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Frank Fischer, Christoph Möller: Sucht, Trauma und Bindung bei Kindern und Jugendlichen

Cover Frank Fischer, Christoph Möller: Sucht, Trauma und Bindung bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. 216 Seiten. ISBN 978-3-17-032003-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR.

Sucht: Risiken - Formen - Interventionen Hrsg. von O. Bilke-Hentsch, E. Gouzoulis-Mayfrank, M. Klein.
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Das Thema

Dieses Buch behandelt die Thematiken von früh und schwer abhängig gewordenen Kindern und Jugendlichen in der Suchttherapie und fokussiert dabei auf die Bedeutung von Bindungstheorie und der Traumatherapie bei der Behandlung.

Zu den Autorinnen

Dr. Frank M. Fischer ist Oberarzt am Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover und leitet dort die Suchttherapiestation. Hon. Prof. Dr. Christoph Möller ist Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie am Kinderkrankenhaus auf der Bult

Aufbau

Das vorliegende Buch gliedert sich in sechs Kapitel:

  • Kapitel 1: Einleitung und Kasuistik
    Kapitel 2: Epidemiologie und Definition
  • Kapitel 3: Grundlagen: Neurobiologie und Psychopathologie
  • Kapitel 4: Diagnostik
  • Kapitel 5: Integrative Therapie von Sucht, Trauma und Bindungsstörung bei Kindern und Jugendlichen
  • Kapitel 6: Fazit und Ausblick

 

Abgerundet wird das Werk durch eine Danksagung, ein umfangreiches Literaturverzeichnis sowie ein hilfreiches Stichwortverzeichnis.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

In ihrer Einleitung stellen die beiden Autoren heraus, dass es Jugendliche mit Suchterkrankung in unserem Land nach wie vor schwer haben. Sie finden in den zuständigen Kinder- und Jugendlichen-Psychiatrien selten einen Platz und wenn doch, bewirken häufige Rückfälle in den Drogenkonsum und ein häufig schwieriges Sozialverhalten eine große Herausforderung an Betreuung und Therapie. Trotz engagierter Kontaktaufnahme und ernsthaften Hilfsangeboten erscheinen diese Jugendliche oft unberechenbar, zeigen sich aggressiv oder vermeintlich überangepasst, sodass man trotz vieler Anstrengungen nicht richtig weiß, woran man bei ihnen dran ist.

Als Ursache für viele dieser problematischen Verhaltensweisen führen die Autoren in Kapitel 2 zentral früh entstandene Bindungsstörungen und Bindungstraumatisierungen an, die aktuell niemand mehr sehen kann und von den Jugendlichen selbst nicht berichtet werden können. In einer gut verständlichen Argumentation stellen die Autoren dar, dass die Gründe für diese Verhaltensbesonderheiten in den neurologischen und psychopathologischen Mechanismen von Trauma und Bindungsstörung zu finden sind. Diese ähneln der Sucht und verstärken sich gegenseitig. An drei sehr eindrücklichen Fallschilderungen wird dies exemplarisch aufgeführt. Mit vielen Verweisen auf angeführt wissenschaftliche Studien aus neuerer Zeit wird die signifikante Häufigkeit der Komorbidität insbesondere von Sucht- und Trauma-Störungen herausgearbeitet. Dabei zeichnet die beiden Autoren aus, dass sie den herkömmlichen Begriff Trauma in Bezug auf Kinder und Jugendliche flexibler definieren. Häufig fehlen hier die von DSM und ICD geforderten Life-Events von „außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalen Ausmaß“, sondern zeigen sich chronisch gewordene Mangel- und Deprivationserfahrungen, die von den betroffenen Kindern und Jugendlichen fast schon als „Normalität“ empfunden werden (S. 29).

Kapitel 3 behandelt die Tiefenstruktur, die den drei Systemen Sucht, Trauma und Bindung als implizite Gedächtnissysteme zugrunde liegen. Sehr praxisnahe werden die neurophysiologischen Folgen des Schreckens einer Traumatisierung, die überlebenswichtige Dissoziation und die Funktion des Freezing herausgearbeitet. Nachvollziehbar wird ausgeführt, welche Veränderungen sich im Gehirn betroffener Kinder und Jugendlichen einstellen: Das Gehirn ist nicht mehr erlebnissuchend, sondern passiv abwartend. Es gibt keinen Antrieb mehr für Veränderung und nur das Schlimmste wird noch erwartet (S. 46). Da Angst das Lernverhalten blockiert, zeigen diese Kinder und Jugendlichen besonders signifikante kognitive Defizite, die sich u.a. im schulischen Versagen manifestieren. Das Kapitel endet mit konkreten Folgerungen für die Therapie und einer Empfehlung für Regeln für die therapeutische Praxis.

Nachdem im Kapitel 4 sehr kurz aber verständlich die Diagnostik von Trauma-Folgestörungen und von Bindungsstörungen vorgestellt sind, eröffnet Kapitel 5 einen sehr guten Einblick in die integrative Therapie, wie sie von den beiden Autoren in Hannover praktiziert wird. Sie stellen ihr Postulat „Bindung zuerst!“ vor und begründen dies verständlich (S. 134 ff.). Im nachfolgenden werden die Grundlagen und Grundvoraussetzungen für eine stationäre Therapie dargestellt. Ausgeführt werden die Bedeutung klarer Regeln, die Herstellung von Sicherheit, die Aspekte der Ego-State-Therapie sowie die erzählerische Arbeit am Narrativ bzw. die therapeutische Arbeit an den Affekten Scham, Schuld und Angst. Kapitel 6 schließt das Buch, indem zusammenfassend Mut gemacht wird, sich dieser wichtigen Arbeit mit suchtkranken Kindern und Jugendlichen zu widmen. Es benötigt viel Zeit und die Bereitschaft zu kleinen Schritten, was sich jedoch nach Auffassung der Autoren sehr lohnt.

Diskussion

Sehr wertvoll an diesem Buch ist der konsequente Praxisbezug vor dem Hintergrund einer ausgewiesenen Theorie. Es macht deutlich, auf welchen Ursachen die Suchtleiden von Kindern und Jugendlichen häufig beruhen. Indem eine fachliche Verbindung von Sucht mit Trauma und Bindungsstörung hergestellt wird, eröffnen sich für die Praxis neue Möglichkeiten, die Beziehungsarbeit mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen auf eine andere Basis zu stellen. Es zeigt deutlich – ohne dies bewusst herauszustellen – auf, weshalb trotz vielerlei Bemühungen von Fachkräften diese Kinder und Jugendlichen in anderen Hilfskontexten keine wirkliche Hilfe erfahren. Eine auf den Grundlagen der Bindungstheorie beruhende Beziehungsarbeit eröffnet möglicherweise neue Chancen, stellvertretend mit den jungen Patient*innen in eine arbeitsfähige und belastbare Beziehung kommen zu können, damit sie vielleicht erstmals in ihrem Leben eine sichere, verlässliche und nicht ausbeuterische Beziehung erfahren dürfen.

Fazit

Das Buch ist sehr praxisnah und gut verständlich geschrieben. Die beiden Autoren haben einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, um angemessen zu informieren, wie in Not und psychischen Elend lebenden Kindern und Jugendlichen mit Suchtverhalten therapeutisch geholfen werden kann. Durch die Verbindung von Sucht, Trauma und Bindung wird ein breiter Therapie- und Beratungsansatz kreiert, der bei konsequenter Anwendung hoffen lässt, dass auf Zeit und Dauer die bekannten Rückfallquoten im Suchtbereich einen Rücklauf erleben.

Das Buch richtet sich verständlicherweise an Fachleute aus den Bereichen Suchtberatung, Therapie und Rehabilitation. Es wäre aber zu wünschen, dass es auch häufig in die Hände von Studierendenaus den Bereichen Medizin, Psychologie und Sozialer Arbeit gelangen würde.

Summary

The book is written very practical and easy to understand. The two authors have made a very important contribution to adequately informing how children and adolescents with addictive behavior living in distress and mental distress can be helped therapeutically. Through the combination of addiction, trauma and attachment, a broad therapeutic and consulting approach is created, which, with consistent application, hopes that the known relapse rates in the addiction area will experience a return over time and duration.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 10.12.2018 zu: Frank Fischer, Christoph Möller: Sucht, Trauma und Bindung bei Kindern und Jugendlichen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-17-032003-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/24700.php, Datum des Zugriffs 16.12.2019.


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