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Martin Sebaldt, Alexander Straßner: Verbände in der Bundesrepublik Deutschland

Cover Martin Sebaldt, Alexander Straßner: Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 348 Seiten. ISBN 978-3-531-13543-4. 17,90 EUR.

Reihe: Studienbücher Politisches System der Bundesrepublik Deutschland.
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Einführung

"Interessen", das ist ein recht allgemeiner Begriff, und doch ist er zentral, wenn man die Entscheidungsprozesse eines politischen Systems untersuchen möchte. Interessen werden von verschiedenen organisierten Gruppen mit unterschiedlichsten Mitteln vertreten. Ihr Ziel ist es, die politischen Entscheidungsträger in ihrem Sinne zu beeinflussen. Dabei gibt es in einer komplexer werdenden Welt immer mehr Gruppen, die Interessen vertreten. Und die Adressaten ihrer Tätigkeit werden auch zahlreicher. Diese sitzen heute nicht nur in Landeshauptstädten oder in Berlin, sondern auch zunehmend in Brüssel. Gerade in Deutschland hat der Begriff des Interesses oder der Interessenvertretung darüber hinaus einen oftmals negativen Beigeschmack. Da ist dann schnell die Rede von "Lobbying", "Beeinflussung", gar "Käuflichkeit".

Martin Sebaldt und Alexander Straßner haben den Versuch unternommen, einen umfassenden, einführenden Überblick über diese organisierten Interessen zu geben. Dabei, das sei gleich zu Beginn gesagt, konzentrieren sich die beiden Autoren auf Verbände im engeren Sinne, was bedeutet, dass sie neue soziale Bewegungen bzw. alternative, netzwerkartige Formen des Zusammenschlusses weitgehend unberücksichtigt lassen. Gegenstand ihres Buches ist der klassische Verband mit einem bürokratischen Apparat und dem "Prinzip von Führung und Gefolgschaft" (S. 23). Ziel des Buches, so die beiden Autoren, ist es, die "ungerechten, negativen Verbandsimages" (S. 13), die sich bis heute erhalten hätten, zu korrigieren und die Leistungen von Verbänden zu zeigen. Damit solle Studierenden, Verbandsvertretern und sonstigen politisch Interessierten ein "zuverlässiger Wegweiser durch die verwirrende deutsche Gruppenvielfalt" an die Hand gegeben werden.

Inhalt

Sebaldt und Straßner haben ein klassisches Einführungs- bzw. Lehrbuch geschrieben.

Im ersten Kapitel geht es um die Grundlagen, d.h. um Begriffe, Theorien und Funktionen von Interessengruppen. Diese Grundlagen sind für den Praktiker vielleicht nicht immer von größtem Interesse, doch sind sie nützlich und notwendig, um den Untersuchungsgegenstand klar umreißen und die Frage beantworten zu können, um was es denn eigentlich genau geht.

Das zweite Kapitel thematisiert das Spektrum der Verbände in Deutschland. Beginnend mit einem kurzen historischen Überblick über die Genese von Verbänden und Verbandsstrukturen und einigen Ausführungen zur rechtlichen Basis, auf der Verbände in Deutschland operieren, geben die beiden Autoren dann anhand von sechs Themenbereichen einen Überblick über verschiedene Verbände, deren Zwecke und Tätigkeiten und vertiefen dies dann jeweils anhand eines Fallbeispiels. Die Themenbereiche und die jeweiligen Fallstudien sind:

  1. Wirtschaft und Arbeit (Bundesverband der Deutschen Industrie und Deutscher Gewerkschaftsbund)
  2. Soziales Leben und Gesundheit (Deutsches Rotes Kreuz)
  3. Freizeit und Erholung (Allgemeiner Deutscher Automobil Club e.V.)
  4. Kultur, Bildung, Wissenschaft, Religion, Weltanschauung (Evangelische Kirche in Deutschland)
  5. Politik (Amnesty International e.V.)
  6. Umwelt (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V.)

Das umfangreichste, dritte Kapitel des Buches behandelt Funktionen deutscher Verbände in der Praxis. Hier wird zum Teil sehr detailliert über die Art und Weise berichtet, wie Verbände ihre Interessen vorbringen und welche Regeln von Verbänden und Politik einzuhalten sind. Des Weiteren geht es um den Organisationsgrad von Verbänden, welche Probleme sich mit hoher oder niedriger Mobilisierung verbinden und welche Interessen dann schlussendlich überhaupt vertreten werden (denn nicht alle Interessen sind gleich einfach zu organisieren). Schließlich wird ein für Deutschland zentrales Merkmal verbandlicher Einbindung in das politische System thematisiert: die Selbstregulierung, etwa in der Wirtschaft durch Tarifautonomie, das System der Kammern oder auch im Gesundheitswesen bei der Selbstverwaltung der Gesetzlichen Krankenversicherung oder im Bereich der technischen Normung.

Das sich daran anschließende vierte Kapitel thematisiert drei wichtige Entwicklungen bzw. Besonderheiten, auf die sich Verbände in Deutschland besonders einstellen müssen:

  1. die deutsche Wiedervereinigung und die daraus folgende Entwicklung der Übertragung von Verbandsstrukturen auf die ostdeutschen Bundesländer,
  2. die Europäisierung verbandlicher Arbeit durch Präsenz in Brüssel
  3. und die zunehmende Bedeutung des kommerziellen Lobbyings.

Am Ende des Buches steht ein Abschnitt über Entwicklungen und Herausforderungen, vor der die Verbände heute stehen, etwa den sozialen, kulturellen, ökonomischen, politischen und ökologischen Wandel. Wandel gibt es ebenso in den Organisations- und Mobilisierungsmustern von Verbänden bzw. Interessen allgemein. Daraus folgt ein Anpassungsdruck für die Zukunft, dem die Verbände Rechnung tragen müssen, wenn sie auch in Zukunft so einflussreich wie möglich sein wollen. Eine umfangreiche Bibliographie schließt das Buch ab.

Fazit

Sebaldt und Straßner haben eine gut lesbare, übersichtliche und umfassende Einführung zum Thema "Verbände in Deutschland" geschrieben. Die wichtigen Aspekte werden angesprochen. Gerade für Studierende, aber auch für diejenigen, die sich allgemein für das Thema interessieren, ist das Buch als Einstiegslektüre zu empfehlen.

Manches, was man vielleicht in einem solchen Buch erwarten würde, ist nicht zu finden. Eine etwas breiter angelegte Sichtweise auf organisierte Interessen - also unter Einbeziehung neuerer Phänomene wie z.B. "Attac" - wäre noch erkenntnisbringender, gerade auch in Hinsicht auf die von den Autoren genannten Herausforderungen, denen traditionelle Verbände heute gerecht werden müssen.

Eine kritischere Sichtweise auf die Arbeitsweise von Verbänden und Lobbying-Gruppen im Allgemeinen hätte dem Buch gut getan. Zwar ist es das Anliegen der Autoren, wie sie selber schreiben, das negative Image von Verbänden gerade zu rücken, doch kann ja nicht geleugnet werden, dass im Zusammenhang mit der Vertretung von Interessen immer wieder Skandale bzw. Probleme in der Grauzone zwischen verbandlicher Interessenvermittlung und dem politischen Entscheidungssystem entstehen. Ein eigener Abschnitt dazu wäre der Bedeutung des Problems sicher angemessen gewesen.

Dies schmälert den Wert des Buches aber nicht sehr stark, denn als einführende Lektüre, also zur erstmaligen Befassung mit dem Thema, ist es wirklich sehr nützlich.


Rezension von
Matthias Chardon
Universität Tübingen, Institut für Politikwissenschaft


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Zitiervorschlag
Matthias Chardon. Rezension vom 16.08.2005 zu: Martin Sebaldt, Alexander Straßner: Verbände in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-531-13543-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2468.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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