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Annette Schmitt, Elena Sterdt u.a. (Hrsg.): Empirisches Arbeiten in der Frühpädagogik (...)

Cover Annette Schmitt, Elena Sterdt, Luisa Fischer (Hrsg.): Empirisches Arbeiten in der Frühpädagogik im Kontext eines evidenzbasierten Ansatzes. Ein Tagungsbericht. Carl Link (Kronach) 2017. 133 Seiten. ISBN 978-3-556-07309-4. D: 37,95 EUR, A: 39,10 EUR.

Reihe: Forschung & Wissenschaft.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband ist aus einer zweitägigen Fachtagung hervorgegangen, die den Titel „Workshop für Nachwuchswissenschaftler_innen: Empirisches Arbeiten in der Frühpädagogik im Kontext eines evidenzbasierten Ansatzes – Herausforderungen an Methodik und Theorie-Praxis-Transfer“ trug. Die Tagung fand am Kompetenzzentrum Frühe Bildung der Hochschule Magdeburg-Stendal statt.

Die drei dort tätigen Herausgeberinnen legen nach dem 2015 erschienenen Sammelband „Evidenzbasierte Praxis und Politik in der Frühpädagogik“ hiermit eine weitere Buchveröffentlichung zum Thema Evidenzbasierung vor, diesmal aus Sicht der frühpädagogischen Forschung.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

An den einführenden Beitrag der Herausgeberinnen schließt ein Beitrag zu den besonderen Herausforderungen beim Transfer des evidenzbasierten Ansatzes auf die Frühpädagogik an (Schmitt & Morfeld).

Es folgen sechs Beiträge von (Nachwuchs-)Wissenschaftler_innen zu unterschiedlichen Themenbereichen und Arbeitsfeldern in der Frühpädagogik. Dabei nimmt der Forschungskontext Kindertageseinrichtung mit vier Beiträgen den meisten Raum ein.

  • So hat Lekkai kindliche Interaktionen mit pädagogischen Fachkräften einer Berliner Kindertagesstätte beobachtet und analysiert.
  • Reppenhorst & Firmino haben eine wirkungsorientierte Evaluation einer neunmonatigen Weiterbildungsmaßnahme für frühpädagogische Fachkräfte durchgeführt.
  • Nach welchen Kriterien in Kindertagesstätten Bücher eingesetzt werden, ist Thema des Beitrags von Boll.
  • Jegodtka stellt verschiedene Interaktionsmodi in alltäglichen Situationen in Kindertagesstätten vor, in denen sich Fachkräfte und Kinder mit mathematischen Zusammenhängen und Zählen auseinandersetzen und die sie anhand von Fallvignetten aus videographiertem Material identifiziert und systematisiert hat.
  • Daneben werden Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt präsentiert, das die Interessens- und Entwicklungsverläufe von Kindern beim Übergang von der Kita in die Grundschule untersucht (Lichtblau & Hartmann).
  • Schließlich wird aus einer Studie über Vorstellungen von Grundschullehrer_innen zur kindlichen Entwicklung von Emotionsregulation berichtet (Schlesier).

Diskussion

In den vorliegenden Beiträgen wird überwiegend die Vermittlungspraxis seitens der Fachkräfte und weniger die Aneignungspraxis seitens der Kinder in den Blick genommen. Das ist sicherlich dem Umstand geschuldet, dass sämtliche Studien, die hier vorgestellt werden, in institutionalisierten Bildungskontexten durchgeführt wurden. Unbestritten ist, dass Studien über pädagogische Fachkräfte für deren weitere Professionalisierung – im Sinne einer Erweiterung und Stärkung der professionellen Handlungskompetenz (Reppenhorst & Firmino, S. 84) – wichtig sind. Die Beiträge von Schlesier, Reppenhorst & Firmino und Boll lassen sich dieser Forschungsrichtung zuordnen.

Aber mindestens ebenso wichtig sind solche Forschungsansätze, die die Kinder selbst zu Wort kommen lassen oder die Interaktionen zwischen Fachkraft und Kind genauer unter die Lupe nehmen, wie dies Lekkai und Jegodtka tun. Wenn Boll (S. 108) beispielsweise in ihrer Untersuchung die Hypothese bestätigt, dass Erzieher_innen ihrem Handeln weniger ein instruktives, sondern eher ein ko-konstruktivistisches Bildungsverständnis zugrunde legen, offenbart dies den Bedarf an anwendungsbezogenem Wissen darüber, wie solche ko-konstruktivistischen Bildungsprozesse „gelingen“ und „erfolgreich“ begleitet werden können. Und dazu gehört beides: Vermittlung und Aneignung. Weiterhin sind multiperspektivisch angelegte Forschungsunternehmungen, wie sie Lichtblau & Hartmann realisiert haben, besonders ertragreich, weil sie bei der Analyse den Filter erwachsenenzentrierter Wahrnehmungs-, Handlungs- und Normierungsmuster aufzeigen und perspektivische Kontrastierungen vornehmen können.

Bei aller Notwendigkeit von Evidenzbasierung in der frühpädagogischen Praxis erscheint es auch wichtig, dass man evidenzbasierte intentionale Handlungsformen einerseits und intuitiv-situative Handlungsformen andererseits nicht gegeneinander ausspielt, sondern eher auf deren produktive Ko-Existenz hinwirkt. Daneben müssen – wie Schmitt & Morfeld (S. 13) festhalten – die Bemühungen verstärkt werden, das bisher in Einzelstudien, Überblicksartikeln und Expertisen generierte Wissen stärker zu systematisieren und in kontinuierliche Praxistransferprozesse zu überführen. Vor allem darin, eine passgenaue Rückbindung der empirischen Erkenntnisse an die Praxis und an die Ausbildung zukünftiger Fachkräfte zu etablieren, liegt eine große Herausforderung für die frühpädagogische Forschung.

Fazit

Die in dem Sammelband zusammengeführten Beiträge machen deutlich, wo wichtiges Handlungs- und Hintergrundwissen noch nicht im ausreichenden Maße im Kita-Alltag zur Verfügung steht. Sie zeigen auch, wie man dieses Wissen methodisch sauber generiert und empirisch gut verankert. Denn gerade dort, wo sich quantitative Evidenzmessungen – wie sie in der medizinischen und psychologischen Disziplin üblich sind – nicht realisieren lassen, müssen die Gütekriterien qualitativer Verfahren eingehalten und transparent gemacht werden. Die Auseinandersetzung mit methodischen Fragen, die in den Beiträgen neben der Ergebnisdarstellung im Vordergrund steht, sensibilisiert dafür, dass der Evidenzgrad einer Aussage, eines Projekts oder eines Programms stets in Abhängigkeit zur Qualität, Validität und Reliabilität des eingesetzten Erhebungs- und Auswertungsverfahren der zugrunde liegenden Studie zu sehen ist und deswegen immer wieder hinterfragt und abgesichert werden muss.


Rezensent
Henning van den Brink
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Handel und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Henning van den Brink. Rezension vom 21.11.2018 zu: Annette Schmitt, Elena Sterdt, Luisa Fischer (Hrsg.): Empirisches Arbeiten in der Frühpädagogik im Kontext eines evidenzbasierten Ansatzes. Ein Tagungsbericht. Carl Link (Kronach) 2017. ISBN 978-3-556-07309-4. Reihe: Forschung & Wissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24686.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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