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Andreas Jüttemann (Hrsg.): Stadtpsychologie

Cover Andreas Jüttemann (Hrsg.): Stadtpsychologie. Handbuch als Planungsgrundlage. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2018. 258 Seiten. ISBN 978-3-95853-389-9. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

„Die Stadt besteht nicht nur aus Häusern und Straßen, sondern auch aus Menschen mit ihren Hoffnungen.“ Der Augustinus zugeschriebene Satz beschreibt vielleicht das, was auch wir mit der Stadt verbinden und was im Kern auch die Stadtpsychologie beschäftigt. Die Stadt als eine besondere Lebensform erzeugt eine spezifische Lebensweise, die wir urban nennen und die wir mit Kultur, Zivilisation und Modernität verbinden. Und die Stadt ist ein Gemeinwesen, dessen Struktur auch bestimmte Verhaltensdispositionen, Einstellungen, Attitüden hervorbringt, die wiederum Spannungen, Widersprüchlichkeiten, Ambivalenz und Kontingenzen erzeugen, mit denen Städterinnen und Städter umzugehen lernen müssen und auch lernen.

Wer auch immer eine Stadt plant und entwickelt ist immer mit der Frage konfrontiert, wie es eine Stadt schafft, die unterschiedlichsten Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebensstilen und Verhaltensweisen auf einem relativ dichten Raum zusammen zu bringen und ein gedeihliches Zusammenleben zu ermöglichen, und welche städtebauliche Gestaltung dazu erforderlich ist, um dieses Ziel einigermaßen zu erreichen.

Herausgeber

Dr. Andreas Jüttemann arbeitet am Institut für Geschichte der Medizin der Charité Universitätsmedizin Berlin.

Autorinnen und Autoren

Die anderen Autorinnen und Autoren kommen aus dem universitären Bereich der Architektur und Architekturpsychologie und der Stadt- und Umweltpsychologie oder arbeiten in der Praxis der Stadtplanung (soweit die Autorinnen und Autoren dazu Angaben gemacht haben).

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier größere Kapitel mit mehreren Beiträgen:

  1. Zur Einführung
  2. Stadt und Lebensqualität
  3. Besondere Bewohnergruppen
  4. Partizipation

Zur Einführung

Was ist Stadtpsychologie? (Andreas Jüttemann)

In diesem einleitenden Beitrag erläutert Jüttemann die Grundthemen der Stadtpsychologie. Die durch die für die Stadt typischen Probleme der Verkehrsdichte, der Lärm- und Schmutzbelästigung oder der möglichen Gefährdungen durch den Verkehr interessieren die Stadtpsychologie als Gesundheitspsychologie.

Wenn es um zufriedenstellende Wohnverhältnisse geht und um die Frage, welche Bedürfnisse Menschen in diesem Zusammenhang haben, wird die Stadtpsychologie auch zur Sozial- und Umweltpsychologie

Und wenn es um die Frage geht, wo die Stadtpsychologie intervenieren sollte und eigene Vorstellungen entwickelt, wie ein Gemeinwesen gut organisiert ist, versteht sich die Stadtpsychologie als politische Psychologie.

Solche Themen werden in der allgemeinen Psychologie eher vernachlässigt, so der Autor, Themen die bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert Wilhelm Wundt aufgegriffen hatte.

Ob die Stadt der Lebensraum ist, der die besten Möglichkeiten der Persönlichkeitsentfaltung bietet, sei hier einmal dahingestellt.

Der Autor geht dann auf die Geschichte der Stadtpsychologie ein, die bereits 1935 mit der Studie „Der Lebensraum des Großstadtkindes“ des Geschwisterpaar Muchow begann. Ihre Fortsetzung folgt als „Psychologie der Großstadt“ (Kleinstädte und Dörfer blieben außen vor). Dies wird ausführlich erörtert und mit Zitaten aus Studien unterlegt.

Weiter diskutiert Jüttemann eine Reihe von Forschungsfragen der Stadtpsychologie und formuliert die Stadtpsychologie als Gestaltungsaufgabe. Wenn sich viele Städte „wildwüchsig“ entwickeln, wie der Autor behauptet, dann ist eine Differenzierung erforderlich, die nicht erfolgt. Geht es um alle Städte in der Welt oder um die europäische Stadt als einen besonderen Stadttypus und die die Strukturiertheit und stadtplanerische Gestaltung eigentlich seit dem Spätmittelalter kennt und die sie von anderen Stadttypen in anderen Kulturkreisen unterscheidet? Der Autor geht dann noch der Frage nach, wen die Erkenntnisse der Stadtpsychologie interessieren könnten: Stadtbewohnerinnen und -bewohner, Vertreter der Politik. Planer, Architekten, Verwaltungsangehörige und die Wissenschaft, bzw. die universitäre Ausbildung.

Es begann in Berlin. Wege einer entwicklungspsychologischen Stadtforschung (Dietmar Görlitz)

Was wissen Stadtkinder von der Stadt? Mit einer Umfrage zweier Pädagogen (Schwabe und Bartholomäi) begann 1870 das Forschungsthema Kind und Stadt in Berlin.Görlitzdiskutiert diese Studie ausführlich, gehen doch viele prominente Forscher wie Bronfenbrenner auf diese Studie ein. Dass Kinder auf dem Land etwas anderes lernen als Großstadtkinder, leuchtet unmittelbar ein; was sie aber lernen ist wichtig. Und was sie außerhalb der Bildungseinrichtungen wie der Schule lernen ist bedeutsam. Das „Straßenkind“ als abschreckendes Beispiel einer bürgerlichen Gesellschaft weiß mehr als was Schule vermitteln kann. Es geht bei beiden Autoren dieser Studie um die Entwicklung der Individualität des Kindes.

Weiter diskutiert der Autor die 1911 erschienene Studie des Pädagogen Johannes Tews. Er empfiehlt und lehrt, auf die Stadt zu sehen; Dinge, Straßen und Schaufester sind Erzieher und er stellt einen Zusammenhang her zwischen der Baustruktur und der Wohnumwelt einerseits und dem, was Kinder lernen und wie sich entwickeln.

Der Blick auf heute zeigt Veränderungen. Die Straße als Lern- und Sozialisationsort, der öffentliche Raum erfordert andere Verhaltensweisen; Kinder lernen heute etwas anderes als früher.

Görlitz geht dann auf einen Film von Kurt Lewin ein, der lange verschollen war. Lewin filmte Hinterhöfe in Berlin. Ihn interessierte, welchen Anteil die Umwelt auf die Entwicklung von Kindern hat.

Weiter diskutiert der Autor ausführlich die Studie von Martha und Heinrich Muchow „Die Lebenswelt des Großstadtkindes“.

Danach diskutiert Görlitz noch die Forschungslage nach dem Geschwisterpaar Muchow.

Stadt und Lebensqualität

Städtische Wohnbauformen. Qualitäten und Defizite aus wohnpsychologischer Sicht (Harald Deinsberger-Deinsweger)

Der Autor zeigt an Hand dreier typischer und häufiger Wohnbauformen bestimmte humane Defizite auf: der Blockrandbebauung, der Zeilenbebauung und des Wohnhochhauses. Solche Defizite haben einmal strukturelle Konsequenzen, wie die Zersiedlung oder die Ausbildung von „Speckgürteln“ und solche, die sich auf die Persönlichkeit beziehen, wie Vereinsamung, sozialer Stress, Burn-Out und eine Reihe psychischer Störungen oder anderer Verhaltensdispositionen, die sich auf die Lebensformen und die Lebensstilführung auswirken.

Der Autor beschreibt zunächst die Wohnbauform des Hochhauses, das auch Erholungseffekte hat, wenn man in einer höher gelegenen Wohnung lebt; weiter wird ein distanzierter Wahrnehmungsraum ausgemacht und Isolationseffekte, die eigentlich typisch sind. Und die Gefahr der Vereinsamung ist hoch.

Die Blockrandbebauung ist eine sehr typische Bebauungsform der europäischen Bürgerstadt. Man wohnt direkt an der Straße; es gibt keinen öffentlichen Raum, den man sich unmittelbar aneignen könnte, wenn man das Haus verlässt, auch die Hinterhäuser lassen das nicht zu. Im Inneren hat man mit Separation zu tun, die Wohnungen sind nur über den quasi öffentlichen Raum des Treppenhauses verbunden. Die Folgen dieser Separation werden beschrieben.

Die Zeilenbebauung ist durch die parallel hintereinander angeordneten mehrgeschossigen Häuserzeilen gekennzeichnet. Die Häuserzeilen sind frontal zu einander gestellt. Dadurch werden der Erholungseffekt und die Kontaktbereitschaft reduziert.

Das Kernproblem sieht der Autor darin, dass in erster Linie Gebäude und keine Habitate gebaut werden. Diese typisch stadtpsychologische Sicht des Lebensraums definiert bestimmte Funktionen wie die Filterfunktion, die Möglichkeitsfunktion, die Affordanzfunktion und die Systembildungsfunktion. Diese Funktionen werden in einem anderen Werk des Autors beschrieben (Deinsberger-Deinsweger 2012, 2016).

Der Autor erläutert anschließend kurz Alternativen und Auswege.

Gutes Leben in der Stadt. Ein umweltpsychologischer Beitrag zum Verstehen und Erfassen urbaner Lebensqualität (Melanie Jaeger-Erben, Ellen Matties)

Nach einer allgemeinen Einführung, in der die Bedeutung der Stadt im Kontext der urbanen Wende und des urbanen Jahrhunderts erörtert wird, interessiert die Autorinnen die Erfassung und das Verstehen der Lebensqualität, konkret, welche Indikatoren der Messung von Lebensqualität erfasst werden. Diese Messung orientiert sich an Wohlstandsindikatoren, wie dem Human Development Index, der sich aus Lebenserwartung, Bruttosozialprodukt und durchschnittlicher Beschulungszeit zusammensetzt, oder dem Human Sustainalbe Development Index, der zusätzlich die CO² Emissionen misst. Beide Indizes berücksichtigen nicht die räumliche Ebene und Spezifität urbaner Räume.

Es geht um ein umweltpsychologisches Verständnis von urbaner Lebensqualität, wo Wohnzufriedenheit, Crowding und die damit zusammenhängende Dichte der Bewohnung, Umweltstress, Ortsbindung und Identität im Zentrum der Analyse stehen. Dies wird ausführlich erörtert und es werden die Ansätze vorgestellt, die bislang sich damit beschäftigen. Dabei ist auch die Frage relevant, wie Stadtbewohnerinnen und -bewohner mit den Belastungen zurechtkommen; es geht um Bewältigungsstrategien und Widerstandsressourcen.

Weiter diskutieren die Autorinnen einen Orientierungsrahmen zur Gestaltung von Städten mit hoher Lebensqualität. Was ist dabei die Leistung, die Voraussetzung, die Stadtentwicklung und -politik dazu beitragen, und was ist die „Eigenleistung“ der Bewohnerschaft? Erwächst aus dem Recht auf ein gutes Leben auch die Pflicht der Stadt, dies sicherzustellen? Der Rückgriff auf Lefebvre und seiner Formulierung eines Rechts auf Stadt meint eigentlich nur ganz allgemein, dass der Mensch ein Recht hat, überhaupt in der Stadt und unter urbanen Strukturen zu leben. Es wird dann ein Indikatorenset vorgestellt, das sich an den Dimensionen Umweltbedingungen und räumliche Qualitäten, räumliche Teilhabe, Einflussmöglichkeiten und soziales Kapital orientiert.

Erholungsräume in der Stadt. Salutogene Wirkmechanismen und Raumkomponenten als Leitlinie für die Stadtentwicklung (Herbert Reichl)

Nach einleitenden Betrachtungen der Erholungsräume in der Stadt und ihrer Erholungsqualität geht der Autor auf die saltugene Sichtweise ein und erklärt wie Räume auf die Gesundheit und das Wohlbefinden einwirken. Danach diskutiert er pathogene und salutogene Faktoren des Stadtlebens und kommt dann zu erholsamen Umwelten und salutogenen und erholsamen Wirkmechanismen wie Abstand vom Alltag, Weite und Ausdehnung, Faszination, natürliche Wahrnehmung, Vermeidung von Wahrnehmungsstress, Empfinden von Sicherheit, Schutz und Geborgenheit, soziale Kontakte, Selbstbestimmung und Persönlichkeitsentfaltung. Diese Wirkmechanismen werden ausführlich erklärt und beschrieben. Weiter beschäftigt sich der Autor mit salutogenen Gestaltungsmomenten wie Öffnung und Grenzen, Raumzuordnung, Wahrnehmungsqualität und Verhaltensangebote.

Die Stadt der Zukunft aus psychologischer Sicht (Peter. G. Richter)

Ob die Zukunft der Menschheit in den Städten liegt, kann nur differenziert begründet werden, zumal dass, was mit der Stadt als urbanem Lebensraum gemeint ist, doch sehr vielgestaltig in den verschiedenen Kulturkreisen ausfällt. Deshalb ist auch die Behauptung noch differenzierungsbedürftig, dass die Stadt in Zukunft das größte Potenzial für ein gutes und langes Leben hat.

Der Autor beschäftigt sich mit den verschiedenen Stadttypen wie der funktionierenden Stadt Le Corbusiers und der Leipzig-Charta. Er geht dann auf die Frage ein, wie traditionelle Stadtstrukturen mit modernen städtebaulichen Momenten der Stadtgestaltung zusammengebracht werden können und kommt dann zu Stadtwohnungen. Der Wohnungsbedarf wird sich ändern. In Zukunft benötigen wir kleinere Wohnungen in auch baulich verdichten Räumen wie Mehrfamilienhäuser und Hochhäuser. Auf diese beiden Typen geht Richter ausführlicher ein. Es geht aber auch um die Gestaltung öffentlicher Räume wie Plätze und Flaniermeilen, weiter geht es um den Verkehr. Zu allem macht der Autor auch konkrete Vorschläge der Gestaltung.

Besondere Bewohnergruppen

Naturerfahrungsräume – Chancen für Kinder in der Stadt (Bettina Bloem-Trei, Claudia Friede, Jutta Heimann, Dörte Martens, Maren Pretzsch, Jürgen Peters, Heike Molitor)

Welche Rolle spielen Naturerfahrungsräume in der Stadtplanung bzw. Stadtentwicklung? Naturerfahrungsräume leisten einen wesentlichen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern.

Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass heutige Gesellschaften urbanisierte Gesellschaften sind und vor dem Hintergrund ihrer Bedeutung als Wohn- und Arbeitsstätten und einer urbanen Lebensstilführung sind städtische Gesellschaften die entscheidenden Lebens- und Sozialisationsräume für Kinder.

Zunächst geht es in diesem Beitrag um den Wandel der Kindheit zu einer organisierten und medialisierten Kindheit und der Tatsache, dass die Aktionsräume für Kinder kleiner geworden sind und auch zu einer verhäuslichten Kindheit führen, wird die Bedeutung der Naturerfahrung für die kindliche Entwicklung in ihren verschiedenen Dimensionen reflektiert. Diese Dimensionen werden als ästhetische, instrumentelle, soziale, ökologische, ernährungsbezogene, mediale, erholungsbezogene und spielbezogene Dimension identifiziert.

Dann wird einmal kurz ein Konzept der Naturerfahrungsräume vorgestellt, wie es vor fast 20 Jahren vom Bundesamt für Naturschutz gefördert wurde und zum anderen wird ausführlich auf ein Berliner Projekt eingegangen, das in verschiedenen Berliner Bezirken etabliert wurde.

Stadt und Kreativität (Louisa Schwope)

Es geht um Kreativquartiere. Nach einer einleitenden Übersicht über die Diskussion über die Entwicklung der Städte geht es um innerstädtische Areale, die sich klar abgrenzen und eigens benannt werden können. Kreativität wird als Ergebnis sozialer Prozesse verstanden. Ein kreatives Milieu stellt Ressourcen und Infrastruktur zur Verfügung, in denen Akteure kreativ werden können. Creative Cities werden als Orte verstanden, in denen Menschen kreative Handlungen und Beziehungen entwickeln, die auch eine kreative Produktionsweise entstehen lassen. Wie man in der Stadt kreativ sein kann, wird ausführlich beschrieben und mit Literatur unterlegt. Anschließen geht die Autorin auf die kreative Wirtschaft ein. Dies alles wird vor dem Hintergrund von Interviews diskutiert, die die Autorin auswertet. Zum Schluss geht es um die Bedeutung für die Praxis, vor allem auch für die Stadtpolitik und die Stadtentwicklung.

Demenz im öffentlichen Raum (Julia Heiser, Nicolas Tim Holt, Andreas Jüttemann, Christof Pflaum, Tom Levin Schöps, Mario Seibold, Juliane Stubner)

Wie sieht eine senioren- und demenzgerechte Stadtplanung aus? fragt das Autorenteam und untersucht in der thüring'schen Kleinstadt Rudolstadt diese Frage. Gerade in frühen und mittleren Stadien der Erkrankung präferieren Demenzkranke, in ihren eigenen vier Wänden zu verbleiben. Das bedeutet auch, dass die darum herum lebende Bevölkerung in besonderer Weise mit diesen Kranken „konfrontiert“ ist und deshalb ist es eine besondere Herausforderung, diese Bevölkerungsgruppe für die Erkrankung zu sensibilisieren.

Nach Vorstellung der Forschungsmethoden werden einige Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Zentral dürfte sein, dass ein großer Handlungsbedarf in Blick auf einen öffentlichen Raum besteht, der demenz- und seniorenfreundlich sein soll. Und es geht um Vernetzung der Akteure, die auch zu einem besseren Zusammenleben insgesamt von Bedeutung ist. Weiter ist von Bedeutung, welche sozialen Bewältigungsstrategien ältere Menschen entwickeln. Diese Strategien müssen im Grunde eingebettet sein in Netzwerke – alleine sind diese Strategien zum Scheitern verurteilt. Dies alles wird ausführlich erörtert.

Partizipation

Stadterleben und -aneignung aus der Bewohnerperspektive (Alexander G. Keul)

Wie erleben Stadtbewohnerinnen und -bewohner ihre Stadt; wie eignen sie sich den öffentlichen Raum der Stadt an und wie gehen sie mit der Spannung um, die das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit immer noch prägt?

Der Autor nähert sich diesen Fragen zunächst über die Auseinandersetzung mit der Forschung und der Literatur, die Auskunft über das Verständnis von Stadt im Kontext von urbanen Lebensverhältnissen der Menschen gibt. Prominent steht dafür Mumford, aber auch früher bereits das Geschwisterpaar Martha und Heinrich Muchow und Kurt Levin. Es ist anfänglich eine begriffliche Annäherung, später diskutiert der Autor Begriffe wie Heimat, Ortsidentität, vielleicht auch Ortsgebundenheit, und Lebensqualität, wobei er eine Reihe von Literaturquellen findet, die sich darauf beziehen lassen. Stadt ist auch Stress und Anonymität, wo der Autor Quellen wie Döblins Alexanderplatz und Musils Mann ohne Eigenschaften zitiert.

Die Nutzung des öffentlichen Raums ist eng mit Aneignungsstrategien verbunden. Saskia Sassen fragt, wem die Stadt gehört und Martha und Heinrich Muchow fragen nach dem angeeigneten Lebensraum des Großstadtkindes. Ist der Raum angeeignet, wenn man in ihm seine Interessen realisieren und Bedürfnisse befriedigen kann; Bedürfnisse nach Interaktion, nach Gemeinsamkeiten, aber auch nach allein sein können, Distanz und Nähe ins Verhältnis zueinander setzen können?

Auf die gleiche Weise wird noch eine Reihe von Stichworten abgehandelt wie etwa Mobilität, Mediatisierung, Digitalisierung oder Smart City.

Zum Schluss geht es noch um eine Stadtpsychologie als Mediation und Integration.

Wohlbefinden in funktionalen, schönen und sozialen Städten (Reiner Maderthaner)

Für die Bewertung von Städten werden vom Autor drei Kriterien herangezogen: Wohlbefinden, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Diese drei Kriterien werden ausführlicher entfaltet, bevor der Autor zur objektiven und subjektiven Lebensqualität kommt. Die subjektive Einschätzung der Lebensqualität hängt von den umweltbezogenen Bedürfnissen ab wie Regeneration, Privatheit und Sicherheit, Funktionalität der Wohnung (Zuschnitt, Verkehrsanbindung, Orientierung im Siedlungsgebiet), Kommunikation und Partizipation sowie Kreativität und Ästhetik. Auch diese Kriterien werden z.T. ausführlich erörtert, wobei der Autor auf Studien und empirisches Material zurückgreift.

Partizipative Stadtentwicklung am Beispiel des Wiener Donaukanals (Cornelia Ehmayer-Rosinak)

Auf der Basis einer eigenen Studie und vor dem Hintergrund der Geschichte einer partizipativen Stadtentwicklung am Donaukanal diskutiert die Autorin Möglichkeiten einer partizipativen Stadtentwicklung. Zunächst wird die Bedeutung des Wiener Donaukanals für die Stadt erläutert. Dann diskutiert die Autorin partizipative Stadtentwicklung als einen Prozess der Aneignung; denn ohne Aneignung gibt es keine Teilhabe. Es geht um Raum- oder Umweltaneignung, um die Besetzung des Raums auf Grund spezifischer Interessen und Bedürfnisse. Der Kern des Beitrags ist also ein Konzept der Aneignung im Rahmen der Stadtentwicklung auf der Basis einer Theorie der Aneignung, die ausführlicher begründet wird. Aneignung als ein interaktiver Prozess der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt ist an Zugehörigkeit der Menschen ebenso gebunden, wie an das Gefühl der Ortsbindung und an das Vertrauen in die unmittelbaren sozialräumlichen Lebensbedingungen. Aneignung auf der Basis der Identifikation mit dem Raum eines Stadtteils oder Wohngebietes auf der einen Seite und auf der Basis des mentalen Zugangs zur Stadt, zu ihren öffentlichen Räumen andererseits. Nur wer sich im Wohngebiet verorten kann, kann sich auch Räume und Orte außerhalb des Wohngebietes, also in der Stadt aneignen.

Die Autorin beschreibt dann die Studie „Wohlfühl- und Freizeitoase Donaukanal“, geht auf die Vorgehensweise ein, beschreibt die angewandten Methoden, vor allem das problemzentrierte qualitative Interview.

Dann stellt sie einige Ergebnisse der Studie vor. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass die Befragten eine persönliche und positive Beziehung zum Donaukanal haben. Das geht auch im Einzelnen aus den Antworten zur Frage „Wofür wird der Donaukanal genutzt?“ hervor. Die Autorin geht dann noch auf die Aneignung als eine temporäre Intervention ein und beschreibt die Aneignung durch Mitgestaltung.

Diskussion

Der Sammelband vereinigt unterschiedliche psychosoziale und gesundheitliche Aspekte, die auf das Stadtleben bzw. auf die Stadt als Lebensraum bezogen werden. Wo die Stadtsoziologie eher auf die Strukturen und die strukturellen Bedingungen des Lebens und Handelns achtet, sieht die Stadtpsychologie die Handelnden selbst, die in diesen Strukturen verortet sind. An der Schnittstelle zur Stadtsoziologie einerseits und zur Pädagogik andererseits schärft die Stadtpsychologie ihr eigenes Profil. Dies wird auch in einigen Beiträgen sehr deutlich.

Manchmal wünschte man sich eine stärkere Differenzierung, zumal es „die Stadt“ nicht gibt. Gerade, wenn es um die psychosozialen Dimensionen städtischen Lebens geht, wäre es angebracht gewesen, die Großstadt und Metropole von der Kleinstadt und mittlerweile auch von der Mittelstadt zu unterscheiden, die vor allem für Familien immer attraktiver wird für das Wohnen und Leben dort. Das wird nur rudimentär deutlich.

Stadtentwicklungsplanung unterliegt einem ständigen Wandel und dementsprechend auch die Planung selbst. Das Selbstverständnis der Stadtplanung steht seit längerem bereits zur Diskussion, vor allem vor dem Hintergrund gewachsener Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger nach Teilhabe und nach Aushandlungsprozessen zwischen Planung, Politik und der Bürgerschaft. Da mag das Handbuch den Planerinnen und Planern einige wichtige Hinweise geben und zu einem Mentalitätswandel anregen oder gar hilfreich sein.

Es mag der Zusammensetzung der Autorinnen und Autoren geschuldet sein, dass Kinder, Senioren und Demente zu den vulnerablen Gruppen gezählt werden, die eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Eine inhaltliche Begründung, warum diese und nicht andere geht nur aus den einzelnen Beiträgen hervor; die Auswahl selbst wird nicht begründet.

Fazit

Das Buch liefert eine Reihe von Aspekten und Ansätzen der Auseinandersetzung mit der Stadt als Lebens- und Handlungsraum und ist nicht nur Grundlage für eine bessere Planung, sondern auch für eine bessere Politik der Städte; denn letztlich entscheidet die Politik, wie sich die Stadt entwickeln soll und wie sie geplant werden soll, es sei denn man überlässt diese Prozesse und Entwicklungen ihrem Selbstlauf – und die Ergebnisse können wir in vielen Städten auch dann beobachten.

Summery

This book contains a lot of articles which deal with an explanation of an urban psychology as an independent discipline. We find the different approaches and aspects of the discussion of the question what are the urban conditions of an urban behaviour. This urban behaviour of the urban population should be the background against urban planning and an urban development policy must discuss its targets. These targets are much differentiated and complex and requires interdisciplinary. If policy do not intervene in the processes does it lead to problematic developments, what we can observe in big cities nowadays.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 14.01.2019 zu: Andreas Jüttemann (Hrsg.): Stadtpsychologie. Handbuch als Planungsgrundlage. Pabst Science Publishers (Lengerich) 2018. ISBN 978-3-95853-389-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24622.php, Datum des Zugriffs 21.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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