socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sighard Neckel, Lukas Hofstätter u.a.: Die globale Finanzklasse

Cover Sighard Neckel, Lukas Hofstätter, Marco Hohmann: Die globale Finanzklasse. Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sydney. Campus Verlag (Frankfurt) 2018. 250 Seiten. ISBN 978-3-593-50900-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 36,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Finanzmärkte sind globale Märkte. Politische Relevanz gewannen sie im Verlauf der letzten Jahrzehnte nicht nur aufgrund ihrer Bedeutung für die Steuerung von Unternehmen oder die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums insgesamt, sondern auch mit Blick auf ihren „opaken“ (9) Charakter. Dennoch ließe sich die Frage nach der Funktionsweise dieser Märkte sowohl unter arbeits- und professionssoziologischen, wie auch unter kapitalismus- und demokratietheoretischen Aspekten stellen.

Einen entsprechenden Ansatz verfolgen Sighard Neckel, Lukas Hofstätter und Marco Hohmann in ihrer Untersuchung ‚Die Globale Finanzklasse. Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sidney‘ innerhalb der soziologischen Klammer der Klassentheorie.

Aufbau und Inhalt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Die Autoren gehen von einer differenzierungstheoretischen Grundannahme aus: In einer sich seit Jahrzehnten internationalisierenden Wirtschaft erscheint es durchaus als plausibel, dass sich auch die Klassenzugehörigkeit insofern internationalisiert, als dass sich Arbeits- und Lebensbedingungen bestimmter erwerbsbedingt bestehender Gruppen im grenzüberschreitenden Maßstab angleichen und hieraus schließlich auch geteilte Überzeugungen entstehen. Während diese Frage im Allgemeinen – wie etwa in der Gewerkschaftsforschung – seit langem intensiv diskutiert wird, stellt sich der Forschungsstand zur Existenz einer transnationalen Finanzklasse bislang als vergleichsweise überschaubar und widersprüchlich dar. Zur Schließung dieser Lücke wollten die Autoren mit ihrer Untersuchung beitragen.

Anschließend an Bourdieu und die Neue Wirtschaftssoziologie interpretieren die Autoren Klasse nicht allein als makrosoziologische Strukturkategorie, sondern etablieren einen prozeduralen Fokus mittlerer Reichweite, der die sozialen Konstruktionsmomente in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Anders als bereits vorliegende Studien zur transnationalen Klassenbildung gehen sie hierbei davon aus, dass extensive transnationale Mobilität keine genuine Voraussetzung transnationaler Klassenbildung darstellt. Anders als Vertreter andere Klassentheorien sehen die Autoren auch die Einkommensverteilung nicht als wichtigsten Faktor, sondern fokussieren stattdessen distinktive soziale Praktiken: „Ihre beruflichen Fähigkeiten und ihr fachliches Wissen, ihre kulturellen Präferenzen und sozialen Routinen bilden das materiale Substrat jener Gemeinsamkeiten, die eine globale Finanzklasse zu begründen vermögen“ (29).

In der Operationalisierung werden diese Überlegungen in Form eines Mehrebenenmodells abgetragen: Während die Makroebene hierbei die „politisch und institutionelle Einbettung von globalen Finanzmärkten in den exemplarischen Global Cities Frankfurt und Sidney“ (39) umfasst, basiert die mikrosoziologische Rekonstruktion der Perspektiven und Selberverortung der Klassenangehörigen auf 42 teilstrukturierten Interviews mit Gesprächspartnern aus der Klasse und deren näherem Umfeld (wie zum Beispiel der Geschäftsführerin einer Frankfurter Hochhausbar). Zum Verständnis der Meso-Dynamiken des Feldes diente schließlich eine vergleichende Ethnografie der beiden Finanzzentren. Die forschungsleitenden Fragen richteten sich hierbei auf Gemeinsamkeiten der Lebenswirklichkeit innerhalb des Finanzfeldes jenseits der spezifischen Lokalitäten.

Die empirische Arbeit erscheint sorgfältig strukturiert und überträgt die theoretischen Parameter in eine interessante Darstellung der Praktiken, welche die internationalen Finanzklasse als distinktive soziale Gruppe erkennbar werden lassen.

Die Darstellung der erhobenen Daten bildet nun einen interessanten Plot aus zahlreichen Aspekten der Karrierewege, Berufspraktiken und alltäglichen Gewohnheiten der betreffenden Akteure. Diese werden immer wieder auf die institutionellen Gegebenheiten an den beiden Orten sowie die forschungsleitenden Annahmen rückbezogen. Die Bedeutung von Geschlecht und Diversity-Praktiken spielt hierbei genauso eine Rolle wie Muster der Freizeitgestaltung, Personalpolitik und Rekrutierung oder einen „weitergehenden Körperkult“ (repräsentative Kleidung und athletische Trainingsdisziplin). Beobachtungsgabe und anschaulich-präzise Darstellungsformen bieten hier einen plastischen Einblick, wie etwa in der Darstellung des finanzklässlerischen Freizeitverhaltens in der Hochhausbar: „Hoch über der Stadt gelegen, vermitteln diese Orte nicht nur das Gefühl, dem Getümmel der Stadt entrückt zu sein, sie erlauben es auch […], der Gewöhnlichkeit des Lokalen zu entfliegen“ (199).

Anschließend an Bourdieu verdichten die Autoren diese Eindrücke zur Kategorie des Habitus der Finanzakteure. Dieser lässt sich ihnen zu Folge durch zwei Merkmale charakterisieren – eine „für die Finanzbranche typischen Konformismus“ (162) sowie eine gewisse „Rücksichtslosigkeit und Engstirnigkeit, die ihren Ausdruck im Auftreten von Investmentbankern wiederfindet“ (162). Ihren Befund, demzufolge sich (zumindest) in den „Finanzzentren Frankfurt und Sydney eine Finanzklasse [formiert], deren Praktiken kulturellen Mustern von hoher Ähnlichkeit folgen“ (222), tragen die Autoren in vier typischen Dimensionen ab (Selbstrepräsentation und Sauberkeit, inszenierte Transparenz, gelebte Affirmation und inklusive Exklusion).

Als das „zentrale Ergebnis“ (231) ihrer Studie befinden die Autoren, dass die untersuchten ‚Financial Professionals‘ „jenseits ihrer Herkünfte und Zugehörigkeiten untereinander so viele Ähnlichkeiten“ aufweisen, dass man insgesamt von einer neuen globalen Klasse sprechen kann: Die globale Finanzklasse repräsentiert „eine neue Art von Klassenbildung, die sich ebenfalls keinen geographischen und politischen Grenzen fügt, sondern sich den globalen Finanzmarktkapitalismus überall auf der Welt zu ihrer eigenen Angelegenheit macht“ (234). Im abschließenden Fazit verdichten die Autoren ihre Befunde zu einem kapitalismustheoretischen Argument. In den Praktiken der globalen Finanzklasse, so schließen sie, treffen sich die Liberalisierung der Ökonomie und die Liberalisierung der Kultur.

In ihrem Vorgehen, dies zeigt sich im Verlauf der Studie vor allem im Subtext, folgt die Darstellung dem Muster einer normativen Kritik. In diesem Sinne beschreiben sie die Finanzklasse als Bewohner einer als „abgegrenzte[n] Elitenwelt mit antisozialen Reflexen, die nirgendwo zuhause [sind] außer in den Refugien ihrer eigenen Privilegierung“ (12). Die souveräne Verwendung der genannten Theorieelemente erfolgt klar und nachvollziehbar. Auch die Darstellung des Forschungsstandes hätte man wesentlich umfangreicher anstellen können, ohne dabei viel mehr auszusagen. Durch die intelligente Fokussierung von Theorie und Empirie erfährt man auf den knapp 230 Seiten Fließtext damit eigentlich alles, was man wissen muss, um einen (zumindest qualitativen) Eindruck globaler Klassenbildung innerhalb der Finanzwelt zu bekommen.

Diskussion

Der Befund der Emergenz einer globalen Finanzklasse verdient es auf jeden Fall, weiter diskutiert und entwickelt zu werden.

  • Welche Bezüge sozialer Verantwortung entwickeln die Entscheidungsträger gegenüber welchen Gemeinschaften?
  • Was für eine Rolle spielen die symbolischen Images dieser Finanzelite für die soziale Konstruktion hegemonialer Männlichkeiten?
  • Inwiefern überträgt sich der ermittelte Habitus in konkrete wirtschaftliche Transaktionen – nicht nur in Bezug auf die Rekrutierungsmuster, sondern auch hinsichtlich der konkreten Finanztransaktionen?

Auch könnten mehr strukturelle Daten über die Verfasstheit der globalen Finanzklasse von Interesse sein. Weiterhin, so würde ich denken, sollte sich die Frage transnationaler Klassenbildung in den nächsten Schritten wohl nur durch den Vergleich der Befunde mit den Gegebenheiten in anderen wirtschaftlichen Bereichen untersuchen lassen – ich denke hier zum Beispiel an die professionellen Interessenvertreter in den europäischen Institutionen und Lobbyeinrichtungen oder die Repräsentanten transnationaler Organisationen wie der katholischen Kirche.

Fazit

Der perspektivische Ausblick, dem zu Folge die „besondere ökonomische Weltläufigkeit“ der globalen Finanzklasse „durchaus die Chance in sich berge[n], partikularistische Beschränkungen auch jenseits des Ökonomischen zu überschreiten“, fällt für meine Begriffe etwas kryptisch aus. Geht es hier um posttraditionale Vergemeinschaftung, grenzüberschreitende Solidarität oder noch etwas anderes? Schließlich erscheint es mir besonders unter demokratietheoretischen Aspekten als interessant, dass sich die Arbeits- und Lebensbedingungen der Entscheidungsträger in der vielleicht wichtigsten Wirtschaftsbranche immer weiter von denen der ‚normalen‘ Bevölkerung entfernen. Möglicherweise hätten diese Dinge am Ende etwas deutlicher behandelt werden können (acht Seiten Fazit sind m.E. für so eine umfangreiche Untersuchung relativ wenig). Der Tatsache, dass die Studie nicht nur wegweisend für die zukünftige Auseinandersetzung mit der Frage globaler Klassenbildung sein dürfte, sondern auch spannend und anregend zu lesen ist, tut dies jedoch keinen Abbruch.


Rezensent
Dr. Martin Seeliger
Promotion am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Martin Seeliger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Martin Seeliger. Rezension vom 08.11.2018 zu: Sighard Neckel, Lukas Hofstätter, Marco Hohmann: Die globale Finanzklasse. Business, Karriere, Kultur in Frankfurt und Sydney. Campus Verlag (Frankfurt) 2018. ISBN 978-3-593-50900-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24672.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung