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Günther G. Goth, Susanne Kretschmer u.a. (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung junger Menschen

Cover Günther G. Goth, Susanne Kretschmer, Iris Pfeiffer (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung junger Menschen. Auf dem Weg zu neuen Dienstleistungen von Einrichtungen beruflicher Rehabilitation. wbv Media (Bielefeld) 2018. 228 Seiten. ISBN 978-3-7639-5959-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Wirtschaft und Bildung, Band 75.
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Thema

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 durch die Bundesrepublik Deutschland wurde die Entwicklung zu einer inklusiven Gesellschaft zu einem sozialpolitischen Ziel erklärt, um allen Menschen eine selbstbestimmte, diskriminierungs- und barrierefreie Teilhabe an den Zentralbereichen des gesellschaftlichen Lebens wie z.B. beruflicher Bildung und Erwerbsarbeit außerhalb separierender Sondersysteme zu ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund sind Berufsbildungswerke (BBW) als Trägerorganisationen der beruflichen Rehabilitation einschließlich der Berufsvorbereitung und -ausbildung von jungen Menschen, die als behindert gelten, herausgefordert, ihre traditionellen „Geschäftsmodelle“ (S. 6) inklusiv zu überdenken und weiterzuentwickeln. Denn diese verfügen zwar einerseits über vielfältige Ressourcen, gewachsene Netzwerke, langjährige Erfahrungswerte und spezifische Kompetenzen für die berufliche Bildung von Menschen mit Behinderung, sind jedoch andererseits der Kritik ausgesetzt, einer separierenden Logik neben dem ‚Normalfall‘ dualer Berufsausbildung zu folgen.

Um BBW in den Prozessen einer Um- und Neugestaltung ihrer Angebotskonzeptionen und organisationalen sowie personellen Weiterentwicklung im Sinne inklusiver Berufsbildung zu unterstützen, wurden zehn Bildungseinrichtungen mit dem aus Mitteln des Ausgleichsfonds geförderten und durch das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) angeschobenen und gesamtevaluierten Projekt „Anfänge, Übergänge, Anschlüsse gestalten – Inklusive Dienstleistungen von Berufsbildungswerken“ (PAUA) beraten und begleitet. Der Sammelband soll „zentrale Ergebnisse des Projekts PAUA“ (S. 18) aus den Perspektiven von Praxis und Forschung bündeln und Trägern der beruflichen Rehabilitation Beispiele guter Praxis vorstellen sowie Handlungsempfehlungen reichen.

Herausgeber*innen und Autor*innen

Im Autor*innenverzeichnis ist die Mitherausgeberin und -autorin Iris Pfeiffer als Geschäftsführerin des f-bb ausgewiesen. Diese Funktion hat auch Susanne Kretschmann inne, die als Mitherausgeberin keinen eigenen Beitrag verfasst hat. Dies gilt ebenfalls für Günther G. Goth, der dem Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft e.V. vorsteht. Die insgesamt 28 Autor*innen der vielfach in Co-Autor*innenschaft verfassten Fachbeiträge setzen sich aus Vertreter*innen aus Hochschule, f-bb, einer Fachstelle Einwanderung, Verbänden und Bildungseinrichtungen zusammen.

Aufbau

Der 228seitige Sammelband ist in ein kurzes Vorwort von Rolf Schmachtenberg vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, drei thematisch eingegrenzte Rubriken mit drei bis acht einzelnen Beiträgen und ein Autor*innenverzeichnis gegliedert. Das vollständige Inhaltsverzeichnis findet sich im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek. Zu den Rubriken und Beiträgen im Einzelnen:

Zu Rubrik I

Rubrik I versammelt vier Beiträge unter der Überschrift Ausgangslage und Handlungsbedarf.

I/1 Anfänge, Übergänge und Anschlüsse gestalten – Inklusion als Herausforderung für die berufliche Bildung: Matthias Kohl und Iris Pfeiffer vom f-bb führen in ihrem einleitenden Beitrag kurz in die grundlegenden Begriffe Exklusion, Separation, Integration und Inklusion als unterschiedliche Formen des gesellschaftlichen Umganges mit Behinderung ein. Inklusion in der beruflichen Bildung erfordere paradigmatisch eine „Systemanpassung an individuelle Voraussetzungen“ (S. 13), um „jedem Jugendlichen die Chance auf eine Ausbildung“ (ebd.) zu eröffnen. Im Hinblick auf die Zielgruppe von Menschen mit Behinderung wird der Behinderungsbegriff als relationales Konzept erläutert, das sich nicht auf körperliche, geistige oder psychische Merkmale von Individuen einschränke, sondern in Wechselwirkung mit „einstellungs- und umweltbedingten Barrieren“ (S. 11) verstanden wird. Daran anknüpfend wird die Zielvorstellung eines „geänderten Verständnis(ses) von individueller Vielfalt“ (S. 12) skizziert, in dem Behinderung als eine Variante von Normalität und nicht als defizitär etikettierte Abweichung gelte. Derartige Vorstellungen von Normalitätsabweichungen führten zu Systemausschlüssen (Exklusion), Aussonderungen in spezielle Bildungseinrichtungen (Separation) oder zur Systemeinbindung bei gleichzeitiger Sonderbehandlung (Integration). So verstanden ließen sich Institutionen, Organisationen und professionelle Selbstverständnisse im Umgang mit Behinderung in ihren behindernden Anteilen (selbst)kritisch in den Blick nehmen und im inklusiven Sinne verändern. In diesem Zusammenhang stelle sich für BBW als institutionalisierte Sondereinrichtungen für die berufliche Bildung junger Menschen mit Behinderung „die Frage nach ihrer künftigen Rolle“ (S. 10).

Es folgen eine kurze Darstellung der prekären Übergangssituation junger Menschen mit Behinderung in eine reguläre Berufsausbildung und ein Verweis auf die oftmals zögerliche Haltung vieler Betriebe, diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen dual auszubilden. Dementsprechend werden der Kooperation der BBW mit Ausbildungsbetrieben und unterstützenden, flexiblen Angeboten seitens der Bildungseinrichtungen eine besondere Bedeutung beigemessen, um die betriebliche Ausbildungsbereitschaft zu erhöhen und die jungen Menschen in regulären Ausbildungsverhältnissen individuell zu unterstützen. Ziel des Projekts PAUA sei, die Entwicklung derartiger Angebote im Verständnis inklusiver Berufsbildung anzustoßen. Der Beitrag endet mit einer Übersicht über die drei Rubriken des Sammelbandes und ihre einzelnen Beiträge.

I/2 Inklusive Dienstleistungen – Anforderungen und Gestaltungsbedarf: Michael Breitsameter und Florian Gawehns weisen aus der Perspektive der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke die Kritik an BBW als separierende Sondereinrichtungen zurück und argumentieren stattdessen für ein Selbstverständnis als „Spezialeinrichtungen und Kompetenzzentren, die gesellschaftliche Teilhabe für viele junge Menschen erst ermöglichen“ (S. 25). Herausforderungen für die BBW sehen die Autoren in Veränderungen rechtlicher Rahmenbedingungen (Stichwort Bundesteilhabegesetz) und gesellschaftlichen Megatrends wie der demografischen Entwicklung, Migration und Digitalisierung. Als Konsequenz stellen sie mit Bezug zu PAUA drei zentrale Handlungsfelder mit Entwicklungspotenzial für BBW vor. Neben der Entwicklung zusätzlicher Leistungen für ausbildende Betriebe und von Maßnahmen zur Organisationsentwicklung sollen die spezifischen Kompetenzen der BBW für neue Zielgruppen wie benachteiligte Jugendliche oder unbegleitete junge Geflüchtete nutzbar gemacht werden.

I/3 Die gegenüber jungen Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind, herabgesetzten Ausbildungschancen für Geflüchtete in Deutschland werden von Christian Pfeffer-Hoffmann, Anne von Oswald und Wassili Siegert unter Aspekten von Potenzialen für den Ausbildungsmarkt einerseits und Integrationshemmnissen andererseits dargestellt, zu denen sprachliche Barrieren, als inkompatibel bewertete oder fehlende Bildungsabschlüsse, gravierende asyl- und ausländerrechtliche Hürden und die zurückhaltende Bereitschaft vieler Betriebe zur Ausbildung junger Menschen mit Fluchterfahrung gezählt werden. Im Anschluss werden berufsbildende Angebote für Geflüchtete knapp dargestellt und auf Handlungsbedarfe wie beispielsweise eine Flexibilisierung der Berufsausbildungen und der Abbau rechtlicher Barrieren aufmerksam gemacht.

I/4 Für junge Menschen mit Ausbildungsinteresse, so auch für jene mit Behinderung, stellt die duale Berufsausbildung mit ihren Lernorten Betrieb und Berufsschule den ‚Normalfall‘ dar. Damit nehmen die ausbildenden Betriebe und ihre Bereitschaft, jungen Menschen mit Behinderung ein reguläres Ausbildungsverhältnis zu ermöglichen, eine zentrale Rolle im Zusammenhang mit inklusiver Berufsbildung ein. Moritz Lohe fragt in seinem Beitrag aus Sicht der Arbeitgeberverbände daher: Wie sind Betriebe auf eine inklusive Berufsausbildung vorbereitet? Angesichts eines vielfach postulierten und sich zukünftig verschärfenden Fachkräftemangels fordert er zunächst eindringlich, „alle verfügbaren Potenziale für den Arbeitsmarkt zu erschließen“ (S. 66). Angeführt werden dann einige Argumente, die für eine Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderung in Betrieben sprächen. Es folgt ein knapper Einblick in das bereits bestehende „Engagement der Wirtschaft“ (S. 67), das nicht ausschließlich betriebswirtschaftlichen Erwägungen folge, sondern auch in sozialer Verantwortung gründe. Der Beitrag schließt mit einer Diskussion von Herausforderungen, die es im Sinne inklusiver Berufsbildung zu überwinden gelte. Moritz Lohe gibt z.B. zu bedenken, dass die sinnvolle „Ausweitung von Sonderrechten für Menschen mit Behinderung“ (S. 71) von den Betrieben eher als Ausbildungshindernis gesehen werde und so in einem „Zielkonflikt zur Inklusion“ stehe (ebd.).

Zu Rubrik II

Nach diesen eher als grundlegend zu verstehenden Artikeln folgen in Rubrik II Handlungsansätze und Fallbeispiele mit Bezug zu PAUA in acht Beiträgen, die ich nur knapp darstellen werde.

II/1 Steuerung von Veränderungsprozessen: Peggy Lorenz vom f-bb stellt ein zentrales Steuerungsmodell zur Zielentwicklung im Kontext der organisationalen Neuausrichtung von BBW im Horizont inklusiver Berufsbildung vor, das nicht top-down verordnet werden, sondern die Beschäftigten in den Einrichtungen beruflicher Rehabilitation an der Zielentwicklung und -überprüfung beteiligen soll.

II/2 Andreas Kather skizziert den Transformationsprozess in einem Berufsbildungswerk – am Beispiel des Rotkreuz-Instituts Berufsbildungswerk. Er führt verschiedene Gründe für eine „mangelnde Veränderungsbereitschaft“ (S. 82) in BBW als Organisationen an und benennt Allgemeine Anforderungen, Erfahrungen und Perspektiven unter veränderten sozial- und arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen mit einer zunehmenden Marktorientierung.

II/3 Wolfgang Lerche und Sybille Zagel geben – ebenfalls mit Bezug auf veränderte Rahmenbedingungen („Schlaraffenland ist abgebrannt“ [S. 94]) – ein reich mit Handlungsanregungen versehenes Beispiel einer partizipativ verstandenen Organisationsentwicklung: Von den Füßen in den Kopf – Organisationsentwicklung von unten im Berufsbildungswerk Hamburg.

Unter II/4 finden sich zwei von Wolfgang Wittig mit einem kurzen Beitrag eingeleitete Artikel zur Kooperation mit Unternehmen. Im ersten davon schildern Ula Braun und Olaf Stieber vom BBW Hamburg ihre Erfahrungen mit der Integration junger Geflüchteter in die duale Berufsausbildung im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit EDEKA. Im zweiten geben Martin Hünemeyer und Antje Frese vom BBW Josefsheim Bigge vor dem Hintergrund heterogener Zielgruppen und einer zunehmenden Notwendigkeit zur Kooperation mit Betrieben Einblicke zu den „erweiterten Unterstützungs- und Beratungsangeboten“ (S. 125) ihrer Bildungseinrichtung zur Ermöglichung von Betriebspraktika und dualer Berufsausbildung. Sie geben weiterhin erfahrungsbasierte Handlungsanregungen, um die vielfältigen Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit Betrieben meistern zu können.

II/5 Ausbildungspotenziale erschließen – benachteiligte Jugendliche: Als ein Handlungsfeld mit Entwicklungspotenzial für BBW wurde bereits im zweiten Beitrag des Sammelbandes die Erschließung neuer Zielgruppen benannt. Susan Rathke und Ulrike Stumpf fokussieren in ihrem Beitrag sogenannte benachteiligte Jugendliche als eine zumindest für das BBW Stendal neue Zielgruppe, für die eine arbeitsmarktpolitische Maßnahme mit sozialpädagogischer Begleitung konzeptionalisiert und durchgeführt wurde. Im Ergebnis seien zwar für 22 von insgesamt 44 teilnehmenden Jugendlichen „positive Übergänge“ (S. 14) erzielt worden. Die Autorinnen schildern jedoch auch spezifische Herausforderungen in der Arbeit mit den jungen Menschen, die sich für die Mitarbeiter*innen in der Maßnahme als überraschend ausgeprägte „Perspektiv- und Ziellosigkeit“ (S. 149) darstellte. Vor allem für Jugendliche mit Suchtproblematik seien im Maßnahmekontext keine weiterführenden Perspektiven erreicht worden.

II/6 enthält zwei Beiträge zu Angeboten für und zu Erfahrungen mit geflüchteten Jugendlichen: Neue Zielgruppen fördern – Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Beide Artikel gehen zunächst kurz auf die Ausgangslage und Unterstützungsbedarfe ein. Im ersten skizziert Konrath Fath dann am Beispiel des BBW Dürrlauingen Umsetzungserfahrungen mit einem dort entwickelten Modell zur beruflichen Qualifikation und sozialen Integration. Der zweite von Markus Feußner und Angela Hübel schildert Umsetzungserfahrungen aus dem Berufsbildungswerk Hettstedt im Kontext eines Angebots der Jugendhilfe und widmet Netzwerkarbeit ein besonderes Augenmerk.

Zu Rubrik III

Die letzte Rubrik III enthält drei Beiträge: Ergebnisse, Transfer und Ausblick.

III/1 widmet sich den Ergebnissen: Berufsbildungswerke als lernende Organisationen: die Evaluation von PAUA im Überblick. Andreas Fischer, Sabrina Lorenz und Aleksandra Poltermann vom f-bb führen kurz in das methodische Design und die Grenzen der Gesamtevaluation ein. Dann folgen Ergebnisse zu drei Handlungsfeldern: (1) die Erweiterung des Dienstleistungsangebotes durch die BBW, (2) Personalentwicklung und (3) Organisationsentwicklung. Im Fazit werden die durch PAUA erzielten Ergebnisse einerseits überwiegend positiv bilanziert, andererseits wird auf die Prozesshaftigkeit der in den BBW angestoßenen Veränderungs- und Umgestaltungsaktivitäten hingewiesen, die noch längst nicht abgeschlossen seien.

III/2 Die Weiterentwicklung von Berufsbildungsbildungswerken zu regionalen Kompetenzen zur Umsetzung von Inklusion – Transfer guter Praxis aus dem Projekt PAUA: Michael Breitsameter, Lina Haak und Rainer Lentz nehmen den im zweiten Beitrag dieses Sammelbandes dargelegten Gedanken von BBW als Kompetenzzentren wieder auf. Sie verweisen im Kontext der UN-Behindertenrechtskonvention auf die Ressourcen der BBW, die im Verbund mit einer Vielzahl regionaler Akteure als Potenziale für Informations-, Beratungs- und Begleitangebote für dual ausbildende Betriebe im inklusiven Sinne verstanden werden, um eine „größtmögliche soziale und berufliche Teilhabe der jungen Menschen“ (S. 205) zu verwirklichen. Es folgt die Darstellung eines Konzepts zum Transfer ‚guter Praxis‘ in die Bildungseinrichtungen durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Berufsbildungswerke (BAG BBW). Zum Abschluss des Beitrags wird noch einmal das zugrundeliegende Inklusionsverständnis hervorgehoben, das die „Chancen zur Teilhabe und Partizipation von jungen Menschen in allen Lebensbereichen in den Mittelpunkt stellt“, um der „berufliche(n) Rehabilitation alle(r) jungen Menschen“ (S. 215), d.h. aller, die als behindert gelten, gerecht zu werden.

III/3 Thomas Freiling und Matthias Kohl beschließen den Sammelband mit ihrem Beitrag zum Handlungs- und Entwicklungsbedarf von Einrichtungen beruflicher Rehabilitation im Kontext der Digitalisierungsdebatte. Zum einen verweisen sie auf einen Bedarf an digitalen Handlungskompetenzen der Fachkräfte in den Bildungseinrichtungen, zum anderen werden die Risiken für junge Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen kurz diskutiert, aufgrund fortschreitender Digitalisierungsprozesse in der Arbeitswelt auf zusätzliche Barrieren im Zugang zu einer Berufsausbildung und Erwerbsarbeit zu stoßen. Hingewiesen wird jedoch auch auf Potenziale von Digitalisierung, z.B. in der Nutzung digital unterstützter Settings, die Beratung und Lernen orts- und zeitunabhängiger machten und eine durch die Nutzer*innen selbstgesteuerte Anpassung an ihre individuellen Bedarfe und Lerngeschwindigkeiten ermöglichten.

Diskussion

Die in Folge der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention nachdrücklich relevant gewordene Leitidee einer inklusiven Gesellschaft hat ihren öffentlichen Niederschlag zunächst und vor allem in teilweise erbittert geführten Kontroversen um exkludierende und separierende Strukturen innerhalb des bundesdeutschen allgemeinbildenden Schulsystems gefunden, in denen nicht zuletzt um die zukünftige Rolle der Förder- bzw. Sonderschulen gerungen wird. Mit Verzögerung und eher fachöffentlich wird über das Thema inklusiver Berufsbildung mit besonderem Fokus auf das duale Berufsausbildungssystem als Normalfall debattiert, da auch dieser Bildungsbereich eine zentrale Bedeutung für die individuellen Verwirklichungschancen vieler junger Menschen hat und Exklusionspotenzial in sich birgt.

Trotz der medialen Klangkulisse eines immer lauter anschwellenden Chores, der vielstimmig das Klagelied vom Fachkräftemangel und unbesetzten Ausbildungsstellen singt, finden im stillen Hintergrund viele ausbildungsinteressierte junge Menschen aus sehr unterschiedlichen und vielfach strukturell bedingten Gründen keinen Ausbildungsplatz. Zum einen gibt es weiterhin Regionen, in denen schlichtweg nicht genügend Ausbildungsstellen angeboten werden. Zum anderen – und dies lässt sich als ein wesentlicher Aspekt im Zusammenhang mit exkludierenden Strukturen der Ausbildungsmärkte verstehen – obliegt alleine den Ausbildungsbetrieben die Entscheidung darüber, wen sie dual ausbilden wollen. Der Zugang zu einer dualen Berufsausbildung folgt somit primär einer marktwirtschaftlichen Steuerungslogik. An dieser Zugangshürde der ‚Auslese‘ scheitern trotz des sozialen Engagements mancher Unternehmen, auf das Moritz Lohe in seinem Beitrag hinweist, weiterhin zu oft Jugendliche mit Behinderung, aber auch jene, die als verschiedentlich sozial benachteiligt gelten, einen Migrationshintergrund aufweisen oder eine Flucht nach Deutschland hinter sich gebracht haben.

Viele dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen finden sich dann, mal mehr und mal weniger freiwillig, in pädagogischen Angeboten wieder, in denen sie teilweise zwar außerbetrieblich ausgebildet, mehrheitlich jedoch lediglich auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden, ohne einen qualifizierenden Berufsabschluss erwerben zu können. Diese Förderangebote richten sich weder auf der Ebene der einzelnen Maßnahme, noch in ihrer Gesamtheit an alle interessierten Jugendlichen, sondern sie sind sowohl programmatisch als auch förderrechtlich an unterschiedlich definierte Kriterien und Problemdefinitionen gebunden, deren Kategorien wiederum die entsprechende Zuweisung in die Maßnahmen bzw. Angebote beruflicher Rehabilitation, der arbeitsmarktpolitisch gerahmten Benachteiligtenförderung oder – mit einem weitaus geringeren Anteil – der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit legitimieren. Zugespitzt formuliert: Die verschiedenen institutionellen Förder- und Zuweisungslogiken der öffentlichen Träger setzen eine ausgefeilte Kategorienstruktur von Normalitätsabweichungen voraus, also eine differenzierte Behinderungsdiagnose, Merkmale sozialer oder sogar besonderer sozialer Benachteiligung, um die entsprechend zieleingruppierten jungen Menschen einem separierten, euphemistisch oftmals als ‚passgenau‘ bezeichneten Angebot bei einem i.d.R. freien Träger beruflicher Bildung zuzuführen und dieses zu finanzieren.

Seit 2009 gilt nun die UN-Behindertenrechtskonvention als geltendes Recht, deren Inklusionsverständnis dazu herausfordert, die bestehende institutionelle Ordnung der beruflichen Bildung mit ihren soeben nur kurz angerissenen exkludierenden und separierenden Strukturen von den Individuen und ihren Bedarfen, Wünschen und Interessen her zu denken und entsprechend barriere- und diskriminierungsfrei umzugestalten. Dass dieser tiefgreifende Prozess in einem gesellschaftlichen Ernstbereich massive Konflikte zwischen unterschiedlich gewichteten Partikularinteressen generiert und nicht von einzelnen Akteuren im Alleingang bewältigt werden kann, muss an dieser Stelle wohl nicht näher erläutert werden.

Mit großer Neugier habe ich daher den vorliegenden Sammelband gelesen, verspricht er doch konkrete Einblicke in Prozesse der Neu(er)findung der zukünftigen Rolle von BBW, die als freie Träger beruflicher Rehabilitation in besonderem Maße auf Kategorien von Behinderung verwiesen sind, sich aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht überflüssig machen wollen. Das Buch richtet sich vorrangig an diese Trägereinrichtungen, nicht an Wissenschaftler*innen oder Student*innen. Eine vertiefte theoretische Auseinandersetzung mit den kontrovers geführten Fachdebatten zum Inklusionsverständnis, die beispielsweise in den Erziehungs- bzw. Bildungswissenschaften oder der Wissenschaft Soziale Arbeit geführt werden, will das Buch nicht geben. Viele der Beiträge stammen zudem von projektleitenden Vertreter*innen der Praxis der BBW. Diese Aspekte möchte ich bei der nun folgenden kritischen Würdigung des Sammelbandes berücksichtigen. Ich betone dies, weil ich das Buch zwar stellenweise mit Gewinn gelesen habe, zum Teil haben mich Beiträge jedoch auch ob ihrer inhärenten Widersprüchlichkeit irritiert und gelegentlich sogar verärgert.

Das erste Kapitel von Matthias Kohl und Iris Pfeiffer, in dem sehr gut nachvollziehbar in das Inklusionsverständnis der UN-Behindertenrechtskonvention und das relationale Konzept von Behinderung eingeführt wird, hat mich trotz seiner Knappheit angesprochen. Denn im Zusammenhang mit der dort geforderten „Systemanpassung an individuelle Voraussetzungen“ (S. 13) und dem ambitionierten Ziel, Behinderungen als Variante von Normalität zu verstehen, findet sich in diesem Kapitel der zentrale ‚Sprengstoff‘ bzw. kritische Gehalt von Inklusion im Kontext beruflicher Bildung:

  • Inklusion wird nicht als technisch oder lediglich rhetorisch durch Umetikettierung von Integration zu Inklusion umzusetzendes Reformprojekt verstanden. Vielmehr geht es auf einer sehr viel tieferen Ebene und in Abgrenzung zum Integrationsverständnis darum, Behinderung gesamtgesellschaftlich als eine von vielen Varianten von Normalität zu denken und als entsprechendes Wirklichkeitsverständnis zu verinnerlichen. Dieses ‚inklusive Denken‘ differenziert und wertet nicht nach kollektiven Kategorien von Abweichung, sondern stellt Menschen in der gleichwertigen Selbstverständlichkeit ihrer selbstdefinierten Bedarfe, Wünsche und Interessen, zu denen auch gehören kann, sich den Anforderungen der Arbeitsmärkte zu verweigern, in das Zentrum eines Handelns, das konsequent auf Selbst- und Mitbestimmung aller Nutzer*innen ausgerichtet wird.
  • Inklusion fordert somit einen veränderten Umgang mit Behinderung: weg von der defizitorientierten Pädagogisierung individuellen Unvermögens, hin zum Erkennen und zum Abbau exkludierender und separierender Strukturen in allen Institutionen der beruflichen Bildung, zu denen auch – aber eben nicht nur – die BBW gehören.
  • Dieses Inklusionsverständnis steht damit in deutlichem Widerspruch zu einer defizitär kategorisierenden und tendenziell fremdbestimmenden Zuweisungslogik der verschiedenen Leistungsträger in zielgruppenspezifisch zugeschnittene Förderangebote. Inklusive Unterstützungsleistungen zur selbstbestimmten Teilhabe an Berufsausbildung und Erwerbsarbeit sind stattdessen ausschließlich als freiwillig wählbare Angebote denkbar.

Diese Folgekonsequenzen werden zwar im einleitenden Beitrag nicht explizit benannt, sie sind jedoch deutlich in die Darstellung der Herausforderungen für die BBW eingeschrieben, die ich als widerspruchsvolles Verhältnis zwischen ökonomischem Selbsterhalt und Veränderungsdruck in Richtung Inklusion interpretiere. Angesichts dieses Spannungsfeldes, in dem sich die BBW augenscheinlich bewegen, hat mich neugierig gemacht, wie dieser ‚Sprengstoff‘ Inklusion in den weiteren Einzelbeiträgen des Sammelbandes aufgefasst und gezündet wird.

Als deutlichen Gewinn verbuche ich für mich die spannenden Anregungen zu einer Organisationsentwicklung ‚von unten‘ von Wolfgang Lerche und Sibylle Zagel. Geradezu begeistert wäre ich gewesen, wenn dieses Konzept auch Beteiligungsmöglichkeiten für die jungen Menschen vorgesehen hätte. Gleichwohl unterscheidet sich dieser Beitrag im Tenor wohltuend von der generischen Darstellung eines Steuerungsmodells zur Organisationsentwicklung im Beitrag von Peggy Lorenz, das als zusätzliche Leerstelle ebenfalls keinen einzigen Gedanken zur unmittelbaren Beteiligung der Adressat*innen enthält. Das Kapitel zu Ausbildungschancen für Geflüchtete hat mir in seiner kompakten, verständlichen Darstellung hingegen gut gefallen, auch wenn er nicht von Herbert Brücker stammt, der fälschlicherweise auf S. 35 in einer Fußnote als Autor benannt wird, und der Bezugsbogen zu Inklusion nicht geschlagen wird. Stattdessen ist von „Integration“ (S. 43) die Rede. Interessant sind weiterhin die Ausführungen zu Chancen der Digitalisierung im Kontext inklusiver Berufsbildung und die in mehreren Beiträgen geschilderten Erfahrungen zur Kooperation mit ausbildenden Betrieben, neuen Ausbildungsmodellen für junge Geflüchtete sowie der organisationstheoretisch fundierte Beitrag von Andreas Kather mit Gründen für Widerstände gegenüber Veränderungen und einer Typologie von BBW-Organisationen.

Nun zu meiner Irritation: PAUA habe ich zunächst als Rahmenkonzept verstanden, um die an dem Projekt teilnehmenden BBW dabei zu unterstützen, den Herausforderungen von Inklusion mit einem neuen Rollenverständnis und entsprechenden Leistungsangeboten im Sinne der jungen Menschen zu begegnen. Interessante Ansätze dazu finden sich beispielsweise im zweiten Beitrag des Sammelbandes von Michael Breitsameter und Florian Gawehns mit ihrem begründeten Plädoyer für BBW als regional vernetzte Kompetenzzentren, die sich für alle ausbildungsinteressierten Jugendlichen nutzbar machen sollen. Zu meinem Bedauern wird jedoch fast im gleichen Atemzug der spannende Gedanke einer ‚Nutzbarmachung für alle‘ wieder einkassiert und auf neue Zielgruppen reduziert.

Dies erscheint mir inkonsequent, denn vor dem Hintergrund des eingeführten Inklusionsverständnisses ist mir nicht schlüssig nachvollziehbar, wieso plötzlich von einer Gewinnung neuer Zielgruppen die Rede ist und diese Gruppen in benachteiligten Jugendlichen und jungen Geflüchteten gesehen werden. Dies klingt eher nach einer Nutzbarmachung dieser Zielgruppen für die BBW. Und abgesehen davon, dass unkritisch mit diesen defizitär gerahmten Kategorien operiert und bestenfalls im Integrationsverständnis verblieben wird, werden ausgerechnet Instrumente aktiver Arbeitsmarktpolitik der Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter als neues Betätigungsfeld für BBW vorgestellt. Hier drängt sich mir angesichts der hochgradigen Standardisierung dieser Maßnahmen und einer selektiven und vielfach sanktionsbewehrten Zuweisungspraxis der Arbeitsverwaltung der Eindruck auf, dass es eher um die Erschließung neuer Finanzierungsmodelle geht, als um den Abbau von Barrieren und eine Orientierung an den subjektiv bedeutsamen Belangen ausbildungssuchender junger Menschen – und dies unabhängig von einer vorgängigen Separation in problemdefinierte Zielgruppen. Dass diese Maßnahmen deutliches Konfliktpotenzial im Kontext Inklusion bergen, wird zumindest mit Blick auf das reglementierte Vergabeverfahren durch die Regionalen Einkaufszentren der Arbeitsverwaltung angerissen, das eine Anpassung der in den BBW entwickelten Konzeptionen an die Vorgaben der Bundesagentur für Arbeit erforderlich machte und eine an individuellen Bedarfen orientierte Leistungserbringung verunmöglichte.

Aber vielleicht tue ich den Autoren unrecht. BBW können – wie alle Leistungserbringer, die nicht auf die Zuwendungen durch die Bundesagentur für Arbeit verzichten wollen oder können – nur sehr behutsam gegen die arbeitsmarktpolitischen Förderregelungen argumentieren und handeln. Möglicherweise wird Inklusion im Anschluss an die UN-Behindertenrechtskonvention aber auch so verstanden, nur die Kategorie Behinderung ‚anders zu denken‘. Und vielleicht verfügen die BBW als regionale Kompetenzzentren über die Ressourcen, um auch jungen Menschen, die als benachteiligt gelten, trotz restriktiver Rahmenbedingungen und stigmatisierenden Zuschreibungen fehlender Motivation und Ausbildungsreife einen nachhaltigen Zugang zum Ausbildungsmarkt nach ihren Wünschen zu ermöglichen?

Der Blick in den Beitrag zur Gesamtevaluation von PAUA zu dieser Frage ist leider mehr als ernüchternd. Und damit gehe ich in den Modus von Verärgerung über. Im evaluierten Handlungsfeld der Erweiterung des Dienstleistungsangebotes wurden neben vielfältigen Projekten für die Zielgruppe junger Geflüchteter und neuen Beratungs- und Unterstützungsleistungen für Betriebe auch Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung nach § 45 sowie ausbildungsbegleitende Hilfen (abH) nach § 75 Sozialgesetzbuch (SGB) III in das Leistungsangebot aufgenommen, um benachteiligte junge Menschen für BBW ‚neu‘ zu erschließen. Es handelt sich dabei mitnichten um inklusionsorientierte „Modellmaßnahmen“ (S. 182) mit irgendeinem Innovationscharakter, sondern um die im arbeitsmarktpolitischen Segment der Jugendberufshilfe sattsam bekannten, eng verregelten Maßnahmetypen nach standardisierten Leistungsbeschreibungen, Fachkonzepten und Zielvorgaben der Arbeitsverwaltung. Von der Ermöglichung einer Teilhabe am Ausbildungsmarkt kann angesichts der Evaluationsergebnisse nur für enttäuschend wenige Teilnehmer*innen ausgegangen werden. Denn etwa die Hälfte der teilnehmenden jungen Menschen in beiden Angebotstypen haben ihre Maßnahme nicht einmal planmäßig beendet, d.h. durch Abbruch aus eigenem Antrieb oder vorzeitige Beendigung der Teilnahme durch die Bildungseinrichtung. Von ursprünglich 148 Teilnehmer*innen in den als niederschwellig geltenden Maßnahmen nach § 45 SGB III mündeten schließlich nur 21 in eine Ausbildung ein. Ob es sich um außerbetriebliche, schulische oder duale Berufsausbildungen handelt, bleibt offen. Ebenso unbeantwortet bleibt die Frage, inwieweit es sich um Ausbildungsverhältnisse handelt, die den Wünschen und Interessen der jungen Menschen entsprachen, denn diese wurden im Rahmen der Evaluation zu meinem Erstaunen und entgegen der dem Inklusionsgedanken elementar innewohnenden Bedeutung von Selbstbestimmung und Partizipation erst gar nicht befragt.

Befragt wurden hingegen die BBW nach vermuteten Gründen für die Maßnahmeabbrüche mittels eines standardisierten Fragebogens. Ich vermute nun meinerseits, dass dieser Fragebogen die Auswahloption einer selbstkritisch relationalen Begründung nicht vorsah. Ein Beispiel für eine solche inklusionsangemessene Begründung findet sich interessanterweise im gleichen Sammelband im Beitrag von Wolfgang Lerche und Sibylle Zagel. Statt dem lange gebräuchlichen Usus zu folgen, Abbrüche den Teilnehmer*innen als fehlende Motivation oder Lernbereitschaft zuzuschreiben, würde nun selbstkritisch festgehalten, dass es nicht gelungen sei, deren Motivation oder Lernbereitschaft zu wecken. Dieser begrüßenswerte Fortschritt auf der Ebene der Falldokumentation bildet sich in der Evaluation jedoch nicht ab. Stattdessen wurde den BBW wohl lediglich eine Auswahlliste individualisierender Zuschreibungen von z.B. psychischen Gründen, Motivationsmangel oder – ich vermute erneut, da nicht aufgeführt: unangemessenem – Sozialverhalten angeboten.

Um es kurz zu machen: Meine Verärgerung resultiert aus dem deutlichen Unverständnis darüber, dass in PAUA, so wie es dargestellt wird, nicht nur das Steuerungsmodell zur Organisationsentwicklung im Kontext inklusiver Berufsbildung keinen einzigen unmittelbaren Partizipationsgedanken für die jungen Menschen bereit hält, sondern auch die Gesamtevaluation das eigene, an einleitender Stelle dargestellte Inklusionsverständnis zu wenig in Design, der methodischen Umsetzung und in der Darstellung der Ergebnisse berücksichtigt oder diese zumindest an irgendeiner Stelle mit Bezug zum verwendeten Inklusionsverständnis kritisch reflektiert. Mir fehlt die dringend gebotene Auseinandersetzung zur Frage nach dem Anpassungsverhältnis von System und individuellen Voraussetzungen. Diese stellt sich beispielsweise mit Nachdruck für die letztendlich perspektivlos gebliebenen drogenkonsumierenden jungen Menschen im nachdenklich stimmenden Beitrag von Susan Rathke und Ulrike Stumpf. Ein solches Ergebnis ließe sich mit dem geforderten kritischen Inklusionsverständnis besser als mögliche Folge einer offenkundigen Fehlzuweisung in eine unpassende Maßnahme diskutieren, statt in die Schilderung positiver Projekttransfers auszuweichen.

Diese Punkte sollen meinen grundsätzlich zwiespältigen Eindruck von und stellenweisen Unmut mit diesem Sammelband illustrieren: In der konzeptionellen Anlage von PAUA und den anschaulich geschilderten Umsetzungsbemühungen in den BBW finden sich einerseits spannende Gedanken und Erfahrungsberichte, die dazu anregen und ermutigen, eine inklusiv verstandene Berufsbildung im Sinne aller interessierten jungen Menschen voran zu treiben. Andererseits liegt aus meiner Sicht der Fokus zu sehr auf dem aus Sicht der BBW durchaus nachvollziehbaren Selbsterhalt ihrer Organisationen der beruflichen Rehabilitation und kaum auf den Eigensichten der jungen Menschen und einer Beförderung partizipativer Strukturen von Selbstbestimmung. Und mir scheint, dies verführt dazu, eher in der Kategorie ‚Geschäftsmodell BBW‘ zu denken. Demgegenüber geht die inklusionsangemessene Würdigung der jedem Geschäftsmodell vorrangig zu setzenden Perspektive der Adressat*innen unter. Der kritische ‚Sprengstoff‘ von Inklusion will in dieser Asymmetrie nicht so recht zünden.

Fazit

Der Sammelband richtet sich in erster Linie an BBW als Träger der beruflichen Rehabilitation junger Menschen. Für diese halten einzelne Beiträge interessante Erfahrungsberichte und weiterführende Denk- und Handlungsanregungen im Zusammenhang mit inklusiver Berufsbildung bereit, sodass ich das Buch Leser*innen dieser Zielgruppe, aber auch aus anderen Einrichtungen der Jugendberufshilfe durchaus empfehle. Ich lege gleichwohl eine wachsame Lektüre nahe. Denn das zugrundeliegende Inklusionsverständnis bezieht sich auf dasjenige der UN-Behindertenrechtskonvention und ist daher als kritisches Konzept zu verstehen. Dies wird jedoch nicht ausreichend aufgegriffen und durchgehalten, stattdessen verstricken sich viele Beiträge des Bandes in auffallende Widersprüche, vor allem dann, wenn sogenannte benachteiligte Jugendliche und junge Geflüchtete als neue Zielgruppen thematisiert werden oder organisationale und arbeitsmarktliche Belange in den Vordergrund treten. Der eigentliche und vermutlich unbeabsichtigte Gewinn des Bandes liegt meines Erachtens denn auch eher im Einblick in die vielfältigen Fallstricke und Widersprüche, die der theoretisch anspruchsvolle Inklusionsbegriff in der praktischen Umsetzung bereit hält sowie zu den unterschiedlich akzentuierten Interessen von Stakeholdern, die sich „auf dem Weg“ zur Neudefinition ihrer und der zukünftigen Rolle von BBW im Zeichen ihres jeweiligen Verständnisses von Inklusion befinden. Die eigenständigen Interessen und Stimmen der jungen Menschen jedoch, von denen aus im inklusiven Verständnis konsequent gedacht und systemanpassend gehandelt werden soll, bleiben in diesem Band leider viel zu oft defizitär gerahmt und deutlich zu leise.


Rezensent
Michael Fehlau
M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Forschung-Lehre-Praxis-Transfer, Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Michael Fehlau. Rezension vom 18.09.2018 zu: Günther G. Goth, Susanne Kretschmer, Iris Pfeiffer (Hrsg.): Inklusive Berufsbildung junger Menschen. Auf dem Weg zu neuen Dienstleistungen von Einrichtungen beruflicher Rehabilitation. wbv Media (Bielefeld) 2018. ISBN 978-3-7639-5959-4. Wirtschaft und Bildung, Band 75. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24598.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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