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Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung

Cover Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung. Ein ethnosoziologischer Ansatz zur Analyse sozialer Welten, sozialer Situationen und sozialer Abläufe. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 134 Seiten. ISBN 978-3-8474-2157-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Qualitative Fall- und Prozessanalysen.
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Thema

Die Analyse von Lebenserzählungen und Biographien hat auch in der deutschsprachigen Soziologie eine Tradition, die bis in die 70er Jahre zurückreicht (vgl. zum Beispiel Schütze 1976,1977, 1981, 1984, Oevermann 1979, 1980, Hildenbrand 1981, 1984, Helsper u.a. 1991) Einige Forschende arbeiten mit narrativen Interviews, andere auch mit anderen Methoden (z.B. Oevermann 1979) Verfolgt wurden unterschiedliche Forschungsziele. Lebensgeschichten und Familiengeschichten waren Bestandteil von Milieustudien (vgl. Hildenbrand 1981, 1984 Hildenbrand u.a. 1984), von Studien zu therapeutischen Institutionen (vgl. Hildenbrand 1991) oder es ging um Prozessstrukturen des Lebenslaufs (z.B. Schütze 1981, 1984, Riemann 1987, Helsper u.a. 1991), wobei es nicht nur um das subjektive Erleben der Erzählenden ging. Mit interaktionsgeschichtlichen Interviews wurden professionelle Beziehungen untersucht. (vgl. zum Beispiel Riemann 2000) In Frankreich war Daniel Bertaux der führende Vertreter der Forschung mit Lebensgeschichten. Sein methodischer Ansatz wird in diesem Band dargestellt.

Autor

Dr. Daniel Bertaux ( geb. 1939) ist französischer Soziologe in der Tradition der Chicago School. Er war Forschungsleiter am Centre National de la Recherche Scientifique in Paris sowie Mitglied des Laboratoire Dynamiques Européennes an der Universität Straßburg Die französische Originalausgabe des Bandes („Le récit de vie“) ist sein methodisches Grundsatzwerk

Aufbau und Ansatz des Buchs

Der Band besteht aus einem Vorwort zur deutschen Ausgabe, einem Vorwort zu vierten (französischen) Auflage, einer Einleitung, sieben Kapiteln und Schlussfolgerungen

Das Vorwort zur deutschen Ausgabe ist zum Teil von „Mithelfer_innen“ ( S. 14) verfasst, der Autor wird zitiert. In einem Zitat skizziert der Autor sein Ziel der Analyse von Lebenserzählungen: „In die Funktionsmechanismen des jeweils interessierenden Milieu- bzw. Sozialwelt-Ausschnitts des gesellschaftlichen Gesamtmosaiks ethnographisch aufschließend einzusteigen, d.h. diese von innen zu erfassen und zu verstehen“ ( S. 6)

Mit diesem ethnographischen Ansatz grenzt er sich ab von Ansätzen der Biographieforschung, die vornehmlich die subjektiven Bedeutungen der Erzählungen fokussieren. Diese Sichtweise vermutet er auch in der deutschen soziologische Biographieforschung.

Der Autor äußert Zweifel an der Möglichkeit der genauen Bestimmung des „Wahrheitswerts“ (Anführungszeichen im Original) von Einzelbiographien aber auch am Wahrheitswert quantitativer Daten [1]. Bertaux's Sichtweise auf die deutsche Biographieforschung ist nach Ansicht des Rezensenten etwas zu einseitig. Auch die „Mithelfer-innen“ sehen eine größere Übereinstimmung mit dem Denken Bertaux's in der deutschen Debatte als der Autor vermute (S. 12) Die „Mithelfer_innen“ diskutieren einzelne Aspekte des Ansatzes. U.a. sehen sie den Vorteil der „Leuchtrakete der Lebenserzählung“ in der Erhebung „langfristiger Prozesse“ ( S. 7 ff.). Zwar versuchten Sozialwissenschaftler langfristige Prozesse auch mit anderen Instrumenten zu erfassen, seien dabei aber auf „Lehnstuhlannahmen“ (S. 9) angewiesen. Der Rezensent würde bei ethnographischen Untersuchungen neben Lebenserzählungen auch andere Methoden einsetzen [2]. Die Lebenserzählung hat Vorteile, aber auch blinde Flecken bzw. unterbelichtete Stellen. Zum Beispiel lassen sich der Alltag und persönliche bzw. diffuse Beziehungsstrukturen mit anderen Instrumenten besser erheben. Wer Interaktionsstrukturen untersuchen will, sollte sich nicht allein auf Darstellungsmaterial verlassen, sondern Gespräche selbst aufzeichnen ( vgl. Bergmann 1985).Dies gilt auch für längere Prozesse, wenn es zum Beispiel um Veränderungen im Alltag geht.

Im Vorwort zur vierten Auflage behandelt der Autor u.a. den Unterschied zur quantitativen Forschung. Während die quantitative Forschung wenige Informationen über eine große Zahl von Personen liefere, ermögliche sein Ansatz eine große Menge von Informationen über eine kleine Personenzahl.

In der Einleitung geht der Autor u.a. auf seine „ethno-soziologische Sichtweise“ zur Analyse sozialer Welten ein.

Zu 1 Ethnosoziologische Sicht

Das Kapitel ist in 9 kurze Unterkapitel gegliedert. Begonnen wird mit der Diskussion um den „Wahrheitsgehalt“ von Lebenserzählungen. Es gebe, so eine These, keine Möglichkeit, den „Wahrheitsgehalt“ einer Lebenserzählung zu erfassen. Eine größere Anzahl von Lebenserzählungen könne dagegen als Quelle verlässlicher soziographischer Informationen verwendet werden.-Der Rezensent bezweifelt, dass die Diskussion um den „Wahrheitsgehalt“ von Erzählungen und anderen Darstellung weiterführend ist. Was ist „Wahrheit“ in der Soziologie? Man wird wohl nicht annehmen, dass eine Lebenserzählung die Lebensgeschichte vollständig abbildet. Das würde voraussetzen, dass der Erzähler alle wichtigen körperlichen, geistigen und sozialen Zusammenhänge kennt und sich daran erinnert. Das aber ist unwahrscheinlich. Die Forschende werden sich damit begnügen müssen, einzelne wichtige Zusammenhänge zu rekonstruieren. Es folgt ein Unterkapitel zur ethnosoziologischen Zielsetzung und eines zu den Studienobjekten dieser Forschung. Studienobjekte sind soziale Welten, Kategorien sozialer Situationen, lebensgeschichtliche Prozessstrukturen und Familiengeschichten. Soziale Welten können sich zum Beispiel um Berufsgruppen ( z.B. Bäckerhandwerk) oder sportliche Aktivitäten gruppieren. Kategorien sozialer Situationen können soziale Lagen meinen, zum Beispiel alleinerziehende Mütter. Prozessstrukturen (vgl. auch Schütze 1981) können zum Beispiel soziale Abstiege oder berufliche Entwicklungen erfassen. Im vierten Kapitel werden Ziele und Wege dieses Forschungsansatz skizziert. Es handelt sich um Felduntersuchungen, die weniger auf innere Werte sondern mehr auf soziale Zusammenhänge ausgerichtet sind. Das erzählende Gespräch und die Lebenserzählung werden als die wichtigsten Methoden bezeichnet. Im fünften Unterkapitel wird die Funktion ethno-soziologischer Forschung behandelt, die zu einer tiefergehenden Beschreibung führt. Hingewiesen wird auf den Begriff „thick description“ von Clifford Geertz. Eingegangen wird auf die Funktion einer „Gegenverallgemeinerung“ von Vorstellungen in der Gesellschaft, auf Möglichkeiten der Verallgemeinerung von Ergebnissen und Vorteile biographischer Gespräche im Vergleich zu Fragebögen. Im nächsten Kapitel wird die Auswahl der Fälle behandelt., um zu verallgemeinerbaren Aussagen zu gelangen und diese zu überprüfen. Eingegangen wird auf Vielfalt, Differenzialität und Variation. Hierzu gehört die Suche nach maximalen Kontrasten und abweichenden Fällen Die Forschungsstrategien erinnert stark an die „grounded theory“ nach Barney Glaser und Anselm Strauss, auf die der Autor auch hinweist ( S. 40). [3] Im siebten Unterkapitel geht es um die Entwicklung von Hypothesen auf der Grundlage von Beobachtungen und Datenmaterial und die Überprüfung durch Vergleiche. Im achten und neunten Kapitel werden Möglichkeiten der Verallgemeinerung von Ergebnissen behandelt U.a. geht es um den Vergleich einer größeren Anzahl von Fallstudien. Bei der Wahl des Untersuchungsgegenstandes gehe es um die Formulierung einer allgemeinen Frage, die auf Theoriebildung abziele.

Zu 2 Die Lebenserzählung

Das Kapitel 2 ist gegliedert in die Teile

  • Konzeption der Lebenserzählung,
  • Lebensbereiche und
  • Schlussfolgerung

mit jeweils kurzen Unterkapiteln.

Konzeption der Lebenserzählung

Von einer maximalistischen Perspektive auf eine „vollständige“ Lebenserzählung grenzt der Autor seinen Ansatz ab. Dieses Ziel sei nur zu erreichen, wenn man lange mit einer Person arbeite. [4] Jedoch reiche die Befragung einer einzelnen Person nicht aus für eine ethnosoziologische gründliche Beschreibung eines Fragments unserer Gesellschaft. Danach wird auf die Erzählung als narrative Form eingegangen. Hier könnte der Autor etwas ausführlicher sein. Er geht von einer „minimalistischen“ Sichtweise aus. Danach wären Erzählungen eines Teils des Erlebens schon Lebenserzählungen. Jedes selbst erlebte Ereignis ist auch biographisch und damit eine Lebenserzählung. Unterscheiden kann man nach Ansicht des Rezensenten aber zwischen episodalem Interviews, interaktionsgeschichtlichen Interview, zum Beispiel zu einer professionellen Beziehung, berufsbiographischen und lebensgeschichtlichen Interviews mit ihrer jeweiligen Interaktionslogik. Man müßte von unterschiedlichen Methoden sprechen, denn es gelten unterschiedliche Regeln des Gesprächs.

Es folgt ein kurzer Abschnitt zu erlebten und erzählten Erfahrungen Bei Einzelerzählungen müssten die „Narrativisten“ sich Gedanken über den Wahrheitsgehalt machen, während es in seinem Vorgehen um den Vergleich von Aussagen vieler Interviews gehe.

Es folgt ein Abschnitt über „Lebenslinien“, die durch historische Ereignisse und mikrosoziale Ereignisse beeinflusst werden. Lebenswege verliefen, im Unterschied zu nachträglichen Rekonstruktionen, in denen der Lebenslauf geglättet würde, im „Zickzack“. Hier ist nach Ansicht des Rezensenten die Darstellung etwas einseitig. Die Forschenden können anhand von Stegreif-Erzählungen [5] sowohl biographische Brüche als auch längere Verläufe rekonstruieren. Auch von historischen Ereignissen können die Menschen, je nach sozialer Lage, in unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein. Im nächsten Unterkapitel geht es um die „Filter“, die durch die Fragestellung, Kontaktaufnahme und vor allem dem Pakt mit den Forschenden konstituiert werde. Die Lebenserzählung sei dadurch viel stärker fokussiert als eine Autobiographie. Es geht auch um Erweiterungen, wenn zum Beispiel geschiedene Väter auch nach ihrer eigenen Kindheit gefragt werden. [5]

Anschließend setzt sich der Autor mit der These auseinander, die Lebenserzählung sei eine subjektive und daher verfälschte Rekonstruktion der Lebensgeschichte. Es gebe Einflussfaktoren, die zu Veränderungen führen könnten. Der Einfluss dieser Faktoren die Strukturen der Situationen, Ereignisse und Handlungen sei jedoch gering

Lebensbereiche

Der Autor skizziert vier Lebensbereiche:

  1. Familiäre und zwischenmenschliche Beziehungen
  2. Schule und Erwachsenenbildung,
  3. Berufliche Eingliederung und
  4. Arbeitsstelle.

Diese Lebensbereiche wiederum werden wiederum ausdifferenziert in verschiedene soziale Welten und Sozialbeziehungen. Anschließen geht der Autor auf die Verwobenheit der Lebensbereiche ein.

Schlussfolgerung

Hier grenzt der Autor sein methodisches Modell noch einmal am vom „autobiographischen Modell“ ab. Er greife nicht auf Lebensgeschichten zurück, „um einen bestimmten Menschen zu verstehen“, sondern um Informationen, Beschreibungen, Hinweise und Fährten zu sammeln, die zum Verständnis der Zusammenhänge und der inneren Dynamik beitragen.

Der Rezensent sieht in der wissenschaftlichen Forschung keinen so großen Gegensatz. Der Interviewer bzw. Zuhörer muss den Erzähler zunächst einmal verstehen, um mit ihm eine Gespräch führen zu können. Gleiches gilt für die Analyse der Transkription. Nur einen bestimmten Menschen zu verstehen, kann aber in der Forschung nicht das Ziel sein, denn das wäre kaum ein Erkenntnisgewinn. Das Ziel ist verallgemeinerbare Aussagen zu entwickeln über biographische Prozessstrukturen, kollektive Entwicklungen oder soziale Welten. Das sehen viele „Narrativisten“ nicht anders. Wichtig ist der Erzählstimulus. Wer zum Beispiel die Situation von Palliativpatienten untersuchen will, kann auch den Fokus auf die Lebensgeschichte legen, auch wegen der Verwobenheit vieler Lebensbereiche.

Zu 3 Drei Funktionen von Lebenserzählungen

Der Autor unterscheidet in dem kurzen Kapitel zwischen explorativer, analytischer expressiver Funktion. Die explorative Funktion beginnt in der explorativen Phase des Forschungsprozesses, wenn das Untersuchungsfeld den Forschenden noch relativ unbekannt ist. Deutlich wird, dass es in dieser Phase nicht nur um Erzählungen, sondern auch um Beschreibungen geht. [7] Die Analyse beginnt bereits in der explorativen Phase. Um eine Sättigung zu erreichen brauche man mehrere Duzend narrativer Gespräche. Die expressive Funktion, die Bourdieu „Exemplifikation“ nennt, habe keine Forschungsfunktion sondern eine kommunikative Funktion. Der Autor vergleicht dies mit einem Bilderbuch.

Zu 4: Erhebung lebensgeschichtlicher Erzählungen

Nach einer kurzen Einleitung folgt ein Unterkapitel zum Feldzugang, der manchmal schwierig sein könne. Der Autor berichtet hier von unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Feldzugang zu sozialen Welten, hier vor allem zum Bäckerhandwerk und „sozialen Situationskategorien“, zum Beispiel zu geschiedenen Vätern. Hindernisse beim Zugang könnten auch für Erkenntnisse zum Feld genutzt werden. Im nächsten Unterkapitel wird die Terminvereinbarung behandelt. Es wird antizipiert, dass die Bereitschaft zu einem Interview gering sein kann.

Der Autor geht davon aus, dass das Interview auf einen Bereich fokussiert werden kann. Das ist nach der Erfahrung des Rezensenten nicht immer einfach. Wenn man zum Beispiel nach einer Krankengeschichte fragt, können Zusammenhänge mit der Biographie und Familiengeschichte (z.B. Krankheitsbewältigung) bedeutsam sein.

Das vierte Unterkapitel behandelt die Vorbereitung des Interviews. Es gibt dazu Leitfragen, die aber erst eingesetzt werden können, wenn die Erzählung abgeschlossen ist. Zunächst folgt man dem Modell des narrativen Interviews. [8]

Im fünften und letzten Unterkapitel wird die Gesprächsführung behandelt. Eingegangen wird auf die Einleitung des Gesprächs, auf die Begleitung des Interviewers im Gespräch, auf unvorhergesehene Ereignisse und die Aufzeichnung. Nicht allen Ratschlägen würde der Rezensent aufgrund seiner Erfahrung zustimmen. So führen einige Frageformulierungen zu Beschreibungen und Argumentationen, weniger zu Erzählungen. Das kann durchaus sinnvoll sein, aber es kommt auf die Abfolge an. Der Rezensent würde eher dem Modell von Schütze (1977) folgen und nach der Haupterzählung zunächst narrative Nachfragen stellen.

Zu 5 Die Analyse

In der Einleitung geht der Autor zunächst auf die Auswahl der Fälle ein. Begonnen wird mit der Analyse des ersten Interviews, danach werden bewusst weitere Fälle ausgewählt. Verwiesen wird hier auf ein ähnliches Vorgehen von Glaser und Strauss (Theoretical Sampling, vgl. Strauss 1991, 70/71). Im Unterschied zum Symbolischen Interaktionismus fokussiere sein Ansatz nicht fast ausschließlich auf die direkte Beobachtung der Interaktion. Die Verwendung von Lebenserzählungen bringe zeitliche Tiefe und eine geschichtliche Dimension. Es gehe darum Spuren kultureller Muster in einem bestimmten Fall zu finden.

Im ersten Unterkapitel unterscheidet der Autor zunächst die Ebenen Innenleben des Subjektes, Geschichte dauerhafter Beziehungen zu Eltern und Angehörigen (signifikant others nach Mead) und sozio-strukturelle Beziehungen. Wichtig in seinem Ansatz sind die Begriffe Zustand, Ereignis und Prozess. Prozesse beschränkten sich dabei häufig nicht auf eine der Ebenen, alle drei Ebenen könnten bedeutsam sein.

Im zweiten Unterkapitel geht es um die Datenaufbereitung und die Frage der Transkription. Feldnotizen könnten ausreichen, wenn man aber ein Gespräch sorgfältig analysieren wolle, benötige man eine Transkription. Der Autor empfiehlt zusätzliche Feldnotizen, weil viele Details sonst in der Transkription untergehen könnten Wenn man nicht alle Gespräche transkribieren könne, empfiehlt der Autor die ersten drei oder vier Gespräche ganz zu transkribieren Bei einem Mangel an Zeit könnten dann das Anhören von einzelnen Aufnahmen mit Notizen genügen.

Es folgt ein Unterkapitel zur diachronen Struktur der rekonstruierten Geschichte. Unterschieden werden die Realitäten historisch empirische Ebene, psychische und semantische Ebene und diskursive Ebene. Die Rekonstruktion der Realität sei geprägt vom Streben nach Objektivität, die Arbeit sei aber immer auch vom eigenen Standpunkt abhängig. Ausgegangen wird davon, dass die diachrone Struktur der Erzählung weitgehend der der Lebensgeschichte entspricht und Abweichungen bei der Analyse von Ungereimtheiten auffallen. Geduldige und sorgfältige Rekonstruktionsarbeit sei erforderlich um kausale Verknüpfungen zu erfassen. Eingegangen wird auf die diachronische Struktur des Lebenslaufs und der Lebenserzählung. Die Lebenserzählung als Stegreiferzählung unterscheidet sich von einer schriftlichen Autobiographie, die immer wieder redigiert wurden. [9] Festgestellt wurde, dass die diachronische Struktur von zwei Erzählungen (etwa von Geschiedene) häufig gleich sind, obwohl sich die „Einfärbungen“ unterschieden. Behandelt werden „Sprünge nach vorn“ und Hintergrundkonstruktionen. Eingegangen wird auf das Verhältnis von Diachronie (Abfolge von Ereignissen) Chronologie ( z.B. nach Jahreszahlen), Geschichte und soziale Veränderungen. Einige diese Überlegungen weisen Parallelen auf mit dem Konzept der Generationslage nach Mannheim (1978)

In Unterkapitel 4 zur Entwicklung sozialer Gruppen geht es primär um Familien und ihre Entwicklung. Auch wenn es um berufliche Entwicklungen gehe, könnte die Entwicklung der Familie (Herkunftsfamilie und eigene Familie) bedeutsam sein, um berufliche Entwicklungen zu erklären, wie Forschungen zeigt hätten [10]. Eingegangen wird auf die „Familienökonomie“ und die „moralische Ökonomie“ in Familien.

Die Suche nach sozialen Prozessen und auslösenden Mechanismen wird im nächsten Unterkapitel behandelt. Sie beruhe auf Kenntnisse, Vorstellungskraft und Gründlichkeit, wobei eine Analyse im Team günstig sei. Wichtig sei, Passagen im Interview zu finden, die Indizien für soziale Mechanismen sein könnten.

Im 6. Unterkapitel wird auf die Varianten thematische Analyse, psycho-soziale Analyse und verstehende Analyse kurz eingegangen.

In der Schlussfolgerung erklärt der Autor, das er keine standardisierten Analysetechniken anbiete. Keine Technik könne eine Geist, der auf das Verstehen sozial-historischer Zusammenhänge orientiert sei, ersetzen.

Zu 6 Vergleichende Analyse

Das Kapitel 6 zur vergleichenden Analyse beginnt mit einem Unterkapitel ( 1) zum vergleichenden Denken. Bei der Auswahl der Fälle, die verglichen werden, gibt es nach Einschätzung des Rezensenten einige Parallelen zu anderen Analyseverfahren, zum Beispiel bei Strauss (1991) oder Oevermann u.a. 1979), zum Beispiel zur nach Negativ-Beispielen oder nach Vielfalt. Eine Sättigung erwartet der Autor eher bei mehreren Duzend Fällen. Dies könne bei einer Masterarbeit noch nicht erwartet werden, wohl aber bei Promotionen. Nach der Erfahrung des Rezensenten erfordert eine gründliche Analyse so vieler Fälle einen erheblichen Arbeitsaufwand der häufig nicht zum zeitlichen Rahmen einer Promotion oder eines Forschungsprojektes passt. Bei einer Stichprobe von über 15 Interviews müßte man bei einigen Interviews abkürzende Verfahren einsetzen.

Die Entdeckung immer wiederkehrender Muster in Lebensverläufen zeigt der Autor anhand von empirischen Beispielen im zweiten Unterkapitel Zu Status der so gewonnen Modelle verweist er auf die „grounded theory“ von Glaser und Strauss.

Im dritten Unterkapitel wird, wiederum mit Verweis auf Glaser und Strauss, die Bildung soziologischer Hypothesen und Konzepte behandelt. Eingegangen wird auf die Übertragung bestehender Konzepte, auf Begriffe aus dem lokalen Sprachgebrauch die ad-hoc- Ausarbeitung von Konzepten und gute Beschreibungen. Veranschaulicht wird dies anhand von Beispielen aus den Forschungsarbeiten des Autors und anderer Forschungsarbeiten.

Zu 7 Verschriftlichung und Ergebnisdarstellung

Begonnen wird mit einem Unterkapitel zur Ausarbeitung des Modells erste Verschriftlichungen erfolgen schon früh in der Forschungsarbeit. Der Autor rät, die Analyse nicht auf später zu verschieben und plädiert für eine „Kontinuität zwischen Beobachtung, Analyse, Nachdenken und Schreiben“ ( S. 114)

Es folgt ein Unterabschnitt zum Aufbau der schriftlichen Ausarbeitung. Skizziert werden fünf Logiken zur Strukturierung Nach einer Logik werden die Merkmale schrittweise aufgedeckt. Die Genese des Modells wird erzählend dargestellt und so für den Leser nachvollziehbar. Nach der zweiten Logik beginnt man mit dem Mechanismus, der den Kern des Funktionierens bildet und zeigt Kapitel für Kapitel die Auswirkungen. Arbeiten nach der dritten Logik beginnen mit einem historischen Überblick. Die vierte Logik sorgt für die Übergänge vom Allgemeinen zum Besonderen und umgekehrt. Die fünfte Logik befasst sich mit der Dynamik lebensgeschichtlicher Prozessstrukturen mit dem Ziel gemeinsame Elemente und Zusammenhänge aufzuzeigen. Es folgen einige Darstellungen zum Aufbau aus der Perspektive eines Lesers. Einer der Punkte ist hier, das Untersuchungsfeld und die Forscher in diesem Feld zu sehen

Im dritten und letzte Unterabschnitt geht es um die Veröffentlichung lebensgeschichtlicher Erzählungen in Ausschnitten oder extenso. Die Veröffentlichung in Ausschnitten wird befürwortet. Sie diene der Veranschaulichung und Verdeutlichung, nicht aber der Bestätigung allgemeiner Hypothesen. Zu lange Zitate könnten den Faden des soziologischen Textes zerreißen. Bei kürzeren Zitaten müsse beachtet werden, dass sich ohne den diskursiven Kontext der Sinn verändern könne. Möglich ist eine Veröffentlichung einer Lebenserzählung im Anhang. Der Autor empfiehlt dann sie als Transkription, also mit den Fragen. zu veröffentlichen. Die Veröffentlichung ganzer Lebenserzählungen dienten ansonsten nicht Forschungszwecken, sondern expressiven Zwecken.

Schlussfolgerungen

Hier wird noch einmal kurz auf einzelne Aspekte eingegangen. Der Autor skizziert auch eine Einordnung seines ethnosoziologischen Ansatzes in die methodische Diskussion und zu theoretischen Modellen der Soziologie. Einzelne Ansätze wie der Strukturalismus behielten eine Bedeutung, könnten aber nicht alles erklären.

Diskussion

Zwischen dem methodischen Ansatz von Bertaux und deutschen Ansätzen gibt es mehr Übereinstimmungen als der Autor vermutet. Die Initiierung von Erzählungen ist eine Methode, auf die die rekonstruktive Soziologie nicht verzichten sollte. Einiges kann besser so erhoben werden. Aber man sollte bei jeder Fragestellung diskutieren und explorieren, ob das narrative Interview geeignet und ausreichend ist. So kann es zum Beispiel sinnvoll sein, nicht nur Lebenserzählungen von Drogenabhängigen zu erheben, sondern die Drogenszene zu beobachten und Gespräche aufzuzeichnen. Die Methodik der Erhebung und Analyse von Erzählungen kann als Kunstlehre verstanden werden. Methodische Literatur ist dafür wichtig. Die Methode sollte aber auch unter Anleitung erfahrener Forscher und Forscherinnen in Gruppen eingeübt werden.

Fazit

Es handelt sich um eine wichtige und interessante Darstellung eines methodischen Ansatzes. Zur Einführung in die Methodik narrativer Interviews bzw. biographischer Interviews würde der Rezensent aber noch weitere Literatur empfehlen.

Literatur

  • Bergmann, Jörg R. (1985) Flüchtigkeit und methodische Fixierung sozialer Wirklichkeit: Aufzeichnung als Daten interpretativer Soziologie. In: Bonß, W.; Hartmann, H. (Hrsg.) Entzauberte Wissenschaft. Zur Relativität und Geltung soziologischer Forschung, Sonderband 3 der Zeitschrift Soziale Welt, Göttingen Schwarz, S. 299 - 320
  • Helsper, Werner, Müller, Hermann, Nölke, Eberhard, Combe, Arno (1991), Jugendliche Aussenseiter, Zur Rekonstruktion Gescheiterter Bildungs- und Ausbildungsverläufe, Opladen 1991: Westdeutscher Verlag
  • Hildenbrand, Bruno, Alltag und Krankheit (1983), Stuttgart: Klett-Cotta
  • Hildenbrand, Bruno (1984), Methodik der Einzelfallstudie, Studienbrief der Fernuniversität Hagen, Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften
  • Hildenbrand, Bruno, Hermann Müller, Barbara Beyer, Daniela Klein (1984), „Biographiestudien im Rahmen von Milieustudien“, in: Martin Kohli und Günter Robert (Hrsg.), Biographie und soziale Wirklichkeit, Metzler Verlag, Stuttgart 1984, S. 29 - 52
  • Hildenbrand, Bruno (1991), Alltag als Therapie, Ablöseprozesse Schizophrener in der psychiatrischen Übergangseinrichtung, Bern, Stuttgart: Huber
  • Hildenbrand, Bruno (1999) Fallrekonstruktive Familienforschung, Opladen: Leske + Budrich
  • Mannheim, K. (1978). Das Problem der Generationen, In Kohli, M. (Hrsg.). Soziologie des Lebenslaufs, Frankfurt am Main. S. 38 - 53
  • Ulrich Oevermann, Tilman Allert, Elisabeth Konau, Jürgen Krambeck, Die Methodologie einer „objektiven Hermeneutik“ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften, in: Hans-Georg Soeffner (HRSG) Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften, Stuttgart 1979: J.B. Metzler S. 352 -434
  • Ulrich Oevermann, Tilman Allert, Elisabeth Konau, Zur Logik der Interpretation von Interviewtexten. Fallananalyse anhand eines Interviews mit einer Fernstudentin, in: Thomas Heinze, Hans W. Klusemann, Hans Georg Soeffner, Interpretationen einer Bildungsgeschichte, Bensheim 1980: päd-extra Verlag, S. 15-69
  • Gerhard Riemann, 1987 Das Fremdwerden der eigenen Biographie, narrative Interviews mit psychiatrischen Patienten, München 1987
  • Riemann, G. (2000), Die Arbeit in der sozialpädagogischen Familienberatung. Weinheim und München: Juventa
  • Schütze, Fritz (1977): Die Technik des narrativen Interviews. in: Arbeitsberichte und Forschungsmaterialen der Universität Bielefeld Nr. 1 Bielefeld 1977
  • Schütze, Fritz: Prozessstrukturen des Lebenslaufs. in: Matthes J. u.a.: Biographie in handlungswissenschaftlicher Perspektive, Nürnberg 1981 S. 67 - 156
  • Schütze, Fritz: Kognitive Figuren biographischen Stegreiferzählens In: Kohli, Martin/Robert, Günter (HG), Biographie und soziale Wirklichkeit, Stuttgart 1984 78 -117: Metzeler
  • Strauss, Anselm (1991), Grundlagen qualitativer Sozialforschung, München: Wilhelm Fink Verlag

[1] Das gilt nach Ansicht des Rezensenten aber auch für andere Daten. Dabei handelt es sich meist um Darstellungsmaterial ( vgl. Bergmann 1985) und diese Darstellungen sind geprägt durch die subjektive Sichtweise und das Gedächtnis der Darsteller und die Interaktionssituation, in der die Daten erzeugt wurden.

[2] Was der Autor ebenfalls befürwortet ( s. S. 25)

[3] Vgl. auch Strauss 1991

[4] Eigentlich müsste man hier wieder zwischen Geschichte und Erzählung unterscheiden. Eine Lebensgeschichte kann kaum vollständig sein. Das würde eine vollständige Erinnerung voraussetzen. Eine Lebenserzählung ist bis auf weiteres vollständig, wenn sie nach den Einschätzungen von Erzähler und Zuhörer gesättigt ist, wenn es also keine Lücken, Stellen mangelnder Plausibilität etc. (mehr) gibt. Nach der Konzeption von Schütze (1977) beendet der Erzähler die Haupterzählung mit einer Koda. Dann stellt der Zuhörer narrative Nachfragen und dann andere Fragen.

[5] Eine Stegreiferzählung mit dem Fokus auf die Lebensgeschichte unterscheidet sich von einer Autobiographie. In der Erzählung wirken zum Beispiel Zugzwänge des Erzählens (vgl. Schütze 1977):Daher ist die Erzählung weniger rational planbar als eine redigierte Autobiographie.

[6] Die Forscher bilden also Hypothesen dazu, was für die Fragestellung bedeutsam sein könnte.

[7] Erzählungen haben manchmal auch beschreibende und argumentierende Segmente. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Erzählung.

[8] Ausführlicher dazu vgl. Schütze 1977, Riemann 1987

[9] Einige Übereinstimmungen gibt es zur „Fallrekonstruktiven Familienforschung“ von Hildenbrand (1999)

[10] Vgl. dazu auch Schütze 1977


Rezensent
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 04.07.2018 zu: Daniel Bertaux: Die Lebenserzählung. Ein ethnosoziologischer Ansatz zur Analyse sozialer Welten, sozialer Situationen und sozialer Abläufe. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-8474-2157-3. Reihe: Qualitative Fall- und Prozessanalysen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24628.php, Datum des Zugriffs 25.09.2018.


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