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Sandra Küchler: Partizipation als Arbeit am Sozialen

Cover Sandra Küchler: Partizipation als Arbeit am Sozialen. Eine qualitative Studie zu partizipativen Praktiken Professioneller in der Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. 206 Seiten. ISBN 978-3-658-20829-5. D: 44,99 EUR, A: 46,25 EUR, CH: 46,50 sFr.
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Thema

Im Titel von Sandra Küchlers Buch „Partizipation als Arbeit am Sozialen“ bündelt sich „Verortung, Erkenntnisinteresse und Ergebnis dieser Arbeit zugleich“ (S. 6). Mit ihr beansprucht sie in gleich doppelter Weise „einen Beitrag zur kritischen Perspektive auf Partizipation“ (ebd.) zu leisten. So hat sie einerseits „die partizipativen Praktiken von Professionellen“ (ebd.) in Projekten Sozialraumbezogener Hilfen und Angebote (SHA) einer Jugendamtsregion in Hamburg untersucht, wobei sie einen Schwerpunkt auf das „Wie der Partizipativen Praktiken und den darin entstehenden schöpferischen, grenzüberschreitenden Situationen“ (S. 2) legt. Zugleich hat sie ihre Forschung selbst partizipativ angelegt.

Autorin

Sandra Küchler hat „nach mehreren Jahren Sozialer Arbeit in der Familiären Krisenhilfe bei ADEBAR in Hamburg Altona“ (S. IX) mit der vorliegenden Veröffentlichung an der Universität Hamburg promoviert.

Entstehungshintergrund

Ihre Untersuchung „ist Teil der Begleitforschung des Projekts ‚Sozialraum- und Lebensweltorientierung der Hilfen in der Region III/Eimsbüttel im Kontext der Weiterentwicklung der Jugendhilfe, insbesondere der Globalrichtlinie GR J 1/12‘“ (S. 24). Sie ist „Teil des Lehrforschungsprojektes der Forschungs- und Entwicklungswerkstatt (FEW) des Masterstudiengangs ‚Soziale Arbeit – Planen und Leiten‘ der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie“ (S. 24 f.).

Aufbau

Vorangestellt ist der Arbeit zum einen ein „Geleitwort: Partizipative Arbeit am Begriff“ der beiden Betreuer ihrer Dissertation – Timm Kunstreich und Joachim Schröder. Darin würdigen sie deren „innovative Forschungsperspektive“ (S. VII) als einerseits partizipativ angelegter Untersuchungsprozess und zugleich „theoretische Fundierung der Kategorie ‚Partizipative Praktiken‘“ (ebd.). Ebenso der Arbeit vorangestellt ist ein Vorwort der Autorin, in dem sie ihre Dissertation als ein „Bildungsbericht“ (S. IX) charakterisiert.

In der eigentlichen Einleitung entfaltet sie dann ihre Fragestellung, gefolgt von einer Skizzierung ihres methodischen Rahmens im zweiten Kapitel und einer lokalen und zeitlichen Situierung ihres Forschungsfeldes im dritten. Darin finden sich auch in Form einer „formulierenden Interpretation“ Zusammenfassungen der von ihr durchgeführten acht Interviews zu Projekten Sozialraumbezogener Hilfen und Angebote (SHA) in jener Hamburger Jugendamtsregion.

Im vierten Kapitel hat sie ihre aus diesen Interviews gewonnenen Erkenntnisse in fünf prägnanten Thesen zusammengefasst. Zudem findet sich in diesem Kapitel eine Rekonstruktion und Interpretation eines ersten von ihr durchgeführten Workshops mit den Interviewten, in dem sie ihre Thesen diesen in Form eines „World Café“ zur Diskussion gestellt hat. Das Kapitel endet mit einem ersten kritischen Zwischenfazit

Das „Acht Schaubilder Partizipativer Praktiken“ (S. 89) überschriebene fünfte Kapitel beinhaltet eine erneute, nun „reflektierende“ Interpretation der Interviews und die Visualisierung deren Ergebnisse, die dann in einem zweiten Workshop von der Forscherin wieder mit den Interviewten diskutiert wurden. Dessen Verlauf wird im Kapitel einer eingehenden Analyse unterzogen und die gewonnenen Erkenntnisse in einem zweiten Zwischenfazit gebündelt.

Im sechsten Kapitel überprüft sie die von ihre gewonnenen Begriffe zur Untersuchung von Schöpfungsprozessen sowohl an ihrem eigenen Bildungsprozess wie auch dem Material ihrer Interviews, um diese dann in Auseinandersetzung mit anderen Forschungsarbeiten zu partizipativen Praktiken in der Sozialen Arbeit zu einem Begriff von „Relationsbildern Partizipativer Praktiken“ (S. 183) zu synthetisieren.

Die Arbeit endet mit einem Ausblick unter dem Titel „Weitere Anschlüsse“ (S. 191)

Inhalt

Theoretisch schließt Sandra Küchler mit ihrer Studie an „das von Reckwitz ausgearbeitete kulturtheoretische Verständnis“ (S. 10) an. Demzufolge ist „Kultur als ein[.] Komplex von Sinnsystemen oder symbolischen Ordnungen“ (ebd.) zu begreifen, „mit denen Handelnde ihre Wirklichkeit erschaffen und mit Hilfe von Wissensordnungen ermöglichen“ (ebd.). Der Grundannahme folgend, „dass sich Wirklichkeit als eine gemeinsame Konstruktion, die in jedem Moment produziert und reproduziert wird, in permanenter Herstellung befindet“ (S. 9), rückt „das gestaltende Moment, mit Deleuze gesprochen: das ‚Werden‘“ (ebd.) ins Zentrum ihrer Arbeit. Entsprechend überschreibt sie das Kapitel zum methodischen Rahmen auch „Von Geertz zu Deleuze“ (ebd.).

Aufgrund des von Geertz problematisierten Umgangs mit der Repräsentation rekurriert Sandra Küchler nicht nur später in ihrer Analyse unter anderem auf Deleuzes Kritik der „vier Fesseln der Repräsentation“, sondern begründet in diesem Methodenkapitel zunächst einmal ihr Forschungsdesign als Triangulation dreier auf den ersten Blick nicht unbedingt gleich vereinbar scheinender Forschungsansätze. Konkret hat sie in einem ersten Schritt in jener Hamburger Jugendamtsregion Fachkräfte aus sieben unterschiedlichen SHA-Projekten sowie die Leitungsebene im Jugendamt „mit offenen Fragen zu ihrem Partizipationsverständnis interviewt“ (S. 20). Die transkribierten Interviews hat sie dann in Anlehnung an die Dokumentarische Methode zunächst „formulierend“ interpretiert und deren Ergebnisse in fünf Thesen gebündelt. Diese wurden in einem weiteren Schritt den interviewten Akteur_innen im Rahmen der Methode eines „World-Cafés“ zur Kommentierung in Kleingruppen vorgelegt. Auch den Verlauf und die Ergebnisse dieses „World-Cafés“ hat sie zunächst „formulierend“ interpretiert und dann mit Hilfe von Begriffen der Differenzphilosophie Deleuzes analysiert.

Vor diesem Hintergrund unterzieht sie nicht nur auf der Basis dessen schon angesprochener Analyse von „Fesseln der Repräsentation“ ihr Vorgehen, „Unterkategorien zu Oberbegriffen in Form einer These“ (S. 74 f.) zusammenzufassen, einer fundamentalen Kritik. Sie formuliert darüber hinaus die provozierende These, dass das als Partizipationsmethode geltende Verfahren des „World-Cafés“ – indem es ebenfalls der Repräsentationslogik des Vernunftprinzips folgt – eigentlich nur eine „nachahmende“ Form der Partizipation ermöglicht. Ja, sie liest „die Fesseln der Repräsentation“ darüber hinaus „als Ausschlussmechanismen bzw. Mechanismen, die die Norm bindend machen“ (S. 84). Demgegenüber scheint es für die von ihr „befragten Sozialarbeiter_innen“ (S. 85) jedoch „keine Nichtpartizipation“ (ebd.) zu geben. „Auch das Bestätigen, Erweitern, Kritisieren und Präzisieren, hier zusammengefasst als ‚Nachahmen‘, oder in anderen Worten: das In-der-vorgegebenen-Logik-Bleiben, verstehen sie als Partizipative Praktik“ (ebd.).

Um diese Logik der „Nachahmung“ zu überwinden und „die Partizipativen Praktiken der Mitarbeiter_innen“ (S. 90) gegenüber ihren eigenen Vorstellungen als Forscherin zu stärken, hat sie zunächst „diese in ihren regelmäßigen Routinen, aber auch in ihren Unregelmäßigkeiten, die die Einheitlichkeit durchbrechen“ (ebd.), darzustellen versucht, um auf diese Weise auch „vergleichend die Differenzen“ (S. 21) zwischen ihrer eigenen „Perspektive und den Perspektiven der unterschiedlichen Mitarbeiter_innen sowie der Leitungskräfte herauszuarbeiten“ (ebd.). Angelehnt hat sie sich dabei an das Verfahren der „reflektierenden Interpretation“ der Dokumentarischen Methode, welches auf die Rekonstruktion des Rahmens zielt, innerhalb dessen ein bestimmtes Thema abgehandelt wird.

Die sich „zwischen den herausgearbeiteten Rahmen“ (S. 92) spannenden und „aus diesem Erfahrungsraum“ (ebd.) entstehenden „Orientierungsfiguren“ (ebd.) hat sie in Anlehnung an Adele Clarkes Positions Mapping als „Vereinfachungsstrategie zur grafischen Darstellung von in Diskursen zur Sprache gebrachten Weltvorstellungen“ (ebd.) zu „explizieren“ (ebd.) versucht. Diese „Skizzen der Partizipativen Praktiken der SHA-Projekte“ (ebd.) hat sie in einem zweiten Workshop, zu dem jedoch nicht alle Projekte Vertretungen entsenden konnten, diskutiert, wobei zunächst jedes einzelne der vertretenen Projekte sowie die Leitungseben die Gelegenheit hatten, die sie betreffende Skizze und Schilderung zu ergänzen.

Vermutlich sieht sie dieses Vorgehen durch die in ihrem Methodenteil als drittes Verfahren angesprochene „Fourth Generation Evaluation nach Guba Lincoln“ (S. 14) motiviert, welche „die Aushandlung in den Mittelpunkt der Evaluation stellt und damit den Konstruktionsprozess von Wirklichkeit und nicht normative Vergleichsmaßstäbe“ (ebd.). Allerdings wird in diesem Konzept die Funktion von Evaluation primär im „Orchestrieren“ der Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen Stakeholdern der Evaluation gesehen, wobei ganz auf die effektivitätssteigernde Wirkung des Konsens gesetzt wird, der zunächst innerhalb der einzelnen am Programm beteiligten Gruppen und dann durch eine fortlaufende Rückkopplung auch zwischen den Gruppen anzustreben sei. Demgegenüber nutzt Sandra Küchler die „drei die Fourth Generation Evaluation leitenden Fragestellungen“ (S. 16) nach den „claims“, „concerns“ und „issues“ um „die Unterschiede der Betrachtungsweisen und die Differenz der Blickwinkel der beteiligten Akteru_innen deutlicher hervortreten“ (ebd.) zu lassen, was ja eigentlich auch das Ziel der „reflektierenden Interpretation“ im Kontext der Dokumentarischen Methode ist, um dann „darüber eine gemeinsame Wirklichkeit zu konstruieren“ (ebd.).

Dabei ist im Hinblick auf die Erstellung der Skizzen und die Form ihrer Diskussion während des zweiten Workshops auf eine bedeutende Differenz zum komparatistischen Vorgehen der „reflektierenden Interpretation“ im Rahmen der Dokumentarischen Methode zu verweisen. So betont Sandra Küchler im Anschluss an Deleuzes Plädoyer einer „Wiederherstellung des Denkens in Differenzen jenseits von Einheiten“ (S. 121), dass diese Differenz „dann nicht mehr den Unterschied von einer Einheit [benennt]. d.h. das einzelne SHA-Projekt unterscheidet sich nicht mehr von einem anderen, sondern ist ein einzigartiges Projekt mit spezifischen Praktiken und wird als solches gesehen und benannt“ (ebd.).

Auch den Verlauf des zweiten Workshops und die dabei durch die mit großer Zustimmung begrüßten Skizzen angestoßenen Diskussionen der Fachkräfte untereinander hat Sandra Küchler zunächst in Form einer „formulierenden Interpretation“ zusammengefasst. Hat sie zur Rekonstruktion des ersten Workshop auf Deleuzes analytisches Konzept von „Momentbild“ zurückgegriffen, analysiert sie nun den zweiten Workshop mit Hilfe dessen Konzeptes von „Bewegungsbild“, das im Unterschied zu jenem „nicht mehr von statischen Raum-Zeit-Vorstellungen und darin eingebetteten Bewegungsabläufen ausgeht, sondern in beweglichen Relationen denkt, um so Prozesse der Veränderung sichtbar werden zu lassen“ (S. 130). Dies verknüpft sie mit der Unterscheidung von „‚concurrent time‘ im Gegensatz zur ‚sequenziell‘ ablaufenden Zeit, die einem Ursache-Wirkungs-Denken folgt“ (S. 132), in Hans Falcks Membership-Theorie. Vor diesem Hintergrund ist für sie „der Blick auf sich verschiebende Kräfteverhältnisse jenseits der Rahmenbedingungen, Vorgaben oder Strukturen des Workshops […] wesentlich für die Wahrnehmung der Entstehung von Neuem“ (S. 129).

Deleuzes Ausdifferenzierung seines Konzeptes von „Bewegungsbild“ in „Wahrnehmungs-, Affekt- und Aktionsbild“ nutzt sie dann,um „Momente der Veränderung und die Entstehung von Neuem“ (S. 129) während dieses zweiten Workshops „weiter zu präzisieren“ (ebd.). Der Begriff von „Wahrnehmungsbild“ wird dabei von ihr sowohl mit „Sensibilität“, wie auch mit Joachim Webers an Hannah Arendt anschließenden Begriff von „Spontaneität“ in Verbindung gebracht – der Begriff von „Affektbild“ mit Joachim Webers an Walter Benjamin anschließenden Begriff von „Aura“. Schließlich arbeitet sie heraus, wie im „Aktionsbild“ für einen Moment jene „undifferenzierten Möglichkeiten für Handeln aufscheinen“ (S. 137), welche von ihr „für die Entstehung von Neuem“ (ebd.) als zentral erachtet werden. Vor dem Hintergrund Deleuzes Begriff des „Virtuellen“ – als „einer vor-repräsentativen Ebene […], die immer schon existiert“ (S. 175) – konzipiert sie dann „Schöpfungsprozesse“ als „Aktualisierung des Virtuellen“ (ebd.), welches sich vermittels „der Konkretisierung des Unbestimmten in das Bestimmte in einem spezifischen Kontext deutlich verändert“ (ebd.).

Mit Hilfe der drei Begriffe „Bruch“, „Verrat“ und „Minorität-Werden“, mit denen Deleuze das konkretisiert, was er „Fluchtlinie“ nennt, hat Sandra Küchler dann „in einem weiteren Schritt die konkreten Brüche, Allianzen mit Minoritäten und Momente des ‚Verrats‘ aus den Interviews der Mitarbeiter_innen herausgearbeitet“ (S. 150). Dabei ging es ihr zugleich um nichts Weniger, als „die vermeintliche Geschlossenheit der einzelnen SHA-Projekte“ (S. 151) zu dekonstruieren, die sie „über das Skizzieren der Schaubilder selbst eingeführt“ (ebd.) hat, und „im Gegensatz hierzu die Brüchigkeit und Umkämpftheit dieser Einheiten“ (ebd.) aufzuzeigen. Nur auf diese Weise schien es ihr möglich, auch „Fluchtlinien“ im Sinne Deleuze zu entdecken.

Im Rahmen jener erneuten Analyse der Interviews arbeitet sie heraus, wie die Fachkräfte zumeist zwar „Minoritäten wahrnehmen, aber nicht in einen gemeinsamen Werdensprozess eintreten“ (S. 173). Dabei erweist sich „das Verlassen bisheriger Sinnbezüge, Selbstverständlichkeiten oder Routinen“ (ebd.) ihrer Analyse zufolge als „höchste Hürde für gemeinsame Schöpfungsprozesse“ (ebd.). Ebenso zeigt sich darin, „dass Schöpfungsprozesse mit offenem Ausgang, in denen neue Relationen eingegangen werden, eher mit offenen Rahmenvorgaben umgesetzt werden können“ (S. 174).

Vor diesem Hintergrund verdeutlicht Sandra Küchler, dass „partizipative Praktiken […] nicht etwas isoliert Anwendbares oder einfach eine Methode [sind], sondern […] immer Gefüge [beschreiben] und […] nicht jenseits dieser zu verorten“ (S. 178) sind. Vor dem Hintergrund ihrer auf Deleuze gestützten Analysen zeichnet sie die Bedeutung von „sinnliche[n] und visionierende[n] Praktiken“ (S. 179) für schöpferische Partizipationsprozesse nach. Dabei zeigt sie, dass „in den Verknüpfungen oder den neuen Bündnissen […] der Affekt, der sich der gewohnten Wahrnehmung entzieht, sowie die Affektion, die Gefühle und Wahrnehmungen hervorruft und das Vermögen betrifft, Unbestimmtes neu zusammenzufügen, eine wesentliche Rolle“ (ebd.) spielt.

Zur Ausarbeitung eines analytischen Konzeptes zur Entdeckung entsprechender „Fluchtlinien“ schließt sie an Marcus Hußmanns und Timm Kunstreichs Begriff von „Relationsmustern“ an, um dann „transversale[.] Relationsmuster, wie sie Kunstreich (…) entwickelt“ (S. 189), in ihrem Begriff von „Relationsbilder Partizipativer Praktiken“ noch mehr zu konkretisieren, der „das Schöpferische in und von Bildern“ (S. 183) hervorhebt. Dabei greift sie weitere Konzepte – hauptsächlich von Deleuze – auf, wie „die Metamorphose, das Begehren, das Affiziertsein, das Bildern und die Vergemeinschaftung […] als wesentliche Bestandteile einer Loslösung von institutionellen Praxen […], die zur Überwindung politisch-praktischer Grenzen notwendig ist“ (ebd.). Sie interpretiert diese im Anschluss an Joachim Weber als „situative[.] Klugheiten“ (ebd.) in Ergänzung zu den von ihr schon zuvor ausgearbeiteten „von Minoritär-Werden, Bruch, Verrat und Schöpfung“ (ebd.).

In ihrem abschließenden Kapitel greift Sandra Küchler unter der Überschrift „Weitere Anschlüsse“ noch einmal den Widerspruch auf, dass viele Mitarbeiter_innen sich als parteilich und politisch verstehen und davon ausgehen, „in tiefem Einverständnis mit ihren Adressat_innen zu handeln, obwohl sie weiter ihrer eigenen Logiken und Verstehensmustern folgen“ (S. 192 f.). Vor dem Hintergrund ihrer Analysen sieht sie diesen Widerspruch weniger kognitiv bearbeitbar, „da sich rational immer gute Gründe für das eigene Handeln finden lassen“ (S. 193). Vielmehr plädiert sie dafür, „die Selbstverständnisse der Mitarbeiter_innen zu berühren oder zu irritieren und diese mit andren Ansichten, Menschen und Dingen zu verknüpfen“ (ebd.). Dabei sieht sie den „Zusammenhang zwischen Schaubildern oder Bildern (Erzählungen) allgemein und Gruppen, die sich auf diese Bilder berufen und gleichzeitig über diese gemeinsamen Bilder erst hergestellt werden, […] in seinem Potenzial für die Soziale Arbeit bis jetzt wenig beachtet“ (S. 195).

Diskussion

So faszinierend Küchlers ja zugleich auch gegenüber ihrer Thesenbildung und deren „World-Café“-Diskussion sehr selbstkritischen Analysen sind, verwundert doch, dass diese dann nicht in einem dritten Workshop oder wie auch immer an die Untersuchten rückgekoppelt wurden. Vielleicht könnte ein Grund gewesen sein, dass dazu die von ihr genutzten, sehr ungewohnten Begriffe Deleuzes einer Übersetzung oder zumindest längeren Einführung bedurft hätten. Das Ziel der Fourth Generation Evaluation, zu gemeinsamen Konstruktionen zu kommen, hat sich in Küchlers Forschungsdesign damit anscheinend auf jene von ihr dann fundamental kritisierte „World Café“-Diskussion ihrer Thesen sowie die Abstimmungsprozesse in Folge der Präsentation ihrer Grafiken zu den Partizipations-Praktiken während des zweiten Workshops beschränkt. Während jedoch jene Thesenbildung zu partizipativen Praktiken in den SHA-Projekten von ihr zumindest abduktiv vorgenommen wurde, unterliegen so die partizipativen Praktiken der Teilnehmenden während der beiden Workshop paradoxer Weise in noch viel stärkerem Ausmaß der Gefahr, als Illustration von Theorie – vor allem der Deleuzes – zu fungieren.

Zudem drängt sich die Frage auf, ob nicht auch Prozesse an den Thementischen des „World- Cafés“ zu ihren Thesen in gleicher Weise mit Deleuzes Ausdifferenzierung seines Konzeptes von „Bewegungsbild“ in „Wahrnehmungs-, Affekt- und Aktionsbild“ analysierbar gewesen wären? So leuchtet aus mehreren Gründen nicht ganz ein, die beiden Workshops in ihrer Gesamtheit jeweils nur einer Seite der sich zweifellos nur „idealtypisch“ im Sinne Max Webers aufrechtzuerhaltenden Trennung zwischen „Nachahmung“ und „Neuem“ bzw. „Schöpferischem“ zuzuordnen. Denn schließlich ließ sich auch bei den von ihr untersuchten SHA-Projekten keines „eindeutig einer Partizipation als Nachahmung oder einer Partizipation als Schöpfungsprozess“ (S. 180) zuordnen.

Auch von der analytischen Seite von Deleuzes Ausdifferenzierung seines Begriffs von „Bewegungsbild“ scheint die „idealtypische“ Gegenüberstellung von „Nachahmung“ und „Schöpferischem“ nicht recht nachvollziehbar. So haftet doch sowohl dem Aspekt des „Wahrnehmungsbildes“ wie dem des damit ausgelösten „Affektbildes“ etwas von „Nachahmung“ an, ehe dann im Übergang zum Aspekt des „Aktionsbildes“ für einen Moment jene „undifferenzierten Möglichkeiten für Handeln aufscheinen“ (S. 137), welche von ihr „für die Entstehung von Neuem“ (ebd.) als zentral erachtet werden.

Ebenso lässt sich die Konzeption von „Schöpfungsprozesse“ als in diesem Zusammenhang erfolgende „Aktualisierung des Virtuellen“ (S. 175), welches Deleuzes zufolge auf „einer vor-repräsentativen Ebene […] immer schon existiert“ (ebd.), so deuten, dass ganz ähnlich dabei zunächst das „Virtuelle“ nachzuahmen ist, ehe dieses sich dann vermittels „der Konkretisierung des Unbestimmten in das Bestimmte in einem spezifischen Kontext deutlich verändert“ (ebd.). Könnte es nicht sein, dass sich solche Momente einer dialektischen Bezogenheit von „Nachahmung“ und „Schöpferischem“ auch im ersten Workshop ereignet haben und lediglich der durch Deleuzes Analyse der „Fesseln der Repräsentation“ und seinem Konzept von „Momentbild“ strukturierten Aufmerksamkeit der Forscherin entgangen sind?

Wenn die Autorin im Schlusskapitel ihrer Arbeit schreibt, „dass Neues nicht über das Überdenken alter Strategien und die Entwicklung neuer Pläne oder in Abgrenzung zu etwas entworfen wird, sondern aus einer neuen Art der Wahrnehmung heraus entsteht“ (S. 197), in der „Virtuelle[s] ins Aktuelle überführt“ (ebd.) wird, dürfte dies empirisch gesehen wohl eher als eine Tendenzaussage zu lesen sein. Und auch hier scheint diese Gegenüberstellung eine rein „idealtypische“ zu sein. Denn auch sie selbst hat ja aufgrund einer sicher „neuen Art der Wahrnehmung“ (ebd.) – wohl nicht zuletzt sensibilisiert durch Deleuzes analytische Begriffe – dann ihre ursprünglich Forschungsstrategie überdacht und „in Abgrenzung“ zur Repräsentationslogik „neue[.] Pläne“ (ebd.) entworfen.

Fazit

Ungeachtet dieser wohl kaum auflösbaren Paradoxien hat Sandra Küchler

  • mit dem von ihr im Anschluss vor allem an Deleuze entfalteten komplexen begrifflich-analytischem Rahmen,
  • ihrer damit vorgenommenen Untersuchung partizipativer Praktiken von Fachkräften Sozialer Arbeit,
  • wie auch ihrer eigenen partizipativ angelegten Forschung in Form einer schonungslosen Selbstkritik,

sowohl der Partizipationsforschung, wie der partizipativen Praxis neue Perspektiven erschlossen – und dies nicht allein im Kontext Sozialer Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Michael May
Professor für Theorie und Methoden Sozialer Arbeit unter besonderer Berücksichtigung der Gemeinwesenarbeit an der Hochschule RheinMain
Homepage www.hs-rm.de/de/hochschule/personen/may-michael
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Zitiervorschlag
Michael May. Rezension vom 09.07.2018 zu: Sandra Küchler: Partizipation als Arbeit am Sozialen. Eine qualitative Studie zu partizipativen Praktiken Professioneller in der Sozialen Arbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2018. ISBN 978-3-658-20829-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24643.php, Datum des Zugriffs 26.09.2018.


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