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Wilma Weiß, Anja Sauerer (Hrsg.): "Hey, ich bin normal!"

Cover Wilma Weiß, Anja Sauerer (Hrsg.): "Hey, ich bin normal!". Herausfordernde Lebensumstände im Jugendalter bewältigen : Perspektiven von Expertinnen und Profis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. 196 Seiten. ISBN 978-3-7799-3168-3. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Zum 50. Jubiläum des Antonia-Werr-Zentrums (AWZ) eröffnete Wilma Weiß ihre Rede mit den Worten: „Sehr geehrte Mädchen, liebe Expertinnen für herausfordernde Lebensumstände. Ihr alle habt in Eurem Leben viel geleistet (…) Ihr reagiert normal auf extreme Umstände“ (S. 13 f.). Diese Rede lieferte den Anstoß für das vorliegende Buch.

Der Heimrat des AWZ traf sich nach den Feierlichkeiten und dabei entstand die Idee des Buchs: Erfahrungen und Wissen darüber, was hilft, mit herausfordernden Lebensumständen klar zu kommen, zu teilen und daraus gegenseitig voneinander zu lernen. Auf Seite 13 heißt es: „Wir, die Autorinnen und Autoren, sind Expertinnen und Profis (…) Wir, die Expertinnen dieses Buches, sind Mädchen und jungen Frauen, die herausfordernde Lebenssituationen überstanden und gemeistert haben und es noch tun. Wir wissen viel übers Überleben.“

Das Buch ist lt. Klappentext „ein Buch für Kinder und Jugendliche und Profis zum Traumverstehen“.

Herausgeberinnen

Wilma Weiß ist Diplompädagogin, Gründerin und Vorstand des Fachverbandes Traumapädagogik sowie Autorin zahlreicher Fachbücher, u.a. „Philipp sucht sein Ich: Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen“, das in der mittlerweile 8. Auflage vorliegt.

Anja Sauerer ist Geschäftsführerin und Gesamtleiterin der Antonia-Werr-Zentrum GmbH, Erzieherin, Diplom-Sozialpädagogin, systemische Beraterin und Traumapädagogin.

Aufbau

Das Buch ist in sechs zentrale Kapitel gegliedert. Zwei Vorworte, eine Einleitung und eine Gebrauchsanleitung sowie Schlussgedanken, ein Wörterbuch (Glossar), ein Literaturverzeichnis, hilfreiche Adressen, eine Danksagung und kurze Steckbriefe der Autorinnen rahmen den Band.

  • Schlamassels. Einige herausfordernde Lebensumstände
  • Und jetzt erst mal erholen!
  • Verstehen, warum ich so ticke. Fachwissen von Expertinnen und Profis für Expert/innen und Profis
  • Was hilft? Tipps von Expertinnen und Profis
  • Spiritualität tut gut. Spirituelle Erfahrungsmöglichkeiten traumatisierter Kinder und Jugendlicher
  • Blick in die Welt

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Im Kapitel Schlamassels beschreiben die Expertinnen ihre herausfordernden Lebenssituationen.

  • Katharina Vogel gibt den Leser*innen einen Einblick in ihre Auseinandersetzung mit der verschwiegenen Adoption.
  • Leonie Kerschbaum berichtet vom Zusammenleben mit einer alkoholkranken Mutter. Sie endet mit der Botschaft: „Egal, wie schwer es für euch ist und wie viel ihr leidet, bitte gebt nicht auf, denn es wird besser werden. Ihr müsst nur an euch glauben. (…) Steht zu euch selbst, so wir ihr seid“ (S. 25).
  • Pikachu Maus schreibt über ihre selbstverletzenden Formen des Vergessen-Wollens.
  • Saphira Pausini beschreibt ihr Leben mit immer wiederkehrenden Kontaktabbrüchen und unsicheren Familienbindungen.
  • April Spring teilt die Geschichte ihrer Essstörung mit den Leser*innen.
  • Das Kapitel endet mit einem Briefwechsel über große und kleine innere Kinder zwischen Anita Ebert und Anja Sauerer. Ebert schließt mit den Worten: „Ich habe den Kampf um mein Leben gewonnen und auch wenn mir mal wieder Steine und Felsen im Weg stehen, werde ich sie mit meiner Überlebenskraft bezwingen!“ (S. 47).

Anja Sauerer gibt den Leser*innen im Kapitel Und jetzt erst mal erholen! ein paar kleine Übungen und Tipps, um (nach dem Lesen der herausfordernden Lebenssituationen ggf. wieder) ins Hier und Jetzt zu kommen. Dabei geht sie auch auf den Zusammenhang von Gefühlen und Körperempfindungen ein.

Im Kapitel Verstehen, warum ich so ticke werden verschiedene fachliche Aspekte thematisiert.

  • Wilma Weiß beschreibt und erklärt Traumata und ihre Folgen sowie dissoziative Zustände.
  • Anja Sauerer geht auf die Bedeutung des Verstehens von psychischen Erkrankungen, auch im Kontext des Zusammenlebens mit Eltern mit psychischer Erkrankung ein.
  • Katharina Vogel und Wilma Weiß schließen das Kapitel mit Ausführungen zur Pädagogik der Selbstbemächtigung, die das Ziel hat, einen Weg aufzuzeigen, die eigene Selbstbestimmung wieder zurückzugewinnen.

Das folgende Kapitel Was hilft? widmet sich zentralen und grundlegenden Aspekten gelingender Unterstützung.

  • Wilma Weiß thematisiert die konsequente Anerkennung der Expert*innenschaft der Kinder und Jugendlichen mit herausfordernden Lebenserfahrungen und deren Bedeutung. Sie fordert „die Würdigung und Wertschätzung der Überlebensstrategien und der bisherigen Lebensleistung“ (S. 85). Hierzu ist es wichtig, Wissen (gegen- und wechselseitig) zu teilen, um persönliche Autonomie zu ermöglichen. Dies verpflichtet auch zu einem acht- und behutsamen Umgang mit Diagnosen und Deutungen.
  • Anja Sauerer beschreibt zusammen mit anderen Expertinnen Partizipation als Herzstück der Expert*innenschaft – einerseits als Haltung und Recht, andererseits aber auch im Hinblick auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten. Sie schließen mit der Aussage: „Ohne Partizipation keine Traumapädagogik und ohne eine (trauma-)sensible Pädagogik keine Partizipation und professionelle Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 108).
  • Lena Kahl und Barbara Winterstein erläutern das Konzept des AWZ zum Umgang mit selbstverletztendem Verhalten und dessen Entstehung. Das Besondere ist, dass auch hierzu die Jugendlichen mit einbezogen und das Konzept gemeinsam weiterentwickelt wurde.
  • Wilma Weiß und weitere Expertinnen beschreiben ihre sicheren Orte. Der sichere Ort, als feststehender Begriff in der Traumapädagogik, wird von Weiß dabei als „soweit als möglicher sicherer Ort“ (S. 119) im Sinne eines Prozesses verstanden.
  • Leonie Burghardt beschreibt ihre Erfahrungen, wie es möglich wird, eingefahrene Wege zu verlassen und neue auszuprobieren (Wie komme ich von der Autobahn in den Dschungel?).
  • Silvia Sauer geht auf die Bedeutung des Selbstverstehens ein.
  • Katharina Vogel lässt die Leser*innen an ihren Gedanken zu Diagnosen teilhaben.
  • Lena Kahl und Barbara Winterstein schließen das Kapitel mit Ausführungen zu Irrungen und Wirrungen im Trauma-Labyrinth. Sie richten sich in erster Linie (aber nicht nur) an Fachkräfte und deren mögliche Schwierigkeiten, wenn sie Traumapädagogik erlernen.

Im Kapitel Spiritualität tut gut geht es um spirituelle Erfahrungsmöglichkeiten traumatisierter Kinder und Jugendlicher. Anja Sauerer erläutert die Bedeutung von Spiritualität für persönliches Wachstum, auch im Sinne spiritueller Sebstbemächtigung. Hierzu hat sie Wilma Weiß, Sr. Dr. Katharina Ganz und Katharina Vogel interviewt. Zudem gibt sie den Leser*innen Impulse für eine spirituelle Heimerziehung.

Das letzte Kapitel richtet einen Blick in die Welt:

  • Katharina Vogel geht auf Vorurteile über Mädchen und Jungen mit Heimerfahrungen ein.
  • Anja Sauerer und Wilma Weiß entwickeln Forderungen und Visionen für eine traumasensible Pädagogik und Kinder- und Jugendhilfe.
  • Katja Maurer nimmt eine kritische Perspektive auf (globale) gesellschaftliche Verhältnisse ein und fordert abschließend die Leser*innen auf, über ihren eigenen Schlamassels nicht die Weltschlamassels aus dem Blick zu verlieren. Sie schließt: „Geht es nicht darum, die individuellen Lebensbedingungen im gesellschaftlichen und globalen Kontext zu sehen (…)? Und geht es auch nicht darum, die Überlebenskunst des einen und des anderen anzuerkennen und zu würdigen?“ (S. 177).

Diskussion

Thomas Wahle wünscht im Vorwort 2 „diesem wichtigen Buch viele Leser/innen, die bereit sind, sich berühren zu lassen um zukünftig mutige Schatzsucher zu sein oder diesen mit Spaß und Freude unterstützend zur Seite zu stehen“ (S. 11). Dieser Wunsch wurde erfüllt. Der Rezensent hat sich immer wieder berühren lassen, insbesondere von den geteilten Erfahrungen der Expertinnen.

Damit sind wir auch bei einer wesentlichen Qualität des Bandes: Er macht die Stimmen der jungen Mädchen und Frauen (erstmalig in dieser Form) hörbar. Damit erhalten sie Bedeutung und erfahren Anerkennung. Dies ermöglicht den Leser*innen – neben den stärker theoretischen Abhandlungen (von klassischen Fachkräften), die aber immer auch in einer Sprache gehalten sind, die Jugendliche anspricht und die für sie verstehbar ist – konkrete Anregungen und Impulse, wie individuelle Gesundung, Genesung und Wiederfinden/-entdecken von Lebenssinn möglich und machbar wird/ist.

Dies ist in dieser Form (leider) immer noch eine Seltenheit. Insofern freut es den Rezensenten sehr, dass diese Erkenntnisse nun auch in einer deutschsprachigen Publikation vorliegen. Im Recovery-Ansatz, der durchaus als Leitorientierung des amerikanischen Mental Health Systems gesehen werden kann und auch der dortigen Sozialen Arbeit einen konzeptionellen Rahmen bietet (Sommerfeld & Dällenbach & Rüegger & Hollenstein 2016: 209 f.), haben die Recovery-Geschichten von „Betroffenen“ bereits eine zentrale Bedeutung. Deren Leben kann als „Heldenreise“ (Watkins 2009: 62) gesehen werden und als Inspiration für andere fungieren. Diese Botschaft wird auch im vorliegenden Buch transportiert.

Zudem wird noch eine weitere Botschaft transportiert: Fachkräfte werden u.a. dann als „hilfreich“ wahrgenommen, wenn die stärker haltungsorientierten Aspekte der Traumapädagogik auch gelebt werden, wenn sie als Menschen präsent und an den anderen als Menschen interessiert sind, an sie glauben. Auch dies wird bereits im Recovery-Ansatz immer wieder betont. So formuliert Ulrike Kaiser in der Publikation „Die Hoffnung trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten“: „Sie haben die Hoffnung für mich aufrechterhalten, wenn ich selbst schon lange nicht mehr hoffte. Sie haben an mich und meine Fähigkeiten geglaubt, auch wenn ich längst den Glauben an ein erfülltes Leben verloren hatte. (…) Sie hatten einen langen Atem, auch dann, wenn mir mein eigener Atem auszugehen drohte. Sie hielten durch, und deshalb konnte auch ich durchhalten“ (Kaiser 2014: 143).

Auch wenn das Buch im Aufbau durchaus einen roten Faden verfolgt, ist es durch die kurzen und auch abgeschlossenen (Unter-)Kapitel (quasi Miniaturen) sehr gut möglich, „quer“ zu lesen bzw. einzelne (Unter-)Kapitel für sich zu lesen. Die Vielfalt der Inhalte, wie auch der Autorinnen und ihrer Perspektiven machen das Buch zu einer Fundgrube an Anknüpfungsmöglichkeiten und erweitern damit den Fokus klassischer Lehrbücher deutlich. Dies macht das Buch aus Sicht des Rezensenten sehr wertvoll.

Fazit

Die Publikation zeigt zweierlei:

  • Hoffnung auf Gesundung und Genesung ist möglich. „Hierdurch entstehen neue Räume, die nicht nur Kindern und Jugendlichen (…), sondern auch den Fachkräften (…) positive Veränderungsprozesse ermöglichen – Gesundung durch Beziehung ist immer als wechselseitiges, nicht endendes Verhältnis aufzufassen“ (Domes 2016: 277).
  • Und: Partizipation, die Anerkennung und Wertschätzung individueller Lebenswege und eine hoffnungsfreudige Haltung können gelebt und konkret umgesetzt werden, ohne eine bloße konzeptionelle Worthülse zu sein.

Die Inhalte werden so beschrieben und erklärt, dass es Jugendliche gut „verstehen, daran anknüpfen können und vielleicht Mut gewinnen für eigene Wege“ (siehe Klappentext).

Darüber hinaus empfiehlt der Rezensent das Buch insbesondere Fachkräften (nicht nur aus der Kinder- und Jugendhilfe) und Auszubildenden, Studierenden und Lehrenden aus den entsprechenden Bereichen – zur Erweiterung ihrer fachlichen Perspektiven wie auch der kritischen Reflexion ihrer professionellen Haltung und: Um sich berühren zu lassen.

Literatur

  • Domes, M. (2016): Gesundung durch Beziehung. Die Bedeutung professioneller Beziehungsgestaltung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. In: unsere jugend 6/2016, 273–279.
  • Kaiser, U. (2014): Das »Wir« trägt. In: Schulz, M. & Zuaboni, G. (Hrsg.): Die Hoffnung
  • trägt. Psychisch erkrankte Menschen und ihre Recoverygeschichten, Köln: BALANCE buch + medien verlag, 138–144.
  • Sommerfeld, P. & Dällenbach, R. & Rüegger, C. & Hollenstein, L. (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis, Wiesbaden: Springer VS.
  • Watkins, P. N. (2009):Recovery – wieder genesen können. Ein Handbuch für Psychiatrie-Praktiker, Bern: Hans Huber.
  • Weiß, W. (2016): Philipp sucht sein Ich: Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen, 8. Aufl., Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Rezensent
Dipl.-Soz.Päd. Michael Domes
Dozent (u.a. SRH Fachschule für Sozialwesen, SRH Hochschule Heidelberg)
Homepage www.michaeldomes.de
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Zitiervorschlag
Michael Domes. Rezension vom 02.08.2018 zu: Wilma Weiß, Anja Sauerer (Hrsg.): "Hey, ich bin normal!". Herausfordernde Lebensumstände im Jugendalter bewältigen : Perspektiven von Expertinnen und Profis. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2018. ISBN 978-3-7799-3168-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24689.php, Datum des Zugriffs 15.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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