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Carla del Ponte, Roland Schäfli: Im Namen der Opfer (Syrien-Politik)

Cover Carla del Ponte, Roland Schäfli: Im Namen der Opfer. Das Versagen der UNO und der internationalen Politik in Syrien. Giger Verlag (Altendorf b. Zürich) 2018. 189 Seiten. ISBN 978-3-906872-53-7. D: 22,90 EUR, A: 22,90 EUR, CH: 29,90 sFr.
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Der Krieg in und um Syrien

Der Krieg in und um Syrien begann im Zusammenhang des „arabischen Frühlings“ im März 2011 als Bürgerkrieg und ist heute, im Herbst 2018, ein überregionaler Konflikt unter direkter oder indirekter Beteiligung mehrerer Staaten – darunter der USA und Russlands. Der internationale Charakter des Krieges wurde spätestens im Frühjahr 2013 offensichtlich, aber das Potenzial zu einem internationalen Konfliktherd zu werden, hatte Syrien schon vor Kriegsbeginn. Es liegt zwischen den Einflusszonen von Staaten, die im Vorderen Orient um Macht und Einfluss ringen; und da sollte man nicht nur an den Iran und Saudiarabien denken, sondern auch an Israel und die Türkei. Mit der geopolitischen Grenzlage, geht eine konfessionelle einher: Syrien liegt auf der Verwerfungszone zweier konfessioneller Platten: der sunnitischen und der schiitischen.

Ferner ist Syrien seit 1971 im Spannungsfeld zwischen den Westmächten, allen voran den USA, und der UdSSR bzw. deren Erbe, der Russischen Förderation; auf Grund eines bilateralen Abkommens zwischen der UdSSR und dem von der Arabischen Sozialistischen Baath-Partei (derzeitiger Vorsitzender: Baschar Hafiz al-Assad) beherrschten Syrien wird die syrische Marinebasis Tartus von der sowjetischen, später russischen Marine mit genutzt; es ist deren einziger Marinestützpunkt im Mittelmeer. Und schließlich, und damit kommen wir zu Europa bzw. der EU: Mit Baschar Hafiz al-Assads Syrien konnte die EU, allen voran Deutschland, glänzende Geschäfte machen.

Autor(inn)en

Ich beginne mit Roland Schäfli, da das Porträt von Carla del Ponte unmittelbar zum Buchthema führt. Roland Schäflis berufliche Tätigkeit ist wohl am besten mit „Medienschaffender“ beschrieben (www.rolandschaefli.ch/). Carla del Ponte hat sich dessen – wie auch immer gearteten – Mitarbeit versichert, wie sie das bei „Im Namen der Anklage“ mit Chuck Sudetic getan hat.

Carla del Ponte, Jg, 1947; ist eine Schweizer Juristin und Diplomatin. Sie war 1994–1998 Bundesanwältin der Schweizerischen Eidgenossenschaft und 1999–2007 Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (Mai 1991 - 1999) sowie für den Völkermord in Ruanda (1994) in Den Haag. Über die Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien hat sie ein viel beachtetes Buch geschrieben: „Im Namen der Anklage“ (Frankfurt am Main: Fischer, 2009; italienisches Original 2008). Ihr couragierter Einsatz für die Menschenrechte brachte ihr wiederholt öffentliche Ehrung; zuletzt erhielt sie im Frühjahr 2018 den Hessischen Friedenspreis.

In den Jahren 2008–2011 war Carla del Ponte Botschafterin der Schweiz in Argentinien und danach 2012–2017 Mitglied einer UNHCR-Kommission (IICISyria), die Menschenrechtsverletzungen in Syrien im dortigen Bürgerkrieg untersucht(e); UNHCR steht für United Nations High Commissioner for Refugees.

Der Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen bzw. Hochkommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge ist ein persönliches Amt der Vereinten Nationen (UN). Ihm untersteht das Hochkommissariat, das mit dem Schutz von Flüchtlingen und Staatenlosen beauftragt und auch im Bereich der humanitären Hilfe tätig ist. Die Organisation mit Dienstsitz in Genf ist als Sonderorganisation der Vereinten Nationen der Generalversammlung rechenschaftspflichtig.

IICISyria steht für Independent International Commission of Inquiry on the Syrian Arab Republic, die im August 2011 vom UN-Menschenrechtsrat installiert wurde, um Menschrechtsverletzungen in Syrien zu „untersuchen“. Der UN-Menschrechtsrat sprach schon damals nicht im Namen aller Menschen, sofern man „im Namen aller Menschen“ übersetzen darf in „im Namen aller Regierungen“; seit Juni 2018 sind dort auch die USA nicht mehr vertreten. Im Herbst 2011 benannte die damalige Präsidentin des UN-Menschenrechtsrats, Laura Dupuy Lasserre (Uruquay) Paulo Sérgio Pinheiro (Brasilien), Karen Koning AbuZayd (USA) and Yakin Erturk (Türkei) als Kommissarin bzw. Kommissare. Yakin Erturk erklärte im März seinen Rücktritt. Nach Erweiterung des Kommissions-Mandats wurden im September 2012 zwei neue Kommissionsmitglieder benannt: Carla del Ponte (Switzerland) and Vitit Muntarbhorn (Thailand). Der zweite legte 2016 sein Mandat nieder, Carla del Ponte im Herbst 2017.

Wie sie diese Erweiterung aufgefasst hat, beschreibt Carla del Ponte im vorliegenden Buch (auf S. 17-18) so: „In Resolution S-17/1 erteilte das Human Rights Council (HRC) den Auftrag, alle angeblichen Verstöße gegen die Menschenrechte seit März 2011 in Syrien zu untersuchen. Und – das war der entscheidende Punkt – wo immer die Verantwortlichen festzustellen. Sie haftbar zu machen. Das klang schon mehr nach mir. Die Kommissäre sollten also in unserer Mission übereinstimmen, Fakten und Umstände zu belegen. Unsere Gruppe wäre ein ‚Fact-Finding Body‘. Auf begründeten Verdacht hin würden wir zuverlässige Beweise zusammentragen. Um diesen Teil des Mandats zu erfüllen, musste belastendes Material sichergestellt werden, mit dem Ziel, die Verantwortlichen dereinst vor Gericht der Menschenrechtsverletzung überführen zu können. Dazu waren natürlich Informationen aus erster Hand notwendig, die Einvernahme von Zeugen und Opfern.“

Mit Blick auf die Kommissionsmitglieder hatte Carla del Ponte freilich kurz zuvor (auf S. 17) angemerkt: „[Es] blieb mir nicht verborgen, dass die Besetzung keinen einzigen Ermittlungsexperten aufwies. Ich war die Ausnahme.“

Thema

Man ahnt schon jetzt: Das Unternehmen, von dessen Anfang hier berichtet wird, konnte nicht gut ausgehen. „Nicht gut“ jedenfalls nach den Maßstäben der Carla del Ponte. Und sie schlich sich nicht einfach still und heimlich aus der Kommission davon, als sie sah, dass es „nicht gut“ lief, sondern sorgte – wer hätte von einer Diva anderes erwartet? – für einen Abgang mit großem Publikum und heftigem Paukenschlag: „Ich nutzte die große Bühne des Filmfestivals Locarno [im August 2017], um vor den Medien die Demission bekannt zu geben. Es fühlte sich richtig an: Ich war als Referentin zu einem Panel geladen, und das Ticino war quasi ein Heimspiel. Die versammelten Medien würden meiner Erklärung bestimmt Platz in ihren Bulletins einräumen. So bot sich mir die Gelegenheit nochmals – letztmals – auf die Untätigkeit der UNO und das Patt im Sicherheitsrat hinzuweisen.“ (S. 182)

Na ja, das mit dem „letztmals“ darf man nicht allzu ernst nehmen; das vorliegende Buch ist im Grunde eine auf Buchformat ausgeweitete Version jener Locarno-Erklärung vom August 2017.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist eine stark autobiographisch gefärbte Darstellung der Geschichte der UN-Menschenrechtsrats-Kommission für die Zeit, da Carla del Ponte ihr angehörte, also – grob gesprochen – vom Sommer 2012 bis Sommer 2017. Es berichtet von der Arbeitsweise der Kommission, deren internen Auseinandersetzungen, der ihr zur Verfügung stehenden finanziellen und personalen Mitteln, ihrer Arbeitsweise, ihren Resultaten und was mit diesen geschah – nämlich vorerst nichts außer dem Aufbewahren im Tresor.

Das Ganze selbstverständlich auf dem Hintergrund des Krieges in und um Syrien, der seinen Charakter im Lauf dieser Jahre stark änderte und dessen möglicher Ausgang in der Zeit schwankte und unklarer wurde. Die einzelnen Kriegsparteien, deren Zusammensetzung sich fortlaufend änderte und die selbst je einzeln zahlreichen Veränderungen unterworfen waren werden ebenso dargestellt wie einzelne Nichtregierungsorganisationen, mit denen die Kommission kooperieren konnte.

Aufgabe der Kommission war es, Verstöße gegen die Menschenrechte in und um Syrien zu dokumentieren: Kriegsverbrechen, Völkermord, wie er (auch nach meiner Bewertung) im Falle der systematischen Verfolgung, Versklavung und Ermordung der Jesid(inn)en durch den IS vorliegt, sowie Verbrechen gegen die Menschheit (die Übersetzung von „Crimes against humanity“ mit „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ halte ich mit Hannah Arendt für „das Understatement des Jahrhunderts“; vgl. Arendt, 1964, S.?324). Carla del Ponte gibt uns für diese Punkte Einblicke in Ergebnisse der Kommissions-Recherchen; sie fügen sich ein in das Bild all der im Syrienkrieg begangenen Gräueltaten, das man schon vorher haben konnte.

In den Hauptstrang der Erzählung flicht Carla del Ponte Rückblenden auf ihre früheren Tätigkeiten als Botschafterin in Argentinien und als Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag ein. Während die Argentinien-Rückblende Sinn-los bleibt, dienen die Den Haager der Autorin als Maßstab für fortwährendes Klagen darüber, mit wie wenig finanziellen und personalen Mitteln die Kommission ausgestattet sei, welch beschränktes Mandat sie habe und wie wenig politische und öffentliche Aufmerksamkeit ihr zukomme.

Diskussion

Ich habe das Buch zur Hand genommen, in der Hoffnung, nach dessen Lektüre um eine auf breiterer Basis vorgenommene und tiefer gehende politische Analyse des Kriegs in und um Syrien bereichert zu sein. Als Maßstab für eine „breitere Basis“ und eine „tiefer gehende politische Analyse“ diente das Wissen, das ich mir als sehr interessierter Beobachter seit 2011 durch die deutschsprachige Berichterstattung – gelegentlich kamen durch CNN und Al Jazeera/Al Dschasira verbreitete Informationen dazu – hatte aneignen können.

Die Hoffnung, die ich hegte, waren aus gleich zwei Gründen wohl begründet: Zum einen transportiert der Untertitel des Buches „Das Versagen der UNO und der internationalen Politik“ nicht nur auch, sondern hauptsächlich eine politische Analyse. Zum andern war Carla del Ponte ja schon vor Veröffentlichung des jetzigen Buches als „politische Person“ bekannt: als Frau, die nicht nur Juristin ist, sondern auch Botschafterin war, als Juristin, die der Öffentlichkeit nicht durch fach-juristisches Agieren in einem Anwaltsbüro sondern durch juristisches Handeln auf der politischen Bühne des Internationalen Strafgerichtshofes auffiel und seit 2012 zunehmend mehr bekannt wurde als Mitglied einer UN-Menschenrats-Kommission für Syrien – und das war und ist zuallererst eine politische Mission; eine politische Frau mit der Möglichkeit hinter die Kulissen der „großen Politik“ zu schauen.

Ich habe also das Buch zur Hand genommen, in der vollauf berechtigten Hoffnung, nach dessen Lektüre um eine auf breiterer Basis vorgenommene und tiefer gehende politische Analyse des Kriegs in und um Syrien bereichert zu sein. Ich bin nach dessen Lektüre zutiefst enttäuscht. Ja, ich bin über die im Buch zum Ausdruck kommende und bis ins Detail gehende politische Naivität der Autorin entsetzt. Anschauungsbeispiel gefällig? Bitte:

Da erklärt sie etwa auf S. 98: „Bis heute verstehe ich nicht, warum es der Staatengemeinschaft nicht möglich war, die syrischen Flüchtlinge an ihren Grenzen abzuholen, einzusammeln und auf die EU-Mitgliedsstaaten zu verteilen.“ Wenn ich diesen Satz so übersetzen darf, dass sich darin Carla del Pontes helle Empörung ausdrückt, hat sie mein volles Verständnis. Als Ergebnis politischer Reflexion aufgefasst, stößt er bei mir auf volles Unverständnis. Hat die Autorin denn wirklich bis heute nichts mitbekommen davon, dass die „Flüchtlingsfrage“ viele Länder Europas nach rechts rücken ließ und lässt und alles Potenzial in sich trägt, die EU in ihren Grundfesten zu erschüttern?

Ich weiß nicht, wie es zusammenhängt, aber es gibt da ein enges Nebeneinander von politischer Naivität wie oben illustriert und einem – der Autorin doch möglichen – Nichtöffnen des Vorhangs, hinter dem sich die „große Politik“ abspielt. Ich führe zwei Beispiele an.

  • Da heißt es einmal (auf S. 100-101): „Unsere sicher im Tresor des Hochkommissariats verwahrte ‚Liste‘ umfasste auch diverse Namen der ISIS [des IS]. Gemessen an der Legion ihrer Totschläger, Halsabschneider und Mörder waren es wenige. Die Dschihadisten werden zu meinem Bedauern nicht gerade die Anklagebänke eines künftigen Strafgerichts füllen. ‚Wir brauchen nicht noch mehr Kommissäre‘, meldete ich mich bei einer unserer Sitzungen unter dem Dach des Palais Wilson [des Amtssitzes des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Genf] zu Wort, ‚was wir brauchen, sind mehr Ermittler, mehr Polizisten! Wir beantragten eine Budgeterhöhung‘ sie wurde abgewiesen. Wir fragten nach einer Begründung – und erhielten keine.“ (S. 100-101) Warum aber erhalten wir als Leser(innen) ebenfalls nichts? Carla del Ponte wäre doch die einzige, die uns hier begründete Mutmaßungen liefern könnte? Tut sie kommentarlos nicht. Aufklärung sieht anders aus!
  • Ich führe eine zweite Stelle (S. 101) an:„Es war nicht allein ihre [der IS-Kämpfer] Ideologie, die in sozial und wirtschaftlich schlechter gestellten Gemeinschaften auf fruchtbaren Boden fiel – punkten konnte die Gruppe auch mit Geldgebern, die sie ausrüstete und ihnen finanziell den Rücken stärkte.“ (S. 101) Wer sind diese „Geldgeber“? Carla del Ponte nennt weder Roß noch Reiter. Weiß sie nichts? Weiß sie nicht mehr als das, worüber in den deutschsprachigen Medien gemutmaßt wird? Oder weiß sie mehr und enthält – aus welchen Gründen? – den Leser(innen) ihr (zusätzliches) Wissen vor? Noch einmal: Aufklärung sieht anders aus!

Aber vielleicht will die Autorin gar nicht aufklären. Sondern wehklagen – nicht nur über die Opfer des Kriegs in und um Syrien, sondern auch über sich als Opfer allen Unverstands, dem sie all die Jahre begegnen musste. Weite Passagen des Buches lesen sich als Carla del Pontes Wehklagen über ihr Unverstandensein. Aber ist es denn nicht so, dass sie selbst Wichtigstes nicht versteht? In zweierlei Hinsicht scheint mir dies der Fall: Zum einen weiß sie nicht so recht zu unterscheiden zwischen den Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer UN-Sicherheitsrats-Kommission und denen einer Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Zum anderen kann sie nicht unterscheiden zwischen Uganda (1994) und Ex-Jugoslawien (1991-1991) einer- sowie Syrien (ab 2011) andererseits. Im Krieg in und um Syrien haben so viele große politische Player ihre Karten im Spiel, dass eine UN-weite Einigung auch nur über eine angemessene und wirkungsvolle Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen umso illusorischer wurde, je länger der Krieg währt. Das war im Falle von Uganda und Ex-Jugoslawien anders: Im ersten Fall gab es keinen internationalen Interessenskonflikt und im zweiten Fall war die Russische Föderation durch ökonomische, politische und Binnenkonflikte (Tscheschenienkriege) so sehr geschwächt, dass es nicht zugunsten seines historischen Partners Serbien eingreifen konnte.

Hätte Carla del Ponte die Geschichte der Internationalen Strafgerichtsbarkeit gründlich studiert, so wäre ihr aufgefallen, dass selbst beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses

(November 1945 bis Oktober 1946), dem Urmodell der Internationalen Strafgerichtsbarkeit die Politik diktierte, was die Rechtssprechung darf. Dort wurde gegen die Angeklagten, die – wie schon damals bekannt – mehrheitlich am Völkermord an den Jüdinnen und Juden beteiligt waren, die Anklage wegen „Genozids“ nicht erhoben. Die US-Amerikaner und Briten aber vermieden selbst jede Erwähnung des Wortes. Wahrscheinlich hatten die USA und das Vereinigte Königreich angesichts ihrer eigenen Geschichte vor dem Anklagepunkt „Genozid“ zurückgeschreckt: Das Völkermorden der weißen US-Amerikaner an den indigenen Völkern Nordamerikas („Indianer“) und das der Briten an denen Australiens (Aborigines) steht dem der Nazis nur in der Perfektionierung des Mordens nach (vgl. Heekerens, 2018; Sands, 2018)

Neben diesen grundsätzlichen Einwänden gibt es solche, die Punkte minderen Ranges betreffen. Man könnte sie unter „Geschmachssache“ abtun, würden sie dem Buch in seiner Gänze nicht einen Beigeschmack geben, der unappetitlich wirkt. So weiß man nicht so recht, welcher Wahrheitsfindung es dienen und welchen Opfern es etwas bringen soll, wenn zu erfahren ist, dass Carla del Ponte Mitglied des recht exklusiven Golfclubs von Ascona ist (S. 9) und am Hockenheim-Ring die Rennfahrerprüfung im eigenen Porsche abgelegt hat (S. 59).

Über die anderen Kommissionsmitglieder weiß sie wenig Gutes zu berichten. Oft äußert sie sich über diese abfällig und herablassend. Das gilt insbesondere für die (einzige) zweite Frau im Team, Karen Koning AbuZayd. Für sie hat sie folgende Bemerkungen übrig: „Sie war dem Präsidenten treu ergeben“ (S. 17, bei Vorstellung der Kommissionsmitglieder), „Unsere amerikanische Kommissionärin stellte ihre Teilnahme infrage, weil der Panzerwagen keine Sicherheitsgurte besaß“ (S. 87, geplante Fahrt ins Bekaa-Tal, Libanon) und schließlich „Die Amerikanerin ließ sich keine Regung anmerken.“ (S. 182, nach Carla del Pontes interner Demissionserklärung).

Des Öfteren hat man den Eindruck, die Autorin habe ihr Buch für „Eingeweihte“ geschrieben. So notiert sie etwa zu dem Anruf, der schließlich zu ihrer Kommissionsbeteiligung führen sollte: „Es war das EDA, Jean Daniel Ruch.“ (S. 9) Ja, wer nicht weiß, was das EDA und wer Jean Daniel Ruch ist, der gehört einfach nicht „dazu“. Aufklärung erfolgt im Weiteren nicht. Man muss, wenn man sich bei Interna der politischen Schweiz so wenig auskennt wie der Rezensent, schon nachforschen um herauszufinden: das EDA ist das Eidgenössische Department für auswärtige Angelegenheiten, und Jean Daniel Ruch, heute Schweizer Botschafter in Israel, war damals „Botschafter und Sonderbeauftragter für den Mittleren Osten in der Abteilung Menschliche Sicherheit der Politischen Direktion in Bern“ (so in einer Pressemitteilung des Schweizer Bundesrates vom 19.10.2012).

Entweder es ist wichtig zu wissen, wer EDA und Jean Daniel Ruch sind, dann muss man es erläutern. Oder es ist unwichtig, dann muss man es weglassen. Aber vielleicht geht es hier ja gar nicht um Sachinformation, sondern – und dafür gibt es im vorliegendem Buch unzählige Beispiele – darum, durch name dropping, Verwendung unerklärter Kürzel u.a.m. – den Eindruck zu erwecken und zu stärken, dass Carla del Ponte – im Unterschied zu Leserin und Leser – „drin“ ist.

All meine vorstehenden kritischen Äußerungen dürfen nicht dahin verstanden werden, dass ich Carla del Ponte als unerschrockene Kämpferin für die Menschenrechte meinen Respekt verweigere, ja: ihr die Ehre abschneide. Das tue ich nicht. Wenn ich das nächste Mal im Vallemaggia sein werde, erhebe ich dort mein Glas gleich zwei Mal: zu Ehren all der namenlosen Held(inn)en, die dieses Tal vor jedem Zerstörungswahn bewahrt haben, und zu Ehren seiner be- und gerühmten Tochter, die sich mit ihrem Kampf für die Menschenrechte einen Namen gemacht hat.

Fazit

Muss man das vorliegende Buch lesen? Nein! Jedenfalls dann nicht, wenn man die Berichterstattung über den Krieg in und um Syrien seit 2011 in den deutschsprachigen Medien mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt hat. Zum einem besseren Verständnis dieses Krieges trägt dieses Buch nicht bei. Es enthält manches neue „Material“, aber das meiste davon sind weitere Beispiele der Bestialität der Täter und des grauenvollen Leids der Zivilbevölkerung; davon aber wissen alle, die sich für den Krieg in und um Syrien seit Jahr und Tag interessieren, hinreichend genug, um erschüttert zu sein.

Wer die Berichtserstattung über den Krieg in und um Syrien seit 2011 aus welchen Gründen auch immer (vielleicht ist frau/man einfach noch recht jung) nicht verfolgen konnte, kann in vorliegendem Buch in komprimierter Form manche relevanten Informationen entdecken; nur sollte sie/er sich von Vornherein klar sein darüber: Allzu viel Systematik darf man sich hier nicht erhoffen.

Schließlich: Wer die literarische Gattung „Empörungsliteratur“ und/oder literarisch gestaltete Horrorszenarien zu goutieren weiß, kommt hier voll auf ihre/seine Kosten.

Literatur

  • Arend, H. (1964). Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. Deutsch von Brigitte Granzow. Von der Autorin durchgesehene und ergänzte deutsche Ausgabe. München: Piper.
  • Heekerens, H.-P. (2018). Rezension vom 09.05.2018 Sands, Ph. (2018). Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frankfurt a. M.: Fischer. socialnet Rezensionen (online verfügbar unter www.socialnet.de/rezensionen/24112.php; letzter Aufruf am 25.10.2018).
  • Sands, Ph. (2018). Rückkehr nach Lemberg. Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Frankfurt a. M.: Fischer.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 02.11.2018 zu: Carla del Ponte, Roland Schäfli: Im Namen der Opfer. Das Versagen der UNO und der internationalen Politik in Syrien. Giger Verlag (Altendorf b. Zürich) 2018. ISBN 978-3-906872-53-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24690.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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