socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sarah May (Hrsg.): Platz da! Praktiken urbaner Verdichtung

Cover Sarah May (Hrsg.): Platz da! Praktiken urbaner Verdichtung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. 116 Seiten. ISBN 978-3-8309-3861-3. 19,90 EUR.

Reihe: Freiburger Studien zur Kulturanthropologie - Sonderband 1. Das Buch ist nur noch als E-Book erhältlich (ISBN 978-3-8309-8861-8, EUR 18,99).
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

In den Beiträgen des Buchs werden einzelne Studien und Beobachtungen vorgestellt, die sich mit der Frage urbaner Verdichtung auseinander setzen. Im Fokus ist die Universitätsstadt Freiburg. Die Beiträge sind im Rahmen eines Projekts im Masterstudiengang Europäische Ethnologie entstanden.

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Sarah May, Herausgeberin und Autorin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Freiburg. Weitere Autorinnen sind Raffaela Grimm und Katharina Roeb, Studentinnen, die an einem 2-semestrigen Lehrforschungsprojekt teilgenommen haben.

Aufbau

Das Buch besteht aus 14 nicht nummerierten Kapiteln und einem Vorwort.

Inhalte

Im Vorwort stellt Markus Tauschek den Sonderband aus der Reihe Freiburger Studien zur Kulturanthropologie vor, in dem Arbeiten präsentiert werden, die sich mit dem Thema urbane Verdichtung auseinandersetzen.

Im ersten Kapitel „Praktiken urbaner Verdichtung in Freiburg. Eine Hinführung“ geht May von der Dichte, definiert als Mensch pro Raum als einer zentralen, das Urbane konstituierenden Kategorie, aus. Urbane Dichte kann sowohl den sozialen Austausch begünstigen als auch Anonymität erzeugen. Von Seiten der Architekten wird bauliche Dichte als wesentliches Merkmal attraktiver Städte gesehen, sodass der Trend zur Verdichtung nicht nur aus ökonomischen und ökologischen sondern auch aus sozialen Gründen vorteilhaft zu sein scheint.

Im Beitrag „Kein Platz da? Skizzen der Dichte“ untersucht Grimm, wo es in Freiburg keinen Platz gibt und wo man es als eng erlebt. Elf Studierende liefern dazu Informationen in Form von Zeichnungen. Die Enge wird von allen negativ bewertet. Ein Gefühl der Enge kann auch durch den Ausblick auf bewaldete Berge ringsum entstehen.

Das folgende Kapitel „Spuren der Enge. Ein Stadtspaziergang“, ebenfalls von Grimm, besteht aus mehreren Seiten mit betitelten Fotos und einem knappen Eingangstext. Dem Leser bzw. Bild-Betrachter wird explizit überlassen, was er aus den Bildern heraus liest.

Im Kapitel „Mit dem Weckglas zum Supermarkt. Praktiken einer gentrifizierten Nachbarschaft“ untersucht Roeb im Stadtteil Sedansviertel in Freiburg die Frage, wie sich nachbarliches Handeln durch Gentrifizierung verändert. Bei Stadtspaziergängen und teilnehmender Beobachtung stößt sie auf das Graffiti Problem. Des Weiteren stellt sie fest, dass sich die gastronomischen Angebote und Lebensstile verändern.

Im darauf folgenden 2-seitigen Kapitel von Roeb „WG gefunden! Alternative Wohnpraktiken von Studierenden“ wird das beengte Wohnen von Studierenden bildhaft mit wenigen Worten geschildert. Das Resümee ist: Platzmangel macht kreativ.

In dem Beitrag „Langzeitbelichtung des Stadtraums. Wie Dichte und Freiraum zusammen spielen“ schildert Grimm Ausschnitte aus Interviews und ihre Beobachtungen, die sich auf den Platz der Alten Synagoge in Freiburg beziehen, der im Unterschied zu anderen Innenstadtbereichen geräumig ist und Platz für unterschiedliche Nutzungen bietet.

May präsentiert in ihrem Kapitel „Wahrnehmungsweisen des Stadtraums. Sport machen in Freiburg“ etliche Bilder mit Sprechblasen, in denen Ausschnitte aus neun Interviews wiedergeben sind.

Roeb widmet sich in dem Kapitel „Der sprechende Stein. Ein kulturanthropologischer Blick auf die Universitätsarchitektur in Freiburg“ dem Gebäude der Universitätsbibliothek, in dem der Platz angesichts der gestiegenen Zahlen Studierender knapp ist. Es wird jedoch nicht analysiert, wie sich die hohe Dichte in dem Lernraum auf das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit der Studierenden auswirkt. Stattdessen wird kurz über die Geschichte der Universität berichtet.

Das zwei Seiten umfassende Kapitel „Die Grüne Welle. Aus dem Tagebuch einer Ampelgängerin“ von Roeb besteht bis auf einen kurzen Begleittext aus Filmstreifen, auf denen Radfahrende und Zu Fuß gehende zu sehen sind, die eine Straße überqueren. Die auf den Bildern zu erkennende Baustelle, die den Autoverkehr aussperrt, wird nicht erwähnt. Sie dürfte aber Stress und Hast beim Überqueren der Straße spürbar verringern.

May greift in dem Kapitel „Kitt des Kollektivs. Materialisierungen gemeinschaftlichen Bauens“ ein neues Thema auf. Es geht um ein Projekt im Stadtteil Gutleutmatten, das auf eine große Nachfrage stieß. Die erfolgreichen Bewerber waren demzufolge Privilegierte. Inwieweit das Projekt sich in den Rahmen der urbanen Verdichtung, die als Lösung städtischer Wohnungsnot angesehen wird, einfügt, wird nicht deutlich.

Grimm schildert auf nur einer Seite die Parallelität von Öffentlichkeit und Privatheit als Merkmal urbaner Verdichtung. Vorgestellt wird ein Stadthaus, in dem die Räume unterschiedlich genutzt werden.

Im darauf folgenden Kapitel plädiert Grimm für eine neue Ära des Wohnens in Freiburg. Ausgangspunkt sind die Wohnungsnot, fehlende Bauflächen und steigende Wohnkosten. Die Idee ist eine Nutzungsmaximierung in Form des Teilens von Räumen in Richtung eines SharedLiving. Damit lautet die Grundfrage: Kann Wohnen geteilt werden? Hinweise, dass ein Sharing funktionieren könnte, sind nach Ansicht der Autorin Zwischennutzungen. Grimm weist auf etliche bereits realisierte Ansätze einer Sharing Economy hin. Ein wichtiger Schritt wäre aus ihrer Sicht die Einrichtung eines Reallabors SharedLiving. Grimm macht konkrete Vorschläge, wo einige Häuser und Freiflächen in Freiburg in Reallabore verwandelt werden könnten. Geteilte Objekte können Dachterrassen, Fitnessräume und Gemeinschaftsküchen sein.

In dem Beitrag „Parkträume. Herausforderungen der Stadt Freiburg“ greift Roeb ein weiteres Thema auf, das jedoch nicht ausdiskutiert sondern in luftigen hübschen Bildern präsentiert wird.

An- und abschließend geht es mit wenig Text und vielen Bildern bei May unter der Überschrift „Plädoyer für urbane Verdichtung. Eine Perspektive der Landwirtschaft“ weiter. Grundlagen ihrer Ausführungen sind ein Interview mit einem Landwirt und der Besuch einer Sitzung zur Flurneuordnung im Landkreis Freiburg. Dort wurde festgestellt, dass es viele Freiflächen in der Stadt gibt, die erst einmal ausgeschöpft werden sollten, bevor man daran geht, die umliegenden Flächen zu versiegeln.

Diskussion

Angesichts der Wohnungsnot in vielen Städten ist urbane Verdichtung zu einem immer wichtigeren Thema geworden. Aktuelle Fragen wie Wohnungsknappheit, Verteuerung und Gentrifizierung werden aufgeworfen, jedoch nicht vertiefend behandelt. Freiburg dient als Beispiel für Städte, in denen das Angebot an bezahlbaren Wohnungen knapp ist und nach Lösungen gesucht wird, wie Wohnraum geschaffen werden kann, ohne Freiflächen und Naherholungsgebiete allzu sehr zu beschneiden. Es sind grundlegende Fragen, zu denen es keine einfachen Antworten gibt, wie die Forderung „Platz da!“ suggeriert.

Zeichnerische Darstellungen und Skizzierungen von Orten, an denen man sich beengt fühlt, sind zwar sehr anschaulich, doch sie werden von den Autorinnen zu wenig kommentiert. Offensichtlich sollen die Bilder und Fotos für sich sprechen, sodass man mit Textpassagen zurückhaltend ist. Es bleibt so auch offen, was Orte kennzeichnet, die als beengend erlebt werden. Ansprüche werden nicht eingelöst. So hat Roeb zwar die Absicht heraus zu finden, wie sich Praktiken der Nachbarschaft durch Gentrifizierung verändern. Doch ein Interview, ein Spaziergang und punktuelle Beobachtungen und Überlegungen über Lebensstile reichen nicht aus, um die Auswirkungen von Gentrifizierung auf Nachbarschaft zu erhellen. Auch in dem Kapitel, in dem Roeb den für die vielen Studierenden nicht ausreichenden Platz in der Universitätsbibliothek schildert, bleibt völlig offen, wie sich das auf das Studium und den Studienerfolg auswirkt. Es wird auch nicht deutlich, inwieweit sich Projekte gemeinschaftlichen Bauens überhaupt unter dem Leitbild „Verdichtung“ einordnen lassen oder ob es sich eher um ein „Platz da für Privilegierte!“ handelt. Und neue Begriffe wie SharedLiving können nicht verdecken, dass es gemeinschaftliche Wohnformen in Form von Wohngemeinschaften schon lange gibt. Doch nicht alle Menschen möchten so wohnen, nur wenige dürften an Gemeinschaftsküchen interessiert sein, sodass von einer neuen Ära des Wohnens in dieser Form schwerlich die Rede sein kann. Interessant wäre zu erfahren, ein wie hoher Anteil der nicht-studentischen Bevölkerung solche Wohnformen begrüßen würde.

Zwar ist von einem Mosaik aus Einzelstudien die Rede, die um das Thema Verdichtung (und darüber hinaus) kreisen, ein grobkörnigeres Mosaik würde jedoch die Rezeption erleichtern, d.h. wenn an die Stelle vieler kurzer Schnappschüsse etwas längere Beiträge getreten wären. Damit hätte sich auch eine klarere Struktur abgezeichnet mit inhaltlichen Schwerpunkten wie städtebauliche Verdichtung, gemeinschaftliche Wohnformen und Nachbarschaft, studentisches Wohnen und Leben, Mobilität und Bewegung in der Stadt.

Fazit

Die unter dem imperativen Titel „Platz da!“ subsumierten Beiträge befassen sich mit dem aktuellen Thema Verdichtung, mit dem sich alle wachsenden Städte auseinandersetzen müssen. Es werden in den zum Teil sehr kurzen 14 Beiträgen vielerlei Fragen aufgeworfen, darunter nach den Auswirkungen baulicher Verdichtung auf nachbarliche Beziehungen oder hoher Verkehrsdichten auf den Radverkehr. Die empirische Grundlage sind Beobachtungen und einzelne Interviews. Der Band liefert Denkanstöße, aber keine Lösungen, was angesichts der Komplexität des Themas auch nicht zu erwarten ist.

Summary

The articles, which are subsumed under the imperative title „Platz da!“, deal with the current topic of densification, which all growing cities have to deal with. Many questions are raised, including the impact of high density housing on neighborly relations or high traffic density on cycling. The empirical basis are observations and interviews with a few persons. The volume provides thought-provoking impulses, but no solutions, which is not expected given the complexity of the topic.


Rezensentin
Dr. Antje Flade
E-Mail Mailformular


Alle 30 Rezensionen von Antje Flade anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 05.12.2018 zu: Sarah May (Hrsg.): Platz da! Praktiken urbaner Verdichtung. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2018. ISBN 978-3-8309-3861-3. Reihe: Freiburger Studien zur Kulturanthropologie - Sonderband 1. Das Buch ist nur noch als E-Book erhältlich (ISBN 978-3-8309-8861-8, EUR 18,99). In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24684.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung