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Toni Morrison: Die Herkunft der anderen

Cover Toni Morrison: Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. 110 Seiten. ISBN 978-3-498-04543-2. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR.

Thomas Piltz (Übersetzer) Ta-Nehisi Coates (Verfasser eines Geleitwortes).
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Rassismus ist überall

Stereotype, Vorurteile, ego-, ethnozentriertes und rassistisches Denken und Handeln hat es in der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben – und gibt es weiterhin! Die Strategien der Rassisten und Populisten basieren dabei immer auf Höherwertigkeitsvorstellungen der eigenen Person und der jeweiligen Gemeinschaft und damit der Minderwertung des Anderen, des Fremden. Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit sind dabei die Treibriemen im Geschlingere von Diskriminierung und Menschenverachtung. Der Begriff „Rassismus“ ist vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868 – 1935) eingeführt worden und diente den Faschisten und Nationalsozialisten als Argumentation für die „Rassenlehre“ (vgl. dazu z.B.: Susan Arndt, Rassismus: Die 101 wichtigsten Fragen, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14286.php; sowie: www.sozial.de/rassistisch-und-fremdenfeindlich-ist-nicht-was-es-in-der-gesellschaft-normal-ist.html). „Wir leben in einer Zeit, in der Rassismus wieder einmal aus seiner Asche steigt und sich in einer Heftigkeit ausbreitet, die wir nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg ein für alle Mal für überwunden geglaubt hatten“. Diese Feststellung trafen die Autorinnen und Autoren, die 1996 mit dem Heft „UNESCO-Kurier“ 3/96 nach den Wurzeln des Rassismus fragten; sie kann auch heute gestellt werden.

Entstehungshintergrund und Autorin

Rassismus zeigt sich in vielfältigen Formen. Es wird vom kulturellen, sozialen, wissenschaftlichen, ideologischen, politischen, theologischen und literarischen Rassismus gesprochen. Allen Varianten ist gemeinsam, dass sie die eigene Herkunft und Wertigkeit über die von anderen stellen. In der UNESCO-Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile vom 28. November 1978 heißt es in Art. 1 u.a.: „Alle Menschen gehören einer einzigen Art an und stammen von gemeinsamen Vorfahren ab. Sie sind gleich an Würde und Rechten geboren und bilden gemeinsam die Menschheit“.

Die US-amerikanische Nobelpreisträgerin und Literaturwissenschaftlerin Toni Morrison hielt im Frühjahr 2016 an der Harward-University bei den seit 2007 jährlich stattfindenden, renommierten „Charles-Eliot-Norton-Lectures“ Vorlesungen über die „Literatur der Zugehörigkeit“. Sie setzte sich damit mit den aktuellen, gesellschaftspolitischen und Identitätsentwicklungen in den USA auseinander, wie sie sich seit dem Wechsel von der Obama- zur Trump-Administration vollzieht und die Gesellschaft spaltet. Sie analysiert die Situation auf dem Gebiet, das als die wirksamste und älteste Form der US-amerikanischen Geschichte betrachtet werden kann, dem Rassismus. Der Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates, Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“, schreibt das Vorwort zu dem Essay. Er weist darauf hin: „Rassismus ist ein Thema. In diesem Land als andersartig qualifiziert zu werden ist ein Thema – und die deprimierende Wahrheit ist, dass es wahrscheinlich ein Thema bleiben wird“.

Aufbau und Inhalt

Toni Morrison gliedert ihre Vorlesungsmitschrift in sechs Kapitel:

  1. Romantisierte Sklaverei
  2. Fremd sein oder fremd werden
  3. Fetisch Farbe
  4. Was bedeutet „schwarz“?
  5. Vom Anderssein erzählen
  6. Die Heimat des Fremden.

1.) Es ist das Phänomen und die beunruhigende oder auch hingenommene Erfahrung, dass es schwierig ist, nicht rassistisch zu sein; weil Rassismus nicht immer brachial und öffentlich sichtbar ist, sondern mentalitätsbezogen und insgeheim daher kommt – als Stereotyp, Vorurteil, gemachte oder gewordene Einstellungen: „Das ist schon immer so gewesen!“ – „Es ist gottgewollt!“ – „Es ist normal!“: „Beschreibungen kultureller, rassischer oder körperlicher Unterschiede, die eine Andersartigkeit feststellen, ohne dabei auf wertende oder hierarchisierende Kategorien zurückzugreifen, sind schwer zu finden“.

2.) Es ist immer das oder der Fremde, die irritieren. Und es ist die selbstgefällige Macht, das hochgehobene Eigene gegen das Andere, Minderwertigere abgrenzen zu können (vgl. Sylke Bartmann / Oliver Immel , Hrsg., Das Vertraute und das Fremde. Differenzerfahrung und Fremdverstehen im Interkulturalitätsdiskurs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12833.php). Es ist der Griff in die Geschichte der Sklaverei, der den Blick öffnet in die Aktualität: „Die Notwendigkeit, die Sklaverei zu einer fremden Art zu erklären, scheint ein verzweifelter Versuch zu sein, sich seiner eigenen Normalität zu versichern“. Die Aufforderung – „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“ – ist ja als Hinweis zu verstehen, dass der Fremde ich selbst bin. Aber wie kann diese Einsicht gelingen? Nur mit dem, was uns Menschen inne liegt: Vernunft, Sprache und Bilddeutung.

3.) Im gesellschaftlichen Dialog kommt zum Ausdruck, dass „Schwarz-Weiß-Denken“, also die eher simplen, vereinfachenden und auf ja- oder nein-reduzierten Entscheidungen, differenziertere, bedenkenswerte Antworten zur Wahrheitsfindung benötigen. Morrison zeigt an Literaturbeispielen die Vielfalten des „Farbendenkens“ auf. Gleichzeitig warnt sie vor der Gefahr, in die „Falle des Kolorismus zu tappen“; denn es ist notwendig, so die Autorin, „dem billigen Rassismus die Zähne zu ziehen und den allgegenwärtigen, gedankenlosen, wohlfeilen Hautfarbenfetischismus zu brandmarken und auszutilgen“.

4.) Schwarzsein ist Schicksal – Weißsein auch? Diese Formel gilt es zu hinterfragen. Morrison bewegt sich dabei in dem Gebiet, das im US-amerikanischen, interkulturellen Diskurs als „Critical Whitness Studies“ und im deutschen als „Weißseinsforschung“ bezeichnet wird (vgl. dazu auch: Maureen Maisha Eggers / Grada Kilomba / Peggy Piesche / Susan Arndt, Hrsg., Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung, Münster 2006 / 2017, S. 549). Nur wer sich auf den Weg begibt, den Anderen, den Fremden zu kontaktieren, sein Sosein zu entdecken und zu fühlen, wird in der Lage, nicht rassistisch zu sein.

5.) Wie kann es gelingen, vom Anderssein zu erzählen? Die Literatur bietet dazu zahlreiche Möglichkeiten. Im Sammelband „The Black Book“ erzählt sie Geschichten, in denen sie nicht die Hautfarbe und die damit vollzogenen Diskriminierungen in den Mittelpunkt rückt, sondern einfach nur das Geschöpf „Menschenkind“: „Erzählende Prosa bietet uns eine kontrollierte Wildnis, eine Gelegenheit, die Andere, die Fremde zu werden und zu sein“

6.) Geradezu zwangsläufig und logisch gelangt die Autorin bei ihren Vorlesungen zu der Frage, was und wo die Heimat der Fremden ist. Es sind die globalen Migrations- und Fluchtbewegungen, die unserer geschärften, unverstellten uns unideologisierten Aufmerksamkeit bedürfen. Die literarische Suche nach den Wurzeln und den Heimatempfindungen der Wandernden und Sesshaften gerät zu überraschenden und sinnstiftenden Entdeckungen, die in einer Erzählung aus Afrika mit der empathischen und hoffnungsvollen Aussage endet: „Wusstest du, dass ich auf dich gewartet habe?“.

Fazit

Das schmale, handliche Büchlein von Toni Morrison fragt nach der Herkunft der Anderen. Es sind keine Rezepte und auch keine Gebrauchsanweisung darüber, wie Autochthone mit Fremden umgehen sollten. Die Auseinandersetzung mit literarischen Aussagen zum Eigen- und Fremdsein bietet vielmehr die Chance, mit dem Schlüssel „Zugehörigkeit“ die Tür zu öffnen, durch die alle Menschen gehen können. Und es sind Anregungen, die es ermöglichen, nicht Zäune, Mauern und ideologische Barrieren gegen die Fremden zu errichten, sondern mit ihnen gemeinsam Brücken zu bauen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.01.2019 zu: Toni Morrison: Die Herkunft der anderen. Über Rasse, Rassismus und Literatur. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2018. ISBN 978-3-498-04543-2. Thomas Piltz (Übersetzer) Ta-Nehisi Coates (Verfasser eines Geleitwortes). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24660.php, Datum des Zugriffs 21.02.2019.


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