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Annita Kalpaka, Nora Räthzel u.a. (Hrsg.): Rassismus

Cover Annita Kalpaka, Nora Räthzel, Klaus Weber (Hrsg.): Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Argument Verlag (Hamburg) 2017. 312 Seiten. ISBN 978-3-86754-813-7. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 18,50 sFr.

Reihe: Texte kritische Psychologie - 7.
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Thema

Rassismus gehört zum Alltag, in Deutschland und in manch anderen Ländern. Rassismus ist zur materiellen Gewalt geworden, in Sachsen, in Sachsen-Anhalt und in Thüringen, aber nicht nur dort und nicht nur als Deutungs- und Handlungsmuster von schreienden und wütenden männlichen Glatzköpfen. Rassismus kennzeichnet die Argumentationsstrategien von Politiker/innen im Bundestag, in den ost- und westdeutschen Landtagen, in den Talkshows und Feuilletons. Rassismus markiert die Sprache in manch alltäglichen Auseinandersetzungen. Rassismus ist weder eine Folge anhaltender Ängste angesichts des Zuzugs von Migrant/innen noch der Ausdruck mangelnder Intelligenz oder wirtschaftlicher Benachteiligung und Marginalisierung.

Der Rezensent gönnte sich im September 2018 einen Urlaub in Frankreich. An einem schönen Spätsommertag sitzt er auf der Terrasse eines Cafés irgendwo an der französischen Atlantikküste, trinkt einen petit cafè und liest eine bekannte deutsche Wochenzeitung, auf deren Titelseite u.a. zu lesen ist: „Aufstand von rechts? Gab es in Chemnitz Hetzjagden?“. Am Nebentisch des Rezensenten sitzt ein älteres Ehepaar. Der etwas beleibte Mann wendet sich nach einer gewissen Zeit an den Rezensenten: „Entschuldigen Sie, mein Herr, sind Sie Deutscher?“. Der Rezensent: „Ja, auf Urlaub“. Der beleibte Herr: „Ich habe gerade auf Ihre Zeitung geguckt. Für dieses Wurstblatt gebe ich kein Geld mehr aus. Die lügen doch alle. Kein Journalist sagt die Wahrheit. Seehofer hat Recht. Die Mutter aller Probleme ist die Migration. Das steht nur nicht in der Zeitung“. Der Rezensent: „Wirklich alle Probleme? Der Dieselskandal auch? Hängt der auch mit der Migration zusammen?“. Der Herr vom Nachbartisch: „Sicher, der gerade. Übrigens, mein Name ist R. M. Meine Frau und ich haben hier in der Nähe unser Ferienhaus. Hier wohnen wir fast das ganze Jahr. Zuhause sind wir in B. in Westfalen.“ Autor: „Angenehm. Ich heiße WF. Wir machen hier Urlaub. Aber mal im Ernst, was hat der Dieselskandal mit der Migration zu tun?“ Der Nachbar: „Die Milliarden, die für die Asylanten ausgegeben werden, sollte man für die Nachrüstung der Dieselautos ausgeben. Aber nein, es wird alles den Flüchtlingen in den Hintern geblasen. Es fehlen Polizisten und Lehrer. Auch dafür fehlt das Geld, das jetzt in die Taschen der Flüchtlinge fließt. Das alles macht uns Angst. Deutschland geht den Bach runter. Überall nur Flüchtlinge, Asylanten und Migranten“. Der Rezensent: „Aber eigentlich sind Sie hier in Frankreich auch Ausländer“. „Nein, nein, das ist etwas ganz Anderes. Die Franzosen gehören zu unserer Kultur“, sagt der Nachbar, wünscht noch einen „Guten Tag“ sowie einen angenehmen Urlaub und geht. Der Rezensent bleibt sprachlos zurück. Es ist wirklich schwierig, nicht rassistisch zu sein. „Rassistisches Denken und Handeln“, so Annita Kalpaka und Nora Räthzel im vorliegenden Buch, „verstehen wir als eine Rebellion gegen die eigene Unterwerfung unter Normen, Regeln und Gesetze, an denen man nicht selbst mitgewirkt hat“ (S. 19).

Manchmal ist es wichtig, sich zu erinnern und in ältere Texte zu blicken, um die Problematik und die anhaltenden Gefahren gesellschaftlicher Entwicklungen zu verstehen. Mit dem vorliegenden Buch beabsichtigen die Herausgeber/innen und Autor/innen genau das. Neben einer aktuellen Einleitung enthält das Buch überarbeitete Beiträge aus den Jahren 1986, 1990, 1994 und 1996. „Die Dinge haben sich verändert. Aber sind sie dennoch im Wesentlichen gleich geblieben?“ (S. 17).

Herausgeber/innen und Autor/innen

  • Annita Kalpaka ist Professorin für Soziale Arbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Langjährige Erfahrungen in Theorie und Praxis der Antidiskriminierungsarbeit und in der außerschulischen Bildung prägen ihren Erfahrungshorizont. Sie hat zahlreiche Arbeiten u.a. zur Migrations- und Rassismusforschung und zur Antidiskriminierungsarbeit publiziert.
  • Nora Räthzel ist Professorin für Soziologie an der Universität Umeå in Schweden. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u.a. Klassen-, Geschlechter- und ethnische Verhältnisse im urbanen Alltag, transnationale Unternehmen, Gewerkschaften und Umweltpolitik im Kontext des Nord-Süd-Gegensatzes.
  • Klaus Weber ist Professor für Psychologie an der Hochschule für angewandte Sozialwissenschaften in München und seit 1997 Gastprofessor am Institut für Psychologie an der Universität Innsbruck. Zu seinen Forschungs- und Publikationsschwerpunkten gehören u.a. Themen der Subjekttheorien und des Neofaschismus.
  • Philip Cohen ist Direktor des Livingmaps Network und Herausgeber der Online-Zeitschrift www.livingmaps.­review. Zu seinen Arbeitsgebieten gehören u.a. Folgen der Deindustrialisierung für die Arbeitenden, Urbane Ethnografie, kritische Kartografie und Kulturgeografie.
  • Ute Osterkamp ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin mit den Arbeitsschwerpunkt Kritische Psychologie/Die Entwicklung einer Psychologie vom Standpunkt des verallgemeinerten Subjekts. Auch zahlreiche Arbeiten zum Thema Rassismus wurden von ihr veröffentlicht, so u.a. der Band „Rassismus als Selbstermächtigung“, der 1996 im Argument-Verlag erschien und aus dem der Beitrag im vorliegenden Buch stammt. Der Rezensent verdankt den Arbeiten von Ute Osterkamp vor allem aber grundlegende Einsichten in die psychologische Motivationsforschung (Osterkamp, 1975).
  • Klaus Holzkamp (1995 viel zu früh verstorben) ist der prominenteste Mitbegründer der Kritischen Psychologie (vgl. auch Mattes, 1995). Er lehrte als Professor am Psychologischen Institut der Freien Universität Berlin. Zu seinen zentralen Werken gehören „Sinnliche Erkenntnis“ (1973), „Grundlegung der Psychologie“ (1983), „Lernen – Subjektwissenschaftliche Grundlegung“ (1993). Die Holzkamp-Schriften im Argument Verlag dokumentieren sein Werk bereits in sechs Bänden. Das psychologische Denken des ostdeutsch sozialisierten Rezensent wiederum wurde maßgeblich durch die Lektüre der Holzkampschen Schriften beeinflusst.

Aufbau

Das Buch enthält fünf umfassende Beiträge, deren Klammer die Einsicht ist, dass es immer Individuen sind, die rassistisch denken und handeln. „Sie handeln jedoch unter vorgefundenen Bedingungen. Nur wer die gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen ihres Handelns versteht, kann antirassistische Strategien entwickeln und den rassistischen Ideologien etwas entgegensetzen“ (Klappentext).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zum ersten Beitrag

Im ersten Beitrag blicken Annita Kalpaka und Nora Räthzel auf die vergangenen 30 Jahre, die seit der Erstveröffentlichung ihres nachfolgenden Textes aus dem Jahre 1986 vergangen sind. Das Motiv der Autorinnen, ihren Text und die Arbeiten der anderen Autor/innen aus den 1990er Jahren im Wesentlichen unverändert erneut zu publizieren, lässt sich auf den Punkt bringen: „Vieles ist also nicht neu, aber neu in Erinnerung zu rufen“ (S. 7).

Sicher, seit 2014/2015 hat sich scheinbar Vieles in Deutschland verändert. Seitdem gehen in Dresden und anderswo Menschen auf die Straße, um als „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (kurz: Pegida) gegen eine vermeintliche Islamisierung Deutschlands und gegen die deutsche Einwanderungs- und Asylpolitik zu demonstrieren. 2015 flüchteten Tausende Menschen aus Syrien und dem Irak nach Europa, die deutsche Regierung öffnete die Grenzen und die Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete „Wir schaffen das“. Ja, warum sollten wir den „Ansturm“ der Flüchtlinge eigentlich nicht bewältigen können? Deutschland ist das reichste Land Europas, seine demokratische Verfassung ist stabil und die Mehrheit der deutschen Einheimischen scheint durchaus gastfreundlich zu sein. Allerdings hatte die Kanzlerin ihre „Rechnung“ bzw. ihren schaffenden Optimismus nicht mit allen deutschen „Wirten“ abgesprochen.

Am 26. August 2015 besucht die Bundeskanzlerin ein Flüchtlingsheim im sächsischen Heidenau und wird von Einheimischen als „Volksverräterin“ und „Hure“ beschimpft. Wenige Tage später rufen auf dem Budapester Bahnhof Syrer, Albaner und Iraker „Deutschland, Deutschland“ und „Merkel, Merkel“; sie wollen nach Deutschland. Dort empfängt sie zunächst eine Woge der Gastfreundschaft; aber auch Skepsis, Ablehnung und offene Feindschaft äußern Teile der deutschen Bevölkerung. Auch die Gewalt gegen Flüchtlinge nahm seitdem dramatisch zu. Angeheizt wurden die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte besonders durch rechtspopulistische Bewegungen, die scheinbar mit den herkömmlichen Vorstellungen von Rechtsextremismus nichts zu tun haben. Und auch die offizielle Politik streitet seit dem Sommer 2015 darüber, ob und wie der „Flüchtlingsstrom einzudämmen“ sei.

Aber sind diese Entwicklungen wirklich neu und kamen sie überraschend? Annita Kalpaka und Nora Räthzel machen in ihren Beitrag deutlich, dass der Alltagsrassismus eine erschreckende Kontinuität besitzt, die nicht einfach durch die Ängste der Einheimischen weg zu erklären ist. Trotz mancher Argumentationsschwächen, die in den nachfolgend präsentierten Texten stecke, sei deren Wiederveröffentlichung sinnvoll, weil sie eine Erfahrung verdeutlichen, „…dass so viele der damals (1986 und später, der Rezensent) diskutierten Themen nach wie vor debattiert werden: Integration als Bedingung für Zugehörigkeit, wobei unklar bleibt, was die Maßstäbe für gelungene Integration sind, das Kopftuch als Symbol der Unterwerfung unter ein Patriarchat für die einen, der Identifikation mit der eigenen Kultur für die anderen, Rassismus als Resultat der ‚Ängste‘ von Teilen marginalisierter oder sich marginalisiert wähnender Bevölkerungsgruppen“ (S. 15).

Zum zweiten Beitrag

Der zweite Beitrag ist die Wiederveröffentlichung des Beitrages von Annita Kalpaka und Nora Räthzel aus dem Jahre 1986. Er trägt den Titel „Wirkungsweisen von Rassismus und Ethnozentrismus“. Es handelt sich um den ersten weit verbreiteten Text aus den 1980er Jahren, in dem Alltagsrassismus und institutioneller Rassismus in der Bundesrepublik ideologietheoretisch, kulturtheoretisch und subjektwissenschaftlich analysiert und begrifflich als das benannt werden, was sie sind: Soziale Konstruktionen einer bestimmten Menschengruppe als „Rasse“, indem bestimmte (meist behauptete) somatische Merkmale als Kennzeichen einer Gruppe definiert und mit bestimmten Verhaltensweisen (z.B. religiösen Überzeugungen) verknüpft werden, um auf diese Weise die scheinbare Minderwertigkeit dieser Gruppe zu erklären und ihre Ablehnung zu legitimieren (siehe auch S. 42 f.). Begriffe, wie Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit, greifen deshalb zu kurz, weil sie, anders als der Rassismusbegriff, die Machtverhältnisse zwischen den stigmatisierenden und den stigmatisierten Gruppen nicht zu erklären vermögen.

Annita Kalpaka und Nora Räthzel erklären in ihrem Beitrag nicht nur die dem Alltagsrassismus zugrundeliegende Dialektik von ideologischer Staatsmacht und freiwilliger Unterwerfung unter die staatlich verordneten bzw. geregelten Integrationsanforderungen. Die Autorinnen gehen auch auf den schillernden Kulturbegriff, auf die Prozesshaftigkeit von sozialer Identität und Identitätsfindung, auf politische Integrationsforderungen (die eigentlich Assimilationsforderungen sind) und auf die Notwendigkeit und die Potenziale der Selbstorganisation von Einwander/innen ein. Die aus den 1980er stammenden Beispiele, auf die die Autorinnen zurückgreifen, erzeugen eine Menge von Assoziationen zu aktuellen Diskussionen und Entwicklungen. Der Rezensent war überrascht, wie alt zum Beispiel die Diskussion um „Obergrenzen“ für Einwanderung ist.

Zum dritten Beitrag

Im dritten Beitrag („Unter die Haut: Antisemitismus, Rassismus und Antirassismus im Vereinigten Königreich“) behandelt Philip Cohen u.a. Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Antisemitismus und Rassismus in Großbritannien. Dieser Beitrag wurde erstmals 1990 publiziert und hat ebenfalls nichts an seiner Aktualität verloren. Beispiele: Was sind die Unterschiede, die wirklich entscheidende Unterschiede machen, zwischen „Rassen“, Ethnizität und Klasse? Welche Rolle spielen Verschwörungstheorien (sic!), mit denen Rassisten „das Leben anderer Menschen zum Albtraum machen können“? (S. 204). Wie und mit welchen Folgen funktionieren ideologische Abstammungs-Codes? Ist die Geschichte von Tarzan ein Beispiel für den Rassismus in der Alltagskultur? Was kann antirassistische Arbeit und wie sollte sie getan werden?

Zum vierten Beitrag

Um antirassistische Arbeit geht es auch im vierten Beitrag. Klaus Holzkamp fragt im Titel seines Beitrages (aus dem Jahre 1994): „Antirassistische Erziehung als Änderung rassistischer ‚Einstellungen‘?“ Immer dann (so eine der Kernthesen Klaus Holzkamps), wenn Psycholog/innen und andere Wissenschaftler/innen, von rassistischen „Einstellungen“, „Vorurteilen“ oder „Überzeugungen“ reden und schreiben, thematisieren sie Beziehungen zwischen zwei Instanzen, denen gegenüber sie, also die Wissenschaftler/innen, einen Drittstandpunkt einnehmen. „Dieser Drittstandpunkt wird überall da eingenommen, wo von rassistischen Einstellungen o.Ä. gesprochen wird. Niemand redet von sich selbst als ‚Rassisten‘, sondern es werden immer bestimmte ‚andere‘ konstruiert, denen rassistische Vorurteilshaftigkeit zugeschrieben wird, die aber selbst als Subjekte im wissenschaftlichen Diskurs nicht vorkommen“ (S. 252).

Leserinnen und Leser merken, worum es geht:

  1. Wissenschaftler/innen sind selbst beteiligt an der Rassismus-Konstruktion, blenden aber meist ihre Subjekthaftigkeit in diesem Prozess aus.
  2. Mehr noch: Jene, denen rassistische Einstellungen, Vorurteile etc. zugeschrieben werden, werden als Objekte der gesellschaftlichen Konstruktions-, Sozialisations- und Forschungsprozesse und nicht als eigenständige, aktive Subjekte in diesem Geschehen betrachtet.

Klaus Holzkamp folgert: „Man sollte also – dies als Quintessenz der vorstehenden Überlegungen – auch die jeweils eigenen methodischen Zurüstungen der Rassismusforschung als eine von vielen unterschiedlichen (historisch gewordenen) Bedeutungszuordnungen reflektieren, durch welche es (wenn man sich nicht bewusst dazu ‚verhält‘) zu verschiedenen subjektiv begründeten Erscheinungsformen individuell-rassistischer Lebensäußerungen kommt…“ (S. 269). Das ist Kritische Psychologie! Und der Rezensent muss gestehen, auch er, seine eigene Forschung reflektierend, fühlt sich getroffen.

Aus diesen kritisch-psychologischen Analysen leitet Klaus Holzkamp schließlich auch Konsequenzen für eine „tragfähigere theoretische Fundierung des Projekts antirassistischer Erziehung ab“ (S. 270, Hervorh. im Original). In einer solchen Erziehung kann es nicht um das Aufspüren, Dingfestmachen und Ändern von „Rassisten“ gehen, sondern um „die gemeinsame – kognitive und (wo möglich) praktische – Destruktion der institutionell-rassistischen Diskurse, also Überwindung selbstschädigender Verhaftetheiten des eigenen Denkens und Handelns in solchen Diskursen“ (S. 274 f.). Eine solche Erziehung ist „in seiner letzten Essenz … eine Form des Kampfes um wirklich demokratische Verhältnisse“ (S. 279). Das ist nicht nur Kritische Psychologie, das ist Gesellschaftskritik par excellence. Aber es ist auch das Schwere, das noch schwerer zu machen ist. Denn: „Doch die Verhältnisse, gestatten sie’s? Nein, sie gestatten’s eben nicht“ (Bertolt Brecht, Dreigroschenoper).

Zum fünften Beitrag

„Institutioneller Rassismus – Problematik und Perspektiven“ ist der fünfte und letzte Beitrag überschrieben, erstmals erschienen 1996. Ute Osterkamp verdeutlicht noch einmal den notwendigen Paradigmenwechsel in der Rassismusforschung: „Mit dem Begriff des institutionellen Rassismus verschiebt sich die Suche nach rassistischen Dispositionen der Individuen auf die Frage nach gesellschaftlich organisierten bzw. institutionalisierten Diskriminierungen bestimmter Menschengruppen, sodass sich die Einzelnen in Anpassung an die bestehenden Normen oder Anforderungen an diesen Diskriminierungen beteiligen, ohne sich unbedingt dessen bewusst zu sein oder dies zu beabsichtigen“ (S. 281).

  • Welche Probleme und Konsequenzen sind mit dem Rassismusbegriff verknüpft?
  • Welchen Mehrwert haben jene, die sich des Rassismus bedienen, um die Denk- und Verhaltensweisen der Ausgegrenzten zu biologisieren?
  • Erhöhen sie dadurch ihre Chancen, von etablierten Bezugsgruppen anerkannt zu werden und als zugehörig wahrgenommen zu werden?
  • Handelt es sich beim Rassismus um eine Gesamteinstellung anderen Menschen gegenüber?
  • Verbessern sich die Verhältnisse, wenn einzelne Menschen „verbessert“ werden?

Ute Osterkamp sucht nach Antworten auf diese und weitere Fragen. Sie setzt sich mit Norbert Elias, Zygmunt Bauman, Erving Goffman, Miles Hewstone, Levi Primo, Kurt Lewin und anderen Autor/innen auseinander. Die Lektüre dieses Beitrages bereitet nicht nur hohen intellektuellen Genuss. Leser/innen kommen auch nicht darum herum, ihre eigenen intellektuellen Kompetenzen zu aktivieren. Und Psycholog/innen und Rassismusforscher/innen sollten sie nach der Lektüre fragen, inwieweit sie mit ihren Forschungen und praktischen Bemühungen nicht auch den institutionellen Rassismus befördern. Gewiss, die Erfahrungen lehren, dass jenen Sozialwissenschaftler/innen, die die gesellschaftliche Dimension individuellen Handelns in die Debatte zu bringen suchen, der Ausschluss aus dem Kreis der „Etablierten“ bzw. der scientific community droht (S. 307).

Dennoch, und das ist die Schlussfolgerung von Ute Osterkamp: „Solange aber die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen des eigenen Handelns außerhalb der Diskussion bleiben, ist man nicht an Erkenntnis, sondern an der Absicherung der eigenen Position interessiert, für die die Ausgrenzung anderer der Preis ist“ (S. 308). Dies ins Stammbuch der Psycholog/innen. Aber eigentlich steht es dort schon seit Jahrzehnten; es wird nur nicht gelesen und führt auch kaum zu Konsequenzen.

Fazit

Die Beiträge im Buch sind überwiegend Wiederveröffentlichungen. Das mindert nicht ihren Informationswert. Ganz im Gegenteil. Alle fünf Beiträge machen auf die Aktualität des Rassismus und auf seine schreckliche Kontinuität aufmerksam. Und sie belegen überzeugend, dass Sozialwissenschaftler/innen (nicht alle, aber die Kritischen) über ein passfähiges Instrumentarium verfügen, um Rassismus erforschen und bekämpfen zu können. Die Lektüre lohnt sich unbedingt, nicht nur für Kritische Sozialwissenschaftler/innen, sondern für alle, die den alten Slogan „Trimm Dich, denk mal wieder“ noch als individuelle Herausforderung betrachten.

Zitierte Literatur

  • Holzkamp, Klaus (1973). Sinnliche Erkenntnis. Frankfurt/Main: Fischer.
  • Holzkamp, Klaus (1983). Grundlegung der Psychologie. Frankfurt/M.: Campus Verlag.
  • Holzkamp, K. (1993). Lernen – Subjektwissenschaftliche Grundlegung. Frankfurt/M.: Campus.
  • Holzkamp-Osterkamp, U. (1975). Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung. Frankfurt am Main: Campus Verlag.
  • Mattes, P. (1995). Nachruf: Klaus Holzkamp (1927-1995). Journal für Psychologie, (4/1995 1/1996), S. 108–109.
  • Osterkamp, Ute (1996). Rassismus als Selbstermächtigung. Hamburg: Argument Verlag.

Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 29.10.2018 zu: Annita Kalpaka, Nora Räthzel, Klaus Weber (Hrsg.): Rassismus. Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Argument Verlag (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-86754-813-7. Reihe: Texte kritische Psychologie - 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24623.php, Datum des Zugriffs 24.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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