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Vera Lanzen: Verschuldung von jungen Erwachsenen

Cover Vera Lanzen: Verschuldung von jungen Erwachsenen. Biographische Verläufe im Kontext von Partizipation und Risiko. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. 254 Seiten. ISBN 978-3-7799-3939-9. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Die Autorin betrachtet Prozesse der Verschuldung unter biographischen Vorzeichen und bearbeitet vor dem Hintergrund eines rekonstruktiven fallanalytischen Zugangs die Frage, welche Bedeutung und Funktion sie bei jungen Erwachsenen hat, um das Phänomen der Jugendverschuldung aus subjektorientierter Perspektive zu verstehen (S. 11). Damit rückt die Entstehung einer Verschuldungssituation im Kontext der Biographie bzw. des jugendlichen Lebensabschnitts in den Fokus und wird die soziale/lebensweltliche Einbettung einer (ökonomisch) prekären Entwicklung bearbeitet.

Es wurden 10 biographische Interviews mit jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren durchgeführt, die (Tonband-) Aufzeichnungen danach – wie in diesem „Paradigma“ üblich – transkribiert und auf der Basis des narrationsstrukturellen Verfahrens nach Schütze analysiert.

Autorin

Die Autorin, Vera Lanzen, hat vorliegende Arbeit während eines Forschungsprojekts am Schuldnerfachberatungszentrum an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entwickelt (S. 5). Sie ist von ihrem Ausbildungsweg Diplom-Pädagogin und Systemtische Therapeutin, sowie Frauenbeauftragte des Landkreises Alzey-Worms. Folgt man einem Eintrag im Bibliothekskatalog der Johannes Gutenberg-Universität scheint die Publikation im Kontext einer Dissertation zu stehen.

Aufbau und Inhalt

Zunächst wird – nach einer Einleitung – in Kapitel 2 der Forschungsstand und die (zentralen) Forschungsfragen diskutiert. Forschungsarbeiten zur Verschuldung werden vorangestellt, danach spezifischer auf Arbeiten über Schulden bei jungen Erwachsenen eingegangen. In diesem Zusammenhang werden Zahlen zur Betroffenheit von Verschuldung junger Menschen als auch Erklärungsmodelle dazu referiert, damit Studien im deutschsprachigen Bereich sehr ausführlich dargestellt. Resümierend wird dabei festgestellt, dass ein deutlicher Schwerpunkt der Forschung auf das Konsumverhalten sowie den Entstehungs- und Bewältigungsfaktoren von Verschuldung gelegt wird. Die „biographische Verwobenheit“ und die lebensweltliche Einbettung kommt in nur wenigen Studien (u.a. Schlabs, Hirseland) zum Ausdruck (S. 32 bzw. S. 18 f.). Abschließend werden in diesem Kapitel die Fragestellungen zu dieser Studie herausgearbeitet.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Methodik und den methodologischen Grundlagen der Arbeit. Eine (kurze) Übersicht erfolgt zu den Grundlagen sozialwissenschaftlicher Biographieforschung, bevor genauer auf das narrationsstrukturelle Verfahren nach Schütze, inklusive dem narrativ-biographischen Interview mit seiner erzähltheoretischen Basis, eingegangen wird. In einem Abschnitt über den Forschungsprozess wurde die Vorgangsweise bei der Gewinnung der InterviewteilnehmerInnen beschrieben: Zugang wurde vor allem über Einrichtungen der Sozialen Arbeit (Jugendberufshilfe) und Schuldnerberatungsstellen gewonnen. Noch etwas detaillierter wird auf die Erhebung eingegangen, u.a. auf die Erzählaufforderung und den Aufbau exmanenter Fragen im Nachfrageteil eingegangen.

Drei der zehn Fälle der analytischen Bearbeitung wurden dann in Kapitel 4 als Fallanalysen ausführlich dargestellt. Im ersten Fall wird der Vorgang der strukturellen Beschreibung für den Leser stärker als in den folgenden zwei vermittelt. Die Darstellung des ersten Falles fällt folglich länger aus; in allen drei Fällen wird aber die biographische Gesamtformung und analytische Abstraktion genau behandelt und die Ergebnisse dargestellt. Betrachtet man den ersten Fall, lässt sich hervorheben, dass die Figur der Verlaufskurve mit Abbrüchen, Wegrennen und Verlassenwerden sehr dominant ist (S. 116). Die dann entstandene Verschuldung ist insofern ein markanter Punkt, als damit ein biographisches Handlungsschema beginnt, die – positiv einzustufen – mit dem Aufbau eines neuen Beziehungsgefüges und der Gründung einer Familie einhergeht (S. 117). Der zweite Fall ist von der Grundpositionierung eine Migrationsgeschichte: die Autorin führt aus, dass mit dem Verlassen des Landes auch der „Familienmythos“ des hohen Wohlstands und Reichtums sowie eines hohen Bildungsstatus ein Ende findet (S. 148). Mit der Ankunft in Deutschland setzt eine Verlaufskurve ein. Mit der Verschuldung versucht der Interviewte, den Einschränkungen zu entkommen und die vorangehende Lebenssituation im Herkunftsland wieder herzustellen (S. 149). Eine Lösung der prekären Lebenssituation erscheint nicht in Sicht, steht eine Einigung mit Gläubigern aus Anders ist die Struktur des dritten Falles: in ihm dominiert die Leitlinie der Ablösung und Verselbstständigung, zu dessen Verwirklichung sich die Interviewte verschuldet (Wohnung, Möbeln). Ihre Geschichte des „Pendelns zwischen Leistungsorientierung und -abkehr, von Konformität und Eigensinn“ (S. 183) erlaubt es ihr aber, handlungsaktiv gegen eine Verschärfung der Schuldenkrise aufzutreten.

In Kapitel 5 werden die Fälle kontrastiv bearbeitet und Erkenntnisse zu fünf bedeutenden Dimensionen lebensweltlicher Konsequenzen von Verschuldung gewonnen. Erstens wurde die Bedeutung von konflikthaften Beziehungen im Kontext von Verschuldung analysiert, zweitens über die Einbindung bzw. Exklusion in Beziehungsnetze reflektiert: Verschuldung kann dabei nicht nur soziale Isolation verschärfen, sondern umgekehrt, mit den (neuen) Ressourcen im Einzelfall auch Zugehörigkeit hergestellt werden (S. 185). In einem weiteren Abschnitt werden Handlungsorientierungen im Rahmen verschuldungsrelevanter Ereignisse behandelt, wie etwa die einem Fall ausgeprägte Abwendung vom Herkunftssystem. Danach wird der Aspekt der finanziellen Unterstützung in den Generationenbeziehungen einer genaueren Analyse unterzogen, um abschließend die bei der Bearbeitung der Verschuldung auftretenden Sinn- und Deutungsmuster herauszuarbeiten. Es zeigt sich damit die komplexe soziale Einbettung der Verschuldung.

In Kapitel 6 werden mehrere (theoretische) Perspektiven aufgegriffen, insbesondere die These bzw. empirische Forschung zu Veränderungen der Jugendphase (u.a. Individualisierung, zunehmende Verunsicherung) sowie die Ausführungen zu einer „Kolonialisierung der Lebenswelt“ (Habermas), um die empirischen Erkenntnisse der Studie in diesem Licht zu betrachten und einzuordnen.

Im abschließenden Kapitel 7 wird nochmals darauf verwiesen, dass es zur Unterstützung von jungen Erwachsenen wichtig ist, Verschuldung in biographischen Zusammenhängen zu betrachten.

Diskussion und Fazit

Die Studie zeigt das Potenzial, das biographische Forschung für die Beratung und Unterstützung von Personen haben kann, die mit Schulden in problematische Lebenslagen geraten sind. Der Zugang ermöglicht es die biographischen Strukturen und deren Verbindung mit Verschuldung sowie die Stellung von Schulden in sozialen Beziehungen zu verstehen und kann daher für verschiedene Einrichtungen von Interesse sein. Dem Aufbau und der Darstellung der Studie sei allerdings angemerkt, dass zwar eingangs in einem Überblick über zehn Einzelfälle in der Erhebung hingewiesen wurde, allerdings letztlich nur auf drei Fälle ausführlich Bezug genommen wurde – auf die anderen (sieben) Fälle weder in der Fallkontrastierung noch in anderen Zusammenhängen nicht mehr Bezug genommen wurde.


Rezensent
ao. Univ.Prof. Dr. Gerhard Jost
Mitarbeiter am Institut für Soziologie und empirische Sozialforschung, WU, Wirtschaftsuniversität Wien, Department für Sozioökonomie.
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Zitiervorschlag
Gerhard Jost. Rezension vom 17.07.2019 zu: Vera Lanzen: Verschuldung von jungen Erwachsenen. Biographische Verläufe im Kontext von Partizipation und Risiko. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2019. ISBN 978-3-7799-3939-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24621.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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