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Nicola J. Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Gesundheit und Gesunderhaltung bei Menschen mit komplexer Behinderung

Cover Nicola J. Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Gesundheit und Gesunderhaltung bei Menschen mit komplexer Behinderung. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2018. 270 Seiten. ISBN 978-3-945771-15-0. D: 17,40 EUR, A: 17,90 EUR.
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Thema

„Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity. The enjoyment of the highest attainable standard of health is one of the fundamental rights of every human being without distinction of race, religion, political belief, economic or social condition.“ – Satzung der WHO (http://apps.who.int)

Gesundheit als Zustand des psychischen, physischen und sozialen Wohlbefindens – wie es die Weltgesundheitsbehörde (WHO) seit 1948 als Grundrecht definiert – ist gerade bei Menschen mit Komplexen Behinderungen sicherlich eine Lebens- und Entwicklungsperspektive, die wiederholt und schnell gefährdet sein kann; bedingt durch die potentielle Schwere und Vielschichtigkeit der Beeinträchtigungen haben Menschen mit einer Komplexen Behinderung – so Nicola J. Maier-Michalitsch, die Herausgeberin des vorliegenden Sammelbandes – ein deutlich erhöhtes und vielfach nicht wahrgenommenes Risiko akut oder chronisch zu erkranken (vgl. S. 7 f.).

Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen, die aktuell oder beständig erkrankt sind, bedürfen in der Regel einer besonderen Begleitung und Betreuung, hier geht es sicherlich zunächst um eher pflegerische Perspektiven, wie die Überprüfung der Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme, das Fiebermessen oder das Verabreichen von entsprechenden Medikamenten; gleichermaßen sind aber auch pädagogische Kompetenzen gefordert, denn es reicht eben nicht aus, dass der kranke Mensch Tabletten bekommt, sondern, dass sich auch jemand um ihn kümmert und ihn vielleicht tröstet (Haisch / Kolbe 2013: S. 222).

Mit einem interdisziplinären Ansatz versuchen die 28 Autorinnen und Autoren der hier besprochenen Publikation den Prozess der Gesunderhaltung und Krankenpflege von Menschen mit Komplexen Behinderungen wissenschaftlich zu fundieren und handlungsrelevante Theorie-Praxis-Bezüge für medizinische, heil- und sonderpädagogische Fachkräfte zu entwickeln.

Die definierte Zielperspektive des vorliegenden Buches ist ebenso die intensive Wissensvermittlung und gesundheitliche Aufklärung, wie das Aufzeigen von Praxisbeispielen um die Gesundheit von Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen zu erhalten und zu fördern (S. 8).

Herausgeberin

Die ausgebildete Physiotherapeutin und promovierte Sonderpädagogin Dr. Nicola J. Maier-Michalitsch ist Mitglied im Vorstand der Stiftung Leben pur und verantwortet als wissenschaftliche Leiterin die Verbindung von Theorie und Praxis; sie fungiert als (Mit-)Herausgeberin zahlreicher Publikationen, die aus Fachtagungen der Stiftung hervorgegangen sind; darunter die ebenfalls im verlag selbstbestimmtes leben erschienenen Titel:

Aufbau

Der Sammelband gliedert die 23 wissenschaftlich orientierte, vertiefende und praxisorientierte Beiträge in sechs thematische Schwerpunkte:

  1. Grundlagen
  2. Vertiefende Themen
  3. Neues aus der Forschung
  4. Projekte aus der Praxis
  5. Expertinnen in eigener Sache schildern ihre Situation
  6. Möglichkeiten für die Praxis

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu I. Grundlagen

Im ersten Beitrag zu den Grundlagen befasst sich Prof. Dr. Dr. Andreas Fröhlich mit der ambivalenten Frage / Thematik: Hauptsache gesund? – Gedanken zum Leben mit schwerer Behinderung zwischen Gesundheit, Wohlbefinden, akutem und chronischen Krank-Sein; ausgehend von der eingangs zitierten WHO-Definition von Gesundheit skizziert der Autor das bio-psycho-soziale Verständnis, dass Gesundheit mehr ist, als nur das „Fehlen“ von Krankheit und dass Gesundheit in hohem Maße von der sozialen Einbettung, von Akzeptanz und Begleitung des einzelnen Menschen abhängig ist (S. 10); obwohl Menschen mit Behinderung – wie letztlich alle Menschen – sowohl gesund als auch krank sein können, muss festgestellt werden, dass Menschen mit Komplexen Behinderungen überdurchschnittlich oft von gesundheitlichen Störungen oder Anfälligkeiten betroffen sind und daher der Prävention von Erkrankungen eine besondere Bedeutung zukommen muss (müsste); über einen „erschreckenden Exkurs“ (S. 14) zur Frage nach dem Wert eines Lebens mit schweren Behinderungen begründet Andreas Fröhlich die Notwendigkeit eines Gesundheitskonzepts für Menschen mit Komplexer Behinderung.

Prof. Dr. Toni Faltermeier thematisiert in seinem Artikel: Salutogenese – Resilienz – Gesundheitskompetenz: Anregungen zur Gesunderhaltung von Menschen mit Behinderung; die kompakten, gut nachvollziehbaren Begriffsbestimmungen werden in einem integrativen Modell der Salutogenese zusammengeführt (S. 25), das die subjektiven und sozialen Aspekte von Resilienz und Gesundheitskompetenz beinhaltet; dies führt den Autor zu kurzen, nachvollziehbaren, elementaren Anregungen für die Gesunderhaltung von Menschen mit Behinderung, von betreuenden Angehörigen und Fachpersonal; zusammenfassend sei wichtig, „die Gesundheitskompetenz aller Beteiligten zu stärken und gegenseitig unterstützende soziale Beziehungen zu entwickeln, die nachhaltig gesundes Leben ermöglichen“ (S. 28).

Im dritten Grundlagenbeitrag: Gesundheit und Gesunderhaltung im Kontext von Pädagogik betonen die Sonderpädagoginnen Dr. Helga Schlichting und Julia Heusner, dass Gesundheit eine grundlegende Voraussetzung für die Ermöglichung von Teilhabe darstellt (S. 29); bezugnehmend auf das Salutogenesekonzept von Aaron Antonovsky heben die Verfasserinnen vor allen Dingen die Bedeutung einer Stärkung des Koherenzgefühls / des Koherenzerlebens für die Menschen mit Behinderung hervor; wenn es – mit ressourcenorientierten, (heil-)pädagogischen Konzepten – gelingt, die eigene personale Identität der betreuten Menschen zu stärken, können Selbstwirksamkeitserfahrungen entstehen; die Menschen mit Komplexen Behinderungen werden befähigt, selbst(ständig) tätig zu sein; sie können in Beziehungen eintreten und in Beziehungen sein, Sinn und Bedeutung erleben; dies ermöglicht (mehr) Selbstbestimmung und Kreativität; zusammenfassend sei es also notwendig, eine sorgende, achtsame (Heil-)Pädagogik zu konzipieren, die – ethisch fundiert – selbstverletzendes und stereotypes Verhalten nicht pauschal als „Verhaltensstörung“ definiert, vielmehr müssen Schmerzen als Symptom schwerer Erkrankungen besser berücksichtigt werden; gesundes Essen und Trinken als bedeutsames Problemfeld erkannt werden und in entsprechenden institutionellen, professionellen Strukturen Berücksichtigung finden (S. 34 f.).

Der Internist Dr. Jörg Stockmann stellt in seinem Beitrag: Leben mit schwerer Behinderung. Was hält gesund? Was macht krank? Und was wissen wir überhaupt darüber? zentrale medizinische Fragestellungen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen; ungeachtet der Notwendigkeit zu einer individuellen Betrachtung von Krankheitsbildern und -verläufen erkennt der Verfasser drei wesentliche Aspekte, die einen Einfluss auf Gesunderhaltung bzw. der Bedrohung des Gesundheitszustandes darstellen (S. 44):

  • Kommunikationsbarrieren
  • Multimorbidität
  • Herausforderndes Verhalten

Auch, wenn das verfügbare Wissen über Menschen mit komplexer Behinderung – so Jörg Stockmann – deutlich geringer einzustufen ist, als für Menschen ohne Behinderung scheint es doch so zu sein, dass gerade die strukturellen Barrieren im Gesundheitssystem als relevante Einflussfaktoren zu sehen sind; trotz insgesamt gestiegener Lebenserwartung erscheinen viel Todesfälle bei Menschen mit Behinderung vermeidbar (S. 48); dies führt den Autor – auch unter dem Schlagwort: „Vorbeugen ist besser als heilen“ zu einer Reihe kurz skizzierter praktischer Handlungsempfehlungen zur Vorbeugung, Vorsorge und Früherkennung für Menschen mit schweren, mehrfachen Handicaps(wie z.B. regelmäßige Check-Up-Untersuchungen durch Hausärzte oder dem Erhalt der Mobilität durch gezielte Physiotherapie etc.)

Im Beitrag Gesund beginnt im Mund! Orale Prävention bei Menschen mit Komplexer Behinderung (k)eine Selbstverständlichkeit verdeutlicht der Zahnarzt Dr. Marc Auerbach die Folgen einer – vielfach aufgrund der Zeitnot in der Pflege und/oder dem entsprechenden Mehraufwand für bestimmten zahnärztlichen Behandlungen (Narkose) – vernachlässigten Zahn- und Mundhygiene für die Betroffenen; illustriert durch nachvollziehbare Fotografien werden vier Säulen der Zahngesundheit beschrieben:

  • Zahnpflege
  • Ernährung
  • Fluoride
  • Zahnarztbesuch

Zu II. Vertiefende Themen

Die Vertiefenden Themen des II. Hauptkapitels werden durch Prof. Dr. Annett Thiele's Text: Transdisziplinäres Denken und Handeln im Interesse von Menschen mit Komplexer Behinderung eingeleitet; der vielschichtige Gesundheitsbegriff wird als Gegenstand der Teamarbeit definiert, die – professionsbergreifend – somatische, psychische und soziale Aspekte ebenso berücksichtigen muss, wie soziokulturelle und sozioökonomische Aspekte; ausgehend von zentralen Grundlagen, Herausforderungen und Konfliktfeldern der Teamarbeit skizziert die Autorin ein zirkulär ausgerichtetes Handlungsmodell für die transdisziplinären Teams in den Institutionen der Behindertenhilfe (vgl. S. 81 f.) und fügt ihren Überlegungen einen praxisorientieren Reflexionsbogen für Team (speziell im schulischen Umfeld) bei.

Kerstin Stumpf und Andrea Siemen betonen im Beitrag: Rechtssicher – Mit Verantwortung pflegen und unterstützen. Rechtliche Grundlagen in der Gesundheitssorge und -unterstützung, dass verantwortungsvolle Gesundheitsförderung für Menschen mit Komplexer Behinderung zielgerichteten Regeln unterworfen sein muss; das uneingeschränkte Recht auf Gesundheit macht die Gesundheitsförderung für Menschen mit Behinderung zu einem zentralen Element der Eingliederungshilfe nach SGB IX; die „Eingliederungshilfe ist aufgefordert zu einer Fachlichkeit, die Respekt vor der Person wahrt und Zwang und Manipulation vermeidet mit pfiffiger, kreativer Assistenz, die im Kontakt mit dem/der Betroffenen steht“ (S. 90); dass diese Forderung eine Reihe von Rechtsfolgen für die Mitarbeitenden nach sich zieht, wird – auch anhand exemplarisch ausgewählter Fallbeispiele zu Zwangsbehandlung, Selbstverletzung etc. – untermauert.

Brigitte Buermann-Gerdes stellt – knapp – Integrierte Assistenz – Ein neues Modell für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf vor; Zielperspektive dieses Konzeptes ist es, Pflege und Teilhabe im Kontext der Eingliederungshilfe Rechnung zu tragen und Assistenz aus der Hand multiprofessioneller Teams zu erbringen, die Heilpädagogik, Pflege und Hauswirtschaft verknüpfen.

Möglichkeiten der Schmerzerfassung und Schmerzwahrnehmung für Menschen mit Komplexer Behinderung sind das zentrale Thema des Heilpädagogen Florian Nüßlein; da die Möglichkeiten einer Schmerzerfassung bei Menschen mit schweren Behinderungen oft begrenzt sind, gilt es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in diesem Bereich grundlegende Instrumente zu kennen, anzuwenden und in ihrer Effektivität zu reflektieren (S. 106); der Verfasser gibt einen Überblick zum aktuellen Forschungsstand oder den gesundheitlichen Risiken und Begleiterkrankungen bei Menschen mit Komplexen Behinderungen; er verweist u.a. auf Systeme der Schmerzerfassung und Symptombehandlung und plädiert folgerichtig für die Implementierung eines Schmerzmanagements in der Praxis des Handlungsfelder der Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Der Architekt Christian Maeder verdeutlicht in seinem kompakten und leider durch ein äußerst langes Zitat geprägten Beitrag: Healing Architecture – Wie sich die Raumgestaltung auf die Gesundheit auswirken kann die Notwendigkeit, Pflege und Assistenz eben nicht ausschließlich körpernah und in individuellen, pädagogischen Kontexten zu betrachten; vielmehr wirke eben durchaus auch Architektur und Raum – z.B. in einem Krankenhaus – auf die Genesung und/oder Gesundheit von Menschen.

Zu III. Neues aus der Forschung

Prof. Dr. Dr. Christian Schubert und Magdalena Singer gestalten den ersten von zwei Texten zum III. Themenblock (Neues aus der Forschung); im noch relativen neuen Forschungsgebiet: Psychoneuroimmunologie – wie psychosoziale Faktoren unser Immunsystem und unsere Gesundheit beeinflussen; befasst sich das Autorenteam mit der Frage, wie sich die vielfältigen Verbindungen zwischen Nerven, Hormon- und Immunsystem auf das psychosomatische Wohlbefinden von Menschen auswirkt; eine Dysbalance im Stresssystem kann – kurz zusammengefasst – mit einem deutlich erhöhten Krankheitsrisiko assoziiert werden (S. 136); Kontrollerleben, Selbstwirksamkeit und Soziale Beziehungen können als Positivfaktoren wirken (S. 137 f.).

Dr. Renee Lampe widmet sich in ihrer Forschung dem Klavierspielen zur Förderung der Sensomotorik bei Menschen mit Cerebralparese; die unbestrittene Bedeutung von Musik für Menschen mit Behinderung beschränkt sich nicht nur auf das Konsumieren von Musik; auch das eigenständige Musizieren ist hier eine verbreitete, wichtige Freizeitgestaltung; gerade das Klavierspielen bezieht mehrere Gehirnareale wie das Gedächtnis, das Hören oder Sehen und die Motorik mit ein; belegt wird das nicht zuletzt durch die kurz dargestellte eigene Studie der Verfasserin.

Zu IV. Projekte aus der Praxis

Ines Olmos und Imke Kaschke eröffnen mit Healthy Athetes® – Gesunde Athleten den IV. Bereich des Sammelbandes (Projekte aus der Praxis). Seit 2004 begleiten ehrenamtlich engagierte Helferinnen und Helfer Sportlerinnen und Sportler mit Handicap bei nationalen und internationalen Wettbewerben der Special Olympics; Zielperspektive des Gesundheitsprogramms ist – das macht der kurze Überblick zu den einzelnen Aktivitäten deutlich – vor allen Dingen die nachhaltige Verbesserung der Selbstwirksamkeit von Menschen mit Behinderung und die entsprechende Mobilisierung von Ressourcen im Bereich er Gesundheitssorge.

Dr. Werner Schlummer beschreibt das Projekt: Gesundheitsmanagement in Werkstätten; das innovative Konzept rückt die Gesundheit am Arbeitsplatz aller Beschäftigten von Werkstätten für Menschen mit Behinderung (Fachpersonal und Menschen mit Behinderung) in den Fokus; ganz im Sinne eines integrativen betrieblichen Gesundheitsmanagements werden – gemeinsam mit allen Beteiligten – Themen wie Arbeitsplatzgestaltung / Arbeitssicherheit / Kommunikation / gesundheitsgerechte Führung und Mitarbeiterbeteiligung und/oder die Aktivierung bzw. Förderung der individuellen Gesundheit erarbeitet und entsprechende Handlungskonzepte entwickelt.

Die Ergotherapeutin Birgit Pohler stellt im Folgenden das Medizinische Zentrum für erwachsene Menschen mit Behinderung (MZEB) – eine Innovation im Gesundheitssystem vor; ausgehend von der Überlegung, dass es zwar zunehmend inklusive und sozialräumlich orientierte Projekte und Strukturen zur dezentralen Teilhabe von Menschen mit Behinderung in den Lebensbereichen Wohnen, Arbeiten, kulturelle Teilhabe oder Bildung gibt, berücksichtigt die medizinische Versorgung die Bedürfnisse dieser Zielgruppe im Stadtteil oder Quartier oft nur unzureichend; eine Folge der Dezentralisierung von organisatorischen Strukturen der Eingliederungshilfe ist demzufolge, dass Krankheiten oft nicht rechtzeitig erkannt und angemessen behandelt werden (vgl. S. 168 f.); um eben dieses strukturelle Defizit in der ambulanten, wohnortnahen medizinischen Versorgung zu kompensieren wurde ein Gesundheitskonzept für Hamburg entwickelt, das den Aufbau eines Kompetenznetzes und einer entsprechenden Regelversorgung vorsieht.

Der Facharzt Dr. Hansjörg Knarr bestätigt in seinem Beitrag: MZEB – eine Innovation im Gesundheitssystem für Menschen mit komplexer Behinderung die Bedeutung einer Errichtung spezieller medizinischer Behandlungszentren für Menschen mit geistiger Behinderung und schwerer Mehrfachbehinderung; im Kontext geschichtlicher Entwicklung, der juristischen Perspektiven im § 119c SGB IX und § 43b SGB V, sowie vieler – durch Foto’s illustrierter – Fallbeispiele werden Zielperspektiven, Leistungen und Finanzierungsgrundlagen eines MZEB’s (in München) verdeutlicht.

Zu V. Expertinnen in eigener Sache schildern ihre Situation

Der V. Themenbereich des Sammelbandes (Expertinnen in eigener Sache schildern ihre Situation) ermöglicht Menschen mit komplexer Behinderung eigene Erfahrungen im Zusammenhang mit Gesundheit und Gesundheitsförderung darzustellen:

Der Sozialpädagoge Julian Spiess widmet sich dem Thema: Gesundes Leben – selbstbestimmt und eigenverantwortlich?! und schildert eindrucksvoll seinen erfolgreichen Lebensweg aus dem wohlbehüteten, stets unterstützend erlebten Elternhaus hin zu einem eigenständigen Leben mit einer 24-Stunden-Assistenz in einer eigenen Wohnung; er zeigt eindrücklich auf, dass Menschen mit schwere Behinderungen so frei und selbstbestimmt leben wollen und können, wie es ihre Lebensumstände eben zulassen (S. 197).

Marion Tapken - eine Co-Referentin der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation – wählt für ihren Text die Überschrift: Gesund leben – was ist das? Mit Freude leben zählt!; die Autorin versucht ihre körperlichen und seelischen Beschwerden (cerebrale Bewegungsstörung; Spastik etc.) ohne Operationen zu bewältigen; in unterschiedlichen Ausdrucksformen – wie Malen oder Gestalten mit Ton – gelingt es Marion Tapken, sich auszudrücken und Probleme zu bewältigen; der Glaube gibt ihr Kraft; in der Tätigkeit als Referentin findet sie Sinn und versucht dementsprechend stets mit Freude, Gottvertrauen und Spaß in den Tag zu starten.

Zu VI. Möglichkeiten für die Praxis

Im VI. und letzten Themenblock (Möglichkeiten für die Praxis) vereint die vorliegende Publikation Berichte zu unterschiedlichen Techniken und Methoden der Gesundheitspflege und Gesunderhaltung:

Eva-Marie Anslinger schildert in ihrem Beitrag: Sanfte Gesundheitspflege mit der Aromatherapie Einsatzmöglichkeiten ätherischer Öle und ihrer Heilwirkungen auf Körper, Geist und Seele.

Andrea Gutmann und Daniela Klöpfer beschäftigen sich mit: Resilienz stärken – das soziale Gefüge gesund erhalten; neben der Skizze effektiver Bewältigungsmechanismen bei Familien mit Kindern mit Behinderung, werden u.a. mehrdimensionale Ansätze in der Mutter-/Vater-Kind-Kur oder Resilienz stärkende Angebote für Kinder und Jugendliche mit Behinderung kurz skizziert.

Der thematische Schwerpunkt der Krankenschwester Claudia Niemann ist die Kinästhetische Mobilisation als Aktivierung für KlientInnen und Entlastung für AssistentInnen; die Verfasserin zeigt – unterstützt durch exemplarische Foto’s – konkrete Maßnahmen der Bewegungsförderung, wie das Gestalten von Positionen oder dem Wechsel von Positionen auf; rückenschonendes Arbeiten oder die Dokumentation der Interventionen sind ebenfalls Gegenstand des Textes.

Die Physiotherapeutinnen Maresa Reuther-Strauss und Marianne Meedwenitsch erweitern / vertiefen den Blick auf Gesundheit fördern durch Positionieren und Positionswechsel; hierbei werden z.B. die Mobilität im Liegen (Seitenlage, Bauchlage) oder Mobilität in der Aufrichtung (Sitzen, Stehen) beschrieben.

Dr. Werner Schlummer beschließt den Sammelband mit dem kurzen zusammenfassenden, ausblickenden Beitrag: Gesunde Lebensweise – wenn das so einfach wäre! und versucht dabei zentrale Aspekte, Herausforderungen und Forschungsfragen aus institutioneller Sicht zu skizzieren.

Diskussion

Gesundheit und Gesunderhaltung von Menschen mit Komplexer Behinderung ist, wie schon eingangs aufgezeigt, durchaus eine Problematik, die – so Dr. Nicola Maier-Michalitsch in ihrem Vorwort – in ihrer Bedeutung für die Lebensqualität und das selbstbestimmte Leben der Menschen noch nicht ausreichend wahrgenommen wird (S. 7).

Der vorliegende, vielschichtige und gut editierte Sammelband bietet einen – sicherlich nicht abschließenden, aber eben doch umfassenden und vielschichtigen – Einblick in die vielfältigen, interdisziplinären Herausforderungen und Fragestellungen einer gelingenden, achtsamen Assistenz, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung im Kontext gesundheitserhaltenden und gesundheitsfördernder Maßnahmen.

Auch, wenn der Sammelband am Ende doch eine ganze Reihe von Heerausforderungen und Forschungsfragen benennt (S. 257):

Gesundheit und Gesunderhaltung von Menschen mit Komplexer Behinderung müssen – und das zeigt der vorliegende, vielschichtige und gut editierte Sammelband an vielen Stellen eindrücklich – zentrale Zielperspektiven und Aufgabenfelder in der Assistenz, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung sein.

Fazit

Sammelbänden oder auch Tagungsberichte fehlt es zuweilen an einer thematisch einheitlichen Ausrichtung und der guten inhaltlichen Verknüpfung der einzelnen Beiträge; sicherlich ist es auch in der vorliegenden Publikation so, dass sich die Berichte im Hinblick auf Wissenschaftlichkeit, Bedeutsamkeit, Qualität, Umfang und/oder auch hinsichtlich stilistischer Fragesellungen z.T. signifikant unterscheiden (und das mag sicherlich von Leserin zu Leser unterschiedlich wahrgenommen werden).

Insgesamt gelingt es der Herausgeberin und den beteiligten Autorinnen und Autoren ein relevantes Thema äußerst vielfältig, interessant und informativ zu diskutieren; an vielen Stellen regt die Lektüre der Texte – sowohl in Theorie als auch Praxis – zur Vertiefung und zum Weiterdenken an.

In diesem Kontext ist Gesundheit und Gesunderhaltung bei Menschen mit Komplexer Behinderung ein Buch, das sehr empfehlenswert ist und dem unbedingt eine weite Verbreitung im Arbeitsfeld der Assistenz, Betreuung und Begleitung von Menschen mit Behinderung zu wünschen ist.

Literatur


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 10.01.2019 zu: Nicola J. Maier-Michalitsch (Hrsg.): Leben pur - Gesundheit und Gesunderhaltung bei Menschen mit komplexer Behinderung. verlag selbstbestimmtes leben (Düsseldorf) 2018. ISBN 978-3-945771-15-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24651.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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