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Wolfgang Lamers (Hrsg.): Teilhabe von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung an Alltag | Arbeit | Kultur

Cover Wolfgang Lamers (Hrsg.): Teilhabe von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung an Alltag | Arbeit | Kultur. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2018. 412 Seiten. ISBN 978-3-7455-1000-3. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR.

Reihe: Impulse: Schwere und mehrfache Behinderung - 3.
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Teilhabe von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung an Alltag/​Arbeit/​Kultur, herausgegeben von Wolfgang Lamers und erschienen im Band 3 Impulse: Schwere und mehrfache Behinderung im Athena Verlag (1.Auflage 2018), entstand in Kooperation mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V., ist eine Sammlung verschiedener Autoren, die sich mit unterschiedlichen Dimensionen und Bereichen der Teilhabe von Menschen mit schweren und komplexen Behinderungen im Erwachsenenalter auseinandersetzt.

Entstehungshintergrund

Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen sind in weiten Bereichen ihres Alltags auf Assistenz und Hilfe angewiesen. Daher sind sie oft in besonderer Weise gefährdet, wenn es um die Themen gesellschaftliche Teilhabe und individuelle Selbstbestimmung geht. Anlässlich des 2017 inkraftgetretenen Bundesteilhabegesetzes (BTHG) ergeben sich für den Förder- und Betreuungsbereich zahlreiche Veränderungen, um dem damit verbundenen Anspruch gerecht zu werden, Unterstützungsangebote insgesamt stärker an den individuellen Bedürfnissen ihrer Klienten auszurichten und weniger an den institutionellen Standards. Das Grundrecht auf Selbstbestimmung steht hierbei in einem besonderen Spannungsverhältnis mit den teilweise erheblich eingeschränkten individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen mit schweren geistigen Behinderungen, den eigenen Willen zu äußern und selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Der Personenkreis läuft daher besondere Gefahr, in der institutionalisierten Praxis marginalisiert zu werden. Das Buch richtet sich vor allem an Menschen, die professionell im Bereich helfender Berufe mit dem Personenkreis arbeiten, sowie an Angehörige oder sonstig Interessierte. Es thematisiert die komplexen, sich verändernden individuellen und gesellschaftlichen Anforderungen an den Beruf aus theoretischer Perspektive und stellt sie praktischen Beispielen und Befunden aus der alltäglichen Praxis gegenüber um das Handlungsparadigma zu erweitern und die eigene berufliche Tätigkeit professioneller Akteure kritisch-konstruktiv zu reflektieren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich auf in zehn Kapitel, die sich verschiedenen Aspekten der Teilhabe von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung widmen. Zunächst wird der Zusammenhang von Teilhabe und Menschen mit schweren und komplexen Behinderungen von verschiedenen Autoren eingeführt. Hierbei werden paradigmatische Grundlagen und Besonderheiten sowie Gefährdungen des Personenkreises beschrieben. Zudem werden gesetzliche Grundlagen des Bundesteilhabegesetzes (BTHG) erläutert.

Im Kapitel Teilhabe an Alltag, Arbeit und Kultur erfolgt vor allem eine individuelle und gesellschaftliche Gegenüberstellung von alltäglichen Herausforderungen, die in Verbindung mit dem Anspruch auf eine möglichst sinnstiftende individuelle Tätigkeit entstehen. Hierbei wird unter anderem auf den Beitrag für den individuellen Selbstwert und die soziale Zugehörigkeit durch Arbeit verwiesen, die im Kontrast zur oft monotonen Realität von Beschäftigungsangeboten im Betreuungsbereich geschützter Werkstätten steht. Im Kapitel Berufliche Bildung und Gestaltung von Übergängen werden verschiedene Bereiche von beruflicher Bildung und Qualifizierung zunächst aus eher theoretischer Perspektive beschrieben und anschließend durch das Beispiel der Beschäftigungs- und Qualifizierungsplanung der Alsterdorf Assistenz West gGmbH ergänzt.

Im nachfolgenden Kapitel werden unter dem Titel Den Menschen im Blick paradigmatische Grundlagen von Menschsein und Teilhabe analysiert und im Anschluss verschiedene Problemfelder der Fürsorgepraxis herausgestellt. Außerdem werden Grundlagen der Biografiearbeit beleuchtet um persönliche Zugänge und Entwicklungen zu dokumentieren, die beim Erkunden der eigenen Persönlichkeit hilfreich sein können. Unter dem Titel Kulturelle Angebote wird das Wechselspiel von Teilhabe und Kultur erläutert. Hierbei wird Teilhabe vor allem als Möglichkeit zur aktiven Gestaltung und Ko-konstruktion von kultureller Vielfalt betrachtet, welche die umgebene Kultur und Gesellschaft mitbestimmt und verändert, aber auch als individuellen Aneignungsprozess kultureller Werte und Ausdrucksformen in der direkten Auseinandersetzung mit der Umwelt. Anknüpfend wird der Bereich der Erwachsenenbildung in den Blick genommen und die Probleme einer Arbeitsmarktorientierung dargelegt, die sich aus einer oft einseitigen Verengung auf Leistungs- und Nutzungsprinzipien für den Adressatenkreis ergeben.

Darauffolgend werden im Kapitel Partizipation vor allem politische Aspekte von Teilhabe, Selbst- und Mitbestimmung anhand von Selbstbeteiligungsgremien und Selbstvertreter/​innen beispielhaft vorgestellt. Im Bereich Persönliche Zukunftsplanung wird zunächst theoretisch und anschließend anhand eines praktischen Beispiels einer Tagesförderstätte beschrieben, wie entsprechende Modelle genutzt werden können um selbstbestimmte individuelle Lebensplanung zu ermöglichen und Perspektiven zu erschließen. Im Abschnitt Produktion und Dienstleistung wird am Beispiel der Tagesförderstätte Spastikerhilfe Berlin eG dargestellt, wie arbeitsweltbezogene Bildung bei Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf aussehen kann. Dabei wird vor allem beschrieben, wie durch die individuelle Anpassung und Entwicklung von Arbeitsbereichen eine sinnstiftende Integration in den Arbeitsmarkt gelingen kann und darüber hinaus Grundlagen geschaffen werden, um Inklusion und Partizipation mithilfe von Kiezläden einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Unter der Überschrift Sozialraumorientierung wird im Anschluss eine Methode vorgestellt, um individuelle Hilfsangebote zu entwickeln, bei denen persönliche Ressourcen sowie lokale Bedingungen analysiert werden können um möglichst passgenaue und tragfähige Hilfekonzepte mit dem Ziel einer weitestgehend aktiven und selbstbestimmten Teilhabe zu entwickeln. Weiterhin wird eine Tagesförderstääte in Neukölln und in einem weiteren Beitrag drei Konzeptbeispiele aus dem Sozialraum Hamburg vorgestellt um eine personenzentrierte Planung von Hilfsangeboten zu veranschaulichen. Im Kapitel Unterstützte Kommunikation wird anschließend dargestellt, welche Bedeutung unterstützte Kommunikationsangebote besitzen um Teilhabe von Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen zu gewährleisten, insbesondere was die Grundbedingung der Mitsprache im Kontext einer damit verbundenen Mitteillungsmöglichkeit betrifft. Diesbezüglich werden Grundbedingungen der unterstützten Kommunikation beleuchtet und der Einsatz von Unterstützter Kommunikation anhand der Ergebnisse des Projektes Unterstützte Kommunikation im Förder-und Betreuungsbereich (UK FuB) vorgestellt, welches in Kooperation der Katholischen Fachhochschule Freiburg, der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Humboldt-Universität Berlin im Jahr 2014 durchgeführt wurde.

Diskussion

Das Buch liefert für Menschen, die in der professionellen Praxis mit Erwachsenen tätig sind, wichtige Impulse und Anregungen um die gesetzlichen Grundlagen der UN Behindertenrechtskonvention und des Bundesteilhabegesetzes praktisch besser im Sinne der persönlichen Selbst- und Mitbestimmung in Alltag, Arbeit und Freizeit umsetzen zu können. Es ist sinnvoll und logisch aufbauend gegliedert und überwiegend klar und verständlich geschrieben, sodass es wenig Vorwissen beim Lesen voraussetzt und verschiedene Themen durchaus sehr praxisnah beleuchtet. Die Kapitel werden zumeist theoretisch eingeführt und anschließend anhand von praktischen Beispielen veranschaulicht, wodurch sich eine bessere Umsetzung und Anwendung auf alltägliche Situationen erschließen lässt. Alle Quellen zu konkreten Daten und Bezügen sind gemäß der wissenschaftlichen Standards angegeben und überprüfbar. Die Autoren sind vielfach renommierte Vertreter aus den Geistes- und Sozialwissenschaften und liefern ein durchaus komplexes und facettenreiches Abbild des gegenwärtigen Diskurs über Teilhabe im Bezug auf eine oft marginalisierte besondere Personengruppe.

Leider wird der Bereich Inklusion nur beiläufig erwähnt, aber nicht explizit aufgeführt, obgleich er ebenso einen wesentlichen Teil der UN BRK darstellt. Die Forderungen, Anregungen und Bereicherungen der alltäglichen Praxis im Bezug auf Teilhabe und Selbst- bzw. Mitbestimmung beschränken sich im Buch daher vordergründig auf den bisherigen institutionellen und oft exklusiven Rahmen und gehen wenig darüber hinaus, gleichwohl sich auch hierfür durchaus anschauliche Beispiele zur Umsetzung finden ließen. Gerade im Bereich der Bildung ist sowohl im inner- als auch außerschulischen Bereich die Teilhabe an heterogenen Gruppen (wie z.B. in Kunst-, Musik-, Tanz- und Theatergruppen) auch für Menschen mit komplexen Beeinträchtigungen eine wesentliche Chance um bereits im Kindesalter viele der Ansätze, wie sie von den Autoren beschrieben und beworben werden, praktisch in die Tat umzusetzen und entsprechende Möglichkeiten zu gesellschaftlichen Teilhabe, der persönlichen Selbstbestimmung und der aktiven Mitsprache, Mitbestimmung und Mitgestaltung zu kreieren. Währenddessen erfahren sie in den oft nach außen isolierten Settings von Betreuungseinrichtungen weit weniger Möglichkeiten zum gegenseitigen aktiven Austausch mit ihrer Umwelt und zum Erkunden neuer Rollen, Perspektiven und Sozialräume, selbst wenn das Personal entsprechend sensibilisiert und geschult vorhanden ist. Daher wäre eine Vertiefung dieses Aspektes insbesondere vor dem Hintergrund des Aufbrechens vielfach benannter verwachsener Strukturen und Gefährdungen im Bereich von Wohn- und Betreuungseinrichtungen sehr wünschenswert gewesen.

Fazit

Das Buch liefert viele durchaus praxisnahe Impulse, wie Teilhabe im Sinne einer weitgehenden Selbstbestimmung von Menschen mit komplexen Behinderungen umgesetzt werden kann um die durchaus komplexen Implikationen und Anforderungen, die sich aus dem aktuellen Bundesteilhabegesetz ergeben, praktisch umzusetzen. Es richtet sich dabei vordergründig an professionelle Akteure, die im Bereich der Betreuung und Assistenz von Menschen mit komplexen Behinderungen tätig sind. Es ist nachvollziehbar aufgebaut und bietet einen guten Einstieg in verschiedene Themenbereiche und Aspekte der Teilhabe, ohne dabei zu komplex oder theorielastig auf den Leser einzuwirken. Gleichzeitig wird durch eine stringente wissenschaftliche Fundierung mit entsprechenden Quellenverweisen zu weiterführenden Fachliteratur eine verteifende Auseinandersetzung ermöglicht, sowie die Überprüfbarkeit dargestellter Sachverhalte gewährleistet.


Rezension von
Sebastian Leder
Sonderpädagoge und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft, Leipzig
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Zitiervorschlag
Sebastian Leder. Rezension vom 30.06.2020 zu: Wolfgang Lamers (Hrsg.): Teilhabe von Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung an Alltag | Arbeit | Kultur. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2018. ISBN 978-3-7455-1000-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24657.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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