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Armin Nassehi: Gab es 1968? Eine Spurensuche

Cover Armin Nassehi: Gab es 1968? Eine Spurensuche. Kursbuch (Hamburg) 2018. 200 Seiten. ISBN 978-3-96196-008-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.
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Horizonteröffnung

Im Oktober 2018 erschien bei Suhrkamp in Berlin in deutscher Übersetzung das jüngste Buch der französischen Schriftstellerin Annie Erneaux: „Erinnerung eines Mädchens“ (Original: Mémoire de fille; Paris: Gallimard, 2016). Das „Mädchen“, das ist die Autorin selbst. In ihrer Rezension des Buches (DIE ZEIT vom 11.10.2018, S. 49) schreibt Iris Radisch: „Sie versetzt sich in das 18-jährige Mädchen zurück, das sie im Jahr 1958 gewesen ist, als sie in einer Ferienkolonie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte. Der Gedanke, sie könnte sterben, ohne über dieses fremde Mädchen, das sie selbst war, geschrieben zu haben, ließ ihr keine Ruhe. Dieses Mädchen wiederzufinden bedeutete, den ranzigen Geschmack der Fünzigerjahre noch einmal zu kosten, die Qualen zurückzuholen, die ein junges Mädchen empfand, das zehn Jahre vor der sexuellen Revolution ‚dem universalen Gesetz der wilden Männlichkeit‘ nachgab und gegen seinen Willen mit einem jungen Mann schlief, weil es die duldungsstarre Unterwerfung unter den männlichen Sexualtrieb für das natürliche Aufgabengebiet der Frauen hielt. Danach verliebte sie sich in den Misstäter und wurde von allen als ‚Nutte‘ behandelt. Sie hat sich entsetzlich geschämt.

Dieser ‚historischen Scham‘ der Unterwerfung und der Unfreiheit, die nicht nur ihr Leben, sondern das Leben aller Frauen ihrer Generation begleitete, ist dieses Buch gewidmet: ‚Zehn Jahre, in den Augen der Geschichte eine kurze Zeit, aber sehr lange für ein kurzes Leben, Tausende von Stunden und Tagen, in denen die Bedeutung dessen, was man erlebt hat, sich nicht verändert und man sich weiter schämt.‘“

Diese zehn Jahre waren 1968 zu Ende; „Die bleierne Zeit“, wie Margarethe von Trotta (Jg. 1942) das nannte, war 1968 vorbei.

Thema

1968 ist eine Jahreszahl, „1968“ eine Chiffre. Viele der damals Beteiligten, und das sind viel, viel mehr als die (studenten-)politischen Akteurinnen und Akteure, haben „1968“ als „großen Knall“ erlebt – so wie Annie Erneaux. Aus dieser Perspektive kann der Autor nicht auf „1968“ blicken, er war im Sommer 1968 gerade mal acht Jahre alt. Er kann nur zurück blicken. Und das tut er in einer Weise, wie die Gravitationswellenforschung auf den kosmischen Urknall zurück blickt: Man sammelt Spuren von Dort-und-damals im Hier-und-heute. Armin Nassehi tut das in der Manier seiner Disziplin – der Soziologie.

Als „Thema“ des vorliegenden Buches könnte man angeben, der Autor entfalte darin in Beantwortung der Frage, was von „1968“ geblieben sei, die im 7. Kapitel ausgeführte, aber durch die vorherigen Kapitel vorbereitete These: „dass sich in der heutigen Alltagskultur, Kritikform und den akademisierten Debatten die Erbschaften [von ‚1968‘] amalgieren: Dauerreflexion und Dauermoralisierung gehen in einer Form auf, die sich vor allem der popkulturellen Pose verdankt. Inzwischen geht es nicht mehr um die befreienden Perspektiven der Reflexion und der Inklusionsschübe, sondern um Anerkennungsgerechtigkeit bis hin zur Pose des Authentischen – übrigens sowohl in der kulturlinken als auch in neorechten Szenen. Womit nicht gesagt ist, dass nun alle Rechte seien, sondern dass der Grundkonflikt sich nicht mehr wie in den 1970ern an den implizit linken Fragen universalistischer Inklusion und pluralistischer Liberalität entzündet, sondern an den implizit rechten Fragen der Zugehörigkeit, der Anerkennungsgerechtigkeit und der Wiederentdeckung des Eigenen als letzter Bedeutung.“ (S. 11-12)

Autor

Armin Nassehi war 1968, wie gesagt, nicht „dabei“; er wurde (erst) 1960 geboren und als er 1979 zum Studium nach Münster kam, fand er sich an einem Ort wieder, in dem (um) 1968 (studenten-)politisch nicht allzu viel los war (vgl. Großbölting, 2018), in dem aber von „1968“ noch manches zu spüren war. Armin Nassehi studierte von 1979 bis 1985 Erziehungswissenschaften, Philosophie und Soziologie in Münster und an der Fernuniversität in Hagen, von 1988 bis 1994 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Münster. Dort wurde er 1992 in Soziologie mit der Arbeit „Die Zeit der Gesellschaft“ (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1993) promoviert. Im Jahr 1994 folgte die Habilitation mit einer biografieanalytischen Arbeit über ehemalige Insassen sowjetischer Zwangsarbeitslager; diese Arbeit, seine einzige „empirisch“ zu nennende, wurde (aus nicht zu ermittelnden Gründen) nie veröffentlicht. Alle weiteren Arbeiten von Armin Nassehi, ob nun als Einzel- oder Co-Autor sind theoretischer Natur: von „Tod, Modernität und Gesellschaft“ (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1989; zusammen mit Georg Weber) bis „Die letzte Stunde der Wahrheit“ (Hamburg: kursbuch.edition, 2. Aufl. 2018).

Nach Lehrtätigkeiten in Münster und München wurde er 1998 auf den Lehrstuhl I für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit sind Kultur-, Politische, Religions- sowie Wissens- und Wissenschaftssoziologie. Seit 2012 ist er neben Peter Felixberger Herausgeber des „Kursbuchs“. Dieses hat freilich inhaltlich wenig zu tun, mit dem ursprünglichen „Kursbuch“, das 1965 von Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel gegründet worden war.

Das hier gleich anfangs zu erwähnen scheint notwendig, denn Armin Nassehi reibt sich fortwährend an Karl Markus Michel, der als Mit- und später erster Herausgeber das „Kursbuch“ ab 1971 bis zu seinem frühen Tod im Jahre 2000 so sehr prägte, dass jede(r) danach kommende (Mit-)Herausgeber(in) des „Kursbuch“ sich an ihm messen lassen muss(te) – zumindest nach dem Maßstab jener, die als „Alt-68er“ Karl Markus Michels „Kursbuch“ zwei Jahrzehnte lang – neben dem „Argument“ – gelesen haben.

Aufbau und Inhalt

Als „Thema“ des vorliegenden Buches wurde oben ausgemacht: In Beantwortung der Frage, was von „1968“ geblieben sei, präsentiert der Autor die These, die im 7. Kapitel unter dem Titel Dauerpose – nach 68 ausgeführte und durch frühere Kapitel vorbereitete These, „dass sich in der heutigen Alltagskultur, Kritikform und den akademisierten Debatten die Erbschaften [von ‚1968‘] amalgieren: Dauerreflexion und Dauermoralisierung gehen in einer Form auf, die sich vor allem der popkulturellen Pose verdankt“ (S. 11).

Einer der Erzählstränge der mit zwei anderen im 7. Kapitel verknüpft wird, beginnt im 3.: Dauerreflexion: „Dauerreflexion als Kommunikationsexplosion war wohl das Signum der Generationslage der 1960er und 1970er Jahre.“ (S. 10) Der Faden Dauermoralisierung wird in Kapitel 4 gesponnen: „Moralisierung meint hier die Etablierung geradezu unbedingter Standpunkte, aus Binnensicht zurückführbar auf das von mir so genannte ‚Sympathieparadox der Linken‘, aus einer analytischen Perspektive auf das ‚Technologiedefizit‘ der Inklusionsstrategien der 1970-er Jahre.“ (S. 10). Das 6. Kapitel Dauerberieselung „nimmt die dritte bleibende Erbschaft von ‚1968‘ auf, nämlich die Popkultur, insbesondere in der Form der Popmusik, ohne die eine Interpretation der Generationslage von ‚1968‘ unvollständig bliebe“ (S. 11).

Den Anfang macht der Autor mit Ausführungen in den beiden ersten Kapiteln, die gleichsam als Grundlegung zu lesen sind. Im 1. Warum 1968? will er – unter Rückgriff auf Karl Mannheim – begründen, „dass ‚1968‘ nur als ein Generationszusammenhang zu begreifen ist“ (S. 9). Ferner führt er hier seine Anschauung davon, wie es um 1968 zu „1968“ kommen konnte, aus. Seine zentrale These lautet: „Auf der Suche nach den Bedingungen, die zu ‚1968‘ geführt haben, stoße ich auf Inklusionsschübe als einen wichtigen gesellschaftlichen Trend…“ (S. 9)

In Kapitel 2 Eine linke Bewegung? trifft der Autor für 1968 und „1968“ eine mit einer These verbundene Unterscheidung zwischen einer expliziten und einer impliziten Linken: Das explizit Linke an 1968 [bewusst nicht ‚1968‘!] betrifft die sichtbare Seite der 68er, die revoltenhafte, revolutionäre, tatsächlich extrem linke, antibürgerliche, zum Teil auch antidemokratische Bewegungsform der relativ kleinen, aber lauten studentischen Bewegung, die spätestens mit dem Ende der [ersten] Großen Koalition [1969] wieder zu Ende war. Wäre allein das ‚1968‘, würde man es heute allenfalls als Fußnote der bundesdeutschen Geschichte betrachten. Entscheidender ist das implizit Linke, das die gesellschaftliche Realität radikal umgekrempelt hat.“ (S. 9)

Zwischen dem 4. Kapitel („Dauermoralisierung“) und dem 6. („Dauerberieselung“) findet sich ein 5. mit dem Titel Exkurs: Entdeckung und Unterschätzung der „Gesellschaft“. Ich habe dieses Kapitel gelesen als eine Variation des klassischen Themas „Die Selbstbeschreibung der Gesellschaft und die Soziologie“ (Luhmann, 1992; ergänzend Luhmann, 1987).

Die vorstehend skizzierten sieben Kapitel werden gerahmt durch Vorwort, Einstieg und Anmerkungen. Das Vorwort beginnt mit einem Statement, das man vielleicht nicht als „Thema“ des Buches bewerten kann, wohl aber als Dokument des Anliegens, das den Autor umtrieb: „Dieses Buch ist der Versuch eines Soziologen, sich einen soziologischen Reim auf ‚1968‘ zu machen – keinen politischen, auch keinen historisch akribischen, sondern einen, der die Frage stellt und beantwortet: Was können wir mit dem Blick der Erinnerung auf das, was mit dem schönen Erinnerungsmarker ‚1969‘ belegt wird, über die heutige Gesellschaft erfahren?“ (S. 5)

Der Einstieg enthält eine prägnante Zusammenfassung der sieben Kapitel und davor eine Präzisierung seines Anliegens: „Es soll nicht über Unstrittiges gestritten werden. Worum dann? Nun die Streitigkeiten fangen schon an, wenn wir uns fragen, worüber wir reden, wenn von ‚1968‘ die Rede ist. Gemeint sein kann mindestens zweierlei: entweder die Ereignisse der sogenannten Studentenrevolte, die in Deutschland ungefähr von Mitte 1967 bis Mitte 1969 gedauert hat; oder eine Generationslage, die ihren Namen von diesen Ereignissen bekam und bis heute andauert, weil Teile der Kohorte noch am Leben sind. Es wird hier um beides auch in seiner Verbindung gehen, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der Generationslage samt ihren erheblichen Auswirkungen auf die kulturelle und gesellschaftliche Lage in der Bundesrepublik liegen wird.“ (S. 8)

Die durchnummerierten 257 Anmerkungen sind zugleich Literaturverzeichnis (mit dem damit verbundenen Nachteil, dass man jede einzelne Autorin, an die man sich erinnert, und jeder Autor, der einem später wieder einfällt, nur mit großer Mühe wieder findet).

Diskussion

Der Titel des vorliegenden Buches „Gab es 1968“ mag bei nicht wenigen Interessierten die Vorstellung erwecken, frau/man erführe hier etwas darüber, was „1968“ für jene, die es – als Akteurinnen und Akteure bzw. als Betreffende und Betroffene – erlebt haben, bedeutet hat bzw. was „1968“ eigentlich ausgemacht habe. Wer an Beantwortung der zweiten Frage Interesse hat, lese die Bücher der Zeitgeschichtlerin Ingrid Gilcher-Holtey (Jg. 1952, also keine „68erin“): „Die 68er Bewegung. Deutschland – Westeuropa – USA“ (München: Beck, 2001) und „1968. Eine Zeitreise“ (Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2008). Und zur Ergänzung „Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren“ (Berlin: Suhrkamp, 2014; vgl. Heekerens, 2014) des Zeitgeschichtlers Sven Reichardt (Jg. 1967).

Wer nachempfinden möchte, was „1968“ bedeutete, möge sich – sofern sie/er (Selbst-)Zeugnissen von „1968-Akteur(inn)en“ kritisch gegenüber steht – künstlerische Dokumentationen zu Gemüte führen: die oben genannten „Erinnerung eines Mädchens“ Annie Erneaux etwa oder den eingangs erwähnten Film „Die bleierne Zeit“ von Margarethe von Trotta.

Bleibt da noch eine Frage: Inwiefern ist „1968“ denn „vorbei“? Für Armin Nassehi ist die Sache klar: „1968“ ist im selben Sinne vorbei wie der o.g. kosmische Urknall. In beiden Fällen braucht es Spezialisten, um so etwas wie „Nachhall“ überhaupt ausfindig machen zu können. Im Falle des kosmischen Urknalls stimme ich zu, bei „1968“ nicht. Denn seit 1968 sehe ich immer wieder Feuernester ausbrechen, die auf einen Schwelbrand schließen lassen, der recht eindeutig nach „1968“ riecht.

Nehmen wir als jüngstes Beispiel den „Hambacher Forst“. Dessen Aktivist(inn)en betrieben und betreiben „Außerparlamentarische Opposition“ (APO). „Die APO“ ist im deutschsprachigen Raum eine gebräuchliche Alternativbezeichnung zu „1968“. Aber „APO“ ist keine Chiffre für Ereignisse und Geschehnisse dort und damals, sondern markiert eine fortwährende gesellschaftliche Notwendigkeit – auch in Demokratien. Ein aktuelles Beispiel: Die aus „skitouristischen“, sprich kommerziellen Interessen beantragte und von der bayerischen Staatsregierung durch illegitime Rechtsänderungen legalisierte Zerstörung der Alpenschutzzone C am Riedberger Horn wurde nur durch massiven Widerstand einer außerparlamentarischen Opposition (darunter die Naturfreunde, der Deutsche Alpenverein und dem Bund Naturschutz in Bayern) verhindert.

Wer meint, in Sachen Ökologie sei eine APO nur im CSU-Bayern nötig, der/dem sei Dreierlei gesagt.

  • Zum einen: Die Abholzung des Hambacher Forstes im Namen der heiligen Realpolitik wurde im Jahr 2016 von der damaligen rot-grünen NRW-Landesregierung ausdrücklich befürwortet.
  • Zum zweiten: Die schwäbische Diesel-Mafia wird bis heute von niemandem besser geschützt als vom Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, dem Parteibuch nach ein „Grüner“.
  • Und zum dritten das Beispiel Hessen: Das Verwaltungsgericht in Wiesbaden hatte Anfang September 2018 geurteilt, dass Fahrverbote (für ältere Dieselfahrzeuge) in Frankfurt eingeführt werden können. Das hat die Automobilist(inn)envertreter der hessischen Landesregierung (die vorher schwarz-grün war und künftig schwarz-grün sein wird) alarmiert: Die Landesregierung wird Rechtsmittel gegen die entsprechende Entscheidung des Verwaltungsgerichts Wiesbaden einlegen, kündigten Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) an..

Im Funktionssystem „Politik“, so hat uns Niklas Luhmann gelehrt, gilt der Code „Regierung/Opposition“, nicht die Codes „rechtmäßig/unrechtmäßig“ (Recht), „wahr/unwahr“ (Wissenschaft), „Achtung/Nichtachtung“ (Moral) oder „gerechtfertigt/ungerechtfertigt“ (Ethik). Wer sich in „Politik“ begibt, hat deren Funktionslogik zu folgen – und die Partei-Grünen dieser Republik haben das inzwischen bestens verstanden. Deshalb braucht es Akteurinnen und Akteure wie im Hambacher Forst.

Die „Hambacher(innen)“ sind APO und sie betreiben diese mit Aktionsformen, deren Wurzeln bis „1968“ zurück reichen. Ich sage bewusst „zurück reichen“, denn die Aktionsformen der „Hambacher“ sind denen von „1968“ in handwerklichem, natursportlichen (Klettern, Abseilen) und logistischem Wissen und Können weit überlegen. Was die „Hambacher“ und die „1968er“ aber eint, ist die aus bitterer Erfahrung gewonnene Erkenntnis, dass die üblichen (staats-)bürgerlichen Formen der Einflussnahme – vom Leserbrief bis zum Wahlakt – in gewissen Situationen nichts sind als eitel Tand.

Ferner ist ihnen gemeinsam, dass sie sich nicht darum scher(t)en, ob manche ihrer Handlungen den Tatbestand der „Ordnungswidrigkeit“ oder gar der „Straftat“ erfüllen. Das Konzept der bewussten Regelverletzung ist ein 68er-Erbstück, das bei den „Hambacherinnen“ und „Hambachern“ in besten Händen ist.

Und noch etwas haben die „1968er“ und die „Hambacher(innen)“ gemein: bestimmte Teile ihrer Ideologie. Beide mussten lange auf eine erste positive Resonanz aus der „Öffentlichkeit“ warten; bis dahin galt es unter den Bedingungen von Nichtbeachtung und Missachtung durchzuhalten. Solche psychischen und physischen Durststrecken übersteht frau und man nur, wenn man sich von Eigenem nähren kann. Dieses Eigene ist ein affektiv-kognitives Konzept des eigenen Handelns, das dieses als „richtig“ ausweist, weil man und frau für eine „gerechte Sache“ kämpft.

Die „Hambacher(innen)“ sind Teil einer sozialen Bewegung. Der Code sozialer Bewegungen ist nach Niklas Luhman „betroffen/nicht betroffen“. Es dauerte lange, bis zunehmend mehr Menschen realisierten, dass die Sache, um die es den „Hambacherinnen“ und „Hambachern“ geht, nicht nur deren, sondern ihre eigene Angelegenheit ist. Der Augenöffner war ein staatsgewaltlicher Eingriff; mit dessen aufklärerischer Wirkung hatten schon die „1968er“ kalkuliert.

Dass etwas, das dort geschieht, auch mich hier angeht, ist eine Vorstellung mit langer Tradition. Im abendländischen Kulturkreis verweist man dazu gerne auf den römischen Dichter Horaz (65-8 v.Chr.) mit seinem Diktum: Denn um deine Sache geht es [tua re agitur], wenn die Wand des Nachbarn brennt.“ Hebt man diesen Satz auf eine allgemeine Ebene, stellt sich die Frage: Worüber kann jemandem zum Bewusstsein kommen, dass etwas, das dort verhandelt wird, seine Sache hier sei. Das geht, so die Antwort, über Kommunikation.

In der ZEIT-Ausgabe vom 18.10.2018 findet sich (auf S. 26-27) zum Hambacher Forst ein ZEIT-Gespräch mit Kai Niebert und Rolf Martin Schmitz; der zweite ist RWE-Vorstandsvorsitzender, der erste Präsident des Umwelt-Dachverbands Deutscher Naturschutzring. Dort erklärt Rolf Martin Schmitz: „Dass man diese 200 Hektar Wald braucht, um das Klima zu retten, halte ich für Unsinn. Das sind 0,002 Prozent des deutschen Waldbestands. Und selbst wenn wir jetzt aufhören mit dem Abbau in Hambach, sehe ich keine Chance, dass der Wald stehen bleibt. Irgendwie muss ich die Böschung in Ordnung bringen, damit der Tagebau standsicher bleibt. Der Forst ist ein Symbol, mehr nicht.“ (S. 26) Zuvor hatte Kai Niebert auf denZEIT-Einwurf „So ein Wäldchen rettet doch nicht das Klima!“ geantwortet: „Aber es ist ein Symbol für die veränderte Haltung der Gesellschaft.“ (S. 26).

Was die beiden Kontrahenten eint ist erstens die Anerkennung der schieren Faktizität des „Hambacher Forstes“ („Objekt“) und zweitens die Verwendung derselben Bezeichnung dafür („Zeichen“). Aber trotzdem reden die beiden doch ganz offensichtlich aneinander vorbei. Um zu verstehen, weshalb, hilft Charles Sanders Peirces Semiotiklehre (zu einer Einführung vgl. Nagl, 1992) weiter. Diese Semiotiklehre hat drei Komponenten: Neben „Objekt“ und „Zeichen“ auch den „Interpreten“, der stets Teil einer Interpretengemeinschaft ist. Kai Niebert und Rolf Martin Schmitz können nicht miteinander einverstanden sein, weil sie unterschiedlichen Interpreten-Gemeinschaften angehören. Und genau so verhält es sich beim Autor und mir hinsichtlich „1968“.

Was Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Interpreten-Gemeinschaften meint, sei an einem Beispiel illustriert: Wenn der römisch-katholische Priester im Moment der Wandlung am Altar über dem Kelch eine Hostie/Oblate hochhebt und bricht, dann wird hier für den römisch-katholischen Gläubigen der Leib des Herrn geopfert „um meiner Sünden willen“. Der Nichtgläubige hingegen sieht in des Priesters Hand nur ein dünnes Backteil, das man kennt, wenn man schon mal Mandel-, Haselnuss- oder Kokosmakronen, denen solche Flachgebäcke als Unterlage dienen, gegessen hat. Die pragmatischen Folgen des affektiv-kognitiven Unterschieds zwischen Gläubigem und Nicht-Gläubigem sind immens: Nach Essen der Hostie/Oblate wird der eine mit gestärkter Seele hinausgehen in die Welt, der andere aber mit einem eher unangenehmen Geschmack im Gaumen.

Fazit

Man kann das vorliegende Buch lesen, man muss es nicht. Es enthält einen Essay, den man und frau unterhaltsam finden kann – oder aber anödend; es kommt auf die jeweiligen Vorlieben an. Inspirierend für mich ist der hier vorliegende Text darin, dass er – auf dem durch soziologische Klassiker wohl temperierten Klavier spielend – demonstriert, was ein Thema hergibt, wenn man ihm mit soziologischem Können und Wissen beikommt. Nur verwechsle ich „inspiriert sein“ nicht mit „überzeugt sein“. Vor solcher Verwechslung haben mich alle meine soziologischen Lehrer(innen) gewahrt – allen voran Ralph Dahrendorf: „Soziologie ist das, was Leute, die sich Soziologen nennen, tun, wenn sie von sich sagen, dass sie Soziologie betreiben. Mehr nicht.“ (Dahrendorf, 1989, S. 10)

Literatur

  • Ralf Dahrendorf, R. (1989). Einführung in die Soziologie. Soziale Welt, 40(1&2), 2–10.
  • Heekerens, H.-P. (2014). Rezension vom 17.07.2014 zu Reichardt, S. (2014). Authentizität und Gemeinschaft. Berlin: Suhrkamp. socialnet Rezensionen (online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/16987.php; letzter Zugriff am 17.10.2018).
  • Luhmann, N. (1987). Tautologie und Paradoxie in den Selbstbeschreibungen der modernen Gesellschaft. Zeitschrift für Soziologie, 16(3), 161–174 (online verfügbar unter www.zfs-online.org/index.php; letzter Zugriff am 11.11.2018).
  • Luhmann, N. (1992). Die Selbstbeschreibung der Gesellschaft und die Soziologie. In N. Luhmann, Universität als Milieu (S. 137-146) (hrsg. von A. Kieserling). Bielefeld: Haux.
  • Nagl, L. (1992). Charles Sanders Peirce. (Reihe Campus Einführungen Bd. 1053). Frankfurt – New York: Campus.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 23.11.2018 zu: Armin Nassehi: Gab es 1968? Eine Spurensuche. Kursbuch (Hamburg) 2018. ISBN 978-3-96196-008-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24653.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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