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Renate Schramek, Cornelia Kricheldorff u.a. (Hrsg.): Alter(n) - Lernen - Bildung

Cover Renate Schramek, Cornelia Kricheldorff, Bernhard Schmidt-Hertha, Julia Steinfort-Diedenhofen (Hrsg.): Alter(n) - Lernen - Bildung. Ein Handbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 335 Seiten. ISBN 978-3-17-032751-1. 39,00 EUR.
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Thema

Das Handbuch reiht sich ein in die aktuelle geragogische Fachdiskussion. Es kondensiert spezifische Beiträge aus verschiedenen Disziplinen und bezieht diese aufeinander. Dabei soll der Heterogenität von Alterungsverläufen einerseits und der Vielfalt von Lernprozessen und Bildungsangeboten anderseits Rechnung getragen werden.

Autor*innen und Herausgeber*innen

Die Herausgeberinnen und der Herausgeber sind als Team mit getrennten Arbeitsschwerpunkten im Bereich der Bildungs- und Alterswissenschaft verankert. Als Professorinnen und Professor lehren sie an unterschiedlichen Hochschulstandorten. Dazu gehören die Hochschule für Gesundheit in Bochum, die Katholische Hochschule Freiburg, die Universität Tübingen und die Katholische Hochschule NRW am Standort Köln. An dem Handbuch sind insgesamt 40 Autorinnen und Autoren beteiligt, die ihrerseits ein weites Theorie- und Praxisfeld abbilden und in verschiedenen Fachdisziplinen beheimatet sind.

Entstehungshintergrund

Das Herausgebergespann ist mit dem Arbeitskreis Geragogik der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie verbunden. Nach eigener Einschätzung dient dieser Arbeitskreis mit einer interdisziplinären, dialogischen und praxeologischen Ausrichtung der Weiterentwicklung der Alter(n)sbildung auf nationaler wie internationaler Ebene. Im Vordergrund stehen die Förderung von Selbstbestimmung und Partizipation bei Lern- bzw. Bildungsprozessen im und für das Alter. Das Handbuch ist als ein gewichtiger Baustein in eben diese Richtung zu verstehen.

Aufbau

Das vorliegende Handbuch umfasst insgesamt 27 inhaltliche Beiträge und untergliedert sich in vier Teile. Jeder dieser Teile wird von einer Person aus dem Herausgeberteam eingeführt. Vorangestellt ist ein kurzes Vorwort der Herausgeberinnen und des Herausgebers. Es folgt ein aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive verfasster Prolog von Dominique Kern, der in einem ersten Schritt theoretische Modelle für die Bildung älterer Erwachsener ganz allgemein kritisch würdigt.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil 1

Der erste Teil umfasst vier Beiträge, die einen breiteren theoretischen Zugang zur Altersbildung gewährleisten sollen.

  • Den Anfang macht Cornelia Kricheldorff. Sie differenziert Positionen zur Theoriebildung und wissenschaftlichen Verortung von Lernen und Bildung im Alter.

  • Unter der Überschrift „Das Alter lernen“ folgt eine Bilanzierung von Ines Himmelsbach über theoretische Perspektiven aus den Erziehungswissenschaften. Bemerkenswert ist dabei trotz der vergleichbaren inhaltlichen Ausrichtung die geringe Quellenüberlappung zum oben genannten Prolog. Dies unterstreicht die starke Heterogenität zugrundeliegender Referenzoptionen und damit verbundener Taxonomieversuche.

  • Aus der Sicht der Sozialen Gerontologie greift Cornelia Kricheldorff im Weiteren den Handbuchtitel auf und nimmt zum Verhältnis von Gerontologie und Geriatrie einerseits und Erziehungs- und Bildungswissenschaften andererseits Stellung.

  • Der erste Teil wird von Julia Steinfort-Diedenhofen abgeschlossen. Sie unterstreicht die Relevanz von Gesellschaftsverhältnissen und Strukturbenachteiligungen und betont die Notwendigkeit einer Konvergenz der Sozialgeragogik mit dem Ziel, Gegenstandsbereiche, Zielperspektiven und Haltungen der beteiligten Akteure anzunähern.

Zu Teil 2

Der zweite Teil des Handbuchs subsumiert in sechs getrennten Abhandlungen Forschungsansätze über Lernen und Bildung im Alter.

  • Den Reigen eröffnet Renate Schramek entsprechend mit einer ersten Übersicht über wissenschaftliche Arbeiten zu Bildung und Lernen im Alter und mit älteren und alten Menschen.

  • Bernhard Schmidt-Hertha illustriert mit seinem Nachfolgebeitrag die Bedeutung von Large-Scale-Studien für die Forschung zu Bildung im Alter. Er verweist darauf, dass diese mit sehr großem Aufwand umgesetzten empirischen Studien großes Ansehen genießen, aber auch mit Gefahren verbunden sind.

  • Vera Gallistl, Anna Wanka und Franz Kolland kommen im Anschluss daran auf Bildungsbarrieren im Lebenslauf zu sprechen und analysieren die damit verbundenen Effekte einer langfristig kumulativ wirkenden Bildungsbenachteiligung.

  • Lernen und Teilhabeförderung im Rahmen partizipativer Technikentwicklung ist das Thema von Renate Schramek, Verena Reuter und Andrea Kuhlmann. Sie skizzieren einen konkreten Forschungsansatz verbunden mit einer speziellen Erhebungsmethode im Projekt „OurPuppet“.

  • Claudia Kulmus deutet Alterungsprozesse als Möglichkeit für ein lebensentfaltendes Lernen und ist darum bemüht, subjektive Alternserfahrungen in den Fokus zu rücken.

  • Dieter Nittel und Nikolaus Meyer beenden diesen zweiten Teil mit einer Einschätzung biografischer Lernprozesse auf der Grundlage journalistischer Quellen. Dabei geht es ihnen in erster Linie um Lernprozesse in der Lebensendphase.

Zu Teil 3

Der umfangreichste dritte Teil veranschaulicht mit zehn Beiträgen verschiedene Handlungsfelder der Bildungsarbeit mit älteren und alten Menschen.

  • Zu Beginn verweist dazu Julia Steinfort-Diedenhofen auf die Vielfalt der bestehenden Ansätze und die Breite der zugrundeliegenden Settings und Methoden.

  • Daniela Rothe macht überdies auf die grundsätzliche Bedeutung einer biographischen Perspektive für Bildung und Lernen im Alter aufmerksam.

  • Danach wird in einer Analyse von Julia Franz und Bernhard Schmidt-Hertha auf die Gestaltung, Anforderungen und Folgen für Alt und Jung im Zuge eines intergenerationellen Lernens hingewiesen.

  • Eine kritische Bilanz ziehen Silvia Dabo-Cruz und Karin Pauls in Bezug auf die Angebote eines Senior*innenstudiums. Sie greifen dabei auf Erfahrungen von insgesamt 30 Jahren mit derartigen akademischen Bildungsprogrammen im Alter zurück.

  • Dass auch die stationäre Altenhilfe ein Bildungsort sein kann, arbeiten Britta Deppe, Susanne Jahn, Hella Kunz und Walter Wittkämper heraus. Im Vordergrund ihrer Überlegungen stehen methodische Zugänge und Perspektiven eines geragogischen Begleitungsansatzes unabhängig vom Pflege- und Unterstützungsbedarf einer Person.

  • Die Bedeutung der Musikgeragogik in Richtung eines lebenslangen kulturell-ästhetischen Bildungsbedürfnisses beleuchten Theo Hartogh und Hans Hermann Wickel.

  • In eine ähnliche Richtung geht der Beitrag von Sabine Baumann und Kim de Groote. Sie verorten kunst- und kulturgeragogische Ansätze und stellen zugehörige Zertifikatskurse vor.

  • Die mit dem demografischen Wandel einhergehenden Herausforderungen für die betriebliche Bildung in Richtung auf die berufliche Kompetenzentwicklung älterer Arbeitnehmer*innen stehen für Renate Schramek und Uwe Elsholz im Vordergrund ihrer Betrachtung.

  • Warum freiwilliges Engagement als eigenes Handlungsfeld der Geragogik mit zu betrachten sind, beantworten Elisabeth Bubolz-Lutz und Julia Steinfort-Diedenhofen. Sie betonen hierbei die speziellen Anforderungen an ein Lernfeld im Alter.

  • Elke Olbermann, Britta Bertermann und Barbara Eifert dokumentieren im Rahmen der kommunaler Altenberichterstattung und der damit einhergehenden Sozialplanung die Bedeutung von Lernen und Bildung im Sinne einer partizipativen Seniorenpolitik.

Zu Teil 4

Der vierte und letzte Teil stellt mit weiteren sechs Beiträgen informelles Lernen und damit verbundene Bildungskonzepte vor.

  • Bernhard Schmidt-Hertha wirft zu diesem Zweck zunächst einige zugehörige Spotlights auf die informelle Bildung im Alter. Darunter fasst er Methoden, Gegenstände und Themenfelder entsprechender geragogischer Prozesse.

  • Im Hinblick auf die mit dem technologischen Wandel verknüpften Anforderungen beschäftigt sich Veronika Thalhammer mit der Medienaneignung von älteren Erwachsenen in informellen Kontexten.

  • Die Bedeutung der Gesundheitsbildung für den praktischen Alltag wird von Anika Klein am Bespiel des ernährungs- und essbezogenen Lernens im Alter erläutert.

  • Bildungs- und Partizipationsansätze für Demenzerkrankte nehmen Ann-Katrin Adams, Arthur Schall, Valentina A. Tesky, Frank Oswald und Johannes Pantel in den Blick. Auf der Grundlage von kulturellen Bildungs- und Teilhabeoptionen im Kunstmuseum stellen sie Überlegungen zur Konzeptualisierung von kunstbasierten Angeboten für Menschen mit Demenz an.

  • Gertrud Völkening beschäftigt sich mit der Generation von Kriegskindern. Unter der Überschrift „reden und erinnern statt vergessen oder schweigen“ geht sie auf diesbezügliche Erfordernisse der Erwachsenenbildung ein.

  • Zum Abschluss untersucht Günther Holzapfel einen Gendereffekt für Bildungsangebote im Alter und prüft die These, inwiefern ältere Männer von spezifischen Beeinträchtigungen betroffen sind.

In einem Glossar werden abschließend 30 Begriffe aufgegriffen und in kurzen Abschnitten zum besseren Verständnis für die Leserinnen und Leser erläutert. Abgerundet wird das Handbuch mit Kurzinformationen zu den beteiligten Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Bildungsbedarfe und -notwendigkeiten im Alter stellen verglichen mit anderen Zielgruppen ein nach wie vor nur randständig bearbeitetes Forschungsfeld dar. Ungeachtet einer zunehmenden Zahl von Einzelansätzen und Konzepten fehlt es an Arbeiten, die einen Bogen über verschiedene Perspektiven und Disziplinen spannen. Insofern stellt das vorliegende Handbuch eine längst überfällige und verdienstvolle Publikation dar. Sie rückt Bildungsbedürfnisse alter Menschen in den Blick und bezieht Arbeiten aus der Erziehungs- und Bildungswissenschaft, der Geragogik und Sozialen Gerontologie, der Psychologie, der Sozialen Arbeit und der Sozialwissenschaft gezielt ein. Auf diese Weise wird den Leserinnen und Lesern ein profunder und breit angelegter Überblick über innovative Konzepte und Ansätze der Lern- und Bildungsprozesse für ältere Menschen angeboten. Positiv hervorzuheben ist hierbei die gekonnte Verbindung von Theorie und Praxis. In diesem Zusammenhang sind die unverkennbaren Redundanzen in der Darstellung nicht immer vermeidbar. Die Argumentationen sind nachvollziehbar und in Teilen hochgradig innovativ angelegt.

Trotz der relativ geringen Seitenzahl ist es den Herausgeberinnen und dem Herausgeber insgesamt gelungen, ein facettenreiches Bild über alterssensible Lern- und Bildungsprozesse zu entwerfen und wissenschaftlich zu verankern.

Weniger geglückt erscheint die formale Strukturierung des Handbuchs. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Sammelband sollte der Handbuchcharakter durch eine verbindliche Gliederungsstruktur herausgestrichen werden. Diese ist jedoch nicht durchgängig erkennbar. So haben nicht alle Autorinnen und Autoren ein separates Fazit-Kapitel oder ein Resümee aufgeführt, in dem sie Bilanz zu ihren Ausführungen ziehen. Es fehlen ferner vergleichbare Abstracts, die als einheitliche Vorstrukturierung hätten dienen können. Gerade angesichts der wünschenswerten inhaltlichen Varianz wäre eine stärkere Orientierung an formalen Vorgaben hilfreich gewesen. Die Leserführung lässt damit etwas zu wünschen übrig.

Möglicherweise drückt aber gerade die formale Varianz des Handbuchs implizit die noch immer bestehenden Brüche zwischen den verschiedenen Akteuren auf diesem Gebiet aus. Statt eines Glossars wäre vor diesem Hintergrund ein Stichwortregister zweckdienlicher gewesen, das die einzelnen Begriffe mit den Beiträgen direkt verzahnt und auch die gegebenenfalls abweichenden Deutungen herausstreicht. Wenn auch die Ausführungen im Prolog durchaus interessant erscheinen, wirkt die Platzierung und seine Beziehung zu den anderen Kapiteln nicht ganz schlüssig. Abrundend wäre zudem ein Ausblick gewesen, in dem die Herausgeberinnen und der Herausgeber eine Klammer zum Prolog ziehen und über die Zukunft der Geragogik resümieren.

Fazit

Trotz der oben genannten kleineren Kritikpunkte handelt es sich bei dem Handbuch Alter(n) – Lernen – Bildung um ein gelungenes Gesamtopus mit einer breiten Palette unterschiedlich konturierter Beiträge, die sowohl inhaltlich als auch stilistisch die Heterogenität von professionellen und disziplinären Perspektiven und Handlungsansätzen widerspiegeln. Weniger als Nachschlagewerk denn als Sammelband ist es eine fruchtbare Zusammenstellung vorhandener Wissensbestände und eine zielführende Bereicherung für die geragogische Fachdiskussion. Die anwendungsorientierte Ausrichtung sowie die bemerkenswerte Bandbreite von Forschungsbefunden und Theorieansätzen lässt die vorliegende Veröffentlichung als wichtigen Impulsgeber ebenso für die Praxis des Bildungs- und Sozialsystems erscheinen wie für die Wissenschaftsgemeinschaft selbst. Dabei wird auch nicht an kritisch-konstruktiven Hinweisen gespart, was sich in Zukunft ändern muss, damit die Geragogik die Beachtung und Wertschätzung erhält, die sie verdient. Insofern ist dieses Fachbuch gleichermaßen ein Gewinn für Erwachsenenbildner wie für Fachkräfte, die mit älteren Menschen in verschiedenen Settings arbeiten.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Pohlmann
Professor für Gerontologie an der Hochschule München; Leiter der Forschungsabteilung für Interdisziplinäre Gerontologie
Homepage www.ingero.hm.edu
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Zitiervorschlag
Stefan Pohlmann. Rezension vom 06.11.2018 zu: Renate Schramek, Cornelia Kricheldorff, Bernhard Schmidt-Hertha, Julia Steinfort-Diedenhofen (Hrsg.): Alter(n) - Lernen - Bildung. Ein Handbuch. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-032751-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24636.php, Datum des Zugriffs 17.01.2019.


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ISSN 2190-9245

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