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Marion Ludwig, Jochen Schweitzer u.a. (Hrsg.): Wohnungslos – Umgang mit Exklusion

Cover Marion Ludwig, Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe (Hrsg.): Wohnungslos – Umgang mit Exklusion. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. 107 Seiten. ISBN 978-3-525-45300-1. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR.

Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten - systemisch beraten.
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Hintergrund

Das Buch ist erschienen in der von Jochen Schweitzer und Arist von Schlippe herausgegebenen Reihe „Leben. Lieben. Arbeiten: systemisch beraten“. Die Reihe widmet sich ausgewählten Kontexten, in denen systemische Praxis nützlich sein könnte.

Autorin

Die Autorin ist Diplom-Sozialarbeiterin/Diplom-Sozialpädagogin und systemische Therapeutin. Sie arbeitet seit 15 Jahren in verschiedenen Einrichtungen eines privaten Trägers der Berliner Wohnungslosen- und Eingliederungshilfe mit Menschen in Wohnungsnöten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei große Teile, dem sogenannten Kontext und der systemischem Beratung im Kontext der Eingliederungshilfe.

Im ersten Teil beschreibt die Autorin die Lebenssituation wohnungsloser und psychisch beinträchtiger Menschen, rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen, den Träger ihrer Einrichtung und Stärken und Schwächen der Wohnungslosen- und Eingliederungshilfe. Mit explizitem Verweis auf die unterschiedlichen Gegebenheiten in den Bundesländern beschränkt die Autorin ihre Ausführungen zum Kontext auf den Hintergrund des Hilfssystems in Berlin und damit verbundenen rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen.

Die einzelnen Unterkapitel werden unterbrochen durch neun sogenannte Infokästen, in denen die Autorin Definitionen zu Schlüsselbegriffen (u.a. Wohnungsnotfall, Exklusion, Inklusion, Integration, psychische Störung und Behinderung) und Basisinformationen zu Gesetzen und dem Hilfssystem bietet. Illustriert wird der Kontext durch ein Fallbeispiel aus der Beratungsarbeit der Autorin: Der zweite Teil beginnt mit einem weiteren Beispiel aus der Praxis der Autorin und schildert auf der Basis des Fallbeispiels das Vorgehen in der systemischen Beratungsarbeit und die damit verbundenen Herausforderungen. Der zweite Teil mündet in eine Schlussbetrachtung und einen Ausblick.

In den zwei Fallbeispielen wird zunächst die Biographie des Klienten skizziert. Es folgt eine Beschreibung der Wünsche der Klienten und exemplarischer Beratungsinhalte und Methoden. Anschließend wird die Beratung reflektiert.

Diskussion

Das Buch beschäftigt sich mit einem in der Literatur eher stiefmütterlich behandelten Thema: der systemischen Beratung von wohnungslosen Personen mit psychischen bzw. psychiatrischen Beeinträchtigungen und Suchterkrankungen. Die zwei Fallbeispiele beschreiben anschaulich angewandte Praxis systemischer Beratungsarbeit und zeigen exemplarisch wie z.B. Alkoholmissbrauch, Geschwisterkonstellationen, Kommunikations- und Verhaltensmuster systemisch reflektiert werden können. Sie demonstrieren die Erfolge systemischer Beratung unter Einbeziehung der von der Autorin praktizierten Körperpsychotherapie.

In beiden Fallbeispielen steht die psychiatrische bzw. psychische Beeinträchtigung der Betroffenen im Vordergrund. Im ersten Beispiel ist der Bezug zur Wohnungslosigkeit kaum erkennbar. Im zweiten wird der Bezug deutlicher. Insgesamt bleiben alle Interventionen auf subjektive Verhaltensmuster und psychische Störungen fokussiert. Strukturelle Rahmenbedingungen werden kaum reflektiert.

Die Definitionen der Begriffe Exklusion, Integration und Inklusion sind sehr rudimentär und verkürzt und werden der Vielschichtigkeit und dem wissenschaftlichen „state of the art“ nicht gerecht. Hier würde sich der/ Leser/die Leserin eine ausführlichere Analyse erwarten, auch angesichts der Tatsache, dass sich der Begriff Exklusion im Buchtitel wiederfindet.

Die Infokästen bieten vor allem für die mit dem Thema weniger vertrauten Leser/innen wertvolle Informationen. Sie unterbrechen allerdings den Lesefluss und wirken in ihrer Platzierung etwas störend.

Die im Handlungsfeld Wohnungslosigkeit so bedeutsamen sozialpolitischen Rahmenbedingungen werden spärlich thematisiert. Das Schlusskapitel mit dem Titel „Ausblick auf Sozialpolitisches“ konstatiert zwar zu Beginn lapidar, dass sozialpolitische Rahmenbedingungen auf die Arbeit einen Einfluss haben, bleibt aber in der Folge eine präzisere Analyse schuldig. Stattdessen formuliert die Autorin ein Plädoyer für systemische Beratung, eine Wertschätzung von Tätigkeiten außerhalb des ersten Arbeitsmarkts und gibt einen Appell an die Helfer/innen, nicht müde zu werden und kreativ systemische und körpertherapeutische Angebote zu entwickeln, um der Exklusion entgegenzuwirken. Die Grenzen dieser Angebote werden nicht thematisiert. Man vermisst Hinweise auf Diskriminierungs- und Stigmatisierungsprozeese, denen das Klientel unterworfen ist, und zumindest einen Hinweis auf entsprechende Lobby- bzw. und Öffentlichkeitsarbeit für die Klientel.

Der Titel der Publikation „Wohnungslos – Umgang mit Exklusion“ verheißt eine ausführlichere Auseinandersetzung mit Exklusionsmechanismen bzw. Inklusions- und Integrationsmaßnahmen. Das Buch beschreibt den Beitrag, den systemische Beratung dazu leisten kann, überschätzt aber angesichts der sozialpolitischen Rahmenbedingungen diesen Beitrag und lässt andere Maßnahmen weitgehend außer Acht. Die Grenzen systemischer Beratung in diesem Prozess werden kaum reflektiert.

Fazit

Die Autorin leistet mit ihrer Publikation einen wichtigen Beitrag für das in der Literatur zu systemischer Beratung kaum beachtete Handlungsfeld Wohnungslosigkeit. Für Studierende der Sozialen Arbeit/Sozialpädagogik bietet das Buch eine gute Einführung und durch die Fallbeispiele und deren Reflexion eine konkrete Veranschaulichung systemischer Beratungspraxis am Beispiel von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Für Praktiker/innen liefert es ermutigende Anregungen zu systemischer Beratung im Handlungsfeld. Eine entsprechende Bewusstseinsbildung hinsichtlich der Bedeutung sozialpolitischer Rahmenbedingungen für den Hilfeprozess bzw. eine kritische Auseinandersetzung mit den Grenzen systemischer Beratung in der Bearbeitung von Exklusionsprozessen im Handlungsfeld Wohnungslosigkeit bleibt die Autorin größtenteils schuldig.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 28.01.2019 zu: Marion Ludwig, Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe (Hrsg.): Wohnungslos – Umgang mit Exklusion. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2018. ISBN 978-3-525-45300-1. Reihe: Leben. Lieben. Arbeiten - systemisch beraten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24617.php, Datum des Zugriffs 23.03.2019.


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