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Eileen Goller: Fern der Heimat (Heimatvertriebene)

Cover Eileen Goller: Fern der Heimat. Zur Bedeutung von Heimat und Ort im Lebensverlauf alternder Heimatvertriebener. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. 328 Seiten. ISBN 978-3-86321-347-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Inzwischen ist die Generation derer im Rentenalter, die als Kinder Vertreibung und Flucht aus Ostdeutschland (Ostpreußen, Schlesien) und den Siedlungsgebieten von Deutschen in Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien, Ungarn, Russland usf. miterlebten und eigne Erinnerungen daran haben. Diese Menschen als Zeitzeugen zu befragen, um die Ereignisse zum Kriegsende und danach zu rekonstruieren und zu dokumentieren, ist das Eine – und geschieht ja weithin. Etwas Anderes ist die Frage, wie diese Menschen im Alter diese Ereignisse einordnen, welche Bedeutung diese für sie (noch) haben, wie sie diese in der Rückschau auf ihr Leben bewerten.

Autorin

Eileen Goller ist promovierte Pflegewissenschaftlerin/Gerontologin, war in leitender Funktion in der Altenhilfe tätig und ist nunmehr Sachverständige, Gutachterin und Dozentin.

Mit der vorliegenden Studie wurde die Autorin an der Tiroler Landesuniversität in Hall promoviert.

Aufbau

Die Studie ist in in zehn Kapitel eingeteilt.

Nach zwei Vorworten, eines davon von Bernd Seeberger (Hall), und der Einleitung erläutert die Autorin ihre Literaturrecherche und gibt Einblick in die gerontologischen Bezüge und Beziehungen, etwa zur Biografieforschung.

Im 4. Kapitel setzt sie sich mit der Ortsbezogenheit und dem Begriff der Heimat auseinander. Nach methodologischen Überlegungen (ab S. 137) skizziert sie das Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse im 7. Kapitel vorgestellt und im 8. diskutiert werden

Zum Abschluss (ab S. 254) geht sie noch einmal auf die „theoretischen Ansätze“ zum „Heimweh“ ein, Nach dem kurzen Ausblick folgen Materialien, ca. 180 Titel im Literaturverzeichnis, Fotografien und ein Reisetagebuch.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im Mittelpunkt der Studie stehen drei empirische Untersuchung, als „Forschungsschritte“ I-III bezeichnet. Die Daten wurden jeweils im Jahr 2009 erhoben.

Zu I. Die Autorin begleitet einen Mann aus der Verwandtschaft, der 1947 als Elfjähriger zusammen mit Geschwistern und Tanten den Bauernhof seiner Familie und das Dorf in Pommern verlassen musste, in einem Kinderheim in Sachsen landete, zu seinem Vater kommt, später in einen Hof einheiratet, an den Ort seiner Kindheit. Dort erinnert er sich an einige Begebenheiten, registriert aber auch, wieviele Gebäude verkommen, verfallen, verschwunden oder nicht mehr auffindbar sind.

Zu II. Goller interviewt insgesamt 16 Seniorinnen und Senioren im Alter zwischen 68 und 84 Jahren, die als Kinder (4 Jahre aufwärts) oder Jugendliche (bis18jährige) ihre Heimatorte im Schlesien, Pommern, Ostpreußen, auch Wartheland und Banat verlassen haben. Im Gespräch mit der Autorin zeigen die meisten von ihnen mitunter auch heftige emotionale Erregung, bejahen Heimweh, schildern Alltag und Erlebnisse aus der Familie oder Schulzeit. Andere sehen zurück auf ein Leben „danach“, das allein für sie maßgeblich war und ist.

Zu III. Die Autorin hat Broschüren des Bundes der Vertriebenen, den sog. Deutschen Ostdienst, je zwei Ausgaben der Preußischen Allgemeinen Zeitung/Das Ostpreußenblatt und des Heimatblattes für die Kreise Strehlen und Ohlau ausgewählt und nach charakteristischen Artikeln über das Leben vor und nach der Vertreibung durchsucht.

Diskussion

„Die Autorin“, wie sich die Autorin immer wieder selbst benennt, erläutert immer wieder ihr Vorgehen; sie geht überaus behutsam, betulich vor und räumt durchaus ein, dass die Empirie nicht befriedigt. Teil II nennt sie „theoretisch gesättigt“. was nichts anderes besagt, als dass die Daten und damit Faktoren viel zu viele und viel zu divers sind. Was die Vertreibung/Flucht für die Protagonisten bedeutet (hat), ist z.B auf das Alter bei der Flucht, die Umstände der Flucht, das Herkunftsgebiet, berufliche Erfolge, Rückhalt bei Partnern und Kindern, auch auf den heutigen Gesundheitszustand zurückzuführen. Zu klären wäre ja auch, wieviel eigenes Erleben (eine Befragte war zum Fluchtzeitpunkt 4 Jahre alt), wieviel mittelbares Wissen, Erzählungen der Eltern geschuldet ist. Die hohe emotionale Betroffenheit scheint gerade bei Probandinnen mit Demenz oder Blindheit größer.

Beim Forschungsschritt I fragt man sich, wie der Protagonist, der gerade sein Glück und gutes Leben als Landwirt betont, die Kollektivierung der Landwirtschaft überstand. Auf eine Tatsache nämlich geht Goller ja erstaunlicherweise nicht ein: Fast alle Befragten wohnen im Ort Mülsen (Landkreis Zwickau) – wie haben sie die DDR erlebt? Einige Befragte haben die Verbindung zu anderen Heimatvertrieben hergestellt. Bekanntlich, so etwa Kossert, waren die „Zuwanderer“ nicht immer und überall so willkommen; sollte es in Mülsen anders gewesen sein?

Der Schlussteil verwundert denn doch. Die Autorin reklamiert unvermittelt, eine neue Forschungsmethode entwickelt zu haben, die „biografische Lebensweltbeobachtung“. Sie sieht dann im 9. Kapitel gute Gründe dafür, die damalige Zwangsmigration nicht mit dem Zuzug der „Gastarbeiter“ zu vergleichen – um sodann unter Berufung auf Seeberger (einschließlich einer Diplomarbeit von 1992) eine Art „Ethnogerontologie“ zu propagieren. Was immer das auch sein mag.

Fazit

Die Autorin führt sicher durch die Forschungsliteratur, insbesondere zu den Themen von Heimat/Heimweh und Lebensphasen.

Aus der umfänglichen Veröffentlichung gewinnt der Leser/die Leserin vor allem eine Anregung, nämlich die, in eher therapeutischen Gesprächen auf die Lebensgeschichten alter Menschen einzugehen, gerade auch derjenigen, die Flucht und Vertreibung erlebt und vielleicht noch nicht ganz verarbeitet haben. Dabei könnten solche Gesprächskreise die Community stärken, im Stadtteil, in den Einrichtungen der Altenhilfe.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 22.08.2018 zu: Eileen Goller: Fern der Heimat. Zur Bedeutung von Heimat und Ort im Lebensverlauf alternder Heimatvertriebener. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2018. ISBN 978-3-86321-347-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24601.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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