weil sich unscharfes Wissen in ungefähr der Hälfte der Artikel nachweisen lässt, eine große thematische Bandbreite von sieben Themenclustern aufweist (Individuum und Soziales, Bildung, Forschung, Lernen, Organisation und Management, Unterricht, Erziehung und Pädagogik) und am häufigsten wiederum erziehungswissenschaftlichen Quellen entnommen wird. Es ist substanzhaltig, weil es „für die erziehungswissenschaftliche Disziplin – auch in Abgrenzung zu ihren Nachbardisziplinen – identitätsstiftend ist“ (173).

Diskussion

Gallmann selbst diskutiert im vierten Kapitel die empirischen und theoretischen „Grenzen der Untersuchung“ und erweist damit zusätzlich seine (selbst-)kritische Kompetenz. Da seine Hinweise aber sehr ins Detail gehen, lasse ich sie hier aus. Dass unscharfes Wissen in der Erziehungswissenschaft (quantitativ) verbreitet und für sie (qualitativ) kennzeichnend ist, ist das empirische Ergebnis der Untersuchung und bestätigt wohl die eine oder andere Vermutung im Vorfeld. Interessant wäre aber darüber hinaus die Frage, warum das so ist. Liegt es an der Art von Wissenschaft, die die Erziehungswissenschaft repräsentiert, an der Art von Gegenstand dieser Wissenschaft, an einem weiteren Merkmal oder an allem zusammen?

Fazit

Das vorliegende Buch könnte – vielleicht über die Absicht des Autors hinaus – als Lob des unscharfen Wissens gelesen werden. Ein solches Lob wäre ein willkommene Entlastung der Erziehungswissenschaft im möglicherweise vergeblichen Bemühen, einen gewissen Grad an Exaktheit zu erlangen.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 14.11.2018 zu: Martin Eugen Gallmann: Unschärfe in der Erziehungswissenschaft. Bilanzierung einer Wissensform. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-776-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24591.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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