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Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Cover Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. 428 Seiten. ISBN 978-3-455-50372-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 32,50 sFr.
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Déjà-vu oder Irrlicht? Joseph Ki-Zerbo, einer der neuzeitlich bedeutsamsten afrikanischen Geschichtsschreiber hat in seiner „Geschichte Afrikas“ deutlich und nachweislich zurückgewiesen, dass die über Jahrtausende von den Europäern immer wieder hervorgehobene Einschätzung, Afrika und die Afrikaner hätten keine (geschriebene und dokumentierte) Geschichte, falsch ist und deren Höherwertigkeitsvorstellungen und rassistischen Einstellungen geschuldet sei. Es waren die europäischen Forschungsreisenden und Abenteurer, die sich – sicherlich beeinflusst und neugierig gemacht durch die bereits aus der Antike überlieferten Vermutungen und Erzählungen vom sagenhaften Afrika – auf die gefahrvollen Wege machten, um diesen „plumpen Kontinent“ zu erkunden.

Da ist zu erinnern an den ersten deutschen Afrikaforscher Friedrich Konrad Hornemann. Der junge, unternehmungslustige, neugierige und eher introvertierte Intellektuelle, der gerade sein Studium an der Universität Göttingen abgeschlossen hatte, sollte nach den Wunsch seines Vaters, der als Pastor in Hildesheim wirkte, ebenfalls Kleriker werden. Doch der „kräftig gebaute, sommersprossige Jüngling“ strebte nach anderen Lebenszielen. Er wollte Völkerkundler werden. Bereits während seiner Kindheit und Jugend begeisterte er sich für Indianer und andere fremde Menschen, und beim Studium in Göttingen beeindruckte ihn der in seiner Zeit bekannte und anerkannte Gelehrte, Hofrat und Professor Johann Friedrich Blumenbach (1752 – 1840). Er war es auch, der ihn mit dem Naturforscher Sir Joseph Banks bekannt machte, dem Präsidenten der 1788 in London gegründeten „Association for promoting the discovery of the interior parts of Africa“. Banks hatte bereits James Cook bei seiner ersten Weltumseglung begleitet.

Die „Afrika-Gesellschaft“ suchte und förderte wissenschaftlich geschulte Reisende, die bereit waren, gewissermaßen als „geographische Missionare“ das seit der Antike sagenhafte, unbekannte Innere des „schwarzen Kontinents“ zu erkunden. Es waren Fragen, welchen Verlauf die gewaltigen afrikanischen Ströme, Nil und Niger, nehmen, ob es zwei verschiedene Ströme wären, oder ein einziges Flusssystem bildeten? Die bisherigen Versuche, diese geographischen Ungewissheiten zu klären, scheiterten: Der arabisch-sprechende Abenteurer Simon Lucas musste 1788/89 schon nach 10 Monaten sein Vorhaben abbrechen, von Tripolis aus den Niger-Verlauf zu erforschen. Der US-amerikanische Forscher John Ledyard starb 1789, als er von Kairo aus die saharischen Handelsrouten entlang des Niger kartieren wollte. Und der britische Major Daniel Francis Houghton, der dies von der Gambia-Mündung aus versuchte, bis Timbuktu kam und vermutete, dass der Niger sich mit dem Nil vereinigte, wurde in der Nähe der Oasenstadt ermordet und konnte so seine Annahme weder verifizieren noch falsifizieren.

Der nächste, den die African Association beauftragte, war der schottische Arzt Mungo Park. Er startete 1795 ebenfalls von Westafrika aus und erreichte im Juli 1796 tatsächlich den Niger. Kriegerische Auseinandersetzungen, Widerstände, gewaltsame Konflikte und Krankheit verhinderten seine Weiterreise. Seine beinahe triumphale Rückkehr nach London und seine Berichte über seine Reise (Travels in the Interior of Africa, 1799) schienen die Annahmen zu bestätigen, dass Niger und Nil eins seien.

Hier kommt nun Hornemann ins Spiel. Waren es Vorbild oder Konkurrenz, die den 22jährigen Hildesheimer anspornten, seine zwischenzeitliche Tätigkeit als Hilfslehrer an der Hannoverschen Hofschule aufzugeben und sich bei der Afrika-Gesellschaft zu bewerben? Mit Unterstützung durch die Göttinger Professoren Blumenbach, Heeren und Heyne bildete sich Hornemann in Geographie, Ethnologie und Arabisch weiter. Die Londoner Gesellschaft erteilte ihm den Auftrag, „die Sahara westwärts bis zur Mitte (zu) durchqueren, dann in die südlichen Negerreiche ab(zu)biegen und dort nach dem Niger (zu) suchen“. Als muslimischer Pilger verkleidet, schloss sich Hornemann einer Karawane an, die von Kardaffi bei Kairo aus über die Oase Siwah, Mursuk, Tripolis und Bornu Pilger in ihre westafrikanischen Heimatländer zurückbrachte. Er berichtet über seine geographischen und kulturellen Erkundungen, Abenteuer und Gefahren in Briefen an seine Londoner Auftraggeber, an die Göttinger Wissenschaftler und an seine in Hildesheim lebende Mutter: „Ich bin völlig Africaner und hier wie zu Hause“. Sein unvollständiges Tagebuch wurde 1802 in Weimar veröffentlicht (Friedrich Hornemann, Tagebuch seiner Reise von Cairo nach Murzuck, Reprint mit einer Einleitung von Erich Heinemann, Bd. 8, Landschaftsverband Hildesheim e.V., Olms-Verlag, Hildesheim 1997, 240 S.). Sein Tod im Frühjahr 1801 am Ufer des Nigers hat nicht ermöglicht, was er sich nach seiner Expedition erhoffte – eine wissenschaftliche Tätigkeit als Ethnologe aufnehmen zu können. Wie er zu Tode kam, gehört weiterhin zu den ungelösten Fragen.

Ein interdisziplinäres Forscherteam an der Universität Hildesheim hat sich von 1997/98 bis 2007/08 in mehreren Symposien und Ringvorlesungen auf die Spurensuche nach Leben und Werk des ersten deutschen Afrikaforschers begeben (Herward Sieberg / Jos Schnurer, Hrsg., „Ich bin völlig Africaner und hier wie zu Hause…“. F.K.Hornemann (1772-1801). Begegnungen mit West- und Zentralafrika im Wandel der Zeit. Hildesheimer Symposium 25. – 26. 9. 1998, Hildesheimer Universitätsschriften, Bd. 7, 1999, 204 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Friedrich Konrad Hornemann in Siwa. 200 Jahre Afrikaforschung, Bd. 11, Hildesheim 2002, 212 S.; Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Begegnungen im Tschad – Gestern und Heute. Drittes Hildesheimer Hornemann-Symposium, Bd. 13, Hildesheim 2004, 182 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Spurensuche in der Afrikaforschung – Von F.K.Hornemnn bis heute. Ausgewählte Ergebnisse zur Afrikaforschung an der Reiseroute von F. K. Hornemann, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2007, 179 S.; Gerd Busse / Gerhard Meier-Hilbert / Jos Schnurer, Hrsg., Kinder in Afrika, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2005, 315 S.).

Wenn der anerkannte Göttinger Anthropologe Johann Friedrich Blumenbach Hornemann kurz vor seinem Aufbruch zu seinem Afrika-Abenteuer noch eine Liste mit 45 Fragen übergab – z.B., dass er nach „einheimischen Krankheiten in Africa“ Ausschau halten solle, ob „Negerfrauen wirklich so leicht gebären könnten und unter den polygamischen Africanern weit mehr Mädchen als Knäbchen gebohren würden“, „Wo gehören die langhaarichten Neger zu Hause, wo die rothaarichten“,und „Plätschen wohl noch jetzt manche Neger ihren Neugebohrenen Kindern die Nase absichtlich breit?“ – wird deutlich, welche Fehl-, Falsch- und Nicht-Informationen in der Wissenschaft und europäischen Öffentlichkeit über Afrika vorherrschten.

Timbuktu?

In Sprichwörtern und Hörensagen werden gelegentlich Schnacks benutzt, in denen die konkrete Bedeutung von Orten und Geschichtsereignissen umgewandelt wird in Wünsche, Hoffnungen, Visionen und Illusionen. So verbindet sich z.B. der Spruch „Reif für die Insel“ mit der Vorstellung, den anstrengenden, verwirrenden, schwer bewältigbaren und verweifelnden Alltäglichkeiten entfliehen zu können und Muße, Frieden und Ausweg zu finden. Ebenso wird die Aufforderung „Ab nach Timbuktu“ nicht verstanden als Aufforderung, sich konkret auf den Weg in die westafrikanische, saharische Oasenstadt in Mali zu machen. Vielmehr wird mit „Timbuktu“ ein Sehnsuchtsort ausgedrückt, der eine Faszination, ein Versprechen, vielleicht sogar eine „heile Welt“ erwarten lässt. Es geht um die Dilemmata, dass Begriffe Vorstellungen und Erwartungshaltungen erzeugen, die meist den Wirklichkeiten und Lebenswelten der Menschen nicht standhalten. So haben Menschen zu allen Zeiten Orte, Landschaften und Gegebenheiten benutzt, um Visionen mit den Realitäten in Einklang zu bringen: Athen – Rom – Paris – Marseille – Tanger – Fes – Jerusalem – Peking – Cuzco – Mainz – Samarkand – Boston, Bombay… Ihre historische Bedeutung, ihr Aufstieg und Niedergang, ihr politischer und Erinnerungswert sind geprägt von Ereignissen, die für ein Volk oder sogar für die Menschheit wichtig waren und sind, die Veränderungen bewirkt, politische, gesellschaftliche und ideologische Machtpositionen gefestigt oder zerstört haben. In den Geschichtsbüchern, Dokumenten und Medien wird ihre Bedeutsamkeit hervorgehoben, bewertet, überhöht, oder sogar als Geschichtsklitterung verfälscht. Die Ereignisse werden gefeiert und vergessen.

Mythos Timbuktu!

Der Chefredakteur des Auslandsressorts der britischen Tageszeitung The Gardian, Charlie English, ist wie viele andere fasziniert von der Geschichte und den Geschichten über die Oasenstadt am Niger. Dieser Umschlagplatz auf den saharischen Handelswegen in der heutigen Republik Mali in Westafrika gilt als historischer Ort der islamischen Gelehrsamkeit, ehemals mit einer Universität ausgestattet. Die UNESCO, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, hat die Stadt Timbuktu in die Liste der Welterbestätten aufgenommen. Insbesondere im 1973 gegründeten „Ahmad Baba Historischen Dokumentations- und Forschungszentrum“ we(u)rden Schriften über die afrikanische und muslimische Geschichte aufbewahrt, und damit verdeutlicht, dass Afrika eine eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat. Die vor- und kolonialen, europäischen Afrikaforscher – Ledyard, Houghton, Laing, Caillié, Park, Barth und viele andere – meinten in Timbuktu den Schlüssel für ihre Suche nach „ihrem“ Afrika zu finden; sie erreichten, verkleidet, insgeheim und offiziell den Ort und die Region; andere scheiterten bei dem Versuch, die Geheimnisse von Timbuktu zu ergründen.

Eine eigene Interpretationsmacht beanspruchen dabei die Terrororganisationen. Der so genannte „Islamische Staat“, „Al-Qaida“ und andere fundamentalistische, dschihadistische, ethno- und weltanschaulich zentrierte, populistische Gruppen drücken ihre Geschichtsvergewisserung in ungeheuerlichen und unverständlichen Taten wie etwa der der Zerstörung der Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyan-Tal durch die Taliban, der Vernichtung von kostbaren, unersetzbaren Altertümern im Museum der nordirakischen Stadt Mossul, und eben auch der Verwüstungen in Timbuktu aus.

Das Massaker von Timbuktu

Als im April 2012 die Rebellen des nordafrikanischen Ablegers von Al-Qaida Timbuktu stürmten und dort ihr Schreckensregime errichteten, indem sie „Ungläubige“ verhafteten und töteten und alles „Westliche“ und „Moderne“ vernichteten, da zündeten sie auch, bevor sie von der malischen Armee mit Hilfe von französischen Soldaten aus der Stadt vertrieben wurden, die im Banko-Stil errichtete Bibliothek an. Unwiederbringliche, einmalige Hand- und Druckschriften, Bücher, Urkunden und Manuskripte verbrannten. Der dschihadistische Vandalismus schockierte die gebildete Welt. Dem Bibliothekar Abdel Kader Haidara, gelang es, früh- und rechtzeitig zu Beginn der Schreckensherrschaft der Terroristen, die meisten der Schriftstücke auf geheimen Wegen, in Kisten verpackt und unter Lebensmitteln, Gemüse, Vieh und Gebrauchtwaren auf Pick-ups und Flussbooten versteckt, von Timbuktu herauszuschmuggeln und in die Hauptstadt von Mali, Bamako, zu schaffen. Er und seine Helfer konnten dadurch den größten Teil der Quellenmaterialien retten, sodass nur ein kleiner Teil der Manuskripte vernichtet wurde.

Diese von offizieller und interessierter Seite lange verschwiegene Heldentat veranlasste den damaligen Nachrichtenchef des Londoner Guardian, Charlie English, sich auf die Spuren der „Bücherretter von Timbuktu“ zu begeben und sich gleichzeitig auf die Suche nach den Mythen und Wirklichkeiten in dieser geheimnisumwitterten Oasenstadt am Rande der Sahara zu machen. Charlie English findet in seinen Recherchen heraus, dass die vom Bibliothekar Haidara erzählten Geschichten von der Rettung von 377.491 Schriftstücken und den Berichten, dass deshalb von den IS-Terroristen lediglich rund 4.000 Materialien verbrannt wurden, als nicht zutreffend dargestellt werden. Warum? Vermutlich, so die Einschätzung des Autors, um die Solidarität und finanziellen Unterstützungen, die nach der Untat durch die Dschihadisten von Stiftungen und anderen Geldgebern in Millionenhöhe nach Timbuktu flossen, nicht zu konterkarieren. Er lässt offen, ob es sich dabei um einen Schachzug oder um einen Betrug handelt.

Der Journalist Ronald Düker, der in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 14. 6. 2018 das Buch von Charlie English rezensiert, konstatiert, dass der Autor als guter Journalist über die anerkennenswerte Rettungstat, wie auch über die Motive der Berichterstattung, keine Bewertung vornimmt: „Er lässt aber den Vorwurf des Betrugs und sogar der persönlichen Bereicherung im Raum stehen. Und fügt den vielen Entzauberungen, die Timbuktu, diese heute bettelarme Lehmstadt am Niger, bereits erfahren hat, eine weitere Entzauberung zu“. Immer schon nämlich vermuteten die Berichterstatter und Erzähler, die sich mit den Mythen, Legenden und Wirklichkeiten von Timbuktu beschäftigten, dass es wohl zwei Timbuktu geben müsse: „Das eine ist der reale Ort – eine träge Karawanenstadt, dort, wo der Niger in die Sahara abbiegt. Das andere Timbuktu ist eine sagenhafte Stadt aus dem Reich der Legenden – das Timbuktu der Phantasie“.

Charlie Englishs Schilderungen über die chaotische, terroristische Machtausübung der Al-Qaida-Salafisten verweisen auf ein Grundproblem des Terrors: Während anscheinend an der Spitze der unterschiedlichen Gruppierungen fanatische, durchaus intellektuelle Führer dirigieren, bestimmen analphabetische, halt- und perspektivlose Fanatiker die Realitäten vor Ort. Der islamische Streit über den „rechten Glauben“, der zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Wahhabiten und Sufisten, zwischen dem radikalen und dem gemäßigten Islam stattfindet, bestimmt auch die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Rebellengruppen und damit auch die Situation in Timbuktu. Weil es in allen Fragen, die das menschliche Dasein, das Sagen und Versagen betreffen, um die Urfrage nach der Wahrheit geht, zeigt sich in den Wirklichkeiten und Imponderabilien des Menschseins immer auch die Diskrepanz zwischen Sein und Schein, zwischen Ehrlichkeit und Korruption, zwischen Beweisen und Deuten.

Internationale Strafgerichtsbarkeit

Die gerichtliche Ahndung der Zerstörung von (Welt-)Kulturgütern steht auf der Agenda des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag ( Benjamin Dürr, Im Namen der Völker. Der lange Kampf des Internationalen Strafgerichtshofs, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21079.php). In seiner Gegenüberstellung der historischen Gegebenheiten mit den terroristischen Zerstörungen in der Neuzeit hat Charlie English die internationalen, rechtlichen und moralischen Reaktionen nur am Rande erwähnt. Am 6. Juli 2018 begann der Kriegsverbrecherprozess gegen einen der Hauptverdächtigen der Kulturgutzerstörungen und weiterer Gräueltaten während der Gewaltherrschaft der Islamisten. Der Malier Ahmad Al Faqi Al Mahdi wird angeklagt, als ehemaliger Chef der Sittenpolizei der Terrormiliz Ansar Dine die Vernichtung von Weltkulturerbestätten in Timbuktu angeordnet und dabei eigenhändig mitgewirkt zu haben. Der ehemalige Lehrer und Intellektuelle begründet seine Teilnahme mit ideologischer Verirrung, und er bekennt sich schuldig. Das laufende internationale Gerichtsverfahren sollte weltweite Aufmerksamkeit erfahren und hoffentlich dazu beitragen, dass die gewaltsame Zerstörung von Kulturgütern und von Menschenrechtsverletzungen künftig unterbleiben.

Fazit

Jeder Mensch findet irgendwann, irgendwo und irgendwie sein Timbuktu, nämlich dann, wenn Erinnerung, Emotion und Phantasie zusammen kommen und sich aus Geschichte und Wirklichkeit Visionen oder Illusionen entwickeln, sich der Mythos zum Melodrama wird. Dann kann es passieren, dass aus Fakten Fake News und aus Wahrheiten Lügen werden (Rolf Arnold, Ach, die Fakten. Wider den Aufstand des schwachen Denkens, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23890.php). Warum gerade Timbuktu zu einem solchen Bild werden konnte, hat viele Gründe: Geographische, weil der Ort immer schon das Dilemma von Unerreichbarkeit und Wunschvorstellung verdeutlicht; ethnisch, weil sich darin die weltanschaulichen Auseinandersetzungen zeigen; politisch, weil sich die Suche nach Macht und Herrschaft wie in einem Brennglas spiegeln; und umweltbezogen, weil der Oasenort die anthropologische Bedeutung von Oikumene und Ökonomie hervorhebt. Journalisten, Schriftsteller, Whistleblower, Meinungsbildner und Selbstdenker sind aufgefordert, genau hinzuschauen, wenn sich die Unterschiede zwischen Wirklichkeiten und scheinbaren Wahrheiten und Ereignissen verwischen und dabei Wunschvorstellungen, Geschichtsverklitterungen und Meinungsmanipulationen entstehen! Lokal und global kriechen (wieder) Egozentrismen, Populismen, Fundamentalismen und antidemokratische Tendenzen aus ihren Löchern. Da ist es gut, dass auch der investigative Journalismus Warn- und Stoppschilder aufstellt.

Charlie English gelingt es in ausgezeichneter und nachvollziehbarer Weise, mit seiner Erzählung über Timbuktu die Diskrepanz zwischen dem anthropologischen, herausfordernden Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen im menschlichen Dasein zu verdeutlichen. Wenn er im Epilog davon spricht, er stelle sich die Geschichte Timbuktus wie eine Überlagerung vieler verschiedener Mystifikationen und Erzählungen vor, die aufeinander aufbauen wie die Schichten uralter Sedimentgesteine, dann schwingt er bildhaft seinen Gesteinshammer, um Zeugnisse aus der Vergangenheit freizulegen, die für die Gegenwart und Zukunft der Timbukter wie der gesamten Menschheit von Bedeutung sind. Interessant, illustrierend und aussagekräftig sind auch die der Erzählung beigefügten 16 historischen SW-Abbildungen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.08.2018 zu: Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu. Von der Suche nach der sagenumwobenen Stadt und der Rettung ihres Schatzes. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-455-50372-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24649.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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