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Thomas Schübel, Rudolf Bieker: Die soziale Verteilung politischen Wissens in Deutschland

Cover Thomas Schübel, Rudolf Bieker: Die soziale Verteilung politischen Wissens in Deutschland. Wissensunterschiede und deren Ursachen. Springer VS (Wiesbaden) 2018. 378 Seiten. ISBN 978-3-658-21638-2. D: 54,99 EUR, A: 56,53 EUR, CH: 56,50 sFr.

Reihe: Politisches Wissen.
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Thema

Demokratien können nur Bestand haben, wenn die in ihnen lebenden Bürger/innen über ein Mindestmaß an politischem Wissen verfügen. Gleichzeitig wird sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch in den Medien immer wieder beklagt, dass soziale benachteiligte Personenkreise zu wenig an politischen Prozessen partizipieren. Empirisch erwiesen ist jedoch nicht, ob und wenn ja in welcher Weise dies auf Wissensasymmetrien zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen zurückzuführen ist. Die vorliegende Studie unternimmt den Versuch, anhand einer umfangreichen Auswertung von Primärdaten, die mittels Telefoninterviews erhoben wurden, diesem Zusammenhang nachzugehen.

Autor

Thomas Schübel hat im Rahmen eines an der Universität Marburg durchgeführten Forschungsprojekts das vorliegende Werk als Dissertation im Fach Politikwissenschaften angefertigt.

Aufbau und Inhalt

In dem in acht Kapiteln aufgebauten Buch beginnt der Autor im ersten Kapitel mit der Darstellung des Problemzusammenhangs und stellt knapp den bisherigen Forschungsstand vor. Dabei konstatiert er, dass bislang in Deutschland kaum Studien zum Zusammenhang zwischen politischem Wissen und sozialer Ungleichheit vorliegen. Dies stellt sich in den USA anders dar, wo bereits umfangreich zu dieser Thematik geforscht wurde. Im deutschen Kontext liegen nur einzelne Studien vor, die entweder auf wenige Wissensindikatoren oder aber auf einen sehr eng umrissenen Personenkreis zurückgreifen können.

Im zweiten Kapitel unternimmt Thomas Schübel eine umfassende Bestimmung des Begriffes „politisches Wissen“. Hierzu holt er recht weit aus, indem er zunächst in Unterkapitel 2.1 erläutert, was unter Wissen im Allgemeinen zu verstehen ist. Dabei arbeitet er die für seine Studie relevanten Aspekte des Wissensbegriffs heraus, die sich vornehmlich auf den Wissenserwerb konzentrieren. So sind neben dem Wissenserwerb auf Basis eigener Erfahrungen und Beobachtungen auch Erfahrungen anderer (z.B. von Journalisten) sowie Verknüpfung von vorhandenen Gedächtnisinhalten bedeutsam. Neben dem Wissenserwerb sind auch die Wissensarten von Bedeutung, von denen für den Autor zum einen das Faktenwissen und zum anderen das konzeptuelle Wissen wichtig sind.

Im nächsten Unterkapitel 2.2 stellt Thomas Schübel seine Definition politischen Wissens vor, die sich an der 1996 in den USA entstanden Studie „What Americans know about politics and why it matters“ von Delli Carpini und Dekker orientiert. Danach wird politisches Wissen als „das quantitative Ausmaß im Langzeitgedächtnis gespeicherter Fakten über politische Angelegenheiten“ (S. 15) definiert. Diese Definition wirkt auf den ersten Blick sehr sperrig, ist aber angesichts der in ihr enthaltenen Komplexität notwendig. So werden sechs Bestandteile politischen Wissens unterschieden wie z.B. politische Inhalte oder Ausmaß des Wissens. 

Das sich daran anschließende Unterkapitel 2.3 widmet sich sehr ausführlich den Inhalten und der Relevanz politischen Wissens. Ausgehend von der Feststellung, dass das politische Wissensniveau für Demokratien einen zentralen Aspekt darstellt, wird hier zunächst die Staatsbürgerrolle in den Fokus genommen. Dies ist deswegen so wichtig, insofern politische Partizipation und politische Beteiligung unmittelbar mit politischem Wissen zusammenhängen bzw. diese sich einander bedingen. Dabei lassen sich vier Typen von Staatsbürgerrollen nach Grad der Partizipation unterscheiden:

  1. Politisch-desinteressierte Bürger
  2. Reflektierte Zuschauer
  3. Interventionsfähige Bürger
  4. Aktivbürger

Je nach Staatsbürgerverständnis ergeben sich unterschiedliche Wissensanforderungen. Außer für den politisch-desinteressierten Bürger sind für alle Staatsbürgerrollen erhebliche Bestände politischen Wissens notwendig. Dabei stellt das Leitbild moderner Demokratien i.d.R. der interventionsfähige Bürger dar.

Daher stellt ein weiterer wichtiger Aspekt die Frage nach, wie relevante politische Inhalte definiert werden können. Dabei stellt die Kenntnis des Wahlsystems eine Basiskompetenz dar, die allerdings wiederum differenziert betrachtet werden muss. So sind hier zum einen Eckdaten relevant (z.B. Bedeutung von Erst- und Zweitstimme), aber Wahlentscheidungen werden auf der Basis einer Vielzahl von Inhalten getroffen, die Schübel wie folgt benennt:

  • Eigene soziodemographische Gruppenzugehörigkeit
  • Parteiidentifikation
  • Kandidatenorientierung
  • Bewertung der Wirtschaftslage
  • Sachfragenorientierungen

Damit wird deutlich, dass auch bei politischer Partizipation, die sich lediglich auf Wahlbeteiligung beschränkt, ein erhebliches Wissensniveau relevant ist. Für ein demokratisches System ist es daher bedeutsam, nicht nur Kenntnis darüber zu erlangen, inwieweit politisches Wissen in der Bevölkerung vorhanden ist, sondern auch, wie dieses Wissen in der Gesellschaft verteilt ist.

Im dritten Kapitel steht die Frage im Mittelpunkt, wie politisches Wissen erworben wird. Dabei stellt Schübel zunächst im Unterkapitel 3.1 kognitive Lerntheorien dar, während in Kapitel 3.2 frühere Forschungsansätze erläutert werden, die allesamt das Defizit aufweisen, nicht umfassend genug zu sein und immer nur einzelne Facetten des Wissenserwerbs beleuchten. Der für die vorliegende Studie verwendete Ansatz des sog. MOA-Modells (motivation-opportunity-ability-Modell), der in Kapitel 3.3 ausführlich vorgestellt wird, weist diese Defizite hingegen nicht aus. Im MOA-Modell werden drei Faktorenbündel als für den Wissenserwerb zentrale Elemente zusammengefasst. Zunächst steht die Lernmotivation im Fokus, die von der subjektiven Relevanz der Lerninhalte abhängt. Das zweite Faktorenbündel ist in den Lerngelegenheiten zu sehen, wie z.B. Lernumgebung, Qualität der Lernsituation usf. Das dritte Faktorenbündel stellen die Lernressourcen dar, wie kognitive Fähigkeiten aber auch finanzielle Ressourcen. Das MOA-Modell erlaubt für die empirische Erhebung politischen Wissens von Individuen, wobei für die vorliegende Studie von besonderem Interesse ist, inwiefern Wissensunterschiede entlang soziodemographischer Unterschiede auftreten (Kapitel 3.4). Um dies ermitteln zu können, widmet sich der Autor in Kapitel 3.5 zunächst den grundlegenden Einflussfaktoren des politischen Wissenserwerbs auf Basis des MAO-Modells. Daran im Anschluss wird in Kapitel 3.6 ausführlich auf soziodemographische Merkmale in Bezug auf politischen Wissenserwerb eingegangen. Dabei wird hier eine sehr umfassende Perspektive eingenommen, denn es werden Geschlecht, soziale Herkunft, Bildungsniveau, Landesteil (Ost-West), Alter und Soziale Schicht berücksichtigt.

Im vierten Kapitel wird die Anlage der empirischen Studie vorgestellt. Dabei betont der Autor nochmals den hohen Stellenwert von Informationen zur Verteilung politischen Wissens, um Auskunft über den Zustand eines politischen Systems geben zu können. Im weiteren Verlauf dieses Kapitels wird auf die Differenzierung zwischen strukturellem und aktuellem politischem Wissen eingegangen und die hierzu bereits existierenden Studien. Schließlich wird die Datenbasis der eigenen Studie des Autors vorgestellt, die auf einer Repräsentativbefragung von Infratest dimap beruht. Sehr umfänglich und detailliert werden danach die Operationalisierung der Determinanten erläutert, was dem Leser bzw. der Leserin ein tiefgreifendes Verständnis der Studie ermöglicht. Gleiches gilt für die Hypothesen, die nicht nur in vorbildlicher Weise hergeleitet werden, sondern auch sehr anschaulich optisch dargestellt werden.

Das fünfte Kapitel ist methodischen Fragen gewidmet, die verschiedene Aspekte der Messung politischen Wissens in den Fokus nehmen. Dabei werden mögliche Fehlerquellen diskutiert, bevor dann die Kodierungen des Antwortverhaltens der ProbandInnen dargestellt werden. Zentral ist in diesem Kapitel die Bestimmung der individuellen Wissensniveaus, die durch ein ausführlich erläutertes komplexes Messinstrument ermittelt wird.

Mit dem sechsten Kapitel wird das Kernthema des Buches vorgestellt, nämlich die Verteilung politischen Gewissens in der Bevölkerung. Dabei geht es um die empirische Beantwortung der Frage, ob es Wissensasymmetrien entlang spezifischer Dimensionen sozialer Ungleichheit gibt. Dabei wird auf die einzelnen Prädiktoren Geschlecht, soziale Herkunft, Bildung, Landesteil, Alter sowie soziale Schicht jeweils ausführlich eingegangen. Hierbei werden die im vierten Kapitel vorgestellten Hypothesen verifiziert bzw. falsifiziert. Weiterhin wird in diesem Kapitel untersucht, wie diese Wissensasymmetrien kausal erklärt werden können.

Im siebten Kapitel zieht der Autor ein ausführliches Fazit und stellt Möglichkeiten für künftige Forschungen dar.

Fazit

Das vorliegende Werk stellt in eindrucksvoller Weise dar, dass politisches Wissen nicht nur in der Bevölkerung ungleich verteilt ist, sondern dies auch kausal begründet ist. Damit werden wichtige – und auch beunruhigende – Fragen hinsichtlich der politischen Partizipation und der Berücksichtigung von Interessen der Bevölkerungsanteile aufgeworfen, die über kein oder nur geringes politisches Wissen verfügen. Insofern stellt das Buch von Thomas Schübel nicht nur einen bedeutsamen Beitrag zur empirischen Politikwissenschaft dar, sondern liefert auch gewichtige Argumente für die hohe Relevanz politischer Bildungsarbeit.


Rezension von
Prof. Dr. Marion Möhle
Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Marion Möhle. Rezension vom 12.12.2019 zu: Thomas Schübel, Rudolf Bieker: Die soziale Verteilung politischen Wissens in Deutschland. Wissensunterschiede und deren Ursachen. Springer VS (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-21638-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24607.php, Datum des Zugriffs 20.10.2020.


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