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Jürgen Ebert, Sigrun Klüger: Im Mittelpunkt der Mensch - Reflexionstheorien und -methoden für die Praxis der sozialen Arbeit

Cover Jürgen Ebert, Sigrun Klüger: Im Mittelpunkt der Mensch - Reflexionstheorien und -methoden für die Praxis der sozialen Arbeit. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2017. 229 Seiten. ISBN 978-3-487-15591-3. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Hildesheimer Schriftenreihe zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit - Band 23.
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Thema

Der Titel macht neugierig, verspricht er doch einen reflexiven Zugang zu Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Die Autor*innen verstehen professionelle Soziale Arbeit „… als ein Zusammenspiel von Wissen, Können und Haltung, das sowohl die personelle, institutionelle als auch gesellschaftliche Ebene reflektiert“ (Klappentext). In diesem Sinne will das vorliegende Buch ausgewählte Reflexionstheorien und Reflexionsmodelle behandeln.

Autor und Autorin

Jürgen Ebert und Sigrun Klüger sind hauptamtlich Lehrende an der Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK Hildesheim

Entstehungshintergrund

Einer der wesentlichen Impulse zur Auseinandersetzung mit Reflexionstheorien ist nach Angaben der Verfasser*innen die vertiefte Auseinandersetzung mit Ausbildungsstrukturen Sozialer Arbeit in Nordirland und Großbritannien (S. 3).

Aufbau

Das Buch ist in zwei große Abschnitte unterteilt, denen jeweils eigenständig gegliederte Kapitel zugeordnet sind:

  1. Teil I behandelt die theoretischen Grundlagen für die Reflexion einer kritischen Praxis,
  2. Teil II Reflexionsmodelle für die Praxis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zu Teil I

Teil I beginnt mit einer Darstellung der Kritischen Sozialen Arbeit, die Ebert und Klüger nicht als eigenständige Theorie, sondern als „… Grundhaltung innerhalb der sozialen Arbeit …“ (S. 7) verstehen. Nach grundlegenden Ausführungen zu Terminologie und Kritikverständnis kritischer Sozialer Arbeit folgen eine professionspolitische Positionierung sowie ein sehr kurzes Unterkapitel zur Rolle kritischer Sozialarbeitswissenschaft, die sich im Wesentlichen auf die Arbeiten Mechthild Seithes beziehen.

Das folgende Kapitel widmet sich einer kritischen Praxis Sozialer Arbeit unter den Aspekten kritische Analyse, kritisches Handeln und kritisches Reflektieren. Nach der Erörterung von Grundannahmen und -haltungen gehen die Verfasser*innen auf zentrale Inhalte dieses Konzeptes ein: Bewältigung von Ungewissheit, Gestaltung von Arbeitsbeziehungen, Umgang mit Macht, kritische Reflexion sowie das Prinzip einer offenen Haltung in Einzelfällen und sozialen Situationen. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Zusammenfassung zur Bedeutung kritischer Praxis für die Soziale Arbeit. Es folgt ein Unterkapitel zum Verhältnis von Wissen, Können und Reflexion, der im Wesentlichen die curriculare Entwicklung des Bachelorstudiengangs Soziale Arbeit an der HAWK Hildesheim nachzeichnet.

Der vierte Abschnitt des Buches beschreibt Ethik und Standards einer kritischen Profession, speziell Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit sowie grundlegende Arbeitsprinzipien in Anlehnung an die Struktur- und Handlungsmaximen der Lebensweltorientierung nach Hans Thiersch.

Das 5. Kapitel stellt einen erweiterten Reflexionsbegriff in den Mittelpunkt einer kritischen Praxis: „die identitätsbezogene oder selbstbezügliche Reflexion baut auf dem problemlösenden Reflexionskonzept von Schön auf“ (S. 70). In den folgenden Unterabschnitten wird das entsprechende Reflexionskonzept von Donald Schön ausführlich dargestellt. Es folgen Ausführungen zur Bedeutung von Emotionen in Reflexionsprozessen, die sich auf die Autorengruppe um David Boud, Rosemary Keogh und David Walker beziehen. Daran anschließend wird unter 5.3. die Notwendigkeit zur biographischen Selbstreflexion diskutiert.

Das 6. Kapitel beschreibt die Grundlagen professioneller Haltung unter den Aspekten Menschenbild, persönliche Werte und Biografie.

Das letzte Kapitel aus dem ersten Teil behandelt den Aufbau einer tragfähigen Arbeitssituation. „Vertrauen“ ist dabei ein Schlüsselbegriff der Arbeitsbeziehung, der von den Verfassern nach personenbezogenem Vertrauen, Systemvertrauen sowie Vertrauen im Kontext unterschiedlicher Kulturen differenziert wird. Die Basis für eine gute Arbeitsbeziehung wird zudem in einer stabilen Bindung im Sinne der Bindungstheorie Bowlbys gesehen. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einer Konkretisierung des Aufbaus einer Arbeitsbeziehung.

Zu Teil II

Teil II des Buches stellt Reflexionsmodelle für die Praxis vor, die mit Studierenden gemeinsam entwickelt wurden.

Einleitend werden grundsätzliche Überlegungen zu Planung und Reflexion Sozialer Arbeit angestellt. Im ersten Hauptkapitel geht es um die Analyse institutioneller Rahmenbedingungen, da diese professionelle Soziale Arbeit potentiell „erschweren oder befördern“ (S. 129). Recht ausführlich werden dabei die Bereiche Träger, Trägerstrukturen, organisationssoziologische Aspekte, Finanzierung, Zielgruppen, Aufgaben, Ziel sowie Mitarbeiter*innen angesprochen. Das Kapitel endet mit einer praxisnahen Arbeitshilfe zur Beschreibung und Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen.

Auf die Analyse der Rahmenbedingungen des Arbeitsfeldes folgt nun die Reflexion ebendieser. Problematisiert werden zunächst Gegenstands- und Funktionsbestimmung Sozialer Arbeit um daraus ableitend eine Analyse der strukturellen Rahmenbedingungen für Arbeitsfelder vornehmen zu können. Auch dieses Kapitel endet mit einer entsprechenden Arbeitshilfe. Kapitel fünf widmet sich der multidimensionalen Fallreflexion in Anlehnung an die multiperspektivische Fallarbeit nach Burkhard Müller, nimmt aber eigene Abgrenzungen vor: „Im Gegensatz zu Müller, der eben nicht nur die einzelnen Adressaten im Sinne der des Einzelfalls im Rahmen der multiperspektivischen Fallarbeit meint, sondern auch Situationen und Problemlagen, die sich auf institutioneller und übergeordnet fachlicher Ebenen befinden … beziehen wir uns mit dem vorliegenden Modell der Fallreflexion explizit auf Einzelpersonen oder Familien, deren Probleme und Anliegen zum Fall der Sozialen Arbeit geworden sind“ (S. 174).

Begründet wird diese Abgrenzung mit der Darstellung eigener Reflexionsmodelle für Situationen und Probleme in den Kapiteln 6 und 7. In diesem Sinne wird in Kapitel 7 die Situationsanalyse als Reflexionsform in Anlehnung u.a. an Hiltrud von Spiegel und Franz Stimmer beschreiben und in einem eigenen Reflexionsmodell, das 6 Schritte umfasst, für die Praxis Sozialer Arbeit umgesetzt. Ähnlich gestaltet ist das 7. Kapitel zur Problemanalyse: Nach einleitenden Überlegungen wird ein fünfschrittiges Praxismodell für die Problemanalyse präsentiert.

Das Buch endet mit kurzen Gedanken zum Abschluss und einer Danksagung für unterschiedliche Unterstützer*innen.

Diskussion

Die anfängliche Neugierde weicht beim Lesen schnell einer gewissen Irritation, wird doch bereits im ersten Kapitel der Fokus auf die kritische Soziale Arbeit gelegt – eine Schwerpunktsetzung, die dem Buchtitel nicht so ohne weiteres zu entnehmen ist. Eine nähere Begründung für diesen Zugang erfahren Leser*innen nicht. Unausgesprochen wird wohl davon ausgegangen, dass Reflexivität immer gesellschaftskritisch verstanden werden muss, eine Lesart, die anderen Theorien – zu denken wäre hier an unterschiedliche systemtheoretische bzw. konstruktivistische Varianten mit ihren etablierten Reflexionsformaten Supervision, Coaching oder auch kollegiale Beratung – nicht gerecht wird.

Leider fehlen zudem eine Eingrenzung oder Definition dessen, was die Autor*innen unter Reflexionstheorien verstehen, sodass sich vor allem im Teil I im Text Versatzstücke unterschiedlichster Theoretiker*innen (u.a. Thiersch, Staub-Bernasconi) wiederfinden.

Die Stärke des Buches besteht darin, weniger bekannte Reflexionstheorien aus dem anglo-amerikanischen Raum zu beschreiben. Abgesehen vom ausführlich dargestellten Ansatz Donald Schöns fehlt jedoch eine systematische Darstellung dieser Reflexionstheorien in einem eigenen Kapitel, die für Leser*innen ausgesprochen hilfreich gewesen wäre.

Das 3. Kapitel zu Wissen, Können und Reflexion hält nicht, was es inhaltlich verspricht: die mittlerweile umfangreiche Debatte zum Verhältnis von Wissen und Können in der Sozialen Arbeit wird auf gerade mal einer halben Seite abgehandelt; stattdessen findet sich eine – für sich genommen sicherlich nicht uninteressante – sehr umfangreiche Darstellung der professionstheoretischen Bausteine des Hildesheimer Bachelorstudiengangs (die es aber mittlerweile in vielen Bachelorstudiengängen Sozialer Arbeit gibt). Ein Bezug zur Überschrift ist dadurch nur noch schwerlich herzustellen – eine Platzierung im zweiten Teil des Buches unter anderer Überschrift wäre passender gewesen.

Ähnliches gilt für das Kapitel zur Gestaltung der Arbeitsbeziehung. Solide, wenn auch nicht mit neuen Erkenntnissen versehen, sind die Überlegungen zur Ethik, Reflexivität und professioneller Haltung. Sie präzisieren fundamentale Konstruktionsprinzipien reflexiver kritischer Professionalität mit einer deutlichen Akzentuierung auf ethische und persönliche Grundhaltungen.

Der zweite Teil des Buches ist in sich deutlich stringenter gestaltet und dadurch leichter zugänglich. Die gewählten Reflexionsmodelle überzeugen nicht nur durch die abschließenden Arbeitshilfen, sondern sind erkennbar auf die Zielgruppe Studierende und Berufseinsteigerinnen zugeschnitten. Die Darstellung der klassischen Reflexionsform „Supervision“ hätte hier idealerweise zusätzlich ihren Platz gefunden – so wird sie nur nebenbei im Kapitel über das Hildesheimer Curriculum angerissen.

Fazit

Studierende und Berufeinsteiger*innen finden in diesem Buch, das nicht von ungefähr in der dritten Auflage erscheint, vielfältige Anregungen für einen reflexiven und kritischen Zugang zur Sozialen Arbeit. Trotz einiger Ungenauigkeiten in Titel und Inhalt können auch Wissenschaftler*innen und langjährig erfahrene Professionelle bei Jürgen Ebert und Sigrun Klüger noch neue professionstheoretische Impulse erhalten. Ein Lehrbuch ist es sicherlich nicht, auch keine Einführung in die kritische Soziale Arbeit. Es ist geschrieben für kritische Menschen in der professionellen Praxis Sozialer Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Harmsen
Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel, Lehrgebiet Sozialarbeitswissenschaft; M.A. Sozialwissenschaftler, Diplom-Sozialarbeiter, Supervisor, Familienberater, Qualitätsentwickler
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Zitiervorschlag
Thomas Harmsen. Rezension vom 22.08.2018 zu: Jürgen Ebert, Sigrun Klüger: Im Mittelpunkt der Mensch - Reflexionstheorien und -methoden für die Praxis der sozialen Arbeit. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2017. ISBN 978-3-487-15591-3. Hildesheimer Schriftenreihe zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit - Band 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24671.php, Datum des Zugriffs 14.11.2018.


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