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Doris Streber: Nachhilfe als eine besondere Form individueller Förderung

Cover Doris Streber: Nachhilfe als eine besondere Form individueller Förderung. Theorie - Forschung - didaktische Konsequenzen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. 178 Seiten. ISBN 978-3-7815-2243-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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„Gekaufte Bildung“?

Das Recht auf Bildung gehört zu den Menschenrechten, wie sie in der „globalen Ethik“, der Menschenrechtsdeklaration der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 eindeutig und nicht relativierbar festgelegt ist: „Jedermann hat das Recht auf Bildung. Der Unterricht muss zum mindesten in der Elementar- und Grundstufe unentgeltlich … (und) obligatorisch sein“. Eindeutig wird darin auch festgelegt, dass „Bildung ( ) auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit … gerichtet sein (muss)“; was bedeutet, dass Bildung nicht nur ein schulischer, sondern ein lebenslanger Prozess ist. So wäre es eigentlich notwendig, jedes Kind so zu bilden, wie es nach dessen individuellen Möglichkeiten machbar ist. Also bräuchte es deshalb keine „gekaufte Bildung“.

Bildung darf kein käufliches Gut sein, das der eine sich aufgrund seiner ökonomischen Potenz, seiner Stellung oder auch seines Bildungsbewusstseins pekuniär leisten kann und der andere nicht. Es stellt sich jedoch die Frage, warum es dann doch „gekaufte Bildung“ gibt. Die Hildesheimer Erziehungswissenschaftlerin Margitta Rudolph hat jedoch hat bereits 2002 beklagt und nachgewiesen, dass es einen unkontrollierten und boomenden „Bildungsmarkt“ gibt (Nachhilfe – gekaufte Bildung? Empirische Untersuchung zur Kritik der außerschulischen Lernbegleitung, 2002, www.socialnet.de/rezensionen/947.php). Bildung ist demnach auch kein Konsumgut, sondern unverzichtbarer Bestandteil des Humanums. In der Schulforschung wird nicht nur kritisiert, dass das traditionelle, gegliederte Schulsystem Chancenungleichheit produziert und festigt und eine „Schule für alle“ auf den St.-Nimmerleins-Tag hinausgeschoben wird, sondern auch, dass die Bildungsvermittlung mit bevorzugenden wie benachteiligenden Inhalten und Methoden und nicht antinomisch verläuft (Jörg Schlömerkemper, Pädagogische Prozesse in antinomischer Deutung. Begriffliche Klärungen und Entwürfe für Lernen und Lehren, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23045.php). Der Ruf nach einer „Pädagogik der Autonomie“ (Paulo Freire) wird angesichts der lokal und global zunehmenden Tendenzen von Ungleichheiten lauter, wie auch die eher wohlfeil anmutenden Ratgeber „auf den Weg nach oben“ sich auf den Präsentiertellern von Buchhandlungen stapeln (Isabel Liegl & Albert Wunsch, Wo bitte geht's nach Stanford. Wie Eltern die Leistungsbereitschaft ihrer Kinder fördern können, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23044.php).

Fördern und Fordern

Es ist der pädagogische und didaktische Grundsatz, dass die Lern- und Bildungsanforderungen nicht als vor- oder nachgeordnete Bestandteile, sondern als gleichgerichtete und gleichwertige Elemente des Lernens und Lehrens zu verstehen sind: Fördern und Fordern; natürlich nicht mit dem „Nürnberger Trichter“, mit der irrigen Annahme, dass das, was an Inhalten eingefüllt wird, sich als Lernergebnis zeigt. Es ist das Bewusstsein notwendig, dass Lernen nicht nur Stoffvermittlung sein kann, auch nicht nur individuelle Gabe, sondern soziale, solidarische, gleichberechtigte Bildung sein muss.

Die Akademische Rätin beim Lehrstuhl für Schulpädagogik an der Universität Bayreuth, Doris Streber, will die kommerzielle Nachhilfepraxis nicht abschaffen. Mit ihrer Studie zeigt sie vielmehr die Entstehungsgeschichte der privaten, außerschulischen Nachhilfe auf, verweist auf die unterschiedlichen, positiven wie negativen Wirkungen, beklagt die in der pädagogischen Forschung bisher ungeklärten und unzulänglichen Begriffsbestimmungen und Zugangsformen zur lernbegleitenden Nachhilfe und entwirft ein „Basismodell und Trainingsbausteine von Nachhilfe“. Wesentlicher Bestandteil ihrer Forschungsarbeit ist der Fingerzeig, dass aus der schulischen, inklusiven (Ganztags-)Bildung ausgelagerte Nachhilfe die individuellen und gesellschaftlich abgestimmten, die Lernerwartungen und -möglichkeiten des Edicandus berücksichtigen muss. Es bedarf also nicht eines unverbindlichen, nicht abgestimmten Sowohl-als-auch, sondern eines kooperativen, ergänzenden Prozesses.

Auf dieser Grundlage entwirft die Autorin ein Programm, das sowohl auf dem offiziellen, gemeinsamen schulischen, wie auf dem außerschulischen, individuellen (Nachhilfe-) Lernen beruht und förderdiagnostische Mittel einbezieht. Sie unterfüttert ihr Praxismodell mit den in den Erziehungswissenschaften diskutierten und modellierten theoretischen Begründungen und Konzepten, und sie verifiziert es mit Praxis- und Fallbeispielen.

Es bleibt die Frage, ob und warum außerschulische Nachhilfe und Förderung überhaupt notwendig ist. Sie wird einerseits damit beantwortet, dass nach den vorliegenden Studien und Untersuchungen (PISA, Institut für Jugendforschung, Shell-Jugendstudie und anderen Schulvergleichsuntersuchungen) in Deutschland im Durchschnitt rund 10 Prozent aller Schüler*innen aktuell Nachhilfeunterricht erhalten, wobei sich die Zahl bei den Sekundarschüler*innen auf 25 Prozent erhöht, und im Laufe ihrer Schulzeit ca. ein Drittel aller Schüler*innen Nachhilfe in Anspruch nehmen. Bedeutsam und aussagekräftig ist dabei das aktuelle Ergebnis, dass sich im Laufe der letzten zehn Jahre die Gründung von Nachhilfe-Instituten mehr als verdoppelt hat. Ob die Konsequenz, die die Autorin aus dieser Entwicklung zieht, gerechtfertigt, logisch, faktisch und alternativlos sein muss, nämlich ein „normales Phänomen“ darstellt, das schon immer und bis heute die Schule begleitet, muss mit einem großen, kritischen Fragezeichen versehen werden. Denn die in der Studie aufgewiesenen, nationalen und internationalen Forschungsdesiderate über die kurz- wie längerfristigen Wirkungen des Nachhilfeunterrichts machen deutlich, dass im deutschen Nachhilfe-Diskurs allzu einseitig (und hierarchisch) die Bedeutung der individuellen Förderung im Vordergrund steht und etwa alternative Formen, wie etwa Peer-Lernen, Tutoring, Self-Monitoring, adaptive Kompetenz, Projektlernen, u.a. in der Theorie und Praxis der Schule kaum Bedeutung haben.

Fazit

Trotz der geäußerten kritischen Einwände lässt sich feststellen, dass die Studie von Doris Streber eine Fülle von Argumenten für und gegen den außerschulischen, kommerziellen Nachhilfeunterricht bringt. Denn: Defizite und Fehlentwicklungen beim ganzheitlichen, lebenslangen Lernen lassen sich nur beheben, wenn man sie thematisiert. Ob die begrüßenswerte und zu forcierende Entwicklung von Ganztagsschulen dazu beitragen kann, individuelles und gemeinsames Lernen zu fördern, und ob dadurch die aus der Schule outgesourcte Nachhilfe sich erübrigt oder zumindest an Bedeutung verliert, wird mit der Forschungsarbeit nicht beantwortet. Es ist kein Manko, dass mit der Forschungsstudie keine „endgültigen“ und „eindeutigen“ Antworten zur Frage von „Nachhilfe als eine besondere Form individueller Förderung“ geliefert werden; denn Bildung und Lernen sind ganzheitliche, inklusive und differenzierte Prozesse, die es dem Individuum und der Menschheitsfamilie ermöglichen sollen, ein Leben zu führen, das auf den Grundpfeilern eines humanen Denkens und Handelns ruht und die Einheit der Person, des Wissens und der lokalen und globalen Gesellschaft berücksichtigt (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen!, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363 – 274).

Die der Studie beigegebenen Anhänge – „Schüler-Fragebogen zum Organisationsgrad von Nachhilfe“ und „Lehrerfragebogen zur Überprüfung eines Basismodells“ – verweisen auf Design und Methodik der Forschungsarbeit.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 31.07.2018 zu: Doris Streber: Nachhilfe als eine besondere Form individueller Förderung. Theorie - Forschung - didaktische Konsequenzen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2018. ISBN 978-3-7815-2243-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24665.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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