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Magnus Frampton: European and International Social Work

Cover Magnus Frampton: European and International Social Work. Ein Lehrbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-3963-4. D: 27,95 EUR, A: 28,70 EUR, CH: 38,10 sFr.
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Thema

Soziale Arbeit als Praxis, Profession und Wissenschaft hat über die Nationalstaaten hinweg europäische und globale Bezüge, die systematisch darzustellen lohnt. Soweit es um Transfers oder Vergleiche geht, ist der jeweilige kulturelle Kontext zu beachten. Bis heute allerdings beherrschen europäisch-nordamerikanische Konzepte die „Sozialarbeit des Südens“.

Das vorliegende Lehrbuch ist in englischer Sprache abgefasst und soll englischsprachigen Studierenden in Deutschland und deutschen Studierenden, die in Großbritannien oder im Ausland generell studieren, eine Einführung in die Internationale Soziale Arbeit bieten.

Autor

Magnus Frampton ist in Großbritannien aufgewachsen, ist deutscher und britischer Staatsbürger, hat in Deutschland studiert und Abschlüsse als Dipl. Soz. Päd./Soz. Arb. und MA. Er ist derzeit als Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Universität Vechta tätig.

Aufbau

Der Autor begründet zunächst ausführlich das Konzept eines Lehrbuchs in englischer Sprache.

Es folgen 14 Kapitel zu folgenden Themen:

  1. International definitions of social work
  2. International social work
  3. Comparative social work
  4. Social protection and welfare
  5. Diverse contexts, diverse social work professions
  6. European social work
  7. Human rights
  8. Globalisation
  9. Migration
  10. Transferring social work methods
  11. Social development
  12. Child welfare/child protection
  13. Social work theory
  14. Neoliberalismus, social justice, and social work

Jedes Kapitel formuliert Fragen, die der Leser/die Leserin für sich überlegen, auch auf dem Hintergrund eigener Herkunft, Erfahrungen und Wissen beurteilen und/oder durch eigene Recherche im Netz beantworten soll. Der Text des Autors hierzu wird durch Hinweise auf Quellen und Literaturempfehlungen, auch Verweise auf Spielfilme oder Dokumentationen geprägt.

Inhalt

Die Grundidee des Lehrbuchs ist ja die, Studierenden ein Medium an die Hand zu geben, mit dem sie sich, insbesondere im Zusammenhang eines Erasmus-Auslandssemesters, mit der Sozialen Arbeit in internationaler Perspektive bekannt machen können. Und das ganz konsequent, jedenfalls pragmatisch: in englischer Sprache.

Frampton arbeitet eine Übersicht heraus, gibt den „State of the Art“ wieder. Exemplarisch stehen dafür folgende Inhalte:

  • Soziale Arbeit geht auf den lokalen Bedarf ein, hat aber auch internationale Aspekte, u.a. in Hinsicht auf Flüchtlinge, Auslandsadoption oder in Grenzregionen. Der professionelle Austausch ist vermittels Bücher und Zeitschriften, Begegnungen oder Studienaufenthalte Standard. Die Expertise von Praktikern ist dort gefragt, wo besonders NGOs am gesellschaftlichen Aufbau mitwirken sollen. Die Protagonisten der Sozialen Arbeit können ihre Erfahrungen und Erkenntnisse in den politischen Prozess weltweit einbringen, insbesondere bei den UN.
  • Der internationale Vergleich öffnet den Blick für Alternativen, kann die Praxis bereichern.Dabei ist jedoch immer der Kontext zu beachten, also die betreffenden Institutionen und kulturellen Traditionen. Es besteht auch die Gefahr, dass die eigenen Konzepte überbewertet werden, wie lange Zeit seitens des Global North geschehen. Für den Vergleich besonders gut geeignet ist die „vignette technic“, also die Betrachtung eines Falles aus unterschiedlichen nationalen Blickwinkeln.
  • Soziale Arbeit in Deutschland folgt dem Prinzip der Subsidiarität und wird von zivilgesellschaftlichen Kräften, traditionell besonders von den Kirchen getragen. Demgegenüber werden im britischen System soziale Aufgaben grundsätzlich durch öffentliche, staatliche Stellen erfüllt.
  • Soziale Arbeit hat ihre Begründung allein schon durch die Menschenrechte. Diese umfassen individuelle Freiheiten und Ansprüche gegenüber dem Staat, etwa in Hinsicht auf Bildung und Gesundheit. Dazu gehören aber auch die kollektiven Rechte, insbesondere das Recht auf wirtschaftliche und soziale Entwicklung, intakte Natur, kulturelle Identität.
  • Eine besondere Lebenslage zu bestehen haben Flüchtlinge, die nach gefährlichen Reisen nichts mehr brauchen als Sicherheit, dann auch rechtlichen und bürgerschaftlichen Beistand. Sie sollten so behandelt werden, dass sie ihre Traumatisierung aufarbeiten können. Indessen werden sie, auch unter Mitwirkung von Sozialarbeitern, kontrolliert, manche auch abgeschoben.
  • Wie vor allem Midgley herausgearbeitet hat, stehen im globalen Süden weniger der Staat, mehr die Individuen, Familien, Communities und informelle Gruppen für die sozialen Belange ein. Der Developmental Social Work geht es dabei um existentielle Bedürfnisse, etwa sauberes Trinkwasser oder Gesundheitsvorsorge. In den armen Ländern leiden gerade die Kinder unter dem Mangel an Nahrungsmitteln oder an Bildung, als Straßenkinder oder gar Kindersoldaten. Vulnerabel sind Mädchen und Frauen, sie erleiden sexuelle Gewalt, die Müttersterblichkeit ist hoch.
  • Gegen Unterdrückung und Diskriminierung zu wirken, ist aktuelle Aufgabe auch der Sozialen Arbeit. Dabei geht es nicht nur um den Schutz der Individuen, sondern die Kultur in Einrichtungen und Berufsfeldern, die Soziale Arbeit selbst inbegriffen. Auch Soziale Arbeit, als Institution oder in der konkreten Praxis, kann diskriminieren oder unterdrücken. Selbstreflexion und Supervision sind nötig.
  • Soziale Arbeit ist fundamental herausgefordert worden durch den Siegeszug des Neoliberalismus in der westlichen Welt. Der schlanke Staat hat wenig für soziale Dienste übrig, und wenn, dann sollten diese privatwirtschaftlich organisiert werden. Der Markt ist das Regulativ, nicht die Politik. Das Paradebeispiel: Wenn behinderte Menschen über ein Budget verfügen, können sie sich die Assistenz „einkaufen“, die sie brauchen. Generell ist das Marktmodell jedoch unbrauchbar, wenn die Klientel gerade dadurch bestimmt ist, dass sie nicht als Kunde auftreten kann. Der Staat beauftragt Fallmanager damit, dafür zu sorgen, dass die freien und privaten Träger bestimmte Leistungen (bis hin zu Beratung) erbringen.
  • Für den Süden hat der globale Neoliberalismus, den die Weltbank und der Weltwährungsfonds als Eingangsbedingung durchgesetzt haben, keine Entwicklung gebracht, vielmehr die Migration verstärkt.
  • Für die Zukunft bietet sich ein neuer Ansatz an, den man, wie die einschlägige Zeitschrift „Critical and Radical Social Work“ nennen kann. Es geht dabei darum, Initiativen und Kampagnen, Bewegungen und Selbsthilfegruppen zu unterstützen, die sich der sozialen Gerechtigkeit verschrieben haben.

Diskussion

Das Lehrbuch liest sich sehr gut, da weder englische Idiomatik bemüht wird noch die international praktizierten Formeln aus Tourismus und Business vorherrschen, die oft für Englisch gehalten werden. Häufig werden Fragen an den Leser/die Leserin eingeschoben, was die Passivität der Lektüre und die kritiklose Rezeption verhindern soll. Allerdings sind diese Fragen, je später, desto mehr, nur noch rhetorisch, da die Studierenden die Antwort nicht wissen können, etwa mit Bezug auf den „Anglo-Saxon discourse of managerialism“ (S. 189).

Das Lehrbuch ist vor allem darauf angelegt, die vorzugsweise auf Englisch, aber auch auf Deutsch geschriebene Fachliteratur zu benennen, welche inhaltlich relevante Aussagen treffen könnte. Es werden also Autorinnen und Autoren aufgeführt, die zum betreffenden Thema konsultiert werden sollten. Im Ergebnis endet das immer mal wieder in bloßem „Name dropping“, ohne eigene inhaltliche Aussage. Dazu nur ein paar Beispiele, Gewürdigt wird der Pädagoge (!) Janos Korczak, ohne Details seiner Kinder-Mitbestimmung und provokativen Konzepte („Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag“, „…seinen eigenen Tod“) auszuführen. Ähnlich verfährt der Autor mit dem Pädagogen (!) Freire: Wie muss man sich die Alphabetisierung konkret vorstellen? Die Wertschätzung indigenen Wissens hebt der Autor zurecht hervor, sogar ein Beispiel wird angeführt: die Familien-Konferenz nach dem Vorbild der Maori Neuseelands. Aber wie geht sie? Weshalb war sie übertragbar? Als Modell (aus) indigener Praxis (der Ubuntu) wird die Wahrheits- und Versöhnungskommission erwähnt, die, wie Frampton einräumt, nicht direkt zur Sozialen Arbeit gehöre, aber ihr doch „nahe sei“.

Das Thema „Globalisierung“, ihre Akteure und Effekte, bringt Frampton gut auf den Schirm, doch bleibt das Bild unvollständig, wenn die Betroffenen selbst, etwa die Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten nicht ins Bild kommen, wie sie und ihre Clans Netzwerke bilden und mit ihren Remittances die Familien zuhause existentiell sichern.

So lobenswert der Hinweis auf die Fallstudie als Grundlage des internationalen Vergleichs ist: Wie nun die schwedische Gesetzgebung im Unterschied zur britischen den Kinderschutz definiert, sagt der Autor nicht. Wie die Behörden vorgehen würden, muss man sich selbst zurechtlegen.

Dann wird Habermas gelobt, Lorenz gepriesen – was deren Konzepte bedeuten, was sie mit Sozialer Arbeit zu tun haben, bleibt ohne Anschauung und Beispiel. Das Thema „Europa“ wird auf gerade mal drei Seiten abgehandelt: Über die Regional- und Sozialfonds, auch Programme wie „Jugend in Europa“, würde man schon gerne mehr erfahren, da sie doch regionale Disparitäten mindern sollten bzw. Tausende von grenzüberschreitenden Projekten finanzieren: Benachteiligte Jugendliche waren und sind deren Zielgruppe. An dieser Stelle wäre auch die EU als die Plattform zu erwähnen, auf der sich Soziale Arbeit fachlich und als Lobby organisiert. Ein Beispiel dafür wäre FEANTSA (ein Dachverband, der die Interessen von Wohnungslosen vertritt). Man vermisst auch den Hinweis auf den EuGH und dessen zukunftsweisende Urteile (Gleichstellung!).

Kapitel 9 geht in groben Zügen die Einwanderung nach Deutschland durch und trifft den Kern: „Foreigners stayed foreigners“, d.h. lange Zeit kamen Ausländer/innen in Deutschland durch Geburt an: Da ihre Eltern nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hatten, erhielten sie diese auch nicht. Mit der etwas mokanten Reserve gegenüber dem „Migrationshintergrund“ vertut der Autor allerdings die Chance, der multikulturellen Gesellschaft in Deutschland und der Integrationsleistung gerade auch der Sozialen Arbeit näher zu kommen.

Nicht nachzuvollziehen ist ein Satz wie auf S. 133; danach gebe es in Nordwest-Europa in den letzten Jahrzehnten relativ wenige bewaffnete Konflikte, jedoch mit zwei Ausnahmen: Nordirland und die DDR.

In jedem Kapitel stellt der Autor Spielfilme oder Dokumentationen vor, die das Thema beleuchten. Dies kann den Mangel an Anschauung und Praxisberichten mindern – unterstellt, dass sich die Leserinnen und Leser wirklich auf die Suche im Netz machen.

Fazit

Magnus Frampton realisiert mit diesem Lehrbuch die gute, ja exzellente Idee, Studierende in die Grundfragen der internationalen Sozialen Arbeit einzuführen, und das in englischer Sprache und nicht nur für Muttersprachler verständlich.

Aber was heißt „Einführung“? Meines Erachtens doch eine anschauliche Präsentation von packenden Beispielen aus der Praxis, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit einzelnen Konzepten. Sollten nicht die (mehr oder weniger bekannten) sozialen Probleme der Ausgangspunkt sein: Drogen, Menschenhandel, Ausbeutung, Kindesmisshandlung, Unterernährung, Verschuldung, Bildungsarmut; konsequent aus den Menschenrechtskatalogen abgeleitet? Diesen inhaltlichen Schwung nimmt der Autor sich und den Leserinnen und Lesern, wenn er sich – für meinen Geschmack – zu oft auf eine konnotierte Bibliografie zurückzieht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 12.02.2019 zu: Magnus Frampton: European and International Social Work. Ein Lehrbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3963-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24611.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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