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Sigrid Betzelt, Ingo Bode (Hrsg.): Angst im neuen Wohlfahrtsstaat

Cover Sigrid Betzelt, Ingo Bode (Hrsg.): Angst im neuen Wohlfahrtsstaat. Kritische Blicke auf ein diffuses Phänomen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. 404 Seiten. ISBN 978-3-8487-4554-8. 64,00 EUR.

Reihe: Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin: HWR Berlin Forschung - Band 64.
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Thema

Der Band beschäftigt sich mit den Folgen mehrerer jüngerer sozialpolitischer Reformen, wobei nicht deren langfristige finanzielle oder juristische Wirkungen thematisiert werden. Vielmehr wird danach gefragt, inwieweit die Neuregelungen Befürchtungen in der Gesellschaft ausgelöst haben, wie man diese Gefühle als Angst, Furcht, Sorgen, Misstrauen oder Unsicherheit usw. überhaupt (er)fassen kann und wie sie sich bei der Gesamtbevölkerung oder bei bestimmten Personengruppen auswirken.

Herausgeberin und Herausgeber

Die beiden Herausgeber haben Professuren für Sozialpolitik an Hochschulen inne: Prof. Dr. Sigrid Betzelt lehrt an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, und Prof. Dr. Ingo Bode lehrt an der Universität Kassel.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband resultiert aus der Jahrestagung der Sektion Sozialpolitik der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die im Juni 2017 an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin stattfand. Deshalb findet sich eine Bandbreite unterschiedlicher AutorInnen, die an Universitäten, Hochschulen oder Forschungsinstituten zu Fragen der Sozialpolitik, der Wohlfahrtsstaatforschung und der Sozialen Arbeit arbeiten.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband thematisiert in der Einleitung und weiteren 14 Abhandlungen die Angst im neuen Wohlfahrtsstaat, die zum einen grundsätzlich und übersichtsmäßig und zum anderen in konkreteren inhaltlichen Bereichen behandelt wird, nämlich der Angst um oder von Kindern, der Angst in der Grundsicherung für Erwerbsfähige sowie der Angst vor Ruhestand und Alter.

Die Beiträge sind von den HerausgeberInnen unter folgenden Überschriften (S. 5 – 6) gruppiert worden:

  • „Der Blick aufs Ganze“
  • „Flüchtiger Wohlfahrtsstaat, grassierende Ängste? Subjektive Perspektiven“
  • „Furcht von Anfang an? Angstmomente der kindheitsbezogenen Sozialpolitik“
  • „Arbeiten aus Angst – Angst ohne Arbeit? Hartz und die Folgen“
  • „Gefürchteter Ruhestand? Im Spannungsfeld von Angst und Vorsorge“

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der vorangestellten Einleitung nehmen die beiden HerausgeberInnen eine allgemeine Einführung in den Hintergrund und in die Beiträge vor, sodass die/der LeserIn sich schon dort einen Überblick über die einzelnen Beiträge verschaffen kann. In ihr geschieht ebenfalls eine grundsätzliche theoretische Einordnung der verbindenden Fragestellungen (z.B. S. 19), die sich wie folgt zusammenfassen lassen: Welche Wirkungen werden durch Institutionen und konkreter durch jüngere sozialpolitische Regelungen hervorgerufen? Welche Einstellungen und Gefühle, die ja nicht den rechtlichen Normen entsprechen oder ökonomischen Überlegungen rational folgen müssen, lösen sie bei den Betroffenen aus? Welche Verhaltensweisen ergreifen sie antizipierend? Und welche Dynamiken, d.h. Folgen oder Nebenwirkungen auf andere persönliche Lebensbereiche oder gesellschaftliche Felder, ergeben sich im Zeitverlauf durch solche Verhaltensweisen? Das sind typisch soziologische Fragestellungen, die von allen AutorInnen dann spezifisch analysiert werden.

Am einfachsten für die LeserInnen dieser Rezeption ist es, bei der folgenden Vorstellung nicht der Reihenfolge der Beiträge nach vorzugehen, sondern mit bestimmten Inhalten zu beginnen. Die meisten LeserInnen würden die „Angst“ im neuen Wohlfahrtsstaat spontan mit den Beiträgen des vorletzten Teiles verbinden. Es geht um die mit den Hartz-Reformen eingeführte, seit 2005 bestehende Grundsicherung für Erwerbsfähige. Hier werden auf 90 Seiten und in vier Beiträgen die Wirkungen von Sanktionen nach dem SGB II untersucht, inwiefern sie zu „Angst“ führen:

  • Thomas Gurr weist die Bandbreite der Wirkungen von Sanktionen auf das Verhalten von Menschen mit qualitativem Material nach.
  • Franz Zahradnik greift speziell die Wirkungen auf die Gruppe der unter 25-jährigen heraus,
  • Carolin Freier untersucht, inwieweit „Hoffnung“ bei jenen vorliegt, die in der Arbeitsverwaltung tätig sind,
  • während nach den AdressatInnen und nach der „Angst im Job-Center“ Michael Wiedemeyer, Kai Hauprich und Thomas Münch fragen.

Der darauf folgende, letzte Teil greift Verunsicherungen und Verhaltensweisen auf, die sich aus den Reformen im Bereich der Rentenversicherung seit 1992 und seit 2002 (Ablösung des Bruttolohnprinzips, Nachhaltigkeitsfaktor, Drei-Säulen-Prinzip der Altersvorsorge) ergeben:

  • Dabei zielt die Abhandlung von Marlene Haupt, Werner Sesselmeier und Aysel Yollu-Tok auf Verhaltensweisen, die sich verhaltensökonomisch nur schwer erklären lassen,
  • während Ingo Bode und Ralf Lüth das Ausmaß und die Einflüsse auf die Verunsicherung empirisch darstellt.

Mit beiden Themenbereichen ist man unzweifelhaft bei Feldern, die zu dem sogenannten neuen Wohlfahrtsstaat zählen; es wird jedoch noch ein anderer spezifischer Bereich angegangen, nämlich die Kindheitsphase, die aus der Perspektive des Lebenslaufes für Chancengleichheit, für so genannte „Weichenstellungen“ und für präventive Aspekte besonders wichtig ist.

  • Die Frage des Verhaltens von Mittelschichtsfamilien greift Christoph T. Burmeister in einer theoretischen Analyse auf, da sie präventiv für ihre Kinder möglichst gute Rahmenbedingungen anstreben und die Prävention und Erziehung deswegen immer intensiver betreiben.
  • Spezieller die Reform des Kinderschutzes und die Aktivitäten des Jugendamtes bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung (§ 8a SGB VIII, seit 2005) und die Auswirkungen auf die Familien und die Fachkräfte untersuchen Carsten Schröder und Christine Burmeister.
  • Florian Engel untersucht Verunsicherungen und Verhaltensweisen bei Familien in der Grundsicherung.

Diese drei Bereiche werden durch zwei allgemeinere ergänzt. Im ersten, der unter der Überschrift „Der Blick aufs Ganze“ steht,

  • analysiert Dorothea Schmidt, welche Politik die FPÖ in Österreich bei sozialpolitischen Reformen hinsichtlich der Verunsicherung von Bevölkerungsgruppen verfolgt hat,
  • und Andreas Schmitz und Vincent Gengnagel untersuchen theoretisch für die Gruppe der WissenschaftlerInnen, inwieweit intern unter ihnen Ängste und Hierarchien herrschen und zu bestimmten, nicht autonomen Verhaltensweisen führen, und sie in ihrer Rolle zugleich durch ihre (nicht affirmativen, sondern kritischen) Forschungen externe Ängste, nämlich in der Bevölkerung, hervorrufen.

Der zweite allgemeine Teil, der mit dem Titel: „Flüchtiger Wohlfahrtsstaat, grassierende Ängste? Subjektive Perspektiven“, überschrieben ist, enthält wiederum unterschiedliche Studien.

  • Nadine M. Schöneck und Silke Bothfeld analysieren mit hoch aggregierten statistischen ISSP-Daten auf einer Makroebene, wie in unterschiedlichen OECD-Staaten und abhängig von unterschiedlichen Faktoren Aufstiegsmöglichkeiten in der Gesellschaft wahrgenommen werden.
  • Mit den Daten des SOEP erarbeiten Sigrid Betzelt und Tanja Schmidt die Einstellungen einer bestimmten Gruppe, nämlich jener, die arbeitslos gemeldet sind, aber keine Leistungen erhalten.
  • Jan-Ocko Heuer und Steffen Mau sowie als Mitarbeiter Robert Tiede werten ein sogenanntes „deliberatives Forum“ zum Thema „Der Sozialstaat der Zukunft“ vom November 2015 qualitativ aus, das im Rahmen einer Untersuchung zu Bürgerbeteiligungsformen veranstaltet wurde. Hier interessieren die Aussagen und die Zusammenhänge, was perspektivisch mit und für Flüchtlinge getan werden soll.

Alle Artikel werden in der Einleitung von Sigrid Betzelt und Ingo Bode kurz vorgestellt und in größere Zusammenhänge eingeordnet.

Diskussion

Die Beiträge eines solchen Sammelbandes, der Wirkungen der jüngeren Reformen im Wohlfahrtsstaat aufgreift, hätten es verdient, einzeln gewürdigt zu werden, was jedoch in einer kurzen Rezension kaum gelingen kann. Denn jede/r AutorIn treibt mit seinen/ihren Aussagen einen inhaltlichen Bereich weiter voran und fußt mit seinen Kritiken und neuen Vorgehensweisen auf dem, was dort bisher erarbeitet wurde. Insofern sind auf den ersten Blick einzelne Abhandlungen für bestimmte Gruppen von LeserInnen interessant.

Dieses Dilemma bildet aber gleichzeitig den Vorteil des Sammelbandes: Positiv hervorzuheben ist, dass in ihm unterschiedliche AutorInnen methodisch und inhaltlich vielfältige Zugänge vertreten. Er enthält damit für verschiedene Zusammenhänge und Institutionen Anregungen, wie Ängste ausgedrückt und wahrgenommen werden und wie man sie analysieren kann. In einigen Beiträgen werden dafür „Sorgen“ oder „bedrückende Gefühle“, in anderen hingegen „erwartete Aufstiegsmöglichkeiten“, „Unsicherheit“ oder „geringes Vertrauen in die Zukunft“ ausgewertet. Gerade in dieser Übersetzungsarbeit der AutorInnen, wie man das Gefühl oder die Behauptung „Angst“ sprachlich und theoretisch fassen, empirisch operationalisieren und bei bestimmten Personengruppen als Motiv des Erstarrtseins, des Unterlassens oder Handelns vorfinden kann, liegt das große Verdienst des Bandes.

Ordnet man den Band in wissenschaftliche Forschungsfelder ein, so nutzt er vor allem Ansätze zu kulturellen Voraussetzungen und Wirkungen eines Wohlfahrtsstaates, um jüngere Reformen zu analysieren, und berührt Fragestellungen zu neuen sozialen Fragmentierungen durch sozialpolitische Maßnahmen. Als angrenzende und ähnlich arbeitende Themenbereiche wären die welfare attitudes und Einstellungen zum Wohlfahrtsstaat sowie die Akzeptanz-, Sicherheits- und Risikoforschung zu nennen.

Als Ziel nennen der/die HerausgeberIn selbst, dass sie „emotionale Faktoren“ (S. 12) und als „unerwünscht oder destruktiv geltende Gefühlslagen“ (S. 19) sowie ihre Auswirkungen auf das Handeln in Lebenslagen erkennen, über ihre soziale Bedingtheit aufklären und weitere Diskussionen ermöglichen möchten. Nach ihren eigenen Aussagen sind die Konsequenzen, wie man reagieren soll, nicht eindeutig und nicht einfach (S. 25). Damit markieren sie deutlich eine Grenze, bis zu der hin sie ihren wissenschaftlichen Anspruch erheben. Fragen von alternativen politischen Gestaltungsmöglichkeiten werden z.B. nicht systematisch eruiert.

Das ist der erste Aspekt, den man als Einschränkung des Bandes und gleichzeitig als Ansatzpunkt für mögliche Weiterführungen anführen kann. Eine weitere Einschränkung findet der Sammelband selbstverständlich in seiner Spezifität: Nicht alle Ängste werden aufgegriffen, sondern nur solche, die mit sozialpolitischen Änderungen der letzten Jahre in Zusammenhang stehen können, d.h. die Frageperspektive sind die Veränderungen bei Versprechungen von sozialpolitischer Sicherheit. Allerdings werden dabei die emotionalen Reaktionen auf die gesetzlichen Änderungen in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung hin zu mehr Prävention nicht aufgenommen; und Ähnliches gilt für die Bereiche der Bildungs- und Geschlechterpolitik, die wohlfahrtsstaatlich ein hohes Gewicht haben.

Insgesamt konnten unterschiedliche SozialwissenschaftlerInnen als AutorInnen gewonnen worden, sozialpsychologische oder sozialrechtliche Experten fehlen allerdings, und damit ergibt sich eine weitere Einschränkung. Das durchschnittliche Vermögen bei den Arbeitslosen ohne Leistungsbezug oder auch die Ängste bei Kindeswohlgefährdung, die von den Befragten angegeben werden, entsprechen z.B. nicht den rechtlichen Regelungen. Es ist zweifellos der große Reiz dieses Bandes, dass genau dies deutlich wird; aber Fragen, unter welchen Bedingungen und in welchem Ausmaß andere gesetzliche Gestaltungen oder ein angemesseneres administratives Vorgehen oder Maßnahmen des Rechtsschutzes die Angst reduzieren könnten, werden nicht erörtert.

Insgesamt können nicht nur WissenschaftlerInnen, sondern auch interessierte MitarbeiterInnen und Führungspersonal von staatlichen Verwaltungen und freien Trägern sowie Akteure in Parteien und Verbänden Anregungen finden, wenn sie z.B. ängstliches Verhalten berücksichtigen und angemessenere Vorgehensweisen entwickeln wollen.

Fazit

Ein gut gelungener Forschungsband, der durch die sehr fundierten Beiträge sozialpolitische Ängste mit unterschiedlichen methodischen Zugangsweisen und für unterschiedliche inhaltliche Fragestellungen analysiert.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 08.02.2019 zu: Sigrid Betzelt, Ingo Bode (Hrsg.): Angst im neuen Wohlfahrtsstaat. Kritische Blicke auf ein diffuses Phänomen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2018. ISBN 978-3-8487-4554-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24682.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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