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Nadja Madlener: "We can do". Geschlechtsspezifische Raumaneignung [...]

Cover Nadja Madlener: "We can do". Geschlechtsspezifische Raumaneignung am Beispiel von Graffiti von Mädchen und jungen Frauen in Berlin. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2004. 146 Seiten. ISBN 978-3-89821-373-8. 22,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Grundlage für die Behandlung mit dem Thema bildet die Hypothese, dass eine Interaktion zwischen Raum und Individuum besteht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren vermehrt Arbeiten zum Thema Raum erscheinen, die u.a. die Wechselwirkung von Individuum und Raum in den Blick nehmen. Das zentrale Ziel der vorliegenden Studie ist, das Raumverhalten von Mädchen einer aktiven Jugendkultur zu beobachten und zu beschreiben. Dabei sollen Mädchen und junge Frauen zu Wort kommen, die in der Graffiti-Jungendomäne verortet sind.

Inhaltsübersicht

Zunächst stellt die Autorin ausführlich unterschiedliche wissenschaftliche Zugänge zum Konzept "Raum" vor: Raum in der Pädagogik, das Raumkonzept sozialer Ungleichheiten, das gesellschaftliche Raumkonzept sowie Raum als System. In einer Zusammenfassung wird kurz versucht, Elemente aus den verschiedenen Konzepten in eine pädagogische Raumbetrachtung aufzunehmen. Dabei sind Redundanzen unvermeidlich, was auch für die übrigen Kapitelzusammenfassungen gilt. Sodann erschließt die Autorin wissenschaftliche Zugänge zur Raumaneignung und Raumerfahrung von Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen Perspektiven, nämlich der handlungsbezogenen, der subjektbezogenen, der gesellschaftsbezogenen und der sozialökologischen. Die dabei verwendete Literatur geht bis auf die 30 iger Jahre zurück (Martha Muchow), ein Umstand,der sozialgeschichtlich sehr interessant ist, für die heutigen Aneignungsmuster jedoch nur begrenzte Erkenntnisse liefert.

Höchst interessant sind die Ausführungen der Autorin zur geschlechtsspezifischen Raumaneignung und die daraus folgenden kurzen Kapitel zur Straßensozialisation und zu Veränderungsprozessen bei der Raumaneignung in den letzten Jahrzehnten. Dabei werden immer wieder Studien herangezogen, die von ihrer Reichweite, Vorgehensweise und ihren Zielgruppen höchst unterschiedlich sind. Ergebnis der Erkenntnisse ist, dass Mädchen den öffentlichen Freiraum weniger nutzen als Jungen. Die Autorin betont, daß sich dies in ihrer Untersuchung nicht bestätigen läßt, da Mädchen aus der Graffiti-Szene stark raumgreifend agieren, was allerdings auch bei dieser Art von Freizeitbeschäftigung zu erwarten war.

Den Abschluß des Buches bilden einige Ausführungen zum Hintergrund von Graffiti, zu den verwandten qualitativen Forschungsmethoden und zum Forschungsergebnis hinsichtlich der Raumaneignung von Writer-Mädchen.

Diskussion

Die zentrale empirische These, dass Mädchen in jeder Region, in jedem Alter und in jeder Schicht den öffentlichen Raum weniger intensiv nutzen als Jungen (Nissen 1992) wird zitiert, aber zu wenig problematisiert. Zwar wird ergänzt, dass Mädchen aus der oberen Mittelschicht den öffentlichen Freiraum am wenigsten nutzen, es wird aber nicht herausgearbeitet warum (Einübung sozial-kultureller Fähigkeiten wie tanzen, Sport treiben, ein Musikinstrument spielen etc.). Eine Kosten-Nutzen-Abschätzung wird für alle Eltern in Zeiten zunehmender Anforderungen und Konkurrenzen zum Ergebnis kommen, dass es Ressourcenverschwendung für ihre Kinder darstellt, zu viel Zeit im öffentlichen Raum zu verbringen. Dort verbleiben daher die Kinder und Jugendlichen, die es sich nicht leisten können, ihm durch vorgeblich sinnvolle Tätigkeiten zu entfliehen. Veränderungen im Freizeitverhalten von Mädchen und Jungen in den letzten zehn Jahren werden nicht berücksichtigt. Insbesondere hat die unterschiedliche Beschäftigung mit Computern durch Jungen und Mädchen zwischen 13 und 18 Jahren erhebliche Auswirkungen auf die Nutzung von Zeitkontingenten, was sich auch auf den Aufenthalt in öffentlichen Räumen auswirken muss.

Die empirischen Forschungsergebnisse zu den Writerinnen wirken schlußendlich wenig integriert in die sonst sehr anspruchsvolle Arbeit. Einbezogen werden in die schmale Population von neun Writerinnen zwei junge Frauen von über zwanzig Jahren. Herkunft, unterschiedliche Motivationen, Familiensituation werden nicht oder nur kurz erörtert. So bleibt es dem Leser überlassen, seine Schlüsse hinsichtlich der sozialen Situation aus Textbausteinen zu ziehen, wenn ein zwölfjähriges Mädchen nachts zur Graffiti-Tour geht.

Fazit

Die Autorin legt eine sehr lesenswerte Arbeit zur geschlechtsspezifischen Raumaneignung vor. Der Bezug der Forschungserkenntnisse auf pädagogische Nutzbarmachung wirkt bisweilen etwas künstlich.


Rezensent
Dipl.-Sozialwirt Prof. Roderich Kulbach
Ev. Fachhochschule Bochum, Fachbereich Sozialarbeit
Lehrgebiet: Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation. EFQM - Assessor


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Zitiervorschlag
Roderich Kulbach. Rezension vom 26.04.2005 zu: Nadja Madlener: "We can do". Geschlechtsspezifische Raumaneignung am Beispiel von Graffiti von Mädchen und jungen Frauen in Berlin. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2004. ISBN 978-3-89821-373-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2460.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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