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Jana Alber, Steffen Kaiser u.a. (Hrsg.): Die Person-Umfeld-Analyse

Cover Jana Alber, Steffen Kaiser, Gisela C. Schulze (Hrsg.): Die Person-Umfeld-Analyse in der Sonder- und Rehabilitations-pädagogik. Lehrbuch zur Theorie mit Praxisbeispielen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 192 Seiten. ISBN 978-3-7815-2234-3. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Thema

Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Beeinträchtigungen müssen mit Einführung des neuen Bundesteilhabesetzes (BTHG) individuelle und an der jeweiligen Lebenslage der Betroffenen orientierte Teilhabeplanungsprozesse initiiert werden. Je nach Bundesland werden jedoch sehr unterschiedliche Bedarfsermittlungsinstrumente verwendet. Allen Verfahren ist jedoch gemeinsam, dass sie die personenbezogenen Angaben entlang der ICF-basierten Achsen der Aktivitäten und Lebensbereiche erheben müssen.

Um jedoch Teilhabeprozesse von Menschen mit Beeinträchtigungen wirkungsvoll umsetzen und die Chancen der ICF-basierten Planung tatsächlich ausnutzen zu können, bedarf es quasi eine „Methode hinter der Methode: Menschen, deren Lebensbezüge durch vielfältig abhängige Beziehungen gekennzeichnet sind, können mit der Person-Umfeld-Analyse für das neue Teilhabeplan-Verfahren sensibilisiert und gestärkt werden. Das (professionelle) Umfeld der Betroffenen verfügt somit über einen methodischen Rahmen, mit dem die Wirkzusammenhänge einzelner Lebensbereiche genauer erfasst und analysiert werden können“.

Die Zusammenstellung und inhaltliche Ausrichtung der einzelnen Beiträge dieses Sammelbands versucht mit dem ganz klassischen Ansatz der feldtheoretisch basierten Person-Umfeld-Analyse in der Tradition Kurt Lewins (1890-1957) Kontextualisierungen in Bezug auf die neue Bedarfserhebung zu setzen. 

HerausgeberInnen

HerausgeberInnen sind:

  • Jana Alber
  • Steffen Kaiser
  • Giesela Schulze

Aufbau

Der Sammelband besteht aus zwei Teilen:

  • Der erste Teil enthält drei Beiträge, die eine theoretische Grundlegung der Feldtheorie und die Entstehung und Anwendbarkeit der Person-Umfeld-Analyse beschreiben. Einer der Beiträge (Yunzi Tan) ist in Englisch verfasst.
  • Der zweite Teil des Buches enthält neun Beiträge aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Hier werden Umfeld und Wirkräume von Kindern psychisch erkrankter Eltern, Jugendliche mit Krebserkrankungen, Heranwachsende mit Autismus-Spektrum-Störung oder Verhaltensbeeinträchtigungen sowie Lebensräume von Schlaganfall- und Demenz-Betroffenen analysiert.

Inhalt

Gisela C. Schulze/Manfred Wittrock: Von der Feldtheorie zur Person-Umfeld-Analyse: Entwicklung eines Anamnese- und Förderinstrument in der cross-kategorialen Sonderpädagogik. Gegenstand sind die vier zentralen Wirkungsräume von Schülerinnen und Schülern (familial, schulisch, Peergoup und alternativer Wirkungsraum) und ihre Wechselwirkungsprozesse. Es werden die Chancen der Person-Umfeld-Analyse als Anamnese- und Förderinstrument dargestellt sowie Möglichkeiten einer sonderpädagogischen Interventionsplanung aufgezeigt, die sich an eben diesen vier Wirkräumen orientiert.

Steffen Kaiser: Die Person-Umfeld-Analyse in der qualitativen Sozialforschung – Ein methodischer Rahmen zur kommunikativen Validierung von Studienergebnissen. Im Zentrum steht die kommunikative Validierung von Interviewaussagen am Beispiel einer von Albers 2014 durchgeführten Studie zur Wahrnehmung ihrer Lebenswelt von pflegenden Kindern und Jugendlichen. Probandinnen und Probanden reflektieren ihre Aussagen anhand einer grafischen Darstellung ihrer wichtigsten Wirkräume und liefern damit bedeutsame Präzisierungen ihrer Transkripte.

Yunzi Tan: Using the person-Environment-Analysis in Diversity Training Assesments. Im Mittelpunkt steht die Nutzung der Person-Umfeld-Analyse als Instrumentarium, um festzustellen, ob Unternehmen oder Einrichtungen einen Bedarf an Diversity-Trainings aufweisen. Es wird eine Möglichkeit aufgezeigt, feldtheoretisch sowohl personen- als auch organisations- und aufgabenbezogen Förderfaktoren Barrieren zu analysieren.

Andreas Zieger: Perspektiven zum Gebrauch der Person-Umfeld-Analyse in der medizinischen Rehabilitation. Zieger akklamiert, dass Lewins Feldtheorie in der Medizin völlig unterschätzt werde und führt aus, dass gerade für die Nachsorgeplanung die „biopsychosoziale Medizin“, die sich mit Uexküll (1920), Goldstein (1934) und Lurja (1970) auch auf holistische Ansätze bezieht, Psyche und Sein zur absoluten Grundlage eines Strukturmodells und eines integrativen Verständnisses eines wie auch immer gerichteten Gesundheitsproblems gehört.

Jana Alber: Die Eignung der Person-Umfeld-Analyse als Erhebungsinstrument von ICF-bezogenen Förderfaktoren und Barrieren in der Rehabilitation nach Schlaganfall. Die Vernetzung der Person-Umfeld-Analyse mit der ICF wird hier am Beispiel des langfristigen Rehabilitationsprozesses von Schlaganfall-Betroffenen beschrieben. In strukturierten Leitfadeninterviews, auch aus Perspektive der Partnerinnen und Partner, wurden für eine Erfassung der Veränderungen Lebensräume wie „Familie“, „Bekannte“, „Rehabilitation“, „Beruf“; „alternative Wirkungsräume“ hinsichtlich ihrer jeweiligen Förderfaktoren und Barrieren untersucht.

Kristina Jüchter: Analyse von Förderfaktoren und Barrieren von erwachsenen Kindern dementiell veränderter Personen unter Verwendung der Person-Umfeld-Analyse. Jüchter entwickelt Perspektiven, wie auf Grundlage der Person-Umfeld-Analyse die Beratungsarbeit von Angehörigen Demenz-Betroffener verbessert werden kann. Sie konzentriert sich dabei hauptsächlich auf den familialen Wirkraum, da sich hier die Betreuungs- und Versorgungsaufgaben hauptsächlich konzentrieren. Sie trägt eine große Bandbreite an Wirkfaktoren zusammen und differenziert allgemeine Ergebnisse der Angehörigenforschung durch eigene, über die Person-Umfeld-Analyse gewonnene Erkenntnisse.

Miriam Wolber: Die Verwendung der Person-Umfeld-Analyse zur Erfassung teilhabeorientierter Merkmale von Jugendlichen mit einer Krebserkrankung. Nach der theoretischen Beschreibung der Lebenssituation von Jugendlichen mit einer Krebserkrankung und ihrer Teilhabechancen wird die Person-Umfeld-Analyse als Messinstrument zur Erfassung der Teilhabemöglichkeiten präsentiert. Sehr anschaulich und anwendungsorientiert wird ein detaillierter Leitfaden zur Erfassung der Merkmale aus den verschiedenen Lebensbereichen vorgestellt.

Anika Eiben und Martina Hasseler: Die Person-Umfeld-Analyse als Erhebungsmethode von Bedarfen aus der Perspektive pflegender Angehöriger. Hier wird ein Ausschnitt aus einem Promotionsvorhaben von Eiben vorgestellt, das untersucht, wie die Person-Umfeld-Analyse zur Erfassung von gesundheitsbezogenen Faktoren bei älterwerdenden Eltern von Erwachsenen Kindern mit geistiger Behinderung eingesetzt werden kann.

Ankie Maria Willenborg: Resilienz-Analyse des kindlichen Lebensraums (RAkL) – Eine Adaption der Person-Umfeld-Analyse und der Resilienzlandkarte zur Einschätzung von Resilienz bei Kindern psychisch kranker Eltern. Hier wird der Versuch beschrieben, kindliche Resilienzprozesse über die Person-Umfeld-Analyse mit dem Modell der „Resilienzkarte“ zu verknüpfen. Graphische Darstellung und eine tabellarische Erhebung skizzieren die Schutz- und Resilienzfaktoren in Anlehnung an Pretis/Dimova mit den vier Wirkräumen (Person, Familie, Schule und Alternativ) und sollen so eine schnelle Orientierung über die Zusammensetzung von Schutz- und Risikofaktoren ermöglichen.

Tij Bolz, Viviane Alberas und Manfred Wittrock, Manfred: Überwältigungserfahrungen in der aktuellen Lebenswelt von schwer belasteten jungen Menschen!? – Die Person-Umfeld-Analyse als Instrument zur subjektorientierten Betrachtung bei schweren Formen von Beeinträchtigungen im Verhalten. Anhand des Fallbeispiels eines 14-Jährigen Mädchens mit Gewalterfahrungen und Schuldistanz wird dargestellt, wie mit Hilfe der Person-Umfeld-Analyse die zentralen Bezugssysteme von Heranwachsenden schnell erfasst sowie die Sinnhaftigkeit ihres Verhalten auf dem Hintergrund ihrer Lebenssituation begriffen werden und entsprechende (sonder-)pädagogischen Hilfen installiert werden können.

Siering, Mirabelle und Schulze, Gisela C.: Unterstützung beim Übergang von der Familie in das selbstständige Wohnen – Die Person-Umfeld-Analyse als Instrument zur Übergangsgestaltung bei einem Heranwachsenden mit einer Autismus-Spektrum-Störung. Auch hier wird anhand eines konkreten Fallbeispiels eines 18-Jährigen jungen Mannes mit Autismus-Spektrum-Spezifik eine bestimmte Entwicklungsaufgabe analysiert (hier Übergang in eine selbstständige Wohnform). Für die Anwendung von Problemlösungsstrategien wird zudem das transaktionale Stressmodell von Lazarus hinzugezogen.

Carmen Feldhaus: Autismus und subjektives Wohlbefinden in Romanen – Stellwert einer Person-Umfeld-Analyse. Die Frage danach, welche Alltagsbilder über Autismus in Romanen vermittelt werden und ob eine Analyse dieser Bilder Rückschlüsse auf das subjektive Wohlbefinden der Betroffenen zulassen, ist Gegenstand dieses Beitrags. Hier geht es vorrangig darum, ob Darstellungen von Personen, egal ob autobiographisch oder erzählerisch-fiktiv, die besondere Problemlage von Autismus-Betroffenen gezielt vermittelt werden können.

Diskussion

Die zwölf Beiträge des Sammelbands nehmen sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Tradition und Anwendung der Person-Umfeld-Analyse ein – nicht allen gelingt es, diese Anwendungsperspektiven konkret und innovativ auf die gewählte Zielgruppe aufzuzeigen. Die Verbindung von Theorie und Praxis, die hier den Anspruch hat, aktuelle Bezüge zur ICF-basierten Teilhabeplanung aufzuzeigen und ein konkretes pädagogisches Instrumentarium vorzustellen, muss aber ihre Arbeitsweise sichtbar werden lassen und neue Impulse setzen. Manche Beiträge verlassen sich eher auf einen theoretischen Diskurs und verlieren sich in der Darstellung, die sich an manchen Stellen auch einfach wiederholt. Anderen Beiträgen gelingt es besser, praktische Anwendungsfelder aufzuzeigen und neue Akzente zu setzen.

Fazit

Der Sammelband stellt praktisch eine „Wiederbelebung“ der Methode Lewins dar und soll dazu beitragen, die Person-Umfeld-Analyse mit anderen Erhebungsinstrumenten zu verbinden. Die Überführung der klassischen Feldtheorie in die Denkweise einer (ICF-basierten) Teilhabeplanung, die von manchen Beiträgen angestrebt wird, ist jedoch nicht immer einfach, die Denkweise Lewins über „Dynamiken“ in den Wirk- und Lebensräumen von Personen ist nicht analog übertragbar zu den Barrieren und Förderfaktoren, wie sie die ICF beschreibt. Wer jedoch Ursprung und klassische Anwendung der Person-Umfeld-Analyse begreifen möchte und Perspektiven für die Anwendung einer Interventions- und Teilhabeplanung sucht, ist mit dem Sammelband und seiner Darstellungsbreite gut beraten.


Rezensentin
Prof. Dr. Sabine Michalek
Prof. Dr. Sabine Michalek - Heilpädagogik - Katholische Hochschule für Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Sabine Michalek. Rezension vom 04.04.2019 zu: Jana Alber, Steffen Kaiser, Gisela C. Schulze (Hrsg.): Die Person-Umfeld-Analyse in der Sonder- und Rehabilitations-pädagogik. Lehrbuch zur Theorie mit Praxisbeispielen aus unterschiedlichen Handlungsfeldern. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2234-3.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24661.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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