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Sebastian Engelmann: Pädagogik der Sozialen Freiheit

Cover Sebastian Engelmann: Pädagogik der Sozialen Freiheit. Eine Einführung in das Denken Minna Spechts. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2018. 2018. Auflage. 340 Seiten. ISBN 978-3-506-72849-4. D: 79,00 EUR, A: 81,30 EUR, CH: 96,40 sFr.

Reihe: Kultur und Bildung - 16.
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Herausgeber

Sebastian Engelmann ist z.Zt. 2019 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Allgemeine Pädagogik, Professur Allgemeine und Vergleichende Pädagogik, an der Eberhard-Karl-Universität Tübingen, angestellt.

Entstehungshintergrund und Thema

Das vorliegende Buch steht im Zusammenhang mit der Promotion des Autors und beschäftigt sich mit Minna Specht (1879-1961), einer Pädagogin, die dem Kreis der „sozialistischen Pädagogik“ zugeordnet wird. Das vorliegende Buch will als eine Einführung ins Denken Minna Spechts wahrgenommen werden. Engelmann geht dabei der Frage nach, ob die Zuordnung zur „sozialistischen Pädagogik“ plausibel ist. Er interessiert sich für Minna Spechts Vorstellung über Erziehung, die das Thema Freiheit theoretisch und praktisch reflektierte (vgl. S. 9).

Aufbau

Das Buch wurde in sechs Kapitel gegliedert.

  • Im ersten und zweiten Kapitel werden methodologische Forschungsfragen geklärt. Hermeneutisch erarbeitet Engelmann zunächst einen Begriff von Erziehung, den er als analytisches Konstrukt nutzt, um Spechts Ansicht zu verstehen. Engelmann nutzt dazu die erfahrungswissenschaftliche Konzeptualisierung durch Wolfgang Brezinka und die deskriptiv-analytische Theorie von Erziehung durch Wolfgang Sünkel. Anschließend rekonstruiert der Autor den Freiheitsbegriff, um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Spechts Entwurf einer „sozialistischen Pädagogik“ zu untersuchen.
  • Im dritten Kapitel wird der Begriff „sozialistische Pädagogik“ betrachtet, um die Position der sozialistischen Pädagogin Specht einzuordnen. „In den Akzenten Analyse und Kritik (I), Reform und Praxis (II) und schließlich Utopie und Gegenentwurf (III) wird die leitende Fragestellung der Arbeit […] beantwortet“ (vgl. S. 9). Ist sie eine sozialistische Pädagogin? Welche Bedeutung hat Freiheit in der erzieherischen Konzeption Spechts?
  • Im vierten Kapitel wird sie als „sozialistische Pädagogin“ eingeordnet (vgl. S. 255).
  • Im fünften Kapitel fasst Engelmann seine Erkenntnisse zusammen und im sechsten Kapitel nennt er Bezüge zur Aktualität von Minna Spechts Überlegungen zur Pädagogik der sozialen Freiheit.

Das Literaturverzeichnis beendet das Buch.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Da das Buch im Kontext der akademischen Qualifikation entstand, werden zunächst Aussagen über Ziele und Zwecke von Erziehung und deren Normen, die das pädagogische Handeln rahmen, dargelegt. Darüber hinaus fragt die Pädagogik als Wissenschaft nach Prinzipien, die das Erziehungsverhältnis und den Erziehungsprozess begleiten sowie das Handlungsfeld von Erziehung bestimmen. Nach Sünkel sind die Tätigkeiten der Vermittlung und Aneignung zentrale erzieherischer Grundprinzipien und Erziehung ist Teil der Kulturalität des Menschen, weshalb sie wissenschaftlich analysiert und reflektiert werden kann. Wer erzieht und wer erzogen wird, welche Mittel und Ziele verfolgt werden, welches Menschenbild und welche Werte darin aufgehoben sind, beschäftigt Wissenschaftler*innen (vgl. S. 39). Sebastian Engelmann fokussiert das Thema seiner Forschung auf Minna Spechts „Pädagogik der sozialen Freiheit“. Er ordnet sie ins Umfeld der „Klassiker“ ein und unterstreicht die heuristische Absicht, Spechts Texte als Anregung für heutige Fragen zu verstehen. Wenn historischen Texte, so Michael Winkler, auf den sich der Autor bezieht, nicht nur dekontextualisiert und enthistorisiert wahrgenommen werden, können sie ein neues Licht auf aktuelle Fragen werfen. Der Autor öffnet einen Blick auf „sozialistische Pädagogik“, die Freiheit und Soziales zu verbinden suchte und als ethischer Sozialismus bezeichnet werden kann.

Zum Begriff der Freiheit
Der Freiheitsbegriff wird im zweiten Kapitel thematisiert. Im Rückgriff auf Michael Foucault, Judith Butler, Immanuel Kant und Jean Jaques Rousseau zeigt der Autor, dass erzieherisches Handeln im Spannungsverhältnis von Autonomie und Zwang geschieht. Rousseau versuchte, die Erziehung von Emile frei von gesellschaftlichen Einflüssen zu halten, und setzte sich dafür ein, dass das Kind ganz seiner individuellen Entwicklung folgen sollte. Erziehung sollte, so der Franzose, an den natürlichen Bedürfnissen, an den eigenen Kräften des Kindes ausgerichtet werden. Er gilt heute als Vorläufer einer „Pädagogik vom Kinde“ aus (vgl. S. 49).

Kant, der in seiner Schrift „Was ist Aufklärung“ den Gebrauch der eigenen Urteilsfähigkeit forderte glaubte, dass Erziehung zur Menschwerdung führe. Erziehung, die er als Pflege, Disziplinierung und Unterweisung (Bildung) beschrieb, sollte helfen, den kategorischen Imperativ anzuerkennen. Nach Kant ist Erziehung moralisch und vom Recht auf Individualität in Verantwortung für das Soziale geprägt. Für den Königsberger Philosophen ist Erziehung am zukünftig besseren Zustand der Menschheit orientiert und realisiert die Idee der Humanität (vgl. S. 56). Engelmann rekonstruiert in seinem Buch die Bezüge auf die pädagogische Tradition. Minna Specht, so der Autor, habe ebenfalls versucht, individuelle Freiheit mit sozialer Freiheit zu verbinden (vgl. S. 57). In der Erziehung gehe es im Sinne Spechts um die Vermittlung der Einsicht in die ethischen Aufgaben des Einzelnen und die Aneignung der Verantwortung für die Gemeinschaft. Für Specht sei die Frage wichtig, wie Selbstbestimmung, ein Ausdruck der Individualität, hergestellt, bzw. erlebt werden könne: „Wenn Erziehung es schafft, den Willen der Zöglinge so zu lenken, dass die Menschen der Gemeinschaft in ein freundschaftliches Verhältnis zueinander treten und sich gegenseitig im besten Wissen um das gemeinsame Projekt der Verbesserung der Gemeinschaft auf den Dialog einlassen, dann ist das Ideal der Gemeinschaft Nelsons realisiert“ (S. 62). In einem Erziehungsexperiment, also in einem eigens hergestellten pädagogischen Milieu könnten, so Specht, Kinder und Jugendliche erfahren, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen (vgl. S. 62). Minna Specht, die vom Göttinger neukantianischen Philosophen Leonard Nelson beeinflusst war, vertrat einen ethischen Sozialismus.

Zum Begriff des „Sozialismus“
Um die Umrisse der „sozialistischen Pädagogik“ sichtbar zu machen, kontextualisiert der Autor im dritten Kapitel zunächst den Begriff des „Sozialismus“. Meist werde dieser mit der DDR assoziiert, oder als soziale Bewegung und auch als Gesellschaftskritik interpretiert. Der sogenannte Frühsozialismus der Jahre 1830–1848 habe die industrielle Revolution kritisch begleitet. Sozialreformer wie Robert Owen, Henri de Saint-Simon, Charles Fourier, Wilhelm Weitling kritisierten sie mithilfe der Idee von Gleichheit und Solidarität. Karl Marx und Friedrich Engels hatten die Entfremdung und Ausbeutung im Blick, die mit der Industrialisierung einherging. Sie glaubten, dass das Proletariat die Herrschaft des Kapitalismus überwinde (vgl. S. 73). Auch die englische Fabian Society und die deutsche Sozialdemokratie seien wichtige Bezugspunkte der „sozialistischen Pädagogik“. Minna Specht, die zeitweise für den englischen Intellektuellenzirkel der Fabian Society arbeitete, entwarf Konzepte zur Realisierung sozialer Verantwortung im Wirtschaftsleben sowie der Gewährleistung sozialer Teilhabe. Der fabianische Sozialismus sah in der Gleichheit und Solidarität eine Voraussetzung für Freiheit (vgl. S. 74). Die Sozialdemokratie stellte in ihrer Hochphase in mehreren Ländern Europas Regierungsparteien und sie vertrat sozialistisches Gedankengut. Engelmann erwähnt in diesem Zusammenhang auch den Kommunitarismus und auch in afrikanischen und asiatischen Ländern beziehen sich Menschen auf die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, die als zentralen Werte des Sozialismus gelten (vgl. S. 76). Deshalb, so Engelmann, sei der Prozess zur freiheitlichen, gerechten und solidarischen Gesellschaft Ziel „sozialistischer Pädagogik“ (vgl. S. 83). „Sozialistische Pädagogik“ begreife das Pädagogische als einen sozialen Prozess.

Zum Begriff der „sozialistischen Pädagogik“
Der Begriff „sozialistische Pädagogik“ kam im 19. und 20. Jahrhundert auf, während sie heute erst wiederentdeckt wird (vgl. S. 85). Paul Oesterreich, Otto Felix Kanitz, Anna Siemens, Minna Specht, Clara Zetkin, Leonard Nelson, Otto Rühle, Kurt Löwenstein und Siegfried Bernfeld propagierten eine „sozialistische Pädagogik“, deren Blüte durch den Nationalsozialismus zerstört wurde. „Sozialistische Pädagogik“ entwickelte sich, so der Autor, in drei verschiedenen Rezeptionsphasen. Die Frühsozialisten stellten die humanisierende Wirkung von Arbeit in Frage. August Bebels Schrift „Die Frau und der Sozialismus“ (1879) und Karl Liebknechts „Wissen ist Macht – Macht ist Wissen“ (1904) zeigten die prägende Macht gesellschaftlicher Verhältnisse auf. Aber erst die empirische Untersuchung zur Situation von Arbeiterkindern im Kaiserreich, die von Otto Rühle und Otto Felix Kanitz erarbeitet wurde, kritisierte die Unterdrückungsmechanismen gesellschaftlicher Verhältnisse, die innerhalb der sogenannten Reformpädagogik und durch die von Kurt Löwenstein initiierte Kinderfreundebewegung umgesetzt wurde (vgl. S. 90). In einer zweiten Phase der Auseinandersetzung um die „sozialistische Pädagogik“, zu Beginn der 1960er-Jahre, wurde die Kritik auch wissenschaftlich relevant diskutiert. Die Schriften von Anton Semjonowitsch Makarenko fanden Eingang in wissenschaftliche Diskurse um das kritische Potenzial einer „sozialistischen Pädagogik“. Nach der „empirischen Wende“ innerhalb der Pädagogik als Wissenschaft, wurden die Ausprägungen einer „sozialistischen Pädagogik“ differenzierter reflektiert. Gesellschaftliche Verhältnisse, in denen sich geistige Vorstellungen realisieren, wurden jetzt zum Forschungsgegenstand. Dass Menschen in der Lage sind, Lebensverhältnisse, von denen sie beeinflusst sind, auch zu verändern, und „sozialistische Pädagogik“ nicht Erfüllungsgehilfin einer bestimmten Gesellschaftsformation sei, setzte sich nach und nach durch.

Informationen zur Person Minna Specht
Minna Specht hatte 1924 das Landerziehungsheim „Walkemühle“ in Hessen, ein alternatives Schulprojekt für Kinder und Jugendliche, das durch eine politisch-philosophische Akademie ergänzt wurde, in Kooperation mit Leonhard Nelson von Hermann Lietz übernommen. 1933 wurde das reformpädagogische Projekt durch die Nationalsozialisten*innen aufgelöst und Specht flüchtete mit einigen Kindern und Jugendlichen nach Dänemark. Aufgrund der deutschen Okkupation Dänemarks scheiterte ihr neues Schulprojekt im dänischen Exil und die Schule wurde 1938 nach Großbritannien verlegt. Hier scheiterte Spechts Projekt aufgrund finanzieller Probleme. Nun widmete sie sich der Entwicklung eines Erziehungskonzeptes für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Unter dem Stichwort der Re-Education schrieb sie 1943 ihren Aufsatz „Gesinnungswandel“. Dieser Aufsatz gibt dem Autor Aufschluss über Spechts Vorstellungen einer „Pädagogik der sozialen Freiheit“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg leitete Minna Specht von 1946 bis 1951 die Odenwaldschule in Oberhambach (Hessen), die sie wiederaufbaute. Ihr Verständnis von Erziehung, die erfahrungs-, erlebnis-, und handlungsorientiert ausgerichtete war orientierte sich an sozialer Verantwortung, Demokratie- und Politikfähigkeit aber auch an der Befähigung zur Friedensbereitschaft (vgl. S. 101). Im Buch widmet sich Engelmann Textfragmenten zu, in denen Minna Specht in den 1930er-Jahren gesellschaftliche Verhältnisse kritisiert. Sie schrieb über „Jugend in der Krise“, „Gleichschaltung und Organisation“ und „der Verlust des Maßstabs“. Auch der Text „Gesinnungswandel. Erziehung der deutschen Jugend nach dem Weltkrieg“, den Specht 1943 verfasste, steht im Mittelpunkt der Analyse um den Freiheitsbegriff bei Minna Specht.

Akzent I: Blick auf Pädagogik
Minna Specht reflektiert vor allem die nationalsozialistische Erziehung kritisch, die, so Specht, einen neuen Menschen erschaffen wollte, doch statt der Entwicklung kritischer Urteilsfähigkeit, die Einübung und Gewöhnung an autoritäre Strukturen gebracht habe. Während der NS-Diktatur erforderte, das Primat der Volksgemeinschaft Unterwerfung, Eliteanstalten, wie die Napolas (Internatsoberschulen) oder Adolf-Hitler-Schulen und die Kontrolle durch die Partei. Diese baute die Hitlerjugend auf, um die Unterwerfung zu fördern. Die sogenannte Kinderlandverschickung, die in der Endphase des Zweiten Weltkrieges half, Kinder aus Städten zu evakuieren und in Pflegefamilien und Mutter-Kind-Heimen unterzubringen, habe in Wirklichkeit dazu gedient, Kinder vom familialen Umfeld zu trennen. Specht kritisierte, dass die Nazis den Einfluss der Familie kontrollierten und durch den Militarismus am unbedingten Gehorsam und der Vernichtung all derer, die sich widersetzten und nicht anpassten, eine Umorientierung der Werte ermöglichten. Statt Kooperation und Anerkennung des Anderen zu vermitteln und die Friedensbereitschaft zu fördern, habe die nationalsozialistische Erziehung zur Tötungsbereitschaft beigetragen. Werte wie Treue, Gehorsam, Kameradschaft und Einsatzfreude seien so umgedeutet worden, dass sie die Ideologie der rassischen Überlegenheit und das Recht des Stärkeren stärkten (vgl. S. 124). Specht, die sich der prägenden Kraft des Umfeldes bewusst war, ging davon aus, dass die Jugend verführt wurde. Wer so erzogen wurde und in der Abhängigkeit des Staates war, konnte kaum eine individuelle Persönlichkeit entwickeln. Wie sollten die, die so aufgewachsenen waren, sich davon befreien? Ihre Fragestellung führt direkt zum Problem der Reeducation (vgl. S. 130).

Akzent II: Reform und Praxis
Engelmann stellt Minna Spechts Text „Gesinnungswandel“ in den Kontext der amerikanischen Besatzungspolitik, denn die Reeducation war ein komplexes Maßnahmenbündel und ein bildungspolitisches Programm der Siegermächte, um die deutsche Jugend zu entnazifizieren. Diese war, wie Specht bereits analysierte, Opfer einer menschenverachtenden Ideologie und brauchte Hilfe. Bereits beim Potsdamer Abkommen 1945 wurde die Entnazifizierung diskutiert. Einerseits mussten Lehrer*innen und Schulbücher ausgetauscht werden, doch mit welchen Personen das Schulsystem wiedereröffnet werden sollte war ein großes Problem. Die Militärregierung, die auch dafür sorgen sollte, dass Deutschland nicht widererstarkte hatte keine systematische Bildungskonzeption. Obwohl die politische Kultur und das Normsystem in Richtung Befähigung zur Demokratie verändert werden musste, gab es zunächst nur die Aufforderung, alle Schulen und Universitäten zu schließen. Das war im Morgenthau-Plan von 1944 festgelegt worden. Beim Potsdamer Abkommen wurde festgelegt, dass die Alliierten das Erziehungssystem kontrollieren sollten (vgl. S. 137). Wie die Reeducation gelingen sollte, blieb unklar und Minna Specht, die Vorschläge dazu machte, blieb politisch ungehört. Engelmann legt ihren Entwurf vor und zeigt, dass die „sozialistische Pädagogin“ Minna Specht ein Konzept erarbeitete, das vielfältige Aspekte des Problems bereits berücksichtigte. In ihrem Text „Gesinnungswandel. Die Erziehung der deutschen Jugend nach dem Weltkrieg“ fordert sie eine Erziehung, die Selbstachtung fördert, Gleichberechtigung ermöglicht und Konflikte durch Verständigung löst. Die Jugend brauche ein erzieherisches Milieu, um kritische Distanz zum Krieg einnehmen zu können und sich mit der eigenen Person auseinanderzusetzen. Die künftige Schule müsse sich kritisch mit dem Nazi-Erbe beschäftigen. Sie sollte, so Specht, als durchgängige Volksschule organisiert werden, die Möglichkeiten zur Selbstverwaltung habe. Die Schule muss, so Specht, von nationalsozialistisch eingestellten Lehrer*innen befreit werden, die auch juristisch verurteilt werden sollten (vgl. S. 145). Die deutsche Wirtschaft und Rüstungsindustrie solle, so Specht, kontrolliert und ein europäisches Erziehungskommissariat eingerichtet werden (vgl. S. 147). Eine Erziehung zum „Weltbürger“, wie sie Specht vorschwebte, achte die Menschenwürde und Rechtsgleichheit aller Menschen. Sie fördere einen Lernprozess, der von Offenheit geprägt sei, eigene Potenziale zu entdecken und verantwortlich in der Gemeinschaft zu handeln. Die Gemeinschaftsfähigkeit basiere auf Partizipation und Kooperation und das Lernen folge dem Prinzip der Anschauung, des Erlebens und des Verstehens. Dialog und forschender Umgang mit der Umwelt sowie Einfachheit sollten das Bedürfnis des Menschen, sich zu binden, die Welt zu ordnen und in Sicherheit leben zu können, befriedigen. Specht argumentiere, so Engelmann, vor dem Hintergrund eines Menschenbildes, dass Sozialität und Individualität des Menschseins betone (vgl. 217). Im hermeneutischen Raster fasst der Autor die zentralen Beobachtungen zur Pädagogik Minna Spechts zusammen (vgl. S. 220).

Akzent IIII: Utopie und Gegenentwurf
Minna Specht folge Werten wie Friede, Freiheit und Gleichheit. Um diese Werte zu vermitteln solle die Schule ihre kulturelle Aufgabe darin sehen, zur Demokratie, zum Weltbürger*in und zur Hilfsbereitschaft zu erziehen (vgl. S. 230f).

Fazit

Nach diesen Ausführungen bestimmt der Autor Minna Spechts Pädagogik als eine, die „sozialistischen“ Vorstellungen folge. „Sozialistische Pädagogik“ wurde von ihm als eine definiert, die ein besonderes Augenmerk auf gesellschaftliche Strukturen werfe, die in ihrer formenden und die Autonomie einschränkenden Kraft wahrgenommen werden. Durch die kritische Analyse seien die gesellschaftlichen Verhältnisse jedoch auch veränderbar. So sei Emanzipation denkbar und soziale Freiheit möglich. Weil Minna Specht davon ausgehe, dass jeder Mensch auf Gemeinschaft angewiesen und auf Sozialität angelegt sei, können Verhältnisse verändert werden (vgl. S. 248). Nach der eigenen Zusammenfassung in Kapitel fünf stellt Engelmann im Kapitel 6 die Aktualität ihrer Pädagogik heraus.

Zur Aktualität einer Pädagogik der sozialen Freiheit

Minna Spechts Ideen zu einem europäischen Schulsystem und zur Friedensbereitschaft sowie Toleranz könnten auch in der heutigen Zeit ein Wegweiser sein. Verantwortungsbereitschaft und gemeinschaftsstiftende Erlebnisse sind auch heute von zentraler Bedeutung und die Lösung von Konflikten in würdevoller und anerkennender Haltung dem anderen Gegenüber muss eingeübt werden. Der heutigen Unfreiheit durch die gegenwärtige Ökonomisierung des menschlichen Miteinanders, der zunehmenden Verdinglichung des Menschen und Entfremdung durch die digitale Revolution könnte eine „Pädagogik der sozialen Freiheit“ entgegenhalten, dass es auf den reflektierten Umgang mit Konflikten ankommt. Frieden und Konfliktfähigkeit sind nach wie vor unsere Themen. Und, so der Autor: „Wahrscheinlich ist die Betonung des Konflikts die realitätsnähere Sicht auf die Gesellschaft als die konstante Negation einer konflikthaften Sozialität, die sich eben erst über den Konflikt als Sozialität konstituiert. Normalisierte Verhältnisse werden durch die Markierung des Konflikts fraglich und so die gemeinsame Arbeit an der sozialen Freiheit in Praxis und Theorie möglich und praktisch auch notwendig“ (S. 260).

Diskussion

Das vorliegende Buch ist nicht einfach zu lesen, weil der Autor mit einer hohen Komplexität konfrontiert ist. Er muss der wissenschaftlichen Qualifikationsarbeit gerecht werden und komplexe Zusammenhänge kontextualisieren. Da historische Personen und Texte nicht als bekannt vorausgesetzt werden können, sind immer wieder Kontextinformationen notwendig. Gleichzeitig geht Sebastian Engelmann hermeneutisch vor und nutzt diese Methode zur Analyse seiner forschungsleitenden Fragestellung. Für die Rezension war es mir wichtig, den Inhalt des Buches zu erfassen und darzustellen. Als Leser*in hätte ich mir gewünscht, gleich zu Beginn zu erfahren, wer diese Person ist, um die es geht. Da ich der Analyse der Texte besser folgen kann, wenn klar ist, was die Person leistete, reiche ich hier biografische Informationen nach.

Minna Specht (1879-1961), deren Überlegungen zur Erziehung in diesem Buch dargestellt und analysiert werden, lebte im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Ihre „Erziehungsexperimente“, so bezeichnete sie ihre eigene pädagogische Praxis, die 1924 mit der Leitung des koedukativen Landschulheims „Walkemühle“ bei Kassel begann. Sie war bereits Lehrerin, als sie 1906 in Göttingen Geschichte, Geographie und Geologie studierte, an die Schule nach Hamburg zurückging, dann aber erneut in Göttingen 1914 Mathematik und Philosophie studierte. Zu der Zeit lernte sie den Philosophen Leonhard Nelson kennen, der 1917 einen Internationalen Jugend-Bund (IJB) gründete. Minna Specht war im Vorstand des IJB. Die Gruppe wollte Gerechtigkeit auf der Grundlage einer sozialistischen Gesellschaftsordnung durchsetzen. Zu Beginn der 1920er- Jahre wurde Minna Specht SPD- und Gewerkschaftsmitglied, aber als die SPD Mitglieder des IJB ausschloss, gründeten diese 1926 den „Internationalen sozialistischen Kampfbund“ (ISK). Weil die „Walkemühle“ 1933 durch die SA besetzt wurde, flüchtete sie mit einigen Schulkindern ins dänische Exil und nach Großbritannien. Auf Wunsch von Edith und Paul Geeheb leitete sie ab 1946 die Odenwaldschule (vgl. Hansen-Schaberg (Hrsg.) (2005): Gesinnungswandel. Peter Lang Verlag, S. 17-26).

Mithilfe dieser zusätzlichen Informationen stellt sich mir die Frage, warum der Autor ihre Zuordnung zur „sozialistischen Pädagogik“ hinterfragte, denn es gibt objektive Fakten, die dafürsprechen. Seine Ausführungen zum Sozialismus und zur „sozialistischen Pädagogik“ finde ich spannend und hilfreich, um das Denken dieser Protagonistin besser einordnen zu können. Interessant ist darüber hinaus, dass die soziale Frage zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ideengeschichtlich betrachtet, eine nach sozialer Freiheit war. Das Aufbegehren der Arbeiter*innen und der Frauenbewegung richtete sich auf soziale Teilhabe, auf Gerechtigkeit und Verantwortung für das eigene und das gesellschaftliche Leben.

Die reformpädagogischen Prinzipien, die Mina Specht formulierte und ihr Bekenntnis zu einer demokratischen Erziehung ermutigen, auch heute Erziehung neu zu denken. Auch aus reformpädagogischer Perspektive heraus bietet die Auseinandersetzung mit den Schriften Spechts, so wie sie von Engelmann vorgestellt werden, interessante neue Erkenntnisse. Über die Erziehung im Nationalsozialismus wurde bereits viel geschrieben, doch dass diese Pädagogin eine so klare Sicht auf die Struktur und Prinzipien der NS-Pädagogik hatte ist beeindruckend. Minna Specht kann in der Tat nicht vorgeworfen werden, mit ihren reformpädagogischen Bemühungen Wegbereiter*in einer menschenverachtenden Ideologie gewesen zu sein. Dass „sozialistische Pädagogik“ nicht einfach nur Indoktrination bedeutet, macht zumindest das Buch von Engelmann sichtbar.

Fazit

Das Buch ergänzt historische Portraits und greift die bis heute notwendige Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus auf. Minna Spechts Überlegungen zur Reeducation sind vermutlich nicht allzu bekannt und machen Mut, dass es Menschen gab, die sich dem Nationalsozialismus radikal und analytisch hilfreich entgegenstellten. Für die historische Forschung zeigt Engelmann auch Desiderate auf.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 04.01.2019 zu: Sebastian Engelmann: Pädagogik der Sozialen Freiheit. Eine Einführung in das Denken Minna Spechts. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2018. 2018. Auflage. ISBN 978-3-506-72849-4. Reihe: Kultur und Bildung - 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24647.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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