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Julia Mandry: Armenfürsorge, Hospitäler und Bettel in Thüringen (...)

Cover Julia Mandry: Armenfürsorge, Hospitäler und Bettel in Thüringen in Spätmittelalter und Reformation (1300-1600). Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2018. 1052 Seiten. ISBN 978-3-412-50811-1. D: 125,00 EUR, A: 119,00 EUR.

Quellen und Forschungen zu Thüringen im Zeitalter der Reformation, Band 10.
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Thema

Armut ist aktuell wieder ein viel diskutiertes Thema, etwa im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über die Zukunft der so genannten Hartz-Gesetze. Doch Armut war auch viel früher ein Thema, insbesondere dann, wenn es nicht um das Schicksal einzelner Menschen oder Familien geht, sondern Armut durch strukturelle Veränderungen zu einem Massenphänomen wird, das es zu regulieren gilt. Eine solche strukturelle Änderung liegt dem zu besprechenden Buch zugrunde, nämlich die Reformation. Im Zuge der Reformation ging es nicht nur um theologische Fragen und kirchliche Praktiken, sondern es kam zu einem erheblichen sozio-kulturellen Wandel, denn das hergebrachte Almosenwesen verlor auf evangelischem beziehungsweise protestantischem Territorium seine Berechtigung. Das Arrangement, Armut als göttliche Fügung zu erachten und die bereitwillige Verpflichtung, Armen gegenüber Barmherzigkeit zu üben und Almosen zu geben, hatte dort nicht länger Bestand. Vielmehr herrschte zunehmend die Überzeugung, Armut sei kein Zustand der Vorsehung, sondern Folge mangelnder eigener Anstrengungen. Wenig erstaunlich, dass vor diesem Hintergrund Vorformen des heutigen arbeitsmarktpolitischen Credos „Fördern und Fordern“ aufkamen.

In ihrer Studie geht Mandry der Frage nach, wie öffentliche Armenfürsorge vor und nach der Reformation organisiert und praktiziert wurde. In Anlehnung an bestimmte Forschungsansätze geht sie davon aus, dass der Einfluss der Reformation zu relativieren sei und dass längerfristige städtische Entwicklungslinien stärker zu berücksichtigen seien. Da die Studie Teil eines größeren Forschungsprojektzusammenhangs („Thüringen im Jahrhundert der Reformation“) und gleichzeitig ein Dissertationsvorhaben ist, sind noch weitere Motive von Belang, aus denen insgesamt das behandelte thematische Spektrum resultiert. Insbesondere wird dabei auf innerfachliche Forschungslücken verwiesen, etwa dass Thüringen „als ein Kernland der Reformation“ (19) bislang nur peripher berücksichtigt worden sei, dass noch keine flächendeckende Betrachtung des Armenwesens im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Thüringen erschienen sei oder dass die lokalgeschichtliche Literatur keine tragfähige Forschungsbasis bilde. Gleichwohl handelt es sich im Ergebnis um weit mehr als eine landes- oder regionalgeschichtlich relevante Abhandlung.

„Als thematische Schwerpunkte sind rechtliche Bestimmungen und obrigkeitliche Ordnungsmaßnahmen, die Fürsorgepraxis von Stadträten und Gemeinen Kästen, großangelegte Spenden bzw. Armenstiftungen, der Schutz und die Versorgung hilfsbedürftiger Kinder und Behinderter, die Hospitalstrukturen, Integrations- und Ausgrenzungstendenzen sowie das kriminelle Bettelmilieu zu nennen“, wobei der „Untersuchungsfokus auf Entwicklungs- und Wandlungsprozesse“ gerichtet ist (25). In Hinblick auf die Reformation bedeutet das, dass sowohl Kontinuitäten als auch Veränderungen identifiziert werden sollen. Daher wird der Frage nachgegangen, „seit wann und wie thüringische Herrschaftsträger und vornehmlich städtische Obrigkeiten auf die Armen und Bettelnden reagierten und von welchen Sichtweisen, Motiven und Umgangstönen die zwischenmenschlichen Beziehungen und Kontakte geprägt waren. Untersucht werden die Relationen von Nächstenliebe und Pflichtgefühl, Reglementierung und Kontrolle, Unterstützung und Stigmatisierung, Integration und Ausgrenzung sowie moralischer, sozialer und rechtlicher Konformität und Nonkonformität“ (28). Den Ausführungen liegt also ein umfangreiches Arbeitsprogramm mit diversen einzelnen Fragestellungen zugrunde. Über den Zeitraum dreier Jahrhunderte wird so die soziale Infrastruktur detailliert ermittelt, erläutert und eingeordnet.

Autorin

Dr. Julia Mandry war seit Oktober 2013 Stipendiatin des Ende 2017 ausgelaufenen Projektes „Thüringen im Jahrhundert der Reformation“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Ihre in diesem Rahmen angefertigte Dissertation wurde im April 2018 von der dortigen Philosophischen Fakultät angenommen und zwischenzeitlich in Gestalt des vorliegenden Buches publiziert, nämlich als Band 10 der Reihe „Quellen und Forschungen zu Thüringen im Zeitalter der Reformation“.

Aufbau und Inhalt

Dass ein beinahe 800seitiger, mit Details gespickter Text nicht im Einzelnen referiert werden kann, ist vermutlich zu verstehen. Daher sei hier lediglich die Gliederung der Studie umrissen. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nach einer ausführlichen Einleitung folgen elf inhaltliche Kapitel.

In den Kapiteln II („Armut“) und III („Armenfürsorge“) erfolgt im Rahmen einer Skizze des Forschungstandes eine allgemeine und grundsätzliche Einordnung von Begriffen, Organisationsweisen und Institutionen.

Es folgen sieben Kapitel, in denen Detailuntersuchungen zu ausgewählten Städten präsentiert werden:

  • Kapitel IV („Reichsstadt Nordhausen“),
  • Kapitel V („Reichsstadt Mühlhausen“),
  • Kapitel VI („Das Mainzische Erfurt“),
  • Kapitel VII („Die ernestinische Stadt Altenburg“),
  • Kapitel VIII („Die albertinische Stadt (Langen-)Salza“),
  • Kapitel IX („Arnstadt und die Schwarzburger“),
  • Kapitel X („Greiz und die Reußen“).

Alle diese Kapitel sind, soweit den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend und nach Quellenlage möglich, ähnlich aufgebaut:

  • Zunächst wird die Armenfürsorge in vorreformatorischer Zeit zusammengefasst.
  • Dann folgen Einblicke in verschiedene Institutionen des nachreformatorischen Armenwesens, denen jeweils Unterkapitel gewidmet sind, beispielsweise zu rechtlichen Bestimmungen und obrigkeitlichen Ordnungsmaßnahmen sowie konkreten Instrumenten der Armenfürsorge, etwa der Praxis des Gemeinen Kastens.
  • Im letzten Unterkapitel sind jeweils die Hospitäler und Siechenanstalten der betrachteten Orte Gegenstand.

Bei der Auswahl der untersuchten Städte fand auch die These Berücksichtigung, dass unterschiedliche landesherrliche Gegebenheiten in der Praxis im Umgang mit Armut(sphänomenen) ihren Niederschlag finden.

Die Zusammenführung der ausgebreiteten Einzelfälle plus Ergänzungen durch Quellenstudien zusätzlicher Orte samt vergleichender Analyse geschieht in Kapitel XI („Aspekte der Armenfürsorge in Thüringer Städten und Landgebieten“). Es folgt Kapitel XII („Schlussbetrachtung“).

Unbedingt zu erwähnen ist der sehr umfangreiche Anhang mit reichlich Daten, die konkretes Anschauungsmaterial bieten, wobei etwa in den aufgeräumten Finanztabellen der Aufwand nicht mehr zu erkennen ist, den es gewiss bedeutet hat, die Zahlen in mühseliger Kleinarbeit aus diversen Archiven zusammenzutragen und aufzubereiten. Ähnliches gilt wohl auch für den „Personenkatalog des kriminellen Bettlermilieus in Thüringen (1488-1599)“.

Darüber hinaus werden die genutzten archivalischen Quellen in einem eigenen Verzeichnis aufgeführt, hinzu kommt ein etwa 60seitiges Literaturverzeichnis. Außerdem sind 58 Abbildungen künstlerischer Darstellungen mit Bedürftigen und Bettlern zu finden, die im Text einer Analyse unterzogen werden, sowie fünf Karten zur Veranschaulichung der Ausstattung ländlicher und städtischer Standorte mit verschiedenen Einrichtungen der Armenfürsorge im thüringischen Raum.

Diskussion

Auch wenn in Anbetracht der schieren Menge an Einzelheiten hier nicht auf diese eingegangen werden kann: Der Wert des Buches liegt nicht zuletzt in eben dieser Vielfalt. Jedenfalls dürfte es auch für Les*erinnen ohne spezifisches Interesse an thüringischer Landesgeschichte interessant sein, beispielsweise in Hinblick auf sozialpolitische Anfänge und frühe Konzepte der Daseinsvorsorge als öffentlicher Aufgabe.

In der stadtgeschichtlichen Literatur wird verschiedentlich darauf hingewiesen, dass Verallgemeinerungen und Abstraktion schwierig sind. So ist Schmieder (2005: 4) zufolge die „mittelalterliche Stadt ein zutiefst komparatistisches Konstrukt – je weiter man die Vergleiche von den Äußerlichkeiten weg hin zu den Einzelheiten treibt, desto weniger gab es sie überhaupt. Es ist heutzutage ein Gemeinplatz der Stadtgeschichtsforschung, dass alle (vor allem die größeren) Städte untereinander völlig verschieden waren“. Das hat dazu geführt, so Ennen (1987: 16), „daß wir uns nicht mehr anhand eines starren Kriteriums bemühen zu bestimmen, was Stadt ist, sondern anhand eines Kriterienbündels, dessen Zusammensetzung nach Zeit und Ort variiert; Kriterien werden abgebaut oder weiterentwickelt oder hinzugewonnen; die Rangordnung der Kriterien verschiebt sich“.

Das ist sozusagen als Auftrag zu verstehen und bedeutet, dass Vorstellungen von mittelalterlichen Lebensverhältnissen (und für frühe frühneuzeitliche dürfte das ebenso gelten) als eine Art Mosaik zu denken sind, das umso vollständiger wird und einem greifbaren Bild entspricht, je zahlreicher die versammelten Mosaiksteine sind. Dazu hat Mandry mit ihrer Untersuchung ohne Frage einen beeindruckenden Beitrag geliefert.

Dennoch und quasi wider besseren Wissens ist die Idee virulent, einzelne Fälle für typisch zu halten. Dazu tendiert auch Mandry, wenn sie die Absicht bekundet, „ein repräsentatives Bild über Wandlungsprozesse, Anlaufpunkte und Möglichkeiten, Personal und Organisation sowie Handlungsfähigkeit und Probleme des thüringischen Armenwesens entstehen zu lassen“ (32).

Grundlage der Studie sind sicher aufwändige Recherche- und Quellenerschließungsarbeiten, die wohl am ehesten unter den gegebenen Rahmenbedingungen in Verbindung mit einem Promotionsvorhaben möglich sind. „Insgesamt wurden die Bestände von acht Staatsarchiven, 13 Stadtarchiven und acht Archiven aus dem Bereich der Kirchen oder Kreise sowie zwei Forschungsbibliotheken genutzt“ (24). Auswertung und Dokumentation erfolgen reflektiert und sensibel. So weist Mandry etwa ausdrücklich darauf hin, dass in Ermangelung überlieferter „Selbstzeugnisse aus dem Armenmilieu“ im Quellenmaterial „die Sicht auf die Bedürftigen und Bettler zumeist obrigkeitlich geprägt“ ist (24). Und hinsichtlich zeitgenössischer Bezeichnungen wie „Irre, Narren, Tolle, Dulle, Blödsinnige oder Krüppel“, die im heutigen Sprachgebrauch als abwertend erscheinen könnten, erklärt sie unter Verweis auf den historischen Kontext, dass diese zwar gebraucht werden, aber kursiv gesetzt.

Die Abhandlung ist wegen ihres Detailreichtums so interessant wie ergiebig und überdies stellenweise so ansprechend verfasst, dass beschriebene Situationen und Umstände beinahe lebendig erscheinen. Allerdings ist das Buch schon wegen seines Gewichtes von dreieinhalb Pfund nicht als Bettlektüre geeignet. Um die Informationsfülle einigermaßen verarbeiten zu können, bedarf es doch eines gewissen Maßes an Konzentration.

Die „großzügige finanzielle Förderung der Drucklegung“ (13) durch die Thüringer Staatskanzlei, für die sich die Autorin in ihrem Vorwort bedankt, mag sich durchaus im Kaufpreis niedergeschlagen haben, er ist dennoch ein stolzer. Dafür ist der Band vergleichsweise opulent ausgestattet, hochwertig gebunden, sogar mit Lesebändchen, mit Serviceteilen wie einem Ortsregister sowie mit zahlreichen, größtenteils farbigen Abbildungen und fünf Karten.

Fazit

Es ist zu wünschen, dass das Buch Verbreitung findet. Denn allen, die sich – in welcher Wissenschaftsdisziplin auch immer – mit Fragen zum Umgang mit Armut und Armen oder der Gestaltung und Entwicklung sozialer Unterstützungsstrukturen für Benachteiligte befassen, dürfte es erhellende Einblicke in gesellschaftliche Betrachtungsweisen verschaffen und Einsicht in erstaunliche sozialpolitische Kontinuitäten ermöglichen.

Literatur

  • Ennen, Edith 1987: Die europäische Stadt des Mittelalters. 4., verbesserte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
  • Schmieder, Felicitas 2005: Die mittelalterliche Stadt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft

Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 14.12.2018 zu: Julia Mandry: Armenfürsorge, Hospitäler und Bettel in Thüringen in Spätmittelalter und Reformation (1300-1600). Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2018. ISBN 978-3-412-50811-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24675.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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