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Christina Jasmund: Erziehung in der Kita

Cover Christina Jasmund: Erziehung in der Kita. Alltagskultur als pädagogisches Handlungsfeld. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 168 Seiten. ISBN 978-3-7799-3816-3. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Thema

Anliegen dieses Buches ist es, Alltagskultur und Alltagshandeln als Inhalt und Erziehungsziel in Kindertageseinrichtungen in den Blick zu nehmen. Damit möchte die Autorin der frühkindlichen Bildungsförderung, die auf Wissenserwerb ausgerichtet ist, die Vermittlung von Alltagskompetenz durch Modell- und Erziehungsverhalten der pädagogischen Fachkräfte entgegen setzen.

Autorin

Prof. Dr. Christina Jasmund ist Erzieherin, Motopädin, Diplomphilosophin und Diplomsozialpädagogin. Sie vertritt das Lehrgebiet Pädagogik der frühen Kindheit im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Niederrhein.

Aufbau

Das Buch „Erziehung in der Kita“ ist in neun Kapitel gegliedert.

  • Nach der Einleitung (Kap. 1) wird in Kap. 2 bis 4 der theoretische Rahmen umrissen. Begriffe wie Lernen, Erziehung und Sozialisation werden in Beziehung zu einander gesetzt und die Bedeutung von Werten, Normen und Regeln dargestellt.
  • In den Kapiteln 5 bis 7 werden die Lebensbereiche Körperpflege und Sauberkeit, Essen und Trinken sowie Feste feiern als lebensweltliche Lernfelder beschrieben.
  • Kap. 8 vertieft die pädagogischen Ansätze und nimmt Bezug auf die Reformpädagogik.
  • Kap. 9 enthält einen Ausblick auf die weitere Arbeit.

Das Buch schließt mit einem Abbildungs- und Literaturverzeichnis.

Inhalt

In der Einleitung (Kap. 1) beschreibt Christina Jasmund ihr Anliegen: der Erziehung neben der Bildung und Betreuung in der Kita (wieder) eine größere Bedeutung zuzumessen. Dabei geht es ihr um die Vermittlung von Werten und Normen, sozialen Umgangsformen wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und die Entwicklung von Eigenständigkeit. Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es, sich ihrer Vorbildrolle bewusst zu werden und diese professionell auszuüben, indem sie Alltagssituationen bewusst gestalten.

In Kap. 2 umreißt die Autorin „Was das aktuelle Problem ist“. In den Bildungsplänen der Länder ist zwar eine ganzheitliche Lebenswelt bezogene Bildungsförderung vorgesehen, aber die Differenzierung in Bildungsbereiche knüpft an die späteren Schulfächer an. Kulturelles Lernen findet zwar primär in der Herkunftsfamilie statt, d.h. das Kind übernimmt und verinnerlicht die dort geltenden Normen und Verhaltensmuster. Aber durch die längere und umfangreichere Nutzung von Kindertageseinrichtungen gewinnt die institutionelle Förderung an Bedeutung. Intellektuelle Lernerfolge der Kinder sind den Eltern gut vermittelbar. Schwieriger ist die Darstellung lebensweltbezogener Lernziele und Inhalte.

Christina Jasmund benennt dabei vier Dilemmata:

  1. Eltern fehle mehr als früheren Generationen die Erziehungssicherheit;
  2. im Gegensatz zur Bildungsförderung existiere Erziehung in der Kita nicht als Handlungsform;
  3. den pädagogischen Fachkräften fehle es an Erziehungsbewusstheit in Bezug auf lebensweltliches Handeln;
  4. Organisationskulturen verfügten über Erfahrungswissen, ohne dieses kritisch zu reflektieren.

Ziel von Erziehung ist die Internalisierung von Werten und Normen als Haltung. Diese müssen im pädagogischen Team festgelegt und mit den Eltern kommuniziert werden.

Im 3. Kapitel „Was kulturelle Bildung umfasst“ bietet die Autorin zunächst verschiedene Definitionen von Kultur an und geht dann auf Theorien von Entwicklung und Lernen, Sozialisation, Enkulturation, Kultivation und das Konzept der soziokulturellen Handlungskompetenz ein.

Das Kapitel 4 „Menschen brauchen Ordnung“ beginnt mit einem Rückblick auf Regelwerke vergangener Jahrhunderte und führt auf aktuell geltende Bekleidungsregeln im Berufsleben und im öffentlichen Raum hin: Jogginganzüge und Badebekleidung sind nicht akzeptabel, ebenso zerrissene Jeans, die allerdings gerade in Mode sind. Weitere Verhaltensnormen werden erläutert und begründet wie bspw. Begrüßung, Gesprächsführung, fremdes Eigentum achten, Nähe und Distanz, Ordnung, Pünktlichkeit und Höflichkeit. Dazu gibt es didaktische Beispiele, etwa wie der Wäschedienst mit den Kindern organisiert werden kann.

Kapitel 5 handelt „Von Körperpflege und Sauberkeit“. Es beginnt wieder mit einem historischen Rückblick und führt über verschiedene Aspekte der Körperpflege zum didaktischen Beispiel des täglichen Zähneputzens.

So ist auch Kapitel 6 „Menschen essen und trinken gemeinsam“ aufgebaut. Auf den kulturhistorischen Abriss folgen Hinweise, was Erzieher*innen wissen müssen bis zu didaktischen Aspekten im Sinne einer ganzheitlichen Bildung.

Das Kapitel 7 „Feste feiern“ greift als didaktisches Beispiel das Geburtstagsfeiern in der Kita auf. Dabei werden differenziert die Aspekte des Schenkens und des Mitbringens eines Geburtstagskuchens thematisiert.

Im 8. Kapitel schlägt die Autorin noch einmal den Bogen zur Theorie mit den Überlegungen „Was erzieherische Handlungskompetenz ausmacht“. Das Kapitel ist als Anregung für die Erarbeitung von einrichtungsspezifischen Erziehungszielen und zur kritischen Reflexion des vorhandenen Fachwissens zu nutzen. Die Vorbildrolle der pädagogischen Fachkräfte wird an konkreten Beispielen beschrieben, Methodenkompetenz wird am Beispiel von Pflichten der Kinder erläutert.

Das Buch endet in Kapitel 9 mit Überlegungen „Wie es weitergehen kann: Ein erzieherischer Ausblick“, der als Appell zu verstehen ist: „Wenn prosoziales Verhalten ein so bedeutender Einflussfaktor kindlicher Entwicklung und seiner Bildungskarriere ist, darf sich die institutionelle Förderung von Kindern nicht länger einseitig auf Bildung fokussieren und die Erziehung der Herkunftsfamilie überlassen.“ (S. 158)

Diskussion

Das Buch ist übersichtlich gegliedert und leicht zu lesen. Das Anliegen der Autorin ist deutlich geworden und absolut berechtigt: Kindern nicht nur kognitive Kompetenzen sondern lebenspraktische Fertigkeiten und eigene Verantwortlichkeiten sowie Gemeinschaftssinn zu vermitteln. Die Verinnerlichung von nützlichen Routinen wie Händewaschen vor und Zähneputzen nach dem Essen oder gute Umgangsformen wie das gemeinsame Beginnen einer Mahlzeit sind Erziehungsaufgaben in der Kita, die nicht in jedem Elternhaus gepflegt werden. Rituale im Kontext von Geburtstagen und Jahresfesten, vom pädagogischen Team bewusst gestaltet, schaffen herkunftsübergreifend eine gemeinsame Kitakultur. Deutlich wird auch der Auftrag an die pädagogischen Fachkräfte, sich ihrer Vorbildrolle stets bewusst zu sein und diese professionell auszufüllen. Das Buch enthält dazu viele praktische Anregungen.

Einige Vorschläge sind jedoch kritisch zu betrachten, wie z.B. die Anleitung zur korrekten Begrüßung und Verabschiedung (S. 55): Kinder sollen „Guten Tag Frau …“ und „Auf Wiedersehen Frau …“ sagen und nicht „Hallo Frau …“ und „Tschüss Frau …“, während Erwachsene „Hallo Vorname“ und „Tschüss Vorname“ sagen dürfen. Da Kinder durch Nachahmung lernen, ist diese Anforderung kaum nachzuvollziehen.

Ein anderes Beispiel ist die „Bestecksprache“. Kitakinder sollen lernen, dass benutztes Besteck nicht auf dem Tisch liegen darf und dass auch das Auflegen der Gabel auf Tellerrand und Tisch als Fehler gilt (S. 115). Je nach sozialem Umfeld einer Kita ist das vermutlich vielen Kitaeltern neu und schwer zu vermitteln.

Andere Empfehlungen sind mit dem üblichen Personalschlüssel einer Kita nicht umsetzbar, etwa dass maximal 5 Kinder mit 1 Betreuerin am Tisch sitzen sollen. Eine Kita-Gruppe mit 20 Kindern bräuchte also 4 Erzieherinnen oder Hilfskräfte, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Und schließlich: Das Buch weist einige handwerkliche Mängel auf, die vermuten lassen, dass die letzte Korrektur fehlte.

  • Ein Kapitel 3.3 fehlt im Text wie auch im Inhaltsverzeichnis, dafür gibt es 3.2 zweimal.
  • Ebenso fehlt Kapitel 4.4, dafür gibt es 4.2 doppelt.
  • Das umfangreiche Literaturverzeichnis mit 152 Titeln, alphabetisch gegliedert, enthält nicht alle Quellen, d.h. im Text sind weitere Quellen genannt, die im Verzeichnis nicht enthalten sind, z.B. auf Seite 24 (Plessner 1983: 186 ff.), auf Seite 90 (Winnicott 1953) oder auf Seite 147 (Montessori 1997: 176).

Fazit

Das Buch „Erziehung in der Kita“ vermittelt wie der Untertitel sagt „Alltagskultur als pädagogisches Handlungsfeld“. Für pädagogische Fachkräfte, Kitaleitungen und Träger bietet es Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund von Alltagshandeln und praktische Beispiele für die Umsetzung in der pädagogischen Arbeit.


Rezensentin
Friederike Otto
Leiterin des Forschungsverbundes Familiengesundheit. Medizinische Hochschule Hannover, Medizinische Soziologie OE 5420
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Zitiervorschlag
Friederike Otto. Rezension vom 10.10.2018 zu: Christina Jasmund: Erziehung in der Kita. Alltagskultur als pädagogisches Handlungsfeld. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3816-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24640.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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ISSN 2190-9245

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